23.12.2016

Akademische Wahrnehmungsstörung

 

„Meine These ist, dass diese Bedrohungswahrnehmung sehr stark konstruiert ist.“ Die Wahrscheinlichkeit von einem Terroranschlag bedroht zu werden sei geringer als im Straßenverkehr: sagt ein Vertreter der postmigrantischen Theoriebildung  bei seinem Vortrag zum „Zusammenhang von anti-muslimischem Rassismus und der spezifischen Bedrohungsperzeption eines islamistischen Terrorismus“ in der Evangelischen Akademie Tutzing. Die Debatte werde „im Moment vor allem von gefühlten Wahrheiten bestimmt“, heißt es auf der Website der Akademie. „Es sollte nicht darum gehen, Ängste zu schüren“; bedeutet in der Konsequenz: den Kopf in den Sand zu stecken und über anderweitige bedrohliche Vorfälle nicht mehr zu berichten. Es sei klar, so weiter auf der Website: „Man muss den Menschen Handlungsalternativen bieten. Dafür muss man mit ihnen sprechen. Das ist die Verantwortung, die die Gesellschaft trägt, um der Gewalt etwas entgegensetzen zu können.“ Nun denn: Möge die Akademie wenigstens einige der in Deutschland weilende tausende Terrorverdächtige zum Gespräch einladen und ihnen Handlungsalternativen aufzeigen. Sie warten sicherlich sehnlichst darauf, auch wenn sie das nicht gleich zugeben würden. Aufgrund häufig fehlender postalischer Erreichbarkeit böte sich ein öffentlich lanciertes Gesprächsangebot, großformatig, etwa über die Süddeutsche Zeitung, an.  


22.12.2016

Zur Ambiguitätstoleranz der postmigrantischen Allianz

 

Historiker der Universität Paderborn suchen für einen Workshop Mitte 2017 „geflüchtete und nicht-geflüchtete Historiker*innen, Geschichtslehrer*innen und Geschichtsdidaktiker*innen“. Ziel des Workshops: Ein Austausch über „Anforderungen an Konzepte historischen Lernens in der postmigrantischen Gesellschaft“. Die Organisatoren weisen die Annahme als „irrig“ zurück, einer homogenen Aufnahmegesellschaft stünden ebenfalls nach Nationen oder Religion als homogen sortierte Geflüchtete entgegen.

 

Die Google-Suche zum Begriff „postmigrantische“ bringt inzwischen über 14.000 Ergebnisse. Inwiefern die „postmigrantische Theoriebildung“ Vorfälle wie etwa diesen begünstigt oder sogar provoziert, mag jeder selbst beurteilen. Eine postmigrantische Verfechterin ist Naika Foroutan, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Humboldt-Universität  sowie stellvertretende Direktorin des Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung. Bei den Nürnberger Tagen für Integration 2015 referierte die Professorin zum Thema „Deutschlands Einstellungen zur postmigrantischen Gesellschaft“  – hier auch im Video. „Ab dem Moment, ab dem ein Land wie Deutschland sich als Einwanderungsland bezeichnet“ und dies allgemein akzeptiert ist, sei dieses postmigrantisch, so die These; um mehr handelt es sich auch nicht.

 

Gegen Pegida stünden „wir als postmigrantische Allianzen“, wie sodann die linksaktionistischen Gegendemonstranten beschrieben werden. Man solle den Blick „ausweiten, postmigrantisch auf die gesamte Gesellschaft schauen und eine integrative Leistung aller einfordern“; und dies „vielleicht auch in politische Prozesse konkret hineindenken“. Ein Merkmal der postmigrantischen Gesellschaft: „Aus der Migrationssoziologie wissen wir, was die erste Einwanderergeneration häufig von sich selbst denkt: Sie ist aus einem schlimmen Zustand geflohen oder freiwillig weggegangen und erst einmal dankbar. Und den Kindern wird vermittelt, ebenfalls dankbar zu sein, sich hinten anzustellen und nicht besonders aufzufallen, denn: ‚Wir sind erst dazugekommen.‘ Kinder der dritten Generation fragen sich dann aber schon, wofür sie dankbar sein sollen.“

 

Ein weiteres Merkmal: Die „Ambiguität, das gleichzeitige Vorhandensein unterschiedlicher Botschaften“, bezieht sich Foroutan auf die Identitätspolitik der Migrantenorganisationen: „Da kommen auf der einen Seite neue Gruppen wie die ‚Initiative Schwarzer Deutscher‘ auf, die gleichsam sagen: ‚Ich bin da. Du sollst mich sehen und ich kennzeichne mich, damit du mich siehst.‘ Auf der anderen Seite gibt es Initiativen wie ‚DeutschPlus‘, für die Herkunft nicht mehr zählt und deren Anhänger nicht mehr als Migrantin oder Migrant angesprochen werden möchten. Beides geschieht gleichzeitig und ist gleich legitim, steht aber zueinander in Kontraposition.“ Dieser Widerspruch ist nun nicht Anlass für eine kritische Überprüfung der eigenen Theoriebildung: er wird kurzerhand mit einem weiteren Begriff legitimiert: „Was wir da erlernen bzw. aus dieser Entwicklung für den politischen Bildungsprozess ableiten müssen, ist mehr Ambiguitätstoleranz.“ Ein Wort als perfekte Ausrede, mit der man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt. Logisch fehlerhafte Theorien entziehen sich damit einer Rechtfertigung gegenüber eventuellen Kritikern, denen gleichzeitig vorgeworfen werden kann, sie seien nicht ausreichend ambiguitätstolerant. So einfach kann Wissenschaft heute sein; und so nachsichtig die Integrationserwartung an Zugewanderte.

 

Zu guter Letzt gelte es auch aufgrund des Misstrauens gegenüber Eliten und Medien neue Formate zu entwickeln. „Deswegen müssen wir nach neuen Scharnieren suchen, um unsere Erkenntnisse zu verbreiten. Und wir glauben, dass diese Scharniere der öffentliche Dienst, die Verwaltung, aber vor allen Dingen Menschen sind, die jeden Tag Kontakt mit der Bevölkerung haben: Lehrerinnen und Lehrer, Polizistinnen und Polizisten. Man kann darüber nachdenken, wie man sie in dieses demokratische Wissen einbeziehen kann.“ Was Deutsch-Sein heute bedeutet,  könne man sich jedenfalls „nicht von Leuten definieren lassen, die mit schwarz-rot-gold leuchtenden Kreuzen durch die Städte spazieren“. Noch deutlicher wird das Demokratieverständnis der Professorin nach einem Vortrag im August dieses Jahres im Rahmen der Migrationskonferenz in Hannover: „Postmigrantische Gesellschaften sind Aushandlungsgesellschaften. Die etablierten kulturellen, ethnischen, religiösen und nationalen Eliten müssen lernen, dass Positionen, Zugänge, Ressourcen und Normen neu ausgehandelt werden. Alle Seiten müssen sich diesem Aushandlungsprozess öffnen – das heißt auch für die ‚Etablierten‘, dass sie sich an diese Aushandlungsgesellschaft gewöhnen und sich in diese postmigrantische Struktur integrieren müssen.“ Die These wird also quasi als soziologische Anordnung von sogenannten Forschern gesetzt – von demokratischem Zustandekommen weit und breit keine Spur.

 

Foroutan bekam 2011 den Berliner Integrationspreis für ihre Positionierung zu Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“, 2012 den Wissenschaftspreis der Fritz Behrens Stiftung und 2016 den Höffmann-Wissenschaftspreis für Interkulturelle Kompetenz. Zumindest eine kleine Kritik zur postmigrantischen Begriffsbildung kommt vom Bamberger Soziologen Friedrich Heckmann: „Einige Sozialwissenschaftler waren vielleicht in post-nationalen Verhältnissen angekommen, aber nicht die Realität der Verhältnisse und auch nicht die Realität des Bewusstseins der großen Mehrheit der Bevölkerung. Die Menschen leben noch selbstverständlich in den Nationen.“ Quelle


21.9.2016

Grenzenlose Sensibilität 

 

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat gerade via eines Newsletters zu einem Workshop für den 5. Oktober eingeladen: „Szenarien der Einwanderungsgesellschaft IV: Wie sieht der Diskurs über Migration in 10 Jahren aus, angesichts anhaltender terroristischer Bedrohungen?“ Es geht dann um die Frage, wie sich die Gesellschaft verändert, wenn es künftig in Deutschland häufiger zu Anschlägen kommt. „Können Staat und Gesellschaft sensibel mit Anschlägen umgehen und wenn ja, wie?“ Oder werden sich „extreme Positionen und Fremdenfeindlichkeit“ festigen? Aus den Workshops resultierende Publikationen behandeln Szenarien der Einwanderungsgesellschaft aus der Zukunft. Die erste Publikation behandelt die Frage „Wo wohnen Geflüchtete in der Zukunft?“ und die zweite titelt „Nun sag Deutschland, wie hast du‘s mit der Migration?“. Im dritten Heft geht es um das „Leitbild der Einwanderungsgesellschaft“. Szenario 1 von Safter Çınar, ehemals Vorsitzender der Türkischen Gemeinde, beginnt wie folgt: „Es ist ein Freitagnachmittag. Ich fahre mit meinem Auto zum Berliner Bezirk Neukölln, zur Grundschule meines Enkels Yunus. Er besucht die vierte Klasse der „Amadeu António Kiowa“-Grundschule. Die Schule entschied sich 2025, von nun an den Namen des am 6. Dezember 1990 in Eberswalde von Neonazis ermordeten Angolaners zu tragen.“ Wer weiterlesen möchte klicke hier und wer etwas über bereits existierende Instrumentalisierer des Angolaners erfahren möchte klicke dort


20.9.2016

Neue deutsche Gemeinwohlorientierung

 

Wo alles neu werden soll, auch wenn dieser Anspruch nicht demokratisch zustande kam, darf neben den „Neuen Deutschen Organisationen“ und den „Neuen Deutschen Medienmachern“ die „Stiftung Neue Verantwortung“ natürlich nicht fehlen. Das „Think Tank für die Gesellschaft im technologischen Wandel“ will zusammen mit der Bertelsmann Stiftung Politikvorschläge etwa zur Energiewende entwickeln und Räume für einen „gemeinwohlorientierten Diskurs“ schaffen. „Das Projekt Gemeinwohl im digitalen Zeitalter zielt darauf ab, relevante Akteure des Dritten Sektors für die Bedeutung von digitalpolitischen Weichenstellungen für das Gemeinwohl zu sensibilisieren und Handlungsmöglichkeiten für die Zivilgesellschaft aufzeigen.“ Die Stiftung betont ihre Unabhängigkeit. Finanziert wird sie unter anderem vom Auswärtigen Amt und von RWE.  

 

Die dahinter stehende Ideologie ist dieselbe wie bei den anderen „Neuen“: Nationalstaatlichkeit ist per se schlecht, böse und ausländerfeindlich. Aus dieser These heraus wird dann folgender Antagonismus herbei fantasiert: „Die Vorstellung, dass globale Vernetzung eine freie, bessere Welt schafft, ist einem neuen Realismus gewichen. Der aus der globalen Vernetzung von Computern entstandene Cyberraum hat nicht das Ende der Nationalstaaten eingeläutet.“ Nachdem sich in den europäischen Gesellschaften gerade in Nationalstaaten durch deren Austausch interkulturelle Kompetenz und die bestehenden, identitätsstiftenden Freiheiten entwickeln konnten, vermittelt die enttäuschte Stiftung, die Möglichkeit auf eine „freie, bessere Welt“ würde unter Beibehaltung der Nationalstaaten in irgendeiner Weise blockiert. Sie ignoriert darüber hinaus, dass die freiheitlichen Errungenschaften nicht zuletzt aufgrund ihrer eigenen Ideologie der geschmähten Abgrenzung gerade am Schwinden sind. So krude also ist der „neue Realismus“. 

 

Es ist absehbar, dass künftig „Gemeinwohl“ als weitere Parole dazu dient, die Bevölkerung mental unter Druck zu setzen. Im schweizerischen „Socialinfo – Wörterbuch der Sozialpolitik“ steht über Gemeinwohl: „Der Begriff wird in der öffentlichen Diskussion als kritische Anklage verwendet (z. B. gegen Eigennutz), als Appell (z. B. an Opferbereitschaft) oder Handlungsgebot (z. B. als Aufruf zu Freiwilligenarbeit).“ Man sollte sich deshalb stets bewusst sein: „In pluralistischen Demokratien kann es keine allgemein verbindliche inhaltliche Definition von Gemeinwohl mehr geben. Jede materiale Bestimmung wirft die Frage auf, aus welcher Perspektive sie getroffen wird.“ Von den neuen deutschen Think Tanks ist diese umsichtige Fragestellung nicht zu erwarten. Ihre Perspektive gilt absolut.    


14.9.2016

Die heimelige homogene Gruppe 

 

Es gibt deutschlandweit eine Flut an Vorträgen, Tagungen und Seminaren, die nahezu alle im selben Duktus angekündigt werden. Aktuell lädt die Berliner Schwarzkopf-Stiftung „mit Unterstützung des deutschen OSZE-Vorsitzes 2016“ zu folgendem Vortrag ein: „Die Angst vor Fremden: Was können wir gegen Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt tun?“ Tausendmal gelesen und festgestellt, dass die Veranstalter im Thema nicht weiterkommen, sich vielmehr zielfrei in der Wiederholung nebulöser Begriffe zu sonnen scheinen, ohne auf Antworten wirklich erpicht zu sein.

 

Ein Auszug aus dem Ankündigungstext: „Experten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sind sich einig, dass der offene Dialog, Medienkompetenzen und Pluralismus sinnvolle Wege sind, um Propaganda für Krieg und Hass entgegen zu treten. Doch gerade Medienkompetenzen und der offene Dialog werden in vielen Ländern, auch europäischen Ländern, weiter eingeschränkt. Der deutsche OSZE-Vorsitz 2016 hat die Arbeit für Toleranz und die Bekämpfung von Hassverbrechen zu einem seiner Schwerpunkte gemacht.“ Und nachdem gerade der „offene Dialog“ gelobt wurde, geht es folgendermaßen weiter: „Doch wie geht man mit der Angst von Menschen um, deren Meinung sich in der eigenen homogenen Gruppe bestätigt? Was können wir tun um Gewalt vorzubeugen, die aus Hass entsteht und sich in dem Irrglauben legitimieren, dass die Täter damit für eine Mehrheit in der Bevölkerung sprechen?“ 

 

Das öffentliche Sprachdiktat ist weit genug fortgeschritten um anzunehmen, dass mit den „Tätern“ ausschließlich nicht näher definierte „Rechte“ gemeint sind. Es bestätigt sich auch durch ein Interview mit dem Referenten der Veranstaltung Dr. Ulrich Wagner, Professor für Sozialpsychologie in Marburg, der beim Thema Flüchtlinge „jetzt ein gefragter Mann geworden“ ist. „Ängste ernst nehmen und überwinden“ sei sein Ansatz. Wenige Sätze später spricht er von „irrationalen Ängsten“. Warum ein Professor solche Widersprüche verlautbart, mag dessen Einstellung erklären: „Ich habe ein Verständnis von Wissenschaft, dass zumindest die angewandten Disziplinen dazu beitragen sollten, die Welt zu einer ein bisschen besseren Welt zu machen.“ Der Einschub der „eigenen homogenen Gruppe“, die sich in ihrer Meinung bestätigt, darf indessen als reine Projektion verstanden werden. Denn es trifft vor allem auf jene zu, die sich immer wieder mit ähnlichen Gesinnungsgenossen bei solchen Vorträgen treffen und sich gegenseitig moralisch erhöhen; auf Kosten kritisch denkender Personen, weil nur die destruktive Abgrenzung zu ihnen diese moralische Erhöhung ermöglicht. Die Angst davor, aus der heimeligen und steuergeldbeglückten Gruppe der moralisch Überlegenen herauszufallen, ist wohl wesentliche Triebfeder.  

 

Rückgefragt: „Wie geht man mit der Angst von Menschen um, deren Meinung sich in der eigenen homogenen Gruppe bestätigt?“ Antwort: Man rate ihnen dringend zu Reflexion anregender Lektüre, um sich von kritikloser Übernahme von Fremdurteilen zu befreien. Empfehlenswert ist  etwa die „Kompetenzorientierte Politische Bildung“ für Schüler zur Erlangung von Urteilskompetenz: „Urteilskompetent zu sein heißt, ‚zu einer selbstständigen, begründeten und möglichst sach- und/oder wertorientierten Beurteilung politischer Entscheidungen, Probleme und Kontroversen‘ fähig und bereit zu sein.“ Nach erfolgreicher Absolvierung wisse man sich selbst die Frage zu beantworten: „Wie komme ich eigentlich zu dieser Meinung?“ Fraglich ist, ob man als autonome Person in der homogenen Gruppe der angemaßten Deutungselite überhaupt noch erwünscht ist respektive sich wohl fühlt. Tragischerweise wird es nur bei Wenigen zu ehrlicher Selbstanalyse kommen, denn „für die Meisten beschränkt sich ihre Autonomie auf die beiden ersten Silben“, so Georg Skrypzak.


6.7.2016

Die „Neuen Deutschen“ 

 

Da soll mal noch einer mitkommen: Inzwischen gibt es ein Netzwerk aus rund 100 Organisationen, die Menschen aus Einwandererfamilien aus der Taufe hoben. Deren Vertreter wollen sich nicht mehr als Migranten bezeichnen lassen und gaben ihrem Zusammenschluss einen Namen, der aus Sicht politisch unbedarfter Leute Assoziationen zum neonazistischen Spektrum wecken könnte. Sie nennen sich: die „Neuen Deutschen Organisationen“ (NDO). Mit von der Partie sind zum Beispiel: „Neue deutsche Medienmacher“ (auf deren Website „deutsche“ mal klein und mal großgeschrieben), „DeutschPlus“, „Buntesrepublik“ und „Deutscher.Soldat“ – eine von Soldaten mit Migrationsgeschichte gegründete Initiative, „um Thilo Sarrazin und seinen Thesen ein provokantes Symbol für Integration entgegenzusetzen“. 

 

Zwei Bundeskongresse hat es bisher gegeben, gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), der Stiftung Mercator sowie der Bundesbeauftragten für Migration. Auch beim Bundesparteitag der SPD sind die NDO bereits aufgetreten. Beworben wurde außerdem die mit Mitteln des Auswärtigen Amtes umgesetzte Denkwerkstatt „Ent-Nationalisierung – Beteiligung neu denken?!“ der bpb im Dezember 2015. Sie diente unter anderem der Vernetzung von Akteuren, die mit „Facetten der Ent-Nationalisierung“ befasst sind. Warum sich nun Organisationen mit „Ent-Nationalisierung“ beschäftigen, obwohl sie die Nationalität im eigenen Namen betonen, bleibt ebenso unerklärt wie der Umstand, dass solche Denkwerkstätten vom Auswärtigen Amt und der bpb – die sorgte für Kostenübernahme von Anreise und Unterkunft der Teilnehmer – bezahlt werden. 

 

Zur Steuerungsgruppe der NDO gehören Leila El-Amaire, Jurastudentin und Projektleiterin bei i,Slam e.V., Breschkai Ferhad, Kulturmanagerin und Leiterin der Koordinationsstelle der NDO bei den Neuen deutschen Medienmachern und Dominik Wullers, Ökonom, Offizier und Vorsitzender des Vereins Deutscher.Soldat. Für ihre „professionelle Arbeit“ fordern sie – jetzt ist man bestimmt überrascht – „ausreichende finanzielle Mittel“. Denn schließlich sei die Strukturförderung der Bundesregierung für Migrantenorganisationen „sehr gering“. Man vergleiche hierzu folgende Meldung auf berlin.de: „Jährlich stellen die EU, der Bund und die verschiedenen Senatsverwaltungen des Landes Berlin in erheblichem Umfang Fördermittel für die Integration und Partizipation von Menschen mit Migrationshintergrund zur Verfügung. Zielgruppe der Fördergelder sind zumeist private Projektträger, die damit ihre Arbeit zur Integration von Zuwanderern finanzieren.“ Allein in Berlin werden Projekte zur Stärkung der Organisationen und Netzwerke von Personen mit Migrationshintergrund mit 1,9 Millionen Euro in 2016 und mit 2,0 Millionen Euro in 2017 gefördert. 

 

Um Mitspracherecht bemühen sich die NDO ebenso engagiert: „Solange der Anteil von Neuen Deutschen und People of Color in Entscheidungspositionen deutlich unter ihrem Anteil in der Bevölkerung liegt, müssen wir eine Diskussion über Quoten führen.“ Das Grundgesetz solle um ein neues Staatsziel ergänzt werden: „Deutschland ist ein vielfältiges Einwanderungsland. Es fördert die gleichberechtigte Teilhabe und Integration.“ Ein Bekenntnis zum „Einwanderungsland“ reiche allerdings nicht aus, man wolle auch ein Bekenntnis zur „Einwanderungsgesellschaft“: „Die deutsche Bevölkerung ist von Einwanderung geprägt und völkische Ideen dürfen keine Renaissance erleben“ – kurz später heißt es dann: „Auch wir sind das Volk.“ Außerdem seien politische Debatten über die Zugehörigkeit einzelner Religionsgruppen „nicht hilfreich und mit Blick auf das Grundgesetz fragwürdig“ und stünden „Deutschland  nicht gut zu Gesicht“. 

 

Das „neue deutsche Wir“ vertreten die „Neuen Deutschen“. Wer sich dem Netzwerk nicht anschließen will, etwa weil ihm der Eigenname zu völkisch oder nationalistisch und damit deren gesamte Agenda paradox erscheint, gehört in der direkten Ableitung zu den „Alten Deutschen“; der schon durch diesen Begriff als „dumpf“ und „rückschrittlich“ stigmatisiert werden darf, ohne dass dies auch nur den winzigsten Protest von Antidiskriminierungsaktivisten auslösen würde.

 

Die „Alten Deutschen“ sind dann „Die“, die nicht dazu passen, und die „Neuen Deutschen“ das „Wir“ – solch spaltende Gegenüberstellung wird im neuen Leitfaden der Amadeu Antonio Stiftung zur Aushebelung des grundgesetzlich und menschenrechtlich verankerten Rechts auf Gedanken-, Gewissens- und Meinungsfreiheit als rassistische Hetze definiert.

 

Nachtrag vom 8.7.: Da einige wertvolle Leserkommentare zu meinem Beitrag eingingen, erscheint es mir wichtig nachzutragen, dass sich die zwischen den Zeilen stehende Kritik nicht gegen die einzelnen Organisationen richtet, die sich in den NDO zusammengefunden haben. Ganz sicher sind einige im positiven Sinne hoch engagierte Vereine und Personen darunter. Es gibt etwa von Dominik Wullers, dem Vorsitzenden von Deutscher.Soldat, einen gedankenanregenden, sehr lesenswerten Beitrag in der Zeit, in dem er seine Beweggründe erläutert. Meine Kritik richtet sich an jene "antideutsch" motivierte Aktivisten (teils mit Migrationshintergrund und teils mit guten Kontakten zu politischen Entscheidungsträgern), die sich die Migranten geradezu "krallen" und versuchen, sie entsprechend zu formen. Umso wichtiger wäre es, dass auch liberal oder konservativ orientierte Leute den Migranten Anlaufstellen anbieten, durch die sie sich vernetzen können. Die Migranten hätten dann eine Wahlfreiheit und es wäre spannend zu sehen, wo sie sich langfristig wohler fühlen.