27.2.2016

Die ideelle Dimension der Wehrhaftigkeit

 

Tägliche Recherchen führen zu täglich neuen Suchergebnissen bezüglich sexueller Übergriffe. Über die massive Belästigung von jungen Mädchen in Kiel seitens mehr als 20 Zugewanderten berichtete ausnahmsweise sogar die Tagesschau. Gerne unterschlagen werden andere Fälle wie dieser in Waldkraiburg: Eine Frau wird belästigt und geschlagen, 30 Männer seien tatenlos daneben gestanden. Öffentlich thematisiert werden seit dem Kölner Sexmob nach wie vor erstens Ablenkungsmanöver in der Absicht, die neue Dimension dieser Attacken zu negieren, und zweitens der Umgang mit den Tätern, die in aller Regel letztendlich wieder auf freiem Fuß sind. 

 

Nur wenig thematisiert wird der Hintergrund, dass die Täter in Deutschland auf eine Gesellschaft treffen, die – ebenso wie sie selbst – mehrheitlich von einem Verständnis der verlierbaren Menschenwürde ausgeht. Das entspricht weder dem Grundgesetz noch der Menschenrechtserklärung. Fakt scheint es dennoch zu sein, erinnert man sich an zahlreiche Äußerungen nach der Kölner Silvesternacht: Etwa Renate Künast (Grüne): Den Frauen sei „die Würde genommen“. Barbara Steffens (Grüne): „Ich möchte, dass Männer nicht straffrei bleiben, die Frauen die Ehre und Würde genommen haben.“ Christian Lindner (FDP): „…die hohe Anzahl von geschädigten Frauen, denen die Würde genommen ist“. Leif-Erik Holm (AfD): „Man hat ihnen nicht nur die Handys, sondern vor allem die Würde genommen.“ 

 

Solche Aussagen, selbst wenn sie gut gemeint waren, bezeugen nicht nur eine innere Distanz zum Wesen unserer Verfassung. Sie geben den Tätern auch eine Macht, die weit über die physische Überlegenheit über ihre Opfer hinausreicht. Wer – etwa aus christlicher Sicht – vom Verständnis der unverlierbaren Menschenwürde ausgeht, dem mag sogar auf der Zunge liegen: Sie geben den Tätern eine gottgleiche Macht. Es gibt sicherlich einige unter den jungen Tätern, die sich dadurch in ihrem Verhalten befeuert sehen. Die ideelle Dimension unserer Wehrhaftigkeit bestünde darin, sie mit ihren Angriffen auf unsere Menschenwürde ins Leere laufen zu lassen. Und ihnen damit gleichzeitig klar zu machen: Armselig sind nur jene, die meinen, ihre Würde hinge vom Wohlwollen anderer Menschen ab.  


29.1.2016

Banalität statt Menschenwürde

 

Es gibt eine kaum bekannte Kurzgeschichte des Schriftstellers Patrick Süskind. Sie heißt „Der Zwang zur Tiefe“. Es geht um eine junge Künstlerin, der irgendein hergelaufener Kritiker nach ihrer ersten Ausstellung öffentlichkeitswirksam bescheinigt, zwar Talent, aber zu wenig Tiefe zu haben. Im Milieu spricht sich die - nun um einen Tick verabsolutierte - Kunde von der Künstlerin, die zwar nicht schlecht sei, aber leider keine Tiefe habe, rasch herum. Die junge Dame gerät zunehmend in Selbstzweifel, verliert die Motivation und verwahrlost schließlich so sehr, dass sie von einem Turm in den Tod springt. Der Kritiker fabuliert dann in theatralischer Betroffenheit im Feuilleton über die Umstände dieses tragischen Endes einer talentierten Frau – ob es wohl an ihrem Zwang zur Tiefe lag?  

 

So weit, so schrecklich, angesichts der Banalität und ihrer Auswirkung. Irgendjemand hat einen Berufstitel, sagt irgendetwas mit fachmännischem Habitus, das Umfeld nimmt es ihm unhinterfragt ab, später sagt er einfach das Gegenteil und wieder läuft ihm die Menschenherde hinterher; sich gegenseitig bestätigend und selbstverständlich in moralisch hochsphärischen Gefilden wähnend. Auf der Strecke bleibt in Süskinds Geschichte die junge Künstlerin – für die Beteiligten war sie nicht mehr als ein Anlass, dem Herdentrieb Nachdruck zu verleihen und eine sich verflachende, weil nicht wirklich fundierte Solidarität aufzufrischen. An ähnlich niederträchtigem, weil die individuelle Menschenwürde ignorierendem Verhalten lässt sich ablesen, auf welcher Seite die Menschen tatsächlich stehen. Zum Testen einfach mal die Talkshows von Illner oder Maischberger ansehen.