29.12.2015

Ein paar Worte noch zur Sympathie

 

Also jeder mag es ja halten wie er will, mir persönlich ist es zu unsympathisch eine Weihnachtsansprache anzuhören von einem Bundespräsidenten, der sich schäbiger Begriffe bedient: „Dunkeldeutschland“ etwa stand 1994 zur Auswahl für das Unwort des Jahres.

 

Dem Internet sei Dank konnte ich mir andere Weihnachtsansprachen zu Gemüte führen. Zum interessanten Vergleich, Niveau und Differenzierung betreffend, beispielsweise jene von Bundespräsident Johannes Rau im Jahr 2000: „In Deutschland leben heute auch viele Menschen, die aus anderen Ländern gekommen sind. Wir müssen und wollen friedlich miteinander leben. Dafür brauchen wir guten Willen. Illusionen aber führen zu nichts: Es ist oft nicht leicht, miteinander auszukommen, wenn wir uns in Sprache und Herkunft, in Religion und Kultur fremd sind. Manche fühlen sich überfordert, manche haben Angst, manche haben vielleicht auch schlechte Erfahrungen gemacht - Deutsche wie Ausländer. Solche Sorgen und Schwierigkeiten darf man nicht beiseiteschieben. Wir müssen darüber reden und dann handeln. Nur so können wir Fremdheit überwinden und die Probleme lösen.“

 

Die erste von einem Bundespräsidenten gehaltene Weihnachtsansprache im Jahr 1970 war leider nicht auf Anhieb im Internet zu finden, dafür aber ein salopp geschriebener Artikel im Spiegel vom 13. Januar 1969: „Das Befremdliche an Gustav Heinemann ist, daß er immer meint, was er sagt.“ Zeitlebens habe er weder Auto noch Führerschein besessen. „Zum Gala-Empfang für die britische Elizabeth auf Schloß Augustusburg zu Brühl hat er sich damals im VW-Käfer eines seiner Schwiegersöhne, des Godesberger Pfarrers Manfred Wichelhaus, kutschieren lassen“, erzählt der Reporter Hermann Schreiber weiter. Daneben war Heinemann schon auch mal ernsthaft; etwa mit Sätzen wie: „Programmatischer Pazifismus entspricht nicht dem Auftrag des Staates, der auch gegen äußere Feinde schützen soll."

 

Die Sympathischen, von denen ich mich als Bürgerin heute gerne vertreten wissen wollte, sind leider gegangen. Die Politik haben sie offenbar mitgenommen.

 

Was mir vorerst übrig bleibt: Ich wünsche den Gästen meiner Homepage einen gelungenen Übergang nach 2016 – laut oder leise, beschwingt oder besinnlich oder alles miteinander: gerade so, wie es jedem am besten bekommt! 


 23.12.2015

Ein Weihnachtswunsch

 

Es gibt eine Gemeinsamkeit in der Evolutionsgeschichte und der Bibelgeschichte. 

 

Erst starben drei Viertel aller Lebewesen - darunter die gigantischen, allseits gefürchteten Dinosaurier - in der Folge einer kaum vorstellbaren Naturkatastrophe aus. Überlebende waren kleine, scheinbar ohnmächtige Säugetiere, die sich mit bescheidenem Bedarf an Nahrung und dem richtigen Gespür für notwendige Schutzmaßnahmen über Wasser halten und sich mit ihrer Art am Ende durchsetzen konnten.

 

Viele Millionen Jahre später steht der kleine David dem riesigen, allseits gefürchteten Goliath gegenüber und besiegt ihn mit einer schlichten Steinschleuder. Selbst wenn aus mancher Forschersicht Goliath am krankhaften Riesenwuchs gelitten haben und in der Folge die Sehkraft eingeschränkt gewesen sein sollte: der kleine Listige, scheinbar Ohnmächtige hat sich am Ende mit bescheidenem Mittel durchgesetzt.

 

In der Weihnachtszeit will ich mir gönnen fest daran zu glauben, dass dies keine Einzelfälle sind. Es ist die Regel wie die Welt spätestens immer dann funktioniert, wenn es todernst geworden ist. 

 

Etwas früher wäre natürlich noch besser: das ist mein Weihnachtswunsch.


17.11.2015

Fanatismus: Implodierte Moral  

 

Aus aktuellem Anlass und weil mir die trotzige Parole „Wir lassen uns nicht einschüchtern“ kein bisschen zum Verständnis der Sache weiterhilft, habe ich mir die Fachliteratur von Günter Hole angesehen. Er ist Psychiater und schrieb 2004 über „Fanatismus. Der Drang zum Extrem und seine psychischen Wurzeln“.

 

Die Schrift liefert allenfalls präventive Argumente, daher wollte ich erst nicht darüber schreiben, so kurz nach dem schlimmen Attentat in Paris. Nachdem ich aber vorhin einen Artikel auf Novo-Argumente las, in dem die Islamisten als nihilistisch charakterisiert werden, will ich nun doch kurz darüber berichten. Denn ich halte diese These für grundfalsch. Nach meinem Informationsstand ist das Gegenteil der Fall.

 

Weitsicht hat Hole jedenfalls bewiesen. Er formulierte vor über zehn Jahren, was die heutige Reaktionslage nach dem erneuten Terroranschlag in Paris zu sein scheint: Der Fanatismus als prinzipiell „uneinnehmbare Bastion feindlicher Mächte, gegen deren gewaltsames Vorrücken und rücksichtslose Durchsetzung nur hilfloses Entsetzen oder militante Gegengewalt bleibt.“

 

Ein Spalt in der Festung? 

 

Einen dritten Weg sieht Hole in der Öffnung eines „Spaltes in der fanatischen Festung“ der handelnden Personen, durch den sie erreichbar sein könnten. Am Ende steht der Hoffnungsschimmer: Ohne Gefolgschaft keine Führung. Das setzt voraus zu verstehen, was Fanatismus ist.

 

Fanatische Menschen treten in allen Lebensbereichen auf, besessen von der Erfüllung hoher Ideale. Der Fundamentalismus begründet dabei die Lehre und stellt ihre Verbindlichkeit her. Der Fanatismus will diese Verbindlichkeit durchzusetzen. Die Grenze zum Fanatischen ergibt sich vor allem aus der Einseitigkeit und der maßlosen Wahl der Mittel, die mit einer gnadenlosen Konsequenz angewendet werden. Typisch am Fanatismus: mit der Wahl der Mittel wird gerade jener Wert verletzt, um den so fanatisch gekämpft wird. Am Beispiel des massenfanatischen Gemetzels während der Französischen Revolution 1793 etwa die Humanität oder die Unantastbarkeit der Würde.

 

Hole stellt klar: „Es ist und bleibt immer wieder der Mensch, der fanatisch wird und sich fanatisch verhält. Und nicht etwa Ideen oder Weltanschauungen.“ Der Drang zum Extrem wurzle im Inneren des Menschen, nicht im Außen. „Die zentrale Rolle ist die Persönlichkeitsstruktur und intrapsychische Dynamik des Einzelnen.“ Ihm zufolge führen spezifische Eigenschaften zum Fanatismus. Etwa eine starke Abhängigkeit von Autoritäten, Manipulierbarkeit im Rahmen eines ansteckenden Gruppennarzissmus und die Unfähigkeit, eigene Gedanken zu entwickeln. Anfällig für Fanatismus sind besonders jene, die ihre unerschütterliche Überzeugung auch aggressiv durchsetzen. Beispiele: hartnäckige Diffamierung Andersdenkender oder gewalttätige Blockadeaktionen.

 

Tyrannei der Werte

 

Kennzeichen des Fanatismus sei eine „Tyrannei der Werte“, die andere Werte unterdrückt und verfolgt. Für Hole wäre daher eine antifanatische Strategie, die Wertevielfalt unserer Kultur, Ethik und Religion zu erhalten. Letztlich gehe es um den Kampf zwischen Fanatismus und Pluralismus. Er favorisiert den Weg der Mitte zwischen Wertebeliebigkeit und Wertediktatur, ohne Preisgabe des Wesentlichen. Das erfordere „Mut zur Unvollkommenheit“ als ausdrücklichen Verzicht auf perfekte Ansprüche religiöser, ethischer oder politischer Art. Die Öffnung eines Spaltes in der fanatischen Festung einzelner Personen könne indessen nur dort gelingen, wo die Begegnung ernsthaft ist und der Fanatiker sich trotz aller Widersprüche als Mensch ernst genommen sieht.

 

Folgt man dieser Analyse, dann ist durchaus auch im deutschen Politik- und Medienbetrieb eine Fanatismusanfälligkeit erkennbar; wenn etwa bereits die Forderung nach Grenzsicherung im Rahmen der Flüchtlingspolitik – ein menschenrechtlich verankertes Souveränitätsrecht von Staaten – ausreicht, um als rechtspopulistisch, rassistisch oder sonst wie diffamiert zu werden. Der ansteckende Gruppennarzissmus ist ebenso wenig unübersehbar wie die, wenn auch eher subtil aggressive Durchsetzung von Zensur in Internetmedien, siehe Facebook.

 

Meiner Beobachtung nach ist keineswegs eine plurale Gesellschaft erwünscht, wie stets behauptet. Die Geisteshaltung, die erforderlich ist um eine Tyrannei der Werte zu betreiben, ist ebenso im aufgeklärten Westen vorhanden. Der Unterschied liegt in der Wahl der als fundamentalistisch begriffenen Lehre – hier vorrangig Materialismus und moralischer Relativismus, dort der Islam – sowie der Durchsetzungsmittel. Die Fanatismusanfälligkeit im Gewand moralischer Aufgeladenheit aber wird vorgelebt, hier wie dort, freilich in deutlich unterschiedlichem Ausmaß.