23.12.2016

Der neue Kultur-Kolonialismus

 

Imad Karim, libanesisch-deutscher Regisseur und Gewinner des ARD-CIVIS-Preises für Integration, spricht im Cicero über die „neue Form des Kulturkolonialismus  –  arrogant, ignorant, fahrlässig und keinesfalls human“. Karim hat nichts gegen Political Correctness, „aber wenn daraus eine ideologisierte Scheinwelt entsteht, der wir uns unterordnen müssen und der wir nicht mit den Mitteln der Empirie entgegnen können und dürfen, dann sprechen wir hier von einer Gesinnungsethik, die zur Katastrophe führen würde“. Die Dinge dürften nicht mehr beim Namen genannt werden. „Wenn wir in unserer freiheitlichen Grundordnung kriminelle Migranten nicht als kriminell bezeichnen dürfen, weil sie Migranten sind, dann hat das mit Toleranz nichts zu tun, sondern mit einer neuen Art von Rassismus, einem Privilegien-Rassismus.“ Es werde zudem suggeriert, „Hitler stehe kurz vor der Auferstehung. Das ist mehr als absurd. Unsere Eliten warnen uns vor den Rechtsradikalen, die sie anscheinend in 70 Jahren noch nicht integrieren konnten, aber gleichzeitig sind sie sicher, Millionen Menschen, die aus dem Islam mit seinen mittelalterlichen Vorstellungen kommen, integrieren zu können. Dazu sage ich, jedes Unrecht beginnt mit einer Lüge.“ 


2.9.2016

Erwünschte kulturelle Dominanz

 

In der Rückschau zur gestrigen Illner zum Thema „Fremd in der neuen Heimat – wer gehört zu Deutschland?“ gilt mein Kompliment der Autorin Güner Yasemin Balcı. Sie war ein gelungenes Beispiel dafür, wie es geht eine eigene Meinung zu vertreten, ohne einer der bekannten Gruppierungen nach dem Mund zu reden. Zum Vorwurf der „kulturellen Dominanz“ seitens ihrer Sitznachbarin, die mit ihrem Schal um den Kopf so wirkte, als habe sie gerade eine schwere Mandelentzündung auszukurieren, bleibt nur anzumerken: Ja, gerne mehr davon. Die Sendung kann hier nochmal angeschaut werden.


6.6.2016

Identität: Prämisse für politische Lösung

 

Das ist bemerkenswert: Nach dem zweitägigen Diskurs über den Schutz des syrischen Kulturerbes in Berlin sagt die Staatsministerin Maria Böhmer dem Tagesspiegel: „Drittens aber müssen wir – wie mit der Berliner Konferenz – die kulturelle Identität der Menschen in Syrien stärken und damit das Fundament für einen territorial einheitlichen Staat Syrien...Die syrische Bevölkerung braucht Signale, dass die gemeinsame Kultur identitätsstiftend wirkt. Diese syrische Identität ist auch Voraussetzung für eine politische Lösung.“ Man ersetze  die Wörter Syrien und syrische mit einem x-beliebigen Land aus der Europäischen Union…

und nehme derweil schon mal beide Beine in die Hand.  


21.5.2016

Welttag für kulturelle Entwicklung

 

Die Vereinten Nationen erklärten im Dezember 2002 den 21. Mai zum Welttag der kulturellen Vielfalt für Dialog und Entwicklung. In der entsprechenden Resolution (A/RES/57/249) heißt es unter anderem: Die Generalversammlung bittet die Mitgliedstaaten, „das Aktionsprogramm über eine Kultur des Friedens umzusetzen“ und „anzuerkennen, wie wichtig es ist, das kulturelle Erbe zu erhalten und weiterzuentwickeln“. Die Erklärung über eine Kultur des Friedens (Resolution 53/243) formuliert in Artikel 1 das Erfordernis der „Beendigung der Gewalt“ und der Achtung der „Souveränität, der territorialen Unversehrtheit und der politischen Unabhängigkeit der Staaten“ im Einklang mit dem Völkerrecht sowie „Anstrengungen zur Befriedigung der Bedürfnisse der heutigen und der kommenden Generationen“. Man möge einmal das teils kulturlose Verhalten amtierender Verantwortlicher und ihrer sattsam gepäppelten, aggressiv bis gewalttätig vorgehenden „antifaschistischen“ Szene an den genannten Ansprüchen messen. Angestrebt scheint ja eher eine Auflösung der Kulturen zu sein, zumindest derjenigen in Europa. Warum eigentlich?


19.3.2016

Zerstörungswahnsinn

 

Kürzlich lief auf arte „Verlorene Welten – Zerstörtes Kulturerbe im Orient“. Die Vernichtung der Kulturgüter durch Islamisten schreitet „mit atemberaubender Geschwindigkeit“ voran, heißt es darin. Der Vordere Orient ist ein „Meilenstein der Weltgeschichte“ und die „Wiege der Kultur“. Die Erfindung der Schrift ist dort ebenso zu verorten wie die (über Abraham) gemeinsame Wurzel der Weltreligionen. Im „fruchtbaren Halbmond“ Anatoliens finden sich bis zu 12.000 Jahre alte Tempel. Die Zerstörung sei „beispiellos in der Radikalität“. Ein Archäologe: „Es ist das Schlimmste, was ich in meinem Beruf je erlebt habe.“ Es steht zu befürchten, dass weitere Teile dieses Weltkulturerbes für immer verloren gehen.

 

Die Reportage ist noch bis zum 14. April in der Mediathek von arte zu sehen.


16.3.2016

Zahlenhopping: Wie Dunkeldeutschland produziert wird

 

Im Portal der Stadt Kassel findet sich gerade eine Ankündigung für „Mutters Courage“ im Schauspielhaus. Wer nun meint, es erwartet ihn eine Einladung, die Lust macht dorthin zu gehen, hat wohl für einen Moment die keulenschwingende Pädagogik hiesiger Meinungs- und Kulturschaffender vergessen. Im Ausschreibungstext heißt es: „Unzählige Male ist es seitdem aufgeführt worden und gehört zum festen Bestand einer ‚oral history‘ – natürlich nur für diejenigen unter uns, die glauben, dass man Geschichte nicht mal so eben ‚hinter sich lassen‘ kann (was laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung vom Januar 2015 81% der Deutschen in Bezug auf den Holocaust gerne täten).“ Ob auch den restlichen 19 Prozent durch diese völlig deplatzierte Die-miesen-Deutschen-Einlassung die Lust aufs Schauspielhaus vergeht, sei dahin gestellt. Interessieren soll an dieser Stelle, ob die Aussage so überhaupt stimmt – der deutsche Leser hat ja so seine Erfahrungen.

 

Die kolportierte Aussage bezieht sich auf eine Studie der Bertelsmann-Stiftung mit dem Titel „Deutschland und Israel heute“ vom Januar 2015 und die 81 Prozent auf die Abbildung 7 auf Seite 24. Gefragt wurde nach der Zustimmung zur Aussage: „Wir sollten uns lieber gegenwärtigen Problemen widmen als den Verbrechen an den Juden, die mehr als 60 Jahre zurückliegen.“ In der Erläuterung heißt es: „Insgesamt 81 Prozent der deutschen Befragten möchten in dieser Hinsicht die Geschichte des Holocausts hinter sich lassen, wobei der Anteil derjenigen, die diesem Anliegen ‚völlig‘ zustimmen, bei 37 Prozent liegt.“ Was nicht weiter erläutert wird: Weitere 23 Prozent von den 81 Prozent gaben eine sehr abgeschwächte Zustimmung ab, im Skalenbereich zwischen 0 und knapp über 20. In Israel liegt die Zustimmung zu oben genannter Frage übrigens bei 64 Prozent (völlige Zustimmung: 27 Prozent). Die Bertelsmann-Stiftung ist diesbezüglich auf Seite 27 sichtlich um spekulative Erklärungen für dieses Ergebnis bemüht.

 

Für die objektive Interpretation des Umfrageergebnisses unentbehrlich ist die Altersspanne der Befragten. Dazu steht auf Seite 25: „Die Umfrageergebnisse zeigen für Deutschland einen deutlichen Zusammenhang mit dem Alter der Befragten, der 2007 noch nicht festzustellen war: 67 Prozent der jüngeren Befragten unter 40 Jahren, aber nur 51 Prozent der älteren sprechen sich für einen Schlussstrich aus. Ein Großteil der nach 1970 Geborenen, deren Eltern in der Regel keine direkte Verbindung mehr zu den Verbrechen des Naziregimes haben, trägt diesen Ruf nach einem Schlussstrich mit. Dabei scheint eine Korrelation zwischen wachsender historischer Distanz und dem Wunsch nach Ausbildung einer positiveren, zukunftsorientierten nationalen Identität zu bestehen.“ Eine unspektakuläre Erklärung also, aus der man jedenfalls keine weiteren Millionen Steuergelder für Antinaziinitiativen rechtfertigen könnte.

 

Was ein Jammer, wäre da nicht der Einfallsreichtum der Süddeutschen Zeitung: Man dramatisiere mit dem Titel „Die Schlussstrich-Befürworter“ und hüpfe behände zwischen den Abbildungen der Ergebnisse unterschiedlicher Fragestellungen hin und her, suche sich dann alsbald hier eine Zahl heraus und stelle sie einer anderen aus einer ganz anderen Abbildung gegenüber, Hauptsache es gefällt – nicht der Sachlichkeit oder womöglich dem Leser, sondern der Absicht des Redakteurs. Im Artikel heißt es sodann: „81 Prozent der Deutschen möchten die Geschichte der Judenverfolgung ‚hinter sich lassen‘, sagt nun eine Studie der Stiftung. 58 Prozent möchten definitiv einen ‚Schlussstrich‘ ziehen.“ Und bezüglich Israel: „Dort wollen nur 22 Prozent mit der Vergangenheit abschließen.“ Wie nun das, geht doch aus der Studie zur Abbildung 7, welche die 81 Prozent repräsentiert, eindeutig hervor, dass die völlige Zustimmung zu diesem Schlussstrichanliegen bei den Deutschen nur bei 37 Prozent und bei den Israelis bei 27 Prozent liegt? 

 

Die Antwort findet sich in Abbildung 8 auf Seite 25. Abbildung 8 präsentiert die Ergebnisse auf folgende Frage: „Heute, beinahe 70 Jahre nach Kriegsende, sollten wir nicht mehr so viel über die Judenverfolgung reden, sondern endlich einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen. Halten Sie diese Aussage für richtig oder falsch?“ Die Konnotation liegt hier nicht, wie bei Abbildung 7, auf den gegenwärtigen Problemen als Gegenüberstellung. Die Zustimmung bei den Deutschen zur Schlussstrichfrage bei Abbildung 8 ist stetig gesunken. Die von der Süddeutschen herausgepickte Zahl von 58 Prozent ist die Zustimmung zur Frage in Abbildung 8 im Jahr 2007. Sechs Jahre später, 2013, lag sie nur noch bei 55 Prozent. Und die herausgepickte Zahl von „nur 22 Prozent“ Zustimmung aus Israel ist jene aus Abbildung 8 aus dem Jahr 2013. Im Jahr 2007 lag sie noch bei 24 Prozent.

 

Die implizite Aufforderung an 81 Prozent Dunkeldeutsche, sie mögen zuhause bleiben und sich schämen, ist also nicht wirklich begründet. Wie dem auch sei: Für sie gibt es eine Alternative am Ostersonntag. Das Kölner Schauspielhaus bietet William Shakespeare: „Wie es euch gefällt.“ Im Ausschreibungstext heißt es: Auch Rosalinde wird verbannt und „landet im Ardennerwald, wo es langsam richtig voll wird“. 


20.2.2016

Kulturaustausch von Mehrheiten unerwünscht?

 

Immer wieder, wenn die üblichen Meinungsapologeten verbal aufrüsten gegenüber allem, was auch nur annähernd nationalen Charakter haben könnte, fällt mir meine Diplomarbeit ein. Das mag zuerst verwundern, denn ich schrieb über die Situation gehörloser Menschen. Der Kontext erschließt sich, wenn man die Sache aus dem Blickwinkel der Identitätsfindung betrachtet. Ein beträchtlicher Teil meiner Arbeit handelt vom Streit über die Erziehung gehörloser Kinder ausschließlich über Lautsprache oder unter Einbeziehung der Gebärden-sprache. Die Fronten waren noch bis Ende des letzten Jahrhunderts verschärft. Noch früher war die Gebärdensprache vollständig verpönt: Lehrer ließen sogar kleine Löcher in die Wände bohren, um zu kontrollieren, ob Schüler in den Pausen heimlich gebärden. 

 

Das wichtigste Buch für die Erstellung meiner Arbeit stammt übrigens von dem (hörenden) Gehörlosenpädagogen Harlan Lane: Mit der Seele hören. Es beschreibt wesentliche Etappen der Weltgeschichte aus einer völlig anderen Perspektive; dem Umgang mit Gehörlosen, der eine nicht unwesentliche Rolle in den Landespolitiken zeitigte. Selten habe ich ein derart aufwändig recherchiertes und spannendes Buch gelesen. Lane rekonstruierte (in diesem und in einem anderen Buch) zum Beispiel auch detailliert die Vorgänge um den Wolfsjungen von Aveyron, den man zuerst in eine Taubstummenanstalt steckte. Allein schon diese Details, welche philosophischen Debatten daraufhin in der Gesellschaft aufkamen und welche Leute Profit aus dem Wolfsjungen schlugen, sind ein literarisches Highlight.

 

Zurück zur Identitätsfindung: Heute ist allgemein anerkannt, dass gehörlose Kinder vor allem auf Basis einer Muttersprache, hier: die Gebärdensprache, grammatikalisches Verständnis entwickeln und darauf aufbauend auch die Lautsprache besser lernen, um mit Hörenden in kommunikativen Austausch zu treten und ihre Identität zu entwickeln. Anders gesagt: Auf Basis des Eigenen, in dem man ein Fundament hat und sich zuhause fühlen kann, wird auch Fremdes besser verstanden und angenommen. Das ist nichts weiter als ein normaler menschlicher Vorgang, der Austausch erst ermöglicht.

 

Ähnlich verhält es sich mit unterschiedlichen Kulturen. Warum sich nun manche Meinungsapologeten echauffieren über die Pflege eigener, traditioneller Kulturen, würde meinerseits nur dann verstanden, wenn sich dies auf kulturelle Praktiken bezöge, die mit menschenrechtlichen Vorgaben absolut unvereinbar sind; etwa Beschneidung von Frauen oder Zwangsverheiratung minderjähriger Mädchen. Das Seltsame an der gängigen Agitation ist, dass sich die Empörung weniger auf diese menschenrechtsnegierende Kulturpflege konzentriert, als vielmehr auf traditionelle Rückbesinnung in europäischen Staaten: zum Beispiel in Polen, das bislang als Musterbeispiel der europäischen Integration galt, aber seit der letzten Wahl ganz vorne als EU-Buhmann rangiert. 

 

Heute Nachmittag lief dazu die Sendung „Yourope“ auf arte. Interviewt wurden fairerweise auch konservativ eingestellte Bürger, denen ihre polnische Identität wichtig ist. Think Tanks plädieren dort für einen „modernen Patriotismus“, der den Bürgern die eigene Geschichte näher bringt und auch Lust machen soll, sich ehrenamtlich für das Land zu engagieren. Am Ende der Sendung hieß es interessanterweise: Polen, ein Land der Gegensätze; Tradition gegen Moderne, Weltoffenheit gegen Abschottung. Meinem Sprachgebrauch zufolge nennt sich das gelebte Vielfalt. Die Hoffnung mag berechtigt sein, dass dies dort auch zukünftig so bleibt. Der beste Garant dafür wäre ein gutes Vielfaltmanagement, das den verschiedenen Gruppen ausreichend Raum für Entfaltung lässt.  

             

Etlichen Meinungsapologeten contra traditionelle Kulturpflege in EU-Staaten scheint es aber nicht um Austausch innerhalb der Vielfalt zu gehen, sondern um pflegeleichten Opportunismus. Wären sie im Übrigen konsequent, dann müssten sie auch auf die Gehörlosenkultur und das gesamte EU-Programm des Minderheitenschutzes, wie es etwa für die Sorben aufgelegt wurde, eindreschen. Offenbar jedoch haben in hiesigen Gefilden Minderheitenkulturen immer Recht mit allem, solange sie in der Minderheit sind. Die Bürger eines Landes der Europäischen Union sollten von daher gesehen nicht allzu pessimistisch sein mit einem eventuellen Ausblick darauf, eines Tages die Minderheit im eigenen Land zu sein. Sollten sie dann in den Genuss des EU-Minderheitenschutzes gelangen, stehen ihnen vielfältige Rechte zu; zum Beispiel „traditionelle Ortsnamen, Straßennamen und andere für die Öffentlichkeit bestimmte topographische Hinweise auch in der Minderheitensprache anzubringen, wenn dafür ausreichende Nachfrage besteht.“  

 

Für Interessierte: Gebündelte Info zur Gehörlosengeschichte und zur Gebärdensprache