31.12.2016

2016 am Ende

 

Angesichts der fahrlässig produzierten Lage im Land bleibt mir am Jahresende nicht wirklich viel Positives zu sagen. Möge jeder den Jahreswechsel so begehen, wie es ihm richtig erscheint. Wer „mürrisch indifferent“ auf eine Silvesterparty geht, dem wünsche ich viel Spaß. Und wer sich lieber einer Reflexion stellen will, dem wünsche ich interessante Erkenntnisse. Keinesfalls sollte man sich von irgendjemandem einreden lassen, Ängstlichkeit zu pflegen, wo es sich vielmehr um gesunde Vorsicht oder auch um rationale Einsicht handelt. In Zeiten fehlender respektive falscher Vorbilder ist Selbstvertrauen in das eigene Urteilsvermögen unverzichtbar. Für Vorsätze aller Art gilt: „Auf der großen Zeituhr steht ein einziges Wort: Jetzt.“ Miguel de Cervantes-Saavedra (1547 – 1616) 


19.11.2016

Heute: Welttoilettentag

 

Während die kostspieligste Toilette der Welt für 15 Millionen Euro auf der Raumstation ISS zu finden ist, befindet sich Europas höchstes Klo in 4.260 Metern Höhe auf dem Mont Blanc, weiß Galileo. Und was den ehemals klofreien Hollywoodfilm betrifft: Das Toiletten-tabu hat Alfred Hitchcock in seinem „Psycho“ gebrochen. Die Historie der Toilette ist spannend und kurzweilig. Wo keine ist – etwa in Teilen Indiens, obwohl dort Sitzklosetts schon für das dritte Jahrtausend vor Christus nachgewiesen werden konnten –, kann das allerdings tödlich enden und besonders für Frauen gefährlich sein. Eine kurze Reportage (2014) zu den dramatischen Folgen fehlender hygienischer Minimalstandards gibt es hier


29.10.2016

Zur Abwechslung ins Erdinnere 

 

Praktisch wäre es schon: in Spanien in eine Beförderungskapsel steigen, schnurstracks darin mitten durch die Erde fahren und in Neuseeland wieder aussteigen. Es fehlt allerdings noch an Materialien, die widerstandsfähig genug sind. Im Erdzentrum herrscht eine Hitze von fast 5.000 Grad Celsius und ein gewaltiger Druck. Bisher konnte der Mensch nur rund zwölf Kilometer weit in die Erdkruste vordringen. „Ein Kratzen an der Oberfläche“, denn bis zum Erdmittelpunkt ist es über 6.000 Kilometer weit. Die spannende Doku „Auf den Spuren von Jules Verne“, die außerdem von Kleinstlebewesen von einem Millionstel Meter Größe mit besonderem Appetit auf Gestein handelt, kann hier angeschaut werden.


15.10.2016

One-Way-Ticket zum Mars

 

Es ist wohl keine echte Auswanderungsperspektive, aber mal eine geistige Erholung von hiesigen Zuständen: Die Schader-Stiftung sucht gerade Gesellschafts-, Kultur- und Geistes-wissenschaftler für einen Science Slam in Darmstadt, die aus Sicht ihrer Disziplinen das Konzept „Moon Village“ der European Space Agency (ESA) anreichern. Der Workshop findet in Kooperation mit der Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikations-wissenschaft, dem Kulturfonds RheinMain, der ESA und der Evangelischen Akademie Frankfurt statt. Hintergrund: Führende Raumfahrtnationen sind dabei, einen ständigen, auch von Menschen besetzten Außenposten auf dem Mond aufzubauen. Das Vorhaben soll in etwa zehn Jahren Realität werden und ein Sprungbrett sein, um eine Besiedlung des Mars auszutesten. Im Gegensatz zum Plan „Journey to Mars“ der NASA setzt die Mission „Mars One“ des Niederländers Bas Lansdorp auf eine Raumfahrt ohne Rückkehr: Nach erster Schätzung sollten im Jahr 2023 (inzwischen 2027) – nach Auslese aus über 78.000 Bewerbungen – vier Astronauten auf dem Mars landen und dort eine Kolonie gründen. Nach erfolgreicher Durchführung sollen mindestens 40 Menschen dort leben; ohne jemals zurückzukehren, da dies technisch nicht realisierbar sei. Eine Doku dazu gibt es hier.

 

Nachtrag: Auch Tesla-Gründer Elon Musk stellte Pläne zur Marsbesiedlung vor: Quelle

 

Nachtrag vom 19.10.: Zur Landung der Exomars-Sonde siehe hier und dort. Aktuell: hier.

 

Nachtrag vom 15.12.: Mars One: Der "Umzug zum Mars" ist auf das Jahr 2031 verschoben.


1.10.2016

Beeindruckende Lebensformen

 

Zur Abwechslung und Erholung vom politischen Geschehen kann man sich am langen Wochenende auch mal mit einem völlig anderen Lebensraum befassen. Die beeindruckende Doku „In ewiger Dunkelheit - Geschöpfe der Tiefsee“ zeigt kuriose Tiere wie etwa den bis zu 14 Meter langen Koloss-Kalmar, die ohne Sonnenlicht in eisiger Kälte und unter einem enormen Wasserdruck leben. An der tiefsten Stelle im Südpazifik – knapp 11.000 Meter – herrscht ein Wasserdruck von 1.100 bar. Zum Vergleich: Ab drei Metern Tiefe bei 0,3 bar kann einem Menschen schon das Trommelfell platzen. Die Tiefsee ist deshalb der am schwersten zu erreichende Ort, selbst das Weltall sei leichter zu erforschen. Sehenswert.


28.9.2016

Freiheitsindex 2016

 

Zusammen mit dem Institut für Demoskopie Allensbach und dem Medieninstitut mct Dortmund erstellte das Heidelberger John Stuart Mill Institut den Freiheitsindex 2016 mit dem Schwerpunkt „Westlicher Lebensstil“. Im Vorwort geht Prof. Ulrike Ackermann mit klaren Worten auch auf den Terror ein: „Ob die Islamisten in Gestalt von Einzeltätern oder als beauftragte Gruppe des IS agieren, sollte uns nicht dazu verleiten, diese Angriffe zu verharmlosen. Auch die Pathologisierung der Täter ist ein Versuch, den Schrecken zu bannen. Die Bedrohungslage existiert schon viel länger, auch wenn sie aus Angst oder in wohlmeinend-pädagogisierender Weise kleingeredet wurde, um die Bevölkerung zu besänftigen.“ Die Ergebnisse des Index sind differenziert zu betrachten. So heißt es etwa: „Hedonismus und Selbstverpflichtung halten sich als Lebensvorstellung fast die Waage und stehen nicht in Widerspruch zueinander.“ Und der Befund der Medienanalyse deckt sich ganz offensichtlich nicht mit breit geteilten Auffassungen in der Bevölkerung. Es lohnt sich, den Freiheitsindex in Ruhe zu studieren: hier ist er zu finden.


14.9.2016

Homogene Gruppe: In der Gebärmutter ist es am schönsten

 

Es gibt deutschlandweit eine Flut an Vorträgen, Tagungen und Seminaren, die nahezu alle im selben Duktus angekündigt werden. Aktuell lädt die Berliner Schwarzkopf-Stiftung „mit Unterstützung des deutschen OSZE-Vorsitzes 2016“ zu folgendem Vortrag ein: „Die Angst vor Fremden: Was können wir gegen Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt tun?“ Tausendmal gelesen und festgestellt, dass die Veranstalter im Thema nicht weiterkommen, sich vielmehr zielfrei in der Wiederholung nebulöser Begriffe zu sonnen scheinen, ohne auf Antworten wirklich erpicht zu sein.

 

Ein Auszug aus dem Ankündigungstext: „Experten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sind sich einig, dass der offene Dialog, Medienkompetenzen und Pluralismus sinnvolle Wege sind, um Propaganda für Krieg und Hass entgegen zu treten. Doch gerade Medienkompetenzen und der offene Dialog werden in vielen Ländern, auch europäischen Ländern, weiter eingeschränkt. Der deutsche OSZE-Vorsitz 2016 hat die Arbeit für Toleranz und die Bekämpfung von Hassverbrechen zu einem seiner Schwerpunkte gemacht.“   

 

Und nachdem gerade der „offene Dialog“ gelobt wurde, geht es folgendermaßen weiter: „Doch wie geht man mit der Angst von Menschen um, deren Meinung sich in der eigenen homogenen Gruppe bestätigt? Was können wir tun um Gewalt vorzubeugen, die aus Hass entsteht und sich in dem Irrglauben legitimieren, dass die Täter damit für eine Mehrheit in der Bevölkerung sprechen?“ 

 

Das öffentliche Sprachdiktat ist weit genug fortgeschritten um anzunehmen, dass mit den „Tätern“ ausschließlich nicht näher definierte „Rechte“ gemeint sind. Es bestätigt sich auch durch ein Interview mit dem Referenten der Veranstaltung Dr. Ulrich Wagner, Professor für Sozialpsychologie an der Philipps-Universität Marburg, der beim Thema Flüchtlinge „jetzt ein gefragter Mann geworden“ ist. „Ängste ernst nehmen und überwinden“ sei sein Ansatz. Wenige Sätze später spricht er von „irrationalen Ängsten“. Warum ein Professor solche Widersprüche verlautbart, mag dessen Einstellung erklären: „Ich habe ein Verständnis von Wissenschaft, dass zumindest die angewandten Disziplinen dazu beitragen sollten, die Welt zu einer ein bisschen besseren Welt zu machen.“  

 

Der Einschub der „eigenen homogenen Gruppe“, die sich in ihrer Meinung bestätigt, darf indessen als reine Projektion verstanden werden. Denn es trifft vor allem auf jene zu, die sich immer wieder mit selben und ähnlichen Gesinnungsgenossen bei solchen Vorträgen treffen und sich gegenseitig moralisch erhöhen; auf Kosten kritisch denkender Personen, weil nur die destruktive Abgrenzung zu ihnen diese moralische Erhöhung ermöglicht. Die Angst davor, aus der heimeligen und steuergeldbeglückten Gruppe der moralisch Überlegenen herauszufallen, ist sicherlich eine wesentliche Triebfeder.  

 

Rückgefragt: „Wie geht man mit der Angst von Menschen um, deren Meinung sich in der eigenen homogenen Gruppe bestätigt?“ Antwort: Man rate ihnen dringend zu reflexionsanregender Lektüre, um sich von kritikloser Übernahme von Fremdurteilen zu befreien. Empfehlenswert ist  etwa die „Kompetenzorientierte Politische Bildung“ für Schüler der Sekundarstufen I und II zur Erlangung von Urteilskompetenz: „Urteilskompetent zu sein heißt, ‚zu einer selbstständigen, begründeten und möglichst sach- und/oder wertorientierten Beurteilung politischer Entscheidungen, Probleme und Kontroversen‘ fähig und bereit zu sein.“ Nach erfolgreicher Absolvierung wüsste man sich selbst die Frage zu beantworten: „Wie komme ich eigentlich zu dieser Meinung?“ 

 

Fraglich ist nur, ob man als autonome Person in der homogenen Gruppe der angemaßten Deutungselite überhaupt noch erwünscht ist respektive sich wohl fühlt. Tragischerweise wird es wohl bei den Wenigsten zu ehrlicher Selbstanalyse kommen, denn „für die Meisten beschränkt sich ihre Autonomie auf die beiden ersten Silben“, so Georg Skrypzak.


23.8.2016

Vorrat anlegen ein sinnvoller Hinweis

 

Man kann sich ja sowieso fortlaufend über die Bundesregierung aufregen, aber warum dies gerade in Bezug auf ihren Hinweis, die Bürger sollten sich Vorräte für eventuelle Notsituationen anlegen, lautstark und überall getan wird, erschließt sich mir ehrlich gesagt nicht. Ich halte diesen öffentlichen Hinweis im Rahmen des aktualisierten Zivilschutzkonzeptes sogar für die erste vernünftige Verlautbarung seit langem. Beim heutigen Einkauf habe ich jedenfalls auch ein paar Konserven gekauft. Eine Dose Thunfisch in Öl ist sogar bis 2021 haltbar, Getränkedosen sind es teils bis Herbst 2017. Einen Stromspenderstick habe ich ohnehin schon. Beim nächsten Einkauf sehe ich mich nochmal in Ruhe um, was sonst noch wichtig werden könnte. Die Sachen verstaue ich dann in meinem türkisgrünen Rucksack, der mir sowieso nicht mehr gefällt, und stelle ihn in eine dunkle Ecke auf dem Dachboden. Die ganze Aktion hat mich dann maximal drei Stunden Lebenszeit gekostet, in denen ich gleichzeitig wieder Neues dazu gelernt habe.

 

Nachtrag vom 31.8.: Siehe hierzu auch: "Umsetzung der Zivilverteidigungskonzeption"  


20.8.2016

„Vorauseilende Niveauabsenkung“  

 

Über den „Spaß am Kulturverfall“, die „Lust an der Indiskretion“ und um „grobe Verwirrungen“ ging es  beim Philosophischen Quartett am 26. September 2010: „Formlos, haltlos, respektlos. Wie das öffentliche Leben verkommt.“ Eine durchaus auch heute noch erhellende Diskussion, die man sich hier bei Youtube zu Gemüte führen kann.


13.8.2016

„Die perfide Notwendigkeit von Katastrophen“

 

Eine Denksportaufgabe fürs Wochenende: „Verlieren wir etwas, wenn uns die Katastrophen ausgehen?“ Die Frage wird ernsthaft debattiert am 14. September in der Osnabrücker Universität, initiiert vom gemeinnützigen Verein „Katastrophennetz“. Zwei Referenten vom Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften werden dazu für den Input sorgen. Sollte dennoch gefürchtete Langeweile aufkommen, dann könnte ja im Rahmen des Katastrophenschutzes die LÜKEX 15 – eine länderübergreifende Krisenmanagementübung – nachgeholt werden, die Ende November 2015 aufgrund „der enormen Herausforderungen der Flüchtlingssituation in Deutschland“ vom Bund und von den Ländern abgesagt wurde. Im Rahmen der „Verantwortung für die Menschen, die in Deutschland Schutz und Hilfe suchen“, wollte man keine weiteren Ressourcen für eine Übungsdurchführung binden, auch wenn damit „ein wichtiger Stresstest“ wegfällt. So nett ist man hierzulande.


6.8.2016

Überlegenheit durch Verweigerung

 

Auch eine Art sich zu wehren: „Ein anderes Mal, während jemand eine Rede hielt, soll Diogenes abseits gestanden sein und beharrlich einen gesalzenen Fisch in die Höhe gehalten haben. Als sich immer mehr Menschen von dem Redner ab- und Diogenes zuwandten, meinte dieser, dass es wohl eine belanglose Rede sein müsse, wenn ein Pökelfisch mehr Interesse wecken könne als die gelehrte Philosophie.“ Weitere Verhaltensanregungen mit dem Ziel ein „fortwährendes öffentliches Ärgernis” zu sein gibt es im Internet.


26.7.2016

Der gespenstische Europäer

 

Die Idee des verachtungswürdigen Europäers und der Überlegenheit aller anderen „vielfarbigen“ Völker ist schon seit mindestens 99 Jahren in der Welt. Hermann Hesse – sein „Narziss und Goldmund“ ist trotzdem ein Kunstwerk – verfasste 1917 die Geschichte „Der Europäer“, die sich wie eine inoffizielle Vorlage aus dem heutigen Brüssel liest: Der Mann aus Europa „bleibt uns aufbehalten als eine Mahnung und ein Antrieb, als ein Gespenst vielleicht. Fortpflanzen aber kann er sich nicht, es sei denn, er taucht wieder in den Strom der vielfarbigen Menschheit unter.“ Das Leben auf der „neuen Erde“ werde er nicht mehr verderben dürfen: „Seid getrost!“ Die Geschichte zeigt deutlich auf, wie solch gestaltete Abwertung mit grundständigem Rassismus einhergeht. Hier steht sie im Netz

 

Hinweis: Politkorrekte Sprache kannte Hesse - man mag es ihm nachsehen - noch nicht. 


9.7.2016

Das Schnarchen braver Bürger

 

„…Ideen liegen mir vollständig fern, und den Kopf will ich mir unter keinen Umständen zerbrechen, ich überlasse das leitenden Staatsmännern. Dafür bin ich ja ein guter Bürger, damit ich Ruhe habe, damit ich den Kopf nicht anzustrengen brauche, damit mir Ideen völlig fern liegen und damit ich mich vor zu vielem Denken ängstlich fürchten darf…“, Basta: Eine kurze und aussagekräftige Wochenendlektüre von Robert Walser.


23.6.2016

Politisierung der Gefühle

 

Sachlichkeit ist out. Was in ist, erklärt zum Beispiel „trendquest“, ein führendes „Strategie-Think Tank für Zukunftsforschung und Behavioral Economics in Deutschland“. Das Unternehmen für „Sozio-ökonomische Trendforschung“ bietet strategische Beratung für Zukunftsfragen und Wirtschaftsentwicklung. Das Motto: „Emotion Sells!“ und das am besten über die soziale Schiene: „Social Emotion im Trend!“ Der Leitspruch: „Wie man mit Emotionen besser ankommt als mit rationalen Argumenten.“ Ganz unverblümt stellt trendquest fest: Auch Politiker und Aktivisten argumentieren zunehmend weniger sachlich. Sie erreichten zunehmend „mehr Politik-Punkte unter Nutzung starker Gefühls-und Drama-Taktiken“. Ob das stimmt, darf angesichts des Klärungsbedarfs in der Bevölkerung im Rahmen der aktuellen Herausforderungen bezweifelt werden. 

 

Interessant an der Sache ist, der dahinter stehenden Absicht auf die Spur zu kommen. Behavioral Economics bedeutet Verhaltensökonomik und wird in einem FAZ-Artikel wohlwollend als „menschlich gewordene“ Volkswirtschaft erklärt. Kritisch hingegen widmet sich Heise der „hochgepushten Verhaltensökonomie“ und zieht direkten Vergleich zum Behaviorismus aus der Psychologie, der sich in seiner Theorie nicht auf kognitive und emotionale Prozesse (Black Box), sondern vornehmlich auf die Reiz-Reaktionskette konzentriert und die Konditionierbarkeit menschlichen Verhaltens zu begründen versucht. Den Zusammenhang von Behavioral Economics und dem psychologischen Behaviorismus stellen allerdings andere Autoren empört in Abrede: die Verhaltensökonomie widme sich gerade der Black Box. Das ist verwirrend. Nicht weniger verwirrend wäre ein Trend, der Emotionen ihrem Wesensgehalt enthebt und die übrig gebliebenen Worthülsen für die Reiz-Reaktionskette funktionalisiert. Die Menschen könnten dann glauben, sie seien voller Social Emotion, obwohl sie keinerlei Gefühl erleben, sondern nur konditionierte Reiz-Reaktionsmuster abspielen.  

  

Es wäre in diesem Fall schon ratsam sich darum zu bemühen, wieder auf den Boden der eigenen Gefühle zu kommen. Es lohnte sich nicht nur der Lebensintensität wegen. Die innere Achtsamkeit ist notwendig, um eigenständig – also ohne Zuhilfenahme banaler Erläuterungen von hergelaufenen Medienleuten – feststellen zu können, wem man vertrauen will und wem nicht; warum Angst auch schon mal ein guter Ratgeber ist; wo der viel beschworene „Hass“ in der Gesellschaft tatsächlich auftritt und dass die Politisierung der Gefühle letztendlich ein inhumaner Trend, jedenfalls aber kein lukratives Geschäft ist – weil die durch „Emotion Sells“ erkaufte Zuneigung nicht auf Überzeugung, sondern auf Gedankenlosigkeit beruht und deshalb nichts wert ist. 


9.5.2016

Einsamkeitsphobie: Emanzipation ade? 

 

„Das Internetzeitalter hat die Allzeitverbundenheit zum Ideal erhoben“ und „ächtet zugleich den, der sich ihr entzieht. Ihr Credo:…wir sind nur glücklich, wenn wir uns als soziale Wesen spüren…Die Folge: Eine ungeheure Einsamkeitsphobie regiert unsere Zeit. Alles, nur nicht einsam sein. Wer sich zur Einsamkeit bekennt, wird als unvollkommen betrachtet, als Hinterwäldler, als Versager.“ Martin Hecht schrieb dies in einem Beitrag für Psychologie heute. Aus aktueller Feedbackerfahrung als allein reisende Frau heraus wird an dieser Stelle eine Bresche geschlagen für die Vorzüge des Alleinseins und gegen zunehmenden Kollektivismus, der sich im Übrigen in dem Maße von der Menschenrechtsidee entfernt, wie er die Entpersönlichung und den Mangel an Eigenständigkeit nach sich zieht. 

 

Erinnert sei an den langen Zeitraum, in dem die positiven Seiten der Einsamkeit thematisiert wurden. Denn: „Kulturgeschichtlich gerät die Einsamkeit erst mit dem Beginn der Moderne unter Generalverdacht“, meint Hecht. Bereits im 16. Jahrhundert befand Michel de Montaigne: Die Seele kann „sich selbst Gesellschaft leisten. Sie hat genug anzugreifen und zu verteidigen, genug von sich zu geben und von sich zu empfangen.“ Der Philosoph Henry Thoreau sprach im 19. Jahrhundert davon als „klare, kräuselnde Heiterkeit“, die einer inneren Freiheit folgt. Fast zeitgleich schrieb Arthur Schopenhauer: „…wer also nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: Denn nur, wann man allein ist, ist man frei. Zwang ist der unzertrennliche Gefährte jeder Gesellschaft.“ Und nach Hermann Hesse ist Einsamkeit etwas zutiefst Menschliches, eine „anthropologische Konstante“. Bedauerlich findet Martin Hecht, dass diese schönen Seiten des durchaus ambivalenten Alleinseins derzeit in Vergessenheit geraten.

     

Es lohnt sich nicht zuletzt auch aus gesellschaftspolitischem Grund, dieser Lebenserfahrung wieder mehr Raum zuzugestehen. Denn letztlich geht die abschätzige Bewertung des Alleinseins konform mit dem Dogma jener integrationsunwilligen Flüchtlinge, die meinen, unbegleitete Frauen hätten auf der Straße nichts zu suchen. Hingegen gehörte zur Selbstbehauptung einer freiheitlich und emanzipiert verfassten Gesellschaft die glaubhafte Überzeugung dies gut und richtig zu befinden, auch dann, wenn manche weniger regen Gebrauch davon machen möchten oder können.

 

Auf die Dringlichkeit, die emanzipative Gesellschaft zu verteidigen, weist aktuell auch Bassam Tibi in einem Beitrag für die Welt hin: „Köln war nur der Anfang“, konstatiert der Syrer und staunt „über das Unwissen und die Naivität der Bundeskanzlerin“ gegenüber jungen Männern, die eine Kultur der Gewalt, auch gegenüber Frauen, mit sich aus Nahost nach Deutschland bringen. „Die Silvesternacht in Köln ist nur ein Beweis hierfür und kein Einzelfall, wie uns Politiker vormachen wollen, um die Bedeutung der Angelegenheit herunterzuspielen.“ Das Frauenbild in der arabischen Kultur sei patriarchalisch und menschenverachtend und dürfe "in Europa nicht unter dem Mantel des Respekts für andere Kulturen geduldet werden.“ Deutsche Politiker verstünden die Dimension der Probleme nicht. Während sie „in einem deutschen Pathos des Absoluten“ (Adorno) „über Toleranz und das Elend der Flüchtlinge reden, lachen viele Islamisten verächtlich“.

 

Tibis Beitrag ist zuerst im aktuellen Buch von Alice Schwarzer „Der Schock – Die Silvesternacht von Köln“ erschienen.


3.5.2016

Applaudierend in den Weltuntergang?

 

Ganz so pessimistisch sollte man vielleicht nicht sein, dennoch verdienen es die Gedanken des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard, der am 5. Mai 203 Jahre alt geworden wäre, hin und wieder wach gerufen zu werden. In Korrelation zu seinem Ausspruch „Je weniger Geist, desto weniger Angst“ stellte er sich folgende Situation vor: „In einem Theater brach hinter den Kulissen Feuer aus. Der Pierrot trat an die Rampe, um das Publikum davon zu unterrichten. Man glaubte, es sei ein Witz und applaudierte. Er wiederholte seine Mitteilung; man jubelte noch mehr.“ Und seine übertragene Schlussfolgerung: „So denk ich mir, dass die Welt untergehen wird: unter dem allgemeinen Jubel der witzigen Köpfe, die glauben, das sei ein Witz.“ Wesentlich geändert haben sich die Menschen ja nicht seit dazumal. Man wiegt sich halt vielfach immer noch in wohlig-bequemer Sicherheit, aus der heraus einer einzig aus dem Grund applaudiert, weil es ein anderer tut. Wie lange man es sich hierzulande noch leisten kann, Gefahren einfach nicht ernst zu nehmen, wird sich zeigen.


23.4.2016

Unterwerfung: Resultat mangelnder Eigenständigkeit

 

Arte strahlte gestern den eindringlichen Film "Der Krieg meiner Tochter" aus. Eine belgische Mutter hat diese an die syrischen Dschihadkrieger verloren. Der Filmtitel ist etwas irreführend, da sich die Motivation der Tochter wohl vorrangig aus dem - in diesem Fall - übermäßigen Bedürfnis speiste, sich in einer Gruppe aufgehoben zu wissen. Dem Lauf dieser Dinge könnte am besten mit dem Wunsch nach Eigenständigkeit begegnet werden. Da dies aber auch in hiesigen Gefilden blockiert wird, sowohl von deutungselitärer Seite (Diffamierung Andersdenkender) als auch oftmals von konservativer Seite (Diffamierung kinderloser Singles), wird man dem Zulauf an diese Vollversorgungsmentalität ausstrahlenden Gruppen weiterhin nur wenig entgegensetzen können. 

 

Wiederholung auf arte: 1. Mai um 0:25 Uhr, 22. Mai um 9:30 Uhr, 25. Mai um 0:15 Uhr. 

 

Zur Klarstellung: Schätzenswert sind familiäre Lebensmodelle ebenso wie jene von Singles. Da sich das eine oder andere i. d. R. aus der persönlichen Biografie ergibt, steht es nicht an, abschätzige Bewertungen zu vergeben. Es gilt vielmehr, die jeweiligen Kompetenzen nutzbar zu machen. Bei Singles ist es häufig das hohe Maß an Eigenständigkeit, die auch davor schützt, sich in destruktive Abhängigkeitsverhältnisse zu begeben.       


18.4.2016

Bewundernswerte Stärke

 

Es ist mir ein Bedürfnis, diese Woche mit einer positiven Meldung zu beginnen. Die Angelegenheit habe ich immer wieder mal verfolgt, weil es mich interessiert, wie ein konstruktiver Umgang nach diesem Schicksalsschlag noch möglich ist. Es geht um die verunglückte Stabhochspringerin Kira Grünberg, die immer noch gelähmt, aber trotzdem guten Mutes ist - und das mit einer erstaunlichen Beharrlichkeit. Es tut jedes Mal richtig gut, über sie zu lesen und dadurch auch an das Menschen innewohnende Potenzial erinnert zu werden. Aktuell hat die Welt die Kraftspenderin besucht und berichtet hier darüber.       


14.4.2016

Tuberkulose: Kaum lösbare Problematik

 

Die verantwortungslose Beschwichtigung der Bevölkerung seitens der Politik spricht mal wieder Bände: 2015 gab es 30 Prozent mehr Lungenkranke als davor, schreibt die SHZ. Trotzdem: „Das Gesundheitsministerium gibt Entwarnung, denn die von Flüchtlingen eingeschleppten Erreger werden schnell erkannt und die Patienten behandelt.“ Nicht zuletzt angesichts abertausender unregistrierter und verschwundener Flüchtlinge in Deutschland wäre das geradezu lachhaft, wenn die Sache nicht so ernst wäre. 

 

Die FAZ klärt in diesem Fall realistisch auf: Es bestehe dringender Handlungsbedarf, denn der Tuberkuloseerreger ist der weltweit tödlichste Krankheitskeim. „Ungefähr zwei Milliarden Menschen tragen das Tuberkulose-Bakterium in sich, ausbrechen wird die Krankheit bei etwa zehn Prozent von ihnen. Ihre Behandlung jedoch stellt Ärzte, Patienten und das Gesundheitssystem vor riesige Probleme.“ Bis zu drei Jahre kann die Behandlung bei extrem resistenten Keimen dauern. „Rund 14.000 Tabletten müssen Erkrankte einnehmen - bei einer Heilungschance von nur 50 Prozent und gravierenden Nebenwirkungen.“ Die Kosten dafür sind exorbitant, angespannte Gesundheitsbudgets könne dies in den Bankrott treiben. Die ökonomischen Auswirkungen der Seuche werden „völlig unterschätzt“. Die Welt schreibt zur Sachlage: Die Zahl der Tuberkulosefälle sprang innerhalb eines Jahres von gut 4500 (2014) auf über 5850. Professor Christoph Lange vom Forschungszentrum Borstel sieht weitere künftige Risiken in der „Gesundheitsmigration“: „Es gibt sogar Schlepper, die bringen solche Menschen bis kurz vor die Krankenhäuser.“ 

 

Dass die Behandlung auch aus bürokratischer Sicht problematisch ist, erklärt die Apotheker Zeitung in einem Fall aus der Praxis: Eine Apotheke erhält eine Verordnung über Penicillin V für einen Asylbewerber. Als Kostenträger ist das Sozialamt angegeben. Die Verordnung wird beliefert. Später erhält die Apotheke die Verordnung von der Abrechnungsstelle ohne Vergütung zurück. Der Kostenträger lehne die Bezahlung ab, weil sich der Status des Asylbewerbers geändert hat. „Dieser erhalte bereits seit dem 1. Dezember 2015 (Rezeptdatum 14. Dezember 2015!) keine Asylleistungen mehr, da er mittlerweile einen Aufenthaltstitel habe.“ Auch der Arzt blieb auf seinen Kosten sitzen. Eine Überprüfung des Status bei Verordnungen für Asylbewerber stehe bei niedrigpreisigen Medikamenten „in keinem Verhältnis zum Aufwand“. Die Absetzung sei „unter unentgeltliche soziale Hilfe zu verbuchen“, schlagen Experten vor. Ab einem Erstattungsbetrag von 1.000 Euro empfiehlt der Bayerische Apothekerverband den Apotheken dennoch, mit dem Kostenträger vorab Rücksprache zu halten. Das aber stoße in der Praxis an Grenzen. Abends oder samstags sind die Stellen schlecht zu erreichen. Da Verordnungen etwa für Antibiotika oder Mittel gegen Tuberkulose keinen Aufschub erlauben, wird das Kostenrisiko wohl vorerst bei den Apothekern verbleiben. Bei Tuberkulosemittel gehe es in der Regel um über 300 Euro.  


19.3.2016

Zerstörungswahnsinn

 

Kürzlich lief auf arte „Verlorene Welten – Zerstörtes Kulturerbe im Orient“. Die Vernichtung der Kulturgüter durch Islamisten schreitet „mit atemberaubender Geschwindigkeit“ voran, heißt es darin. Der Vordere Orient ist ein „Meilenstein der Weltgeschichte“ und die „Wiege der Kultur“. Die Erfindung der Schrift ist dort ebenso zu verorten wie die (über Abraham) gemeinsame Wurzel der Weltreligionen. Im „fruchtbaren Halbmond“ Anatoliens finden sich bis zu 12.000 Jahre alte Tempel. Die Zerstörung sei „beispiellos in der Radikalität“. Ein Archäologe: „Es ist das Schlimmste, was ich in meinem Beruf je erlebt habe.“ Es steht zu befürchten, dass weitere Teile dieses Weltkulturerbes für immer verloren gehen.

 

Die Reportage ist noch bis zum 14. April in der Mediathek von arte zu sehen.


11.3.2016

Moralschmarotzer

 

Eine Geschichte, die ich gestern gelesen habe, lässt mich ratlos, sogar auch etwas verärgert zurück: „Der opferwillige Freund.“ Oscar Wilde skizziert darin ein – sorry – Riesenarschloch. Einen, der seinen herzensguten Nachbarn nach Strich und Faden ausnutzt und ihm während dessen ständig was von wahrer Freundschaft ins Ohr säuselt. Einen, der seine Heuchelei sein Leben lang durchzieht und trotzdem von seiner dümmlichen Frau bewundert wird. Auch sein öffentliches Standing erleidet nicht den kleinsten Kratzer trotz seines verabscheuungswürdigen Verhaltens. Sein opferwilliger „Freund“ freilich, der sich von schöngeistiger Rede bis hin zur Selbstaufgabe beeindrucken lässt, hat sein Urteilsvermögen fahrlässig aufgegeben. Das mag ihm zwar vorzuwerfen sein. Zumindest aber schadet er damit erst mal nur sich selbst. Systemisch betrachtet wäre die Sache allerdings differenzierter zu bewerten.  

 

Die Geschichte mag in der Realitätsübertragung überzogen sein. Dennoch charakterisiert sie treffend den schamlosen Typus Mensch, der sich trotz gegensätzlicher Absichten verbal moralisch erhebt. Und sie skizziert das teils unbedarfte, teils phlegmatische Umfeld, das solch einem Moralschmarotzer das geeignete Podium bietet. Insbesondere die Einwürfe über die Macht rhetorischer Überlegenheit in einer sprach- und gedankenlos gewordenen Umwelt bieten durchaus interessante Parallelen zum Hier und Heute. „Der opferwillige Freund“ ist hier eingestellt. Tipp: Den Text mit der Maus markieren, dann ist er besser lesbar. 


5.3.2016

„Höherer Blödsinn“

 

Bei einer Recherche stieß ich auf den guten alten Kraepelin. Eine Veröffentlichung von ihm im Jahr 1896 ist so schön formuliert, dass ich dies keinem vorenthalten will: „Sie begnügen sich überall mit dem ersten Anschein, schweifen sofort ab, sind mit der Betrachtung fertig, bevor sie noch recht angefangen haben. Der flüchtig und oberflächlich erfasste Inhalt ihrer Erfahrungen ist daher in hohem Maaße von zufälligen Einflüssen abhängig und bietet nur ein lückenhaftes, vielfach stark verzerrtes Bild der Außenwelt. Aus diesen Bestandteilen setzen sich dehnbare, verschwommene, vielfach verfälschte Begriffe zusammen, welche die Grundlage für schiefe und halbrichtige Urtheile sowie für abenteuerliche Analogieschlüsse abgeben.“ Die Lebens- und Weltanschauung werde dadurch unabhängig von der Wirklichkeit. „Wichtige und maaßgebende Thatsachen haben für sie gar kein Gewicht, üben auf ihre Ueberlegungen nicht den geringsten Einfluss, während sie andererseits ernsthaft mit Verhältnissen rechnen, die nur in ihrer Einbildung bestehen.“

 

Die „angebliche tiefe Kenntnis der hohen Politik“ werde mit der Angabe begründet, dass ein Verwandter ein „Aufseher auf einem Gute Herbert Bismarcks“ sei. „Diese unbekümmerte Vernachlässigung der Wirklichkeit, die Freiheit von dem unbequemen Ballaste der Bedenken und Ueberlegungen, giebt dem Gedankengange etwas eigentümlich Zerfahrenes und Widerspruchsvolles.“ Ohne Zögern würden heute diese, morgen jene Anschauungen entwickelt, man „stützt sich im gleichen Satze auf Gründe, die einander ausschließen, fertigt Einwände siegesgewiss mit ganz unzutreffenden Schlagworten ab. Auch hier ist in der Regel trotz aller anscheinenden geistigen Beweglichkeit die häufige Wiederkehr bestimmter hochtrabender Redensarten und schwülstiger Gemeinplätze sehr deutlich.“

 

Dabei bringe er „die verschiedensten Dinge durcheinander, berauscht sich förmlich an seinen eigenen klingenden Phrasen und schließt plötzlich unvermittelt mit einer rednerischen Frage oder einer sonstigen, besonders schlagenden Wendung.“ Trotzdem pflege die Zungengewandtheit „und der tönende Wortschwall, mit dem sie den Zuhörer überschütten, häufig genug den Unerfahrenen über die Unsinnigkeit und Zerfahrenheit des Inhaltes ihrer Reden zu täuschen, so dass sie nicht als schwachsinnig, sondern sogar als besonders schlau angesehen werden.“ Stets aber pflegten sie „trotz der schlagendsten Gegenbeweise an der Richtigkeit ihrer noch dazu vielfach wechselnden, sich selbst widersprechenden Erzählungen festzuhalten und mit der Miene der gekränkten Unschuld jede weitere Erörterung abzulehnen.“ Das Selbstgefühl sei ungemein gesteigert. „Sie zeigen keine Spur von Krankheitsbewusstsein, halten sich im Gegentheil für geistig hochbegabt, ja genial.“ Gudden habe solche Zustände scherzweise als „höheren Blödsinn“ bezeichnet.

 

Kraepelin beschrieb damit keine politische Dystopie, wie manch einer vielleicht vermutet, sondern die lebhafte Form der Imbecillität; gerne hier zum Vertiefen.


2.3.2016

Über die Höhe und den Fall

 

Lange Zeit im Bücherregal, heute endlich gelesen: "Der Fall" von Albert Camus. Die schonungslose Beichte eines untergetauchten Staranwalts liest sich aus heutiger Perspektive durchaus auch als Charakterstudie über die eine oder andere Person des öffentlichen Lebens. Kostproben: "Mein Beruf befriedigte zum Glück dieses Bedürfnis nach Höhe." Er stellte mich "über den Angeklagten, den ich zur Dankbarkeit zwang...Ich lebte ungestraft. Kein Urteil berührte mich je, befand ich mich doch nicht auf der Bühne des Gerichts, sondern irgendwo in den Soffitten, jenen Göttern gleich, die man von Zeit zu Zeit herunterlässt, damit sie der Handlung die entscheidende Wendung und ihren Sinn verleihen. Schließlich und endlich ist das erhöhte Leben noch die einzige Art, von einem möglichst zahlreichen Publikum gesehen und beklatscht zu werden. Manche meiner gutartigen Mörder hatten übrigens bei ihrer Tat ähnlichen Gefühlen gehorcht."

 

Oder an späterer Stelle: "Hauptsache ist, dass man sich erbosen kann, ohne dem anderen das Recht zur Entgegnung zuzugestehen. 'Seinem Vater widerspricht man nicht' - Sie kennen diesen Grundsatz?" Camus bietet auch eine Anleitung dafür, sich dem persönlichen Urteil der Anderen zu entziehen. "Denn besteht das große Hindernis, das es uns unmöglich macht, ihm zu entgehen, nicht gerade darin, dass wir die Ersten sind, uns zu verurteilen? Darum muss man als Erstes die Verurteilung unterschiedslos auf alle ausdehnen, um sie dadurch bereits zu verwässern...Ich lasse nichts gelten, weder die wohlmeinende Absicht noch den achtbaren Irrtum...In der Philosophie wie in der Politik bin ich somit Anhänger einer jeden Theorie, die dem Menschen die Unschuld abspricht, und einer jeden Praxis, die ihn als Schuldigen behandelt. Sie sehen in mir einen aufgeklärten Befürworter der Knechtschaft."

 

Und noch eine zynische Kostprobe zur Kommunikation: "...dass unser altes Europa endlich die richtige Art des Philosophierens herausgefunden hat. Wir sagen nicht mehr wie in früheren, unverbildeten Zeiten: 'Das ist meine Meinung. Welches sind Ihre Einwände?' Jetzt sind uns die Augen aufgegangen. Wir haben den Dialog durch die Verlautbarung ersetzt." 

 

"Der Fall" erschien 1956, im folgenden Jahr wurde er mit dem Literaturnobelpreis bedacht.


26.2.2016

Lust auf Tiefgang

 

Im aktuellen Kommentar der Redaktion von Christ in der Gegenwart geht es - in Anlehnung an den Zukunftsroman "Unterwerfung" von Michel Houellebecq über die fiktive Machtübernahme des Islam in Frankreich 2022 - über das Christentum, das sich "aufgrund von Langeweile, Desinteresse, Apathie, Gedankenlosigkeit und Geistlosigkeit von selber verabschiedet, sich schleichend selbst aufgibt." Die Unterwerfung sei "kein schwerer Akt, überhaupt nicht anstrengend, vielmehr leicht, bequem, praktisch."

 

Einmal mehr sehe ich mich erinnert an den Film „Die Zeitmaschine“ von 1960. Es blieb mir jene Szene am deutlichsten in Erinnerung, in der die Zukunftsmenschen des Volkes Eloi, zwar nett und hübsch anzusehen, sich aber völlig verdummt ausschließlich hedonistischen Trieben hingeben und die letzten existierenden Bücher einfach vergammeln lassen. Was oben erläutert ist, betrifft nicht nur das Christentum. Sei es das aktionistische, unvernünftige Agieren in der Flüchtlingspolitik oder die vielerorts anzutreffende oberflächliche Kommunikation: Tiefgang wird schon jetzt eher als lästige Anstrengung, denn als sinngebende Bereicherung für die Lebensintensität betrachtet. Kulturen können sich tatsächlich zurückentwickeln, wie kürzlich in einem Wissenschaftsmagazin stand. Umso mehr gilt es, für die Lust auf tiefgängige Gespräche zu motivieren; wann und wo immer es passt und geht und auch um den Preis, dann als Spielverderber stigmatisiert zu sein. Man darf das dann nicht so ernst nehmen – Gedankenlosigkeit produziert nur kalte Luft. 

 

Der Film ist hier eingestellt (es fehlen nur wenige Minuten am Anfang und am Schluss).


15.2.2016

Es ist Fanatismus

 

Drei Tage habe ich gebraucht, um den Bericht von Markus Vahlefeld zu verdauen: Eine 24-jährige Sprecherin der Linksjugend benutzt ihre eigene – laut Polizeimeldung von arabisch oder kurdisch sprechenden Männern begangene – Vergewaltigung dazu, um Flüchtlinge per se zu glorifizieren und gegen das angeblich rassistische und sexistische Deutschland zu hetzen. Der (zwischenzeitlich nicht freigeschaltete) Brief auf Facebook ist unter anderem bestätigt durch diese Website mit folgendem Zusatz: „Wir haben bei wahrscheinlich keinem anderen unserer Beiträge so sehr darauf gehofft, dass es sich um einen Fake handelt. Wir haben uns durch unzählige fragwürdige Foren und Blogs gewühlt, um irgendwann auf die Verfasserin des Facebook-Postings zu stoßen, um es mit eigenen Augen zu sehen.“ 

 

Ein User kommentiert: „Gesetzt dem Fall, diese Vergewaltigung ist so passiert, (wobei Skeptizismus bei Linken-Politikern sicher kein schlechter Ratgeber ist) dann kann ich wirklich nur noch sagen: Ich bin selten einmal sprachlos, doch nach diesem Brief, fehlen mir wirklich die Worte!...Ich glaube in keiner Sprache der zivilisierten Welt, welche die Würde des Menschen für unantastbar hält, ist ein Ausdruck für eine derartige Umnachtung und Verkommenheit vorhanden…Durch diesen Brief, durch diese Verniedlichung, Romantisierung, Verklärung und damit Vernebelung einer Straftat, welche ihr selbst widerfahren ist, legitimiert sie weitere Belästigungen und Vergewaltigungen.“ 

 

Dem sind aus meiner Sicht nur zwei Dinge hinzuzufügen: Der treffende Ausdruck zur erklärenden Beschreibung der Sache lautet Fanatismus. Und zweitens ist in der letzten Zeit selten so deutlich geworden wie in diesem Fall der Glorifizierung und Verdammung verschiedener Bevölkerungsgruppen, was Rassismus tatsächlich ist.  


10.2.2016

Sensible Riesen

 

Aufgrund des Ärgers, der mich bezüglich der Lage und des öffentlichen Umgangs damit häufig ergreift, bin ich in der letzten Zeit selbst ab und an respektlos geworden –  entgegen meines eigenen Anspruchs. Zum Zweck der eigentherapeutischen Beruhigung habe ich dann gerade die Tierdoku „Terra Mater: Der Geist der Grauen Riesen“ angeschaut. Prädikat: wertvoll. Es ging um die „empfindsamen“ und „verständnisvollen“ Elefanten. Von ihnen könne man „noch viel lernen über Zusammenhalt, Mitgefühl und Anteilnahme“, so der Naturfilmer Dereck Joubert. Elefanten mögen kein Durcheinander und keinen Stress. Am liebsten haben sie es ganz entspannt. Der Rüssel ist ihr Allzweckorgan: 60.000 Muskeln darin sorgen für flexible Beweglichkeit. Nach der Geburt eines Elefantenbabys zieht damit die Mutter ihre Plazenta durch den Sand, damit der Geruch nicht falsche Gefährten anlockt. Besonders beeindruckend sind ihre schon zärtlich anmutenden Totenwachen. Eine wundervolle Welt ist das, in der wir leben. Hoffentlich geht sie nicht kaputt.

 

Wiederholung auf Servus TV: Donnerstag, 11.2., 8.40 Uhr und Freitag, 12.2., 12.50 Uhr 


8.2.2016

"Kleine Laubbäume schwanken"

 

Kaum vorstellbar, wie viel Energie und Vorfreude jetzt im Sand sitzt, nachdem auch der Rosenmontagsumzug in Düsseldorf abgesagt wurde. "Das Sicherheitskonzept des Düsseldorfer Rosenmontagszugs sah vor, dass der Zug ab Windstärke 8 nicht stattfindet", liest man dazu auf n-tv. Windstärke 8 bedeutet laut Lexikon des Wetterspiegels übrigens "stürmischer Wind" mit über 61 Stundenkilometern. Die Vorhersage auf weather.com zeigt allerdings nur Wind zwischen 24 und maximal 43 Stundenkilometern an (Stand: 12 Uhr). Das entspricht einer Windstärke von 4 bis 6. Bei Windstärke 5 heißt es als Erklärung: "Kleine Laubbäume schwanken." Aber heutzutage kann man ja nie vorsichtig genug sein.

 

Nachtrag am Abend

 

Noch nie war es so kompliziert herauszufinden, wie das Wetter in Düsseldorf nun gewesen ist. Zahlreiche User vor Ort schrieben von normalem Winterwetter mit mäßigem, nur teils frischem Wind. Beispiel: "16.30 Uhr, der Zoch wäre in Düsseldorf jetzt vorbei. Außer einem kurzen Regenschauer keine Spur von einem Sturm gewesen." Auf duesseldorf.de hingegen heißt es: "Im Düsseldorfer Stadtgebiet kam es aufgrund von Sturmböen bis um 16 Uhr zu insgesamt zehn Einsätzen...Gegen 15.15 Uhr musste die Feuerwehr zur Königsallee/Ecke Grünstraße ausrücken. Dort hatten heftige Sturmböen mehrere schwere Dachpfannen 'ausgehoben', die zum Glück in der Dachrinne liegen blieben - sie wurden entfernt. Zu dieser Zeit wäre dort der Rosenmontagszug vorbeigezogen." Sollte ein Gast meiner Homepage zufällig in der Düsseldorfer Königsallee/Ecke Grünstraße wohnen, wäre ich dankbar um dessen Einschätzung/Bericht; nur so, zum Vergleich. Außerdem noch interessant zu wissen: "Bei der Parade der Mottowagen vor dem Rathaus kam es zu einem politischen Eklat", schreibt rp-online.de. Die türkische Generalkonsulin verlangte die Entfernung beziehungsweise laut Deutsch Türkischem Journal eine Verhüllung des Motivs über den Präsidenten Erdogan. Dieses "werde dem türkischen Volk nicht gefallen". Das Motiv: Erdogan stößt mit dem IS an - in den Gläsern befindet sich kurdisches Blut. 

22.2.2016

Erstaunliche Vor-Aussichten

 

Es darf ja dann doch mal interessieren, wie hoch der Schaden durch die ausgefallenen Rosenmontagsumzüge ist: „Allein in Düsseldorf kostet der Ausfall nach Medienberichten rund eine Million Euro“, schreibt der Versicherungsbote. Die Süddeutsche erläutert: „Raffiniert: Das Comité Düsseldorfer Carneval hat sich gegen einen Ausfall des Jecken-Zuges versichert, zum ersten Mal überhaupt. Übrigens bei der für anders gelagerte lustige Treffen berühmten Ergo-Versicherung.“ Wie es dazu kam, steht bei rp-online: „Sie haben dafür gesorgt, dass die GmbH des Carnevals Comitees gegen entgangene Einnahmen und Schäden, die durch eine Absage des Rosenmontagszugs entstehen, bei der Ergo versichert sind. Wie sind Sie zu diesem Auftrag gekommen? Jürgen Faßbender: Wir sind empfohlen worden.“ Jürgen Faßbender ist Geschäftsführer der Veritas Assekuranzmakler und pflegt offenbar weise Voraussicht: „Der erste Ansatzpunkt des CC war es denn auch, die Absage des Zuges wegen Terrorgefahr zu versichern.“ Das Themenfeld wurde dann ausgeweitet: „Wir haben einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt und die Karnevalisten im Vorfeld gefragt, ob sie nicht auch das Wetterrisiko miteinbeziehen wollen.“

 

Es scheinen blühende Zeiten angebrochen zu sein für das Versicherungsgeschäft. Für das „ganz große Ding“ stehen Ergo und Konsorten schon im Startloch: Die Bundesautobahn-gesellschaft, der sich am 11. Februar das TV-Magazin „Kontraste“ widmete unter dem Titel: „Wie Dobrindt, Schäuble und Gabriel den deutschen Versicherungen ein Milliardengeschäft verschaffen.“ Beim Autobahnbau will man im Versicherungsgeschäft mitmachen, nämlich „Milliarden geben“. Ein „großartiges Geschäft“, wie Kontraste zitiert. „Dafür haben sie seit Jahren hinter den Kulissen Überzeugungsarbeit geleistet.“ Man kennt sich halt und mag sich, aus welchen Gründen auch immer. Zufälligerweise residiert der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft „gleich schräg gegenüber dem Bundesfinanzministerium“. 


6.2.2016

Gewissenlose: Jemals herzlich gelacht?

 

An dieser Stelle möchte ich kurz auf eine Aussage eingehen, die mich berührt hat. Manfred Haferburg schreibt auf achgut.com: „Das ist es, was am meisten weh tut: Das mangelnde Schuldbewusstsein der Machthaber und ihrer Vasallen.“ Im Internet lassen sich zahlreiche Erläuterungen finden, was es mit Menschen ohne (funktionierendes) Gewissen oder Reueempfindung auf sich hat. Da ich bei mir selbst bleiben will, stellte ich mir, vorerst jenseits der Politik, folgende Fragen: Habe ich begriffen und akzeptiert, dass es solche Menschen unter uns gibt? Führen mich Gewissen und Reue auch generell zu tieferer Lebensintensität? Und warum wollte ich des Weiteren niemals mit gewissenlosen Menschen tauschen? Schließlich fiel mir dann noch eine Aussage des Pastors Arnold Muggli ein: „Täuschen wir uns nicht: Jeder ist an seinem Ort, so unbedeutend seine Stellung im Räderwerk der Welt auch sein mag, entweder ein Teil der Gesundung oder ein Teil der Krankheit der Welt.“ Mir reicht das, um mich, vorerst jenseits der Politik, gut zu fühlen.


1.2.2016

Grüne Lieblingsnachbarn

 

Claudia Roth beim Neujahrsempfang der Grünen in Schweinfurt: "Es kann mir nicht gut gehen, wenn es meinem Nachbarn schlecht geht." Fragt sich nur, wie viel empathische Parteilichkeit den einzelnen Nachbarn jeweils zuteil wird. Wie sich diese bei der grünen "Menschenrechtspartei" im Fall der Täter und Opfer der Kölner Sexattacken sowie der daran unbeteiligten einheimischen Männer verteilt, ist hinreichend klar geworden. Bleibt anzumerken: Sollte sich hier jemand des Prinzips der aus der kontextuellen Familientherapie geklauten und teils schon zur Ideologie avancierten Allparteilichkeit bedienen wollen, dem sei dieser Standpunkt zum Nutzen von Streitbarkeit zur Lektüre empfohlen, der gleichzeitig eine grundsätzliche Anleitung zur Diskursbefähigung sein könnte und sollte. 


28.1.2016

Kognitive Faulheit

 

Die Sonne bringt es an den Tag, wenigstens ab und zu: Erst flog auf, dass ein Politiker der Linken eine Messerattacke eines Rechtsradikalen offenbar erfunden hat (Staatsanwaltschaft ermittelt, während Medien in diesem Fall gerne dösen), dann erfährt die Öffentlichkeit, dass der Tod eines Flüchtlings in Berlin frei erfunden war. Mich selbst erstaunt das nicht, da mir im Laufe des Lebens, vor allem im früheren politischen Umfeld, schon viele dreiste Lügner, auch mit Schlips und Kragen, über den Weg liefen. Beschäftigt aber hat mich vorwiegend die Frage, warum so viele Menschen dem Lügner glauben wollen, ja ihn sogar hofieren. Freilich: auch immer eine situationsspezifische Angelegenheit. Abgesehen davon scheint unstrittig zu sein, was eine australische Studie besagt: Die Zurückweisung einer Information benötigt eine höhere kognitive Anstrengung als die Akzeptanz einer Auskunft. Solcherart kognitiv faule Menschen nun sind mir vollkommen fremd. Viel fremder als jene Flüchtlinge, die tatsächlich als Schutzsuchende kommen und sich hier integrieren wollen. Nicht Armut versus Reichtum, sondern Lüge versus Ehrlichkeit ist das Spannungsfeld, das vorrangig bearbeitet gehört. Erst dann kann man auf anderen Ebenen effektive Ergebnisse erzielen.      


25.1.2016

Dringend benötigt: Eine gute Nachricht, irgendeine

 

Für heute Abend will ich mich zufrieden geben mit der erstbesten guten Nachricht, die mir über den Weg lief: Mark Ruffalo - er spielte den "Hulk" - hat in New York Handy und Geldbeutel verloren. Kaum eine Suchmeldung getwittert und schon meldeten sich zwei kleine Mädels mit ihrem entsprechenden Fund. Sie bekamen 100 Dollar für ihre Ehrlichkeit und einen gemeinsamen Hulk-Schnappschuss. Vielleicht wird ja doch noch alles gut...  


17.1.2016

Schachnovelle: Immer diese Geisterjäger

 

Einfach großartig, die Schachnovelle von Stefan Zweig und ihre Verfilmung mit Curd Jürgens, die gestern auf bibel.TV lief. Der Film ist hier vollständig eingestellt.

 

Es ist ein Plädoyer für Standhaftigkeit und den unbesiegbaren unabhängigen Geist. "Eine ganz sichere Methode" den Widerstand von Intellektuellen zu brechen, die sich nicht in miese Machenschaften hineinziehen lassen wollen, sei es, ihnen die "geistige Stimulanz" zu entziehen; meinte der karrierefetischistische Nazischerge. Er hatte Unrecht. Dass der in Isolierungshaft gesteckte Widerstandskämpfer zwischenzeitlich verrückt wurde, schmälert seinen Erfolg aus meiner Sicht nicht. Und wäre es nicht dieses Schachbuch gewesen, das der Eingesperrte kurzzeitig einheimsen konnte und ihm ermöglichte, dieses geniale Spiel bis zur Perfektion zu trainieren, dann hätte der kreative Geist einen anderen Weg der Entfaltung gefunden. Da bin ich mir ganz sicher. Und mindestens weil heute Sonntag ist, bin ich dankbar für das Potenzial, das uns Menschen mitgegeben wurde.  


 6.1.2016

2016: Ein klarer Blick ist ein klarer Blick

 

„Weshalb heißen besorgte Bürger nicht einfach Mischpoke, Pack, Spinner, Rechtspopulisten oder Pöbel“, dachten die Leute im Scheinwerferlicht und lächelten stolz über ihren Einfall. Also sagten sie von da an zu den besorgten Bürgern wahlweise Mischpoke, Pack, Spinner, Rechtspopulisten oder Pöbel, machten ihre Hassbotschaften überall bekannt und hofften, dass die besorgten Bürger dann keine Sorgen mehr aussprechen. Und weil das recht gut funktionierte, benannten sie bald auch andere Wörter um. 

 

So beschloss man, unbequeme Sachinformationen künftig rassistische Hetze zu nennen. Zur Kulturpflege sagten sie Nationalismus und zur Empörung künftig Hass. Aufklärung nannten sie Verschwörungstheorie und aus dem Wort interessant wurde das Wort krude, während lustig nun anstelle von niveaulos stand. Die Vereinsvetterleswirtschaft hieß jetzt Kampf gegen Rechts. Aus konservativ wurde rechtsextrem, aus linksextrem wurde autonom, aus der Heuchelei der Anstand und aus der Autokratie die Demokratie. Zwangsmoral bezeichneten sie als Freiheit, das Diktat als Debatte, die Ausrede als Verantwortung und die Agitation als Journalismus. Wer etwas auf den Punkt brachte der spaltete jetzt, wer tatsächlich spaltete war mutig, während Mutige als verantwortungslos galten. 

 

Sie übten viele Tage sich die neuen Bezeichnungen einzuprägen und sie überall zu verbreiten. Ihre neue Sprache hegten und pflegten sie. Manch einer träumte gar schon in ihr. Jenen wurde sie wie eine zweite Haut, ohne die sie kaum noch atmen konnten. 

 

Die unbesorgten Bürger indessen wollten von den Leuten im Scheinwerferlicht alles annehmen, weil sie sich damit im Schein der Anständigen wähnten. Daher nahmen sie auch die neue Sprachregelung für die besorgten Bürger an und setzten sich eine rosafarbene Brille auf, damit ein klarer Blick die Harmonie nicht störe. 

 

Da trug es sich aber zu, dass die Realität gewaltig einschlug. Die rosafarbenen Brillen beschlugen sich dadurch hartnäckig. Manche ließen ihre Brille trotzdem weiterhin auf und waren fortan fast blind. Doch es gab auch welche, die sie absetzten und den klaren Blick riskierten. Jene werden erkennen und eines Tages vielleicht auch kämpfen, für eine möglichst gewaltfreie Welt…

 

Der Beitrag entstand nach Anregung von Peter Bichsel’s „Ein Tisch ist ein Tisch“.