7.7.2014

Fußballpolitik

 

„Die Naziführer beabsichtigen, aus Deutschland einen gigantischen Sportclub zu machen“, schrieb Sebastian Haffner 1939. So weit, so erstaunlich, sieht man sich die gängigen Sprüche an: Politik ist ein Mannschaftsspiel, die Bundesregierung solle sich doch ein Beispiel an der Nationalmannschaft nehmen, Angriff, Sturm, Tor. Heute stehen die Macher der Fußballpolitik zwar nicht mehr vor der Entscheidung, Naziführer zu sportlichen Großereignissen einzuladen – wie 1978, als der DFB-Präsident dafür sorgte, dass der frühere Nazigeneral Hans-Ulrich Rudel Ehrengast bei der Fußball-WM in Argentinien war. Wie aber ist es tatsächlich bestellt um die Distanz zur damaligen Mentalität?

 

Jenseits der Mauer übrigens hatte die SED erst mal allerhand mit den Anhängern des unpolitischen Sports zu tun.  In einem Protokoll des SED-Politbüros stellte man 1949 entsetzt fest: „Das Niveau der politischen Aufklärungsarbeit unter den Sportlern ist äußerst niedrig, ja, es gibt nicht wenige Beispiele, in denen verantwortliche Funktionäre der Partei nicht nur vor der reaktionären Argumentation vom unpolitischen Sport oder Sport ohne Politik zurückweichen, sondern sich selbst als Verfechter dieser reaktionären Thesen aufwerfen." Na, auch dort hat es dann ja später doch noch geklappt mit den politischen Eingriffen ins Sportgeschehen. Und das nicht zu knapp.


17.6.2013

Aufarbeitungsindustrie: Es fehlt das innere Feuer

Ein Interview mit dem Bürgerrechtler Carl-Wolfgang Holzapfel

 

Vor 23 Jahren musste er als offizieller Nationalfeiertag weichen: der Gedenktag an den Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953. Das hält allerdings den Bürgerrechtler Carl-Wolfgang Holzapfel nicht davon ab, die Bedeutung dieses Tages zu würdigen.

 

SB: Herr Holzapfel, wo waren Sie am 17. Juni 1953 und was haben Sie an diesem Tag getan?

 

Holzapfel: Da gibt es nur eine Erinnerung: Ich war neun Jahre alt, wohnte in West-Berlin und unsere Großmutter verbot uns, auf die Straße zu gehen: „Kinder, die Panzer kommen.“ Die verbindende Erinnerung entstand erst drei Jahre später mit der aktiven Verfolgung des Aufstands in Ungarn. Das war die Initialzündung, dieser verzweifelte Ruf nach Hilfe über Radio Budapest. Von da an gehörte mein Herz dem Freiheitskampf.

 

SB: Nun steht der 60. Gedenktag des 17. Juni 1953 vor der Tür. Wie werden Sie sich an diesem Tag einbringen?

 

Holzapfel: Wir werden, wie seit sechs Jahrzehnten, die Toten dieses für Deutschland und Europa so wichtigen Aufstandes ehren. Das beginnt traditionsgemäß am Vorabend mit der Ehrung am einzigen originären Mahnmal, am Holzkreuz in Berlin-Zehlendorf, und setzt sich am nächsten Tag mit diversen Erinnerungen fort. Dem Staatsakt auf dem Friedhof Seestraße wird die größte Aufmerksamkeit gewidmet. Immerhin nehmen alle zehn Jahre die Spitzen des Staates daran teil. In diesem Jahr wird die Bundeskanzlerin sogar die Ansprache halten. Unser Verein ist als einziger Verband traditionsgemäß an der feierlichen Kranzniederlegung direkt beteiligt.

 

SB: Sie sind in West-Berlin aufgewachsen und wohnten auch später nie auf dem Gebiet der DDR …

 

Holzapfel: Na ja, bis auf Hohenschönhausen und Bautzen II von 1965 bis 1966.

 

SB: Welche Bedeutung hat für Sie der Volksaufstand und weshalb interessieren Sie sich überhaupt dafür?

 

Holzapfel: Die Bedeutung des Aufstands in Mitteldeutschland begriff ich erst durch die intensive Aufnahme der Ungarischen Revolution von 1956. Ich war zwölf Jahre alt und begann, mich mit dem Widerstand gegen totalitäre Strukturen auseinanderzusetzen. Mit 13 Jahren schrieb ich ein interaktives Theaterskript über den Ungarn­aufstand. Es beschreibt den dramatischen Kampf zwischen Budlap (Budapest) und Kremlowski (Kreml). Im Alter von 14 schrieb ich dann ein 60 Artikel umfassendes „Deutschlandpapier“, in dem ich eine mir möglich erscheinende Lösung der Teilung Deutschlands entwarf. Die Veröffentlichung im Berliner „Telegraf“ scheiterte an einem erneuten Heimaufenthalt, diesmal in Westdeutschland. Ich stamme aus einer Scheidungsfamilie, das war alles sehr kompliziert.

 

SB: „Volksaufstand“ und „Arbeiteraufstand“ sind ja die gängigen Bezeichnungen für den 17. Juni. Ausgelöst wurde er durch die Verkündung der Normenerhöhung durch das SED-Regime: Die Bürger sollten mehr arbeiten, allerdings ohne Lohnerhöhung. Welche Bezeichnung ziehen Sie vor und warum?

 

Holzapfel: Gehen wir davon aus, das Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 war ein Aufstand der Intelligenz mit Planung von oben, aber ohne Beteiligung des Volkes, so war der 17. Juni 1953 in der Tat ein Arbeiteraufstand von unten, ohne Führung. Beide hätten Aussicht auf Erfolg gehabt, wenn ihnen nicht jeweils ein wesentlicher Faktor gefehlt hätte. Diese Tragödien, die den Ausgang beider, wenn auch sehr unterschiedlichen Aufstände bestimmten, werden viel zu wenig beachtet. Der 17. Juni war von seinem Ursprung her ein Arbeiteraufstand und wuchs sich in seiner kurzen, aber heftigen Entwicklung zum Volksaufstand aus, wobei der größere Teil des Volkes (im Westen) nicht einmal „Gewehr bei Fuß“ stand. Das hatte auf der Westseite mehr den Status des interessierten Beobachters, den das Ganze im Grunde aber nichts anging. Erst danach erwuchs das Gedenken, das wir Ernst Reuter, Ernst Scharnowski, Konrad Adenauer und Herbert Wehner verdanken.

 

SB: Für Ihr Freiheitsverständnis investierten Sie bereits einiges an Zeit und Energie, nicht nur zu DDR-Zeiten. Im Juni 2005 protestierten Sie mittels Hungerstreik vor dem Bundesfinanzministerium gegen die Abnahme der dortigen Erinnerungstafeln an den 17. Juni, allerdings erfolglos. Welche Politiker waren für die Abnahme verantwortlich? Und welche Antwort erhielten Sie auf Ihren Protest?

 

Holzapfel: Na ja, ich bin ja Bankkaufmann und als Investment würde ich mein Engagement nicht bezeichnen wollen. Ich brach nach dem Bau der Mauer eine Lehre in Hamburg ab und kehrte nach Berlin zurück. Als ich die Mauer das erste Mal sah, brach ich in Tränen aus. Ich war fassungslos, dass so etwas nach all den Geschehnissen im Dritten Reich im Herzen Europas möglich war: quer durch eine Millionenstadt eine tödliche Mauer zu ziehen. Und ich schwor mir vor der zugemauerten Versöhnungskirche, nicht eher zu ruhen, bis entweder diese Mauer fallen oder ich nicht mehr leben würde. Daran habe ich mich gehalten.

 

In der Tat hungerte ich 2005 vor dem Bundesfinanzministerium neun Tage lang aus Protest gegen die Entfernung der großen Erinnerungstafeln an dem Gebäude. Daraus wurde dann die „Ersatzforderung“, das Areal vor dem Ministerium in „Platz des 17. Juni“ zu benennen. Seither demonstrieren wir jedes Jahr zum 17. Juni dafür. Leider ist außer der Errichtung von Bildtafeln, die wir auch anregten, noch nichts geschehen. In diesem Jahr soll es endlich soweit sein. Wir rechnen damit, dass am 16. Juni das Gedenkareal in „Platz des Volksaufstandes von 1953“ benannt wird. Der jetzige Finanzminister ist da offensichtlich geschichtsbewusster als sein Vorvorgänger Hans Eichel, der seinerzeit unter Zuhilfenahme eines in diesem Fall zweifelhaften Denkmalschutzes die Tafeln entfernen ließ.

 

SB: Sehen Sie dies als Zeichen dafür, dass dem Gedenktag zukünftig wieder mehr Ehre zuteil wird?

 

Holzapfel: Bei allem Respekt vor dieser 23 Jahre nach der Einheit überfälligen Rückkehr des Gedenkens an den Ort des Geschehens, müssen wir realistisch bleiben: Der Volksaufstand hat nicht mehr den Stellenwert im Bewusstsein unseres Volkes, der ihm als erster Aufstand gegen den Kommunismus nach 1945 in Europa zukommt.

 

SB: Menschen, die sich für mehr Aufmerksamkeit für den 17. Juni 1953 einsetzen, wollen offenbar der Bevölkerung etwas vermitteln. Was genau ist das?

 

Holzapfel: Die Deutschen waren international und aus ihrem Selbstverständnis heraus diskreditiert als Bücklinge, als kritiklose Jasager „nach oben“. Der 17. Juni bewies in der neueren Zeit das Gegenteil. Nur acht Jahre nach dem Ende des braunen Desasters standen deutsche Arbeiter wider ihre diktatorische Obrigkeit auf. Ein Fanal! Und dieses Fanal war Beispiel und Ausgangspunkt für die Erhebungen in Posen (Polen) und Ungarn 1956, für den Widerstand in der damaligen CSSR 1967 und wieder in Polen 1980 mit der Gewerkschaftsbewegung. Es sollte uns nachdenklich stimmen, dass der 17. Juni in Polen, der Tschechei und Ungarn einen weit höheren Stellenwert hat als bei uns in Deutschland. Es wäre Zeit, sich aus dem historischen Trauma zu lösen und Geschichte wieder lebendig, als immerwährenden Auftrag und Wegbegleiter wahrzunehmen.

 

SB: Wie könnte diese Geschichte wieder lebendig werden?

 

Holzapfel: Zunächst einmal war und ist die Politik gefordert. Sie prägt das öffentliche Bewusstsein. Versagt sie in diesem Punkt, versagt auch die Erinnerung. Der Bundespräsident, der Bundeskanzler oder die Kanzlerin sollten es als Pflicht sehen, jedes Jahr öffentlichkeitswirksam dieses Tages zu erinnern – nicht nur im Rhythmus von zehn Jahren. Die Schulbücher, das Lehrprogramm sollte Geschichte eher von vorne als von hinten thematisieren. So interessant die Eis- und Steinzeit ist, unser Leben wird durch die Geschehnisse der letzten 100 Jahre geprägt und diese wiederum durch die davor liegenden Epochen. Ein Mensch, der die Gegenwart nicht begreifen kann, weil er über deren Entstehung durch die Ereignisse der letzten 100 bis 150 Jahre nicht informiert ist, geht für die Gegenwart als mitagierender Zeitgenosse verloren. Er wird zum Spielball für Demagogen, die sehr wohl geschichtsbewusst sind und ihr Wissen zur Manipulation Unwissender einsetzen.

 

SB: Neben dem 17. Juni – welche Forderungen liegen Ihnen sonst noch am Herzen?

 

Holzapfel: Die Aufarbeitungsindustrie muss sich auf ihre Grundidee besinnen und in erster Linie denen eine Stimme geben, die durch Zivilcourage und ihre Leiden in den Zucht­häusern der Diktatur die Grundlagen für unser heutiges Deutschland geschaffen haben.

 

SB: Sie sprechen von Aufarbeitungsindustrie: Was meinen Sie damit?

 

Holzapfel: Die DDR-Diktatur und ihre Folgen können nicht wirklich ernst genommen werden, solange an deren Aufarbeitung nahezu ausschließlich Menschen arbeiten, für die vor allem zählt: die Sicherung des Arbeitsplatzes oder die Auflagensteigerung historischer Bücher, die oft auch noch während der Arbeitszeit geschrieben, also bezahlt und in Vertragsverlagen ga­ran­tiert aufgelegt werden.

 

Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahmen im Rahmen der Aufarbeitungsindustrie sehen zum Beispiel so aus: Ehemalige DDR-Zwangsarbeiter bei Ikea werden nicht entschädigt, stattdessen gibt es jetzt wissenschaftliche Mitarbeiter, die zu diesem Komplex forschen. Es hat sich eine satte Schicht herangebildet, die von der Aufarbeitung lebt. Jenen aber fehlt das innere Feuer, die Begeisterung für eine Sache, die unsereins unabhängig von Lohn- und Brotaussichten ein Leben lang motiviert und angetrieben hat und immer noch bewegt.

 

SB: Vielen Dank für das Interview!


25.4.2013

Leserbrief zur Aktion „Umbenennung Hindenburgstraße“

 

Anm.: In Garmisch-Partenkirchen stimmte die Mehrheit im Bürgerbegehren dagegen.

 

Ein Glück, dass diese Unfrieden stiftende Aktion nun beendet ist. Die Marktgemeinde kann sich freuen über dieses satte Ergebnis, zeugt es doch von einem hohen Grad an Eigenständigkeit bei den Bürgern. Ein wesentlicher Aspekt, der davor schützt, einer von rechts oder von links kommenden Ideologie anheim zu fallen.

 

Indessen ist die ursprünglich von linksextremen Gruppen initiierte, bundesweite Aktion etlicher Straßenumbenennungen bereits in mehreren Städten gescheitert. Nach dem besonders aggressiven Vorgehen der Antifa, DKP und deren Sympathisanten etwa in Münster, deren Forderungen der Gemeinderat trotzdem aufnahm, kommentierte der Verantwortliche von KulTours: „Es ist schon ein ungeheuerlicher Vorgang, dass Vertreter der demokratischen Parteien in Deutschland dem Willen solcher Gruppen folgen, die - wie wir gesehen haben - ein völlig ungeklärtes Verhältnis zur Gewalt sowie zur freien Meinungsäußerung und Demokratie haben.“ 

 

Wenn das Motiv für die Umbenennung der Hindenburgstraße gewesen sein sollte, Geschichtsaufarbeitung zu befördern und Distanz zur NS-Zeit zu bekunden, dann kann dies auch auf anderen Wegen geschehen: Zum Beispiel über die Wertschätzung der Besonderheit eines jeden Individuums oder der christlichen Ethik. Beides hatten die Nazis erfolgreich bekämpft und sich damit den Weg an die Macht frei gemacht.  


29.1.2013

Psyche der Nazis: Aufklärung ohne Konsequenzen

 

„Die Psyche der Nazis“ ist der Titel einer Sendung, die gestern auf n-tv lief und endlich einmal versucht, die damalige Situation zu verstehen, anstatt sie immer nur zu reproduzieren. „Ideen haben immer Konsequenzen“, hieß es. Was konsequenterweise folgen müsste, wollte man aus der Geschichte konstruktiv lernen, soll einmal anhand einiger Punkte gezeigt werden:

 

Die NS-Ideologie war ein Kult, der auf dem Mythos einer arischen Herrenrasse fußte. Die SS-Aktivisten waren die Priester, dazu angehalten, dem Volk diesen Aberglauben als neue Staatsreligion mittels Gehirnwäsche einzutrichtern. Heidnisch-okkultische Bräuche wurden praktiziert, um diesem Kult Leben einzuhauchen. Die Kirche stand dabei im Weg. Also wurde versucht, die 2000-jährige christliche Geschichte rückgängig zu machen.

 

Was man daraus lernen könnte: Das Christentum als Bestandteil unserer Kultur wertzuschätzen, um okkultischem Aberglauben keinen Raum zu geben, sich zu verbreiten. Medialen Hetzkampagnen gegen die Kirche zu widersprechen. Die – mittlerweile betont antichristlich und heidnisch-okkultisch gefeierten – Halloweenpartys zu hinterfragen, anstatt sie mit Millionen von Euros zu unterfüttern.

 

Die Mittel der Nazis waren: Denunziation, Manipulation, Propaganda und Gewalt. Friedlich zu leben war nicht Teil ihres Programms.

 

Was man daraus lernen könnte: Nicht die Opfer von Denunziation und Manipulation gesellschaftlich zu ächten, sondern die Täter. Gezielte Täuschungsabsichten öffentlichkeitswirksam zu entlarven. Politische Aussagen letztlich immer dahingehend zu prüfen, ob ihre Durchsetzung langfristig gesehen auch das friedliche Zusammenleben fördert.

 

Gehorsamkeit setzten die Nazis durch, indem sie die Menschen penetrant und unter Androhung von Strafe gezwungen haben, gegen ihre Moralvorstellungen zu handeln – bis sie diese vergessen und die Vorstellungen der Nazis angenommen haben.

 

Was man daraus lernen könnte: Den Menschen bewährte Moralvorstellungen zu Familie, Sexualität et cetera zu lassen, anstatt sie ihnen unter Androhung von Strafe abzuerziehen.

 

In der NS-Zeit wurden wissenschaftliche Erkenntnisse verdreht, damit sie ins Weltbild passen.

 

Was man daraus lernen könnte: Bei Beurteilung eines Sachverhalts immer auch den eigenen gesunden Menschenverstand einzubeziehen, denn Wissenschaft im Auftrag ist nie so objektiv, wie sie es sein könnte.

 

Die Nazis betrieben Umerziehung im kollektivistischen Sinne: Alleine ist das Individuum nicht mehr als ein kleiner Wurm, nur in der Masse hat es eine Bedeutung. Unter Missbrauch von Darwins Evolutionstheorie wurde propagiert: Die Stärkeren, und das sind jene, die sich anpassen, gewinnen.

 

Was man daraus lernen könnte: Der Preis, den die Anpasser und Mitläufer früher oder später zu bezahlen haben, kann unabsehbar hoch ausfallen. Schwarmintelligenz kann den größten Schmarrn produzieren. Wer die Besonderheit eines jeden Individuums leugnet, diskriminiert im Sinne der menschenrechtlich verstandenen Menschenwürde. Das ist der Türöffner für menschenverachtende Praktiken.