31.12.2016

2016 am Ende

 

Angesichts der fahrlässig produzierten Lage im Land bleibt mir am Jahresende nicht wirklich viel Positives zu sagen. Möge jeder den Jahreswechsel so begehen, wie es ihm richtig erscheint. Wer „mürrisch indifferent“ auf eine Silvesterparty geht, dem wünsche ich viel Spaß. Und wer sich lieber einer Reflexion stellen will, dem wünsche ich interessante Erkenntnisse. Keinesfalls sollte man sich von irgendjemandem einreden lassen, Ängstlichkeit zu pflegen, wo es sich vielmehr um gesunde Vorsicht oder auch um rationale Einsicht handelt. In Zeiten fehlender respektive falscher Vorbilder ist Selbstvertrauen in das eigene Urteilsvermögen unverzichtbar. Für Vorsätze aller Art gilt: „Auf der großen Zeituhr steht ein einziges Wort: Jetzt.“ Miguel de Cervantes-Saavedra (1547 – 1616) 


19.11.2016

Heute: Welttoilettentag

 

Während die kostspieligste Toilette der Welt für 15 Millionen Euro auf der Raumstation ISS zu finden ist, befindet sich Europas höchstes Klo in 4.260 Metern Höhe auf dem Mont Blanc, weiß Galileo. Und was den ehemals klofreien Hollywoodfilm betrifft: Das Toiletten-tabu hat Alfred Hitchcock in seinem „Psycho“ gebrochen. Die Historie der Toilette ist spannend und kurzweilig. Wo keine ist – etwa in Teilen Indiens, obwohl dort Sitzklosetts schon für das dritte Jahrtausend vor Christus nachgewiesen werden konnten –, kann das allerdings tödlich enden und besonders für Frauen gefährlich sein. Eine kurze Reportage (2014) zu den dramatischen Folgen fehlender hygienischer Minimalstandards gibt es hier


29.10.2016

Zur Abwechslung ins Erdinnere 

 

Praktisch wäre es schon: in Spanien in eine Beförderungskapsel steigen, schnurstracks darin mitten durch die Erde fahren und in Neuseeland wieder aussteigen. Es fehlt allerdings noch an Materialien, die widerstandsfähig genug sind. Im Erdzentrum herrscht eine Hitze von fast 5.000 Grad Celsius und ein gewaltiger Druck. Bisher konnte der Mensch nur rund zwölf Kilometer weit in die Erdkruste vordringen. „Ein Kratzen an der Oberfläche“, denn bis zum Erdmittelpunkt ist es über 6.000 Kilometer weit. Die spannende Doku „Auf den Spuren von Jules Verne“, die außerdem von Kleinstlebewesen von einem Millionstel Meter Größe mit besonderem Appetit auf Gestein handelt, kann hier angeschaut werden.


15.10.2016

One-Way-Ticket zum Mars

 

Es ist wohl keine echte Auswanderungsperspektive, aber mal eine geistige Erholung von hiesigen Zuständen: Die Schader-Stiftung sucht gerade Gesellschafts-, Kultur- und Geistes-wissenschaftler für einen Science Slam in Darmstadt, die aus Sicht ihrer Disziplinen das Konzept „Moon Village“ der European Space Agency (ESA) anreichern. Der Workshop findet in Kooperation mit der Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikations-wissenschaft, dem Kulturfonds RheinMain, der ESA und der Evangelischen Akademie Frankfurt statt. Hintergrund: Führende Raumfahrtnationen sind dabei, einen ständigen, auch von Menschen besetzten Außenposten auf dem Mond aufzubauen. Das Vorhaben soll in etwa zehn Jahren Realität werden und ein Sprungbrett sein, um eine Besiedlung des Mars auszutesten. Im Gegensatz zum Plan „Journey to Mars“ der NASA setzt die Mission „Mars One“ des Niederländers Bas Lansdorp auf eine Raumfahrt ohne Rückkehr: Nach erster Schätzung sollten im Jahr 2023 (inzwischen 2027) – nach Auslese aus über 78.000 Bewerbungen – vier Astronauten auf dem Mars landen und dort eine Kolonie gründen. Nach erfolgreicher Durchführung sollen mindestens 40 Menschen dort leben; ohne jemals zurückzukehren, da dies technisch nicht realisierbar sei. Eine Doku dazu gibt es hier.

 

Nachtrag: Auch Tesla-Gründer Elon Musk stellte Pläne zur Marsbesiedlung vor: Quelle

 

Nachtrag vom 19.10.: Zur Landung der Exomars-Sonde siehe hier und dort. Aktuell: hier.

 

Nachtrag vom 15.12.: Mars One: Der "Umzug zum Mars" ist auf das Jahr 2031 verschoben.


1.10.2016

Beeindruckende Lebensformen

 

Zur Abwechslung und Erholung vom politischen Geschehen kann man sich am langen Wochenende auch mal mit einem völlig anderen Lebensraum befassen. Die beeindruckende Doku „In ewiger Dunkelheit - Geschöpfe der Tiefsee“ zeigt kuriose Tiere wie etwa den bis zu 14 Meter langen Koloss-Kalmar, die ohne Sonnenlicht in eisiger Kälte und unter einem enormen Wasserdruck leben. An der tiefsten Stelle im Südpazifik – knapp 11.000 Meter – herrscht ein Wasserdruck von 1.100 bar. Zum Vergleich: Ab drei Metern Tiefe bei 0,3 bar kann einem Menschen schon das Trommelfell platzen. Die Tiefsee ist deshalb der am schwersten zu erreichende Ort, selbst das Weltall sei leichter zu erforschen. Sehenswert.


23.8.2016

Vorrat anlegen ein sinnvoller Hinweis

 

Man kann sich ja sowieso fortlaufend über die Bundesregierung aufregen, aber warum dies gerade in Bezug auf ihren Hinweis, die Bürger sollten sich Vorräte für eventuelle Notsituationen anlegen, lautstark und überall getan wird, erschließt sich mir ehrlich gesagt nicht. Ich halte diesen öffentlichen Hinweis im Rahmen des aktualisierten Zivilschutzkonzeptes sogar für die erste vernünftige Verlautbarung seit langem. Beim heutigen Einkauf habe ich jedenfalls auch ein paar Konserven gekauft. Eine Dose Thunfisch in Öl ist sogar bis 2021 haltbar, Getränkedosen sind es teils bis Herbst 2017. Einen Stromspenderstick habe ich ohnehin schon. Beim nächsten Einkauf sehe ich mich nochmal in Ruhe um, was sonst noch wichtig werden könnte. Die Sachen verstaue ich dann in meinem türkisgrünen Rucksack, der mir sowieso nicht mehr gefällt, und stelle ihn in eine dunkle Ecke auf dem Dachboden. Die ganze Aktion hat mich dann maximal drei Stunden Lebenszeit gekostet, in denen ich gleichzeitig wieder Neues dazu gelernt habe.

 

Nachtrag vom 31.8.: Siehe hierzu auch: "Umsetzung der Zivilverteidigungskonzeption"  


26.7.2016

Der gespenstische Europäer

 

Die Idee des verachtungswürdigen Europäers und der Überlegenheit aller anderen „vielfarbigen“ Völker ist schon seit mindestens 99 Jahren in der Welt. Hermann Hesse – sein „Narziss und Goldmund“ ist trotzdem ein Kunstwerk – verfasste 1917 die Geschichte „Der Europäer“, die sich wie eine inoffizielle Vorlage aus dem heutigen Brüssel liest: Der Mann aus Europa „bleibt uns aufbehalten als eine Mahnung und ein Antrieb, als ein Gespenst vielleicht. Fortpflanzen aber kann er sich nicht, es sei denn, er taucht wieder in den Strom der vielfarbigen Menschheit unter.“ Das Leben auf der „neuen Erde“ werde er nicht mehr verderben dürfen: „Seid getrost!“ Die Geschichte zeigt deutlich auf, wie solch gestaltete Abwertung mit grundständigem Rassismus einhergeht. Hier steht sie im Netz


4.7.2016

Über das „Geschoss der Globalisierung“

 

Manchen mag es vielleicht spielverderberisch erscheinen, aber die teils herrliche Wortakrobatik über den „entbrasilianisierten“ Ronaldinho und das trotzdem „immer stärker in nationale Geiselhaft“ genommene, aus Kunststoff bestehende runde Leder, über Büstenhalter mit Ballkörbchen und über von Politikern beschmatzte Spieler darf nicht unerwähnt bleiben: Eine Fußballkritik von Dr. Malte Olschewski in der Spreezeitung


9.5.2016

Einsamkeitsphobie: Emanzipation ade? 

 

„Das Internetzeitalter hat die Allzeitverbundenheit zum Ideal erhoben“ und „ächtet zugleich den, der sich ihr entzieht. Ihr Credo:…wir sind nur glücklich, wenn wir uns als soziale Wesen spüren…Die Folge: Eine ungeheure Einsamkeitsphobie regiert unsere Zeit. Alles, nur nicht einsam sein. Wer sich zur Einsamkeit bekennt, wird als unvollkommen betrachtet, als Hinterwäldler, als Versager.“ Martin Hecht schrieb dies in einem Beitrag für Psychologie heute. Aus aktueller Feedbackerfahrung als allein reisende Frau heraus wird an dieser Stelle eine Bresche geschlagen für die Vorzüge des Alleinseins und gegen zunehmenden Kollektivismus, der sich im Übrigen in dem Maße von der Menschenrechtsidee entfernt, wie er die Entpersönlichung und den Mangel an Eigenständigkeit nach sich zieht. 

 

Erinnert sei an den langen Zeitraum, in dem die positiven Seiten der Einsamkeit thematisiert wurden. Denn: „Kulturgeschichtlich gerät die Einsamkeit erst mit dem Beginn der Moderne unter Generalverdacht“, meint Hecht. Bereits im 16. Jahrhundert befand Michel de Montaigne: Die Seele kann „sich selbst Gesellschaft leisten. Sie hat genug anzugreifen und zu verteidigen, genug von sich zu geben und von sich zu empfangen.“ Der Philosoph Henry Thoreau sprach im 19. Jahrhundert davon als „klare, kräuselnde Heiterkeit“, die einer inneren Freiheit folgt. Fast zeitgleich schrieb Arthur Schopenhauer: „…wer also nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: Denn nur, wann man allein ist, ist man frei. Zwang ist der unzertrennliche Gefährte jeder Gesellschaft.“ Und nach Hermann Hesse ist Einsamkeit etwas zutiefst Menschliches, eine „anthropologische Konstante“. Bedauerlich findet Martin Hecht, dass diese schönen Seiten des durchaus ambivalenten Alleinseins derzeit in Vergessenheit geraten. 

 

Auf die Dringlichkeit, die emanzipative Gesellschaft zu verteidigen, weist aktuell auch Bassam Tibi in einem Beitrag für die Welt hin: „Köln war nur der Anfang“, konstatiert der Syrer und staunt „über das Unwissen und die Naivität der Bundeskanzlerin“ gegenüber jungen Männern, die eine Kultur der Gewalt, auch gegenüber Frauen, mit sich aus Nahost nach Deutschland bringen. „Die Silvesternacht in Köln ist nur ein Beweis hierfür und kein Einzelfall, wie uns Politiker vormachen wollen, um die Bedeutung der Angelegenheit herunterzuspielen.“ Das Frauenbild in der arabischen Kultur sei patriarchalisch und menschenverachtend und dürfe "in Europa nicht unter dem Mantel des Respekts für andere Kulturen geduldet werden.“ Deutsche Politiker verstünden die Dimension der Probleme nicht. Während sie „in einem deutschen Pathos des Absoluten“ (Adorno) „über Toleranz und das Elend der Flüchtlinge reden, lachen viele Islamisten verächtlich“.


3.5.2016

Applaudierend in den Weltuntergang?

 

Ganz so pessimistisch sollte man vielleicht nicht sein, dennoch verdienen es die Gedanken des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard, der am 5. Mai 203 Jahre alt geworden wäre, hin und wieder wach gerufen zu werden. In Korrelation zu seinem Ausspruch „Je weniger Geist, desto weniger Angst“ stellte er sich folgende Situation vor: „In einem Theater brach hinter den Kulissen Feuer aus. Der Pierrot trat an die Rampe, um das Publikum davon zu unterrichten. Man glaubte, es sei ein Witz und applaudierte. Er wiederholte seine Mitteilung; man jubelte noch mehr.“ Und seine übertragene Schlussfolgerung: „So denk ich mir, dass die Welt untergehen wird: unter dem allgemeinen Jubel der witzigen Köpfe, die glauben, das sei ein Witz.“ Wesentlich geändert haben sich die Menschen ja nicht seit dazumal. Man wiegt sich halt vielfach immer noch in wohlig-bequemer Sicherheit, aus der heraus einer einzig aus dem Grund applaudiert, weil es ein anderer tut. Wie lange man es sich hierzulande noch leisten kann, Gefahren einfach nicht ernst zu nehmen, wird sich zeigen.


10.2.2016

Sensible Riesen

 

Aufgrund des Ärgers, der mich bezüglich der Lage und des öffentlichen Umgangs damit häufig ergreift, bin ich in der letzten Zeit selbst ab und an respektlos geworden –  entgegen meines eigenen Anspruchs. Zum Zweck der eigentherapeutischen Beruhigung habe ich dann gerade die Tierdoku „Terra Mater: Der Geist der Grauen Riesen“ angeschaut. Prädikat: wertvoll. Es ging um die „empfindsamen“ und „verständnisvollen“ Elefanten. Von ihnen könne man „noch viel lernen über Zusammenhalt, Mitgefühl und Anteilnahme“, so der Naturfilmer Dereck Joubert. Elefanten mögen kein Durcheinander und keinen Stress. Am liebsten haben sie es ganz entspannt. Der Rüssel ist ihr Allzweckorgan: 60.000 Muskeln darin sorgen für flexible Beweglichkeit. Nach der Geburt eines Elefantenbabys zieht damit die Mutter ihre Plazenta durch den Sand, damit der Geruch nicht falsche Gefährten anlockt. Besonders beeindruckend sind ihre schon zärtlich anmutenden Totenwachen. Eine wundervolle Welt ist das, in der wir leben. Hoffentlich geht sie nicht kaputt. 


1.2.2016

Streitbarkeit statt Allparteilichkeit

 

Claudia Roth beim Neujahrsempfang der Grünen in Schweinfurt: "Es kann mir nicht gut gehen, wenn es meinem Nachbarn schlecht geht." Fragt sich nur, wie viel empathische Parteilichkeit den einzelnen Nachbarn jeweils zuteil wird. Wie sich diese bei der grünen "Menschenrechtspartei" im Fall der Täter und Opfer der Kölner Sexattacken sowie der daran unbeteiligten einheimischen Männer verteilt, ist hinreichend klar geworden. Bleibt anzumerken: Sollte sich hier jemand des Prinzips der aus der kontextuellen Familientherapie geklauten und teils schon zur Ideologie avancierten Allparteilichkeit bedienen wollen, dem sei dieser Standpunkt zum Nutzen von Streitbarkeit zur Lektüre empfohlen, der gleichzeitig eine grundsätzliche Anleitung zur Diskursbefähigung sein könnte und sollte. 


 6.1.2016

2016: Ein klarer Blick ist ein klarer Blick

 

„Weshalb heißen besorgte Bürger nicht einfach Mischpoke, Pack, Spinner, Rechtspopulisten oder Pöbel“, dachten die Leute im Scheinwerferlicht und lächelten stolz über ihren Einfall. Also sagten sie von da an zu den besorgten Bürgern wahlweise Mischpoke, Pack, Spinner, Rechtspopulisten oder Pöbel, machten ihre Hassbotschaften überall bekannt und hofften, dass die besorgten Bürger dann keine Sorgen mehr aussprechen. Und weil das recht gut funktionierte, benannten sie bald auch andere Wörter um. 

 

So beschloss man, unbequeme Sachinformationen künftig rassistische Hetze zu nennen. Zur Kulturpflege sagten sie Nationalismus und zur Empörung künftig Hass. Aufklärung nannten sie Verschwörungstheorie und aus dem Wort interessant wurde das Wort krude, während lustig nun anstelle von niveaulos stand. Die Vereinsvetterleswirtschaft hieß jetzt Kampf gegen Rechts. Aus konservativ wurde rechtsextrem, aus linksextrem wurde autonom, aus der Heuchelei der Anstand und aus der Autokratie die Demokratie. Zwangsmoral bezeichneten sie als Freiheit, das Diktat als Debatte, die Ausrede als Verantwortung und die Agitation als Journalismus. Wer etwas auf den Punkt brachte der spaltete jetzt, wer tatsächlich spaltete war mutig, während Mutige als verantwortungslos galten. 

 

Sie übten viele Tage sich die neuen Bezeichnungen einzuprägen und sie überall zu verbreiten. Ihre neue Sprache hegten und pflegten sie. Manch einer träumte gar schon in ihr. Jenen wurde sie wie eine zweite Haut, ohne die sie kaum noch atmen konnten. 

 

Die unbesorgten Bürger indessen wollten von den Leuten im Scheinwerferlicht alles annehmen, weil sie sich damit im Schein der Anständigen wähnten. Daher nahmen sie auch die neue Sprachregelung für die besorgten Bürger an und setzten sich eine rosafarbene Brille auf, damit ein klarer Blick die Harmonie nicht störe. 

 

Da trug es sich aber zu, dass die Realität gewaltig einschlug. Die rosafarbenen Brillen beschlugen sich dadurch hartnäckig. Manche ließen ihre Brille trotzdem weiterhin auf und waren fortan fast blind. Doch es gab auch welche, die sie absetzten und den klaren Blick riskierten. Jene werden erkennen und eines Tages vielleicht auch kämpfen, für eine möglichst gewaltfreie Welt…

 

Der Beitrag entstand nach Anregung von Peter Bichsel’s „Ein Tisch ist ein Tisch“.