4.10.2016

Intellektuelle: Igittigitt

 

Der Grabenkampf zwischen Nutznießern der Flüchtlingsindustrie und Befürwortern einer geordneten wie rechtskonformen Einwanderungspolitik erweitert sich um ein neues Spektakel. Die seit kurzem wegen Morddrohungen beurlaubte Lehrerin für Islamkunde Lamya Kaddor veröffentlicht ein Buch, in dem sie, bezogen auf die Einwanderung, von einer „Bringschuld der Deutschen“ schreibt und damit Öl ins Feuer der ohnehin schon aufgeheizten gesellschaftlichen Stimmung gießt. Unabhängige und daher überwiegend im Netz agierende Journalisten kritisieren sie – unter anderem auf Achgut.com – und hinterfragen Qualifikation wie Legitimation ihres Auftretens. Die Gescholtene wiederum, die sich auf eine gedrillte Lobby in Politik und Medien verlassen darf, schießt zurück: unter anderem in der „Zeit“ und bei einer offenkundig parteiischen Anne Will letzten Sonntag; Moderation als neutrale Vermittlung ist ausrangiert. 

 

In der „Zeit“ titelt Kaddor in ihrem Beitrag: „Der Hass der Deutschomanen – Konservative Intellektuelle wie Henryk M. Broder verstecken sich hinter einer bürgerlichen Fassade. Doch sie tragen eine Mitschuld an Morddrohungen im Netz.“ Und weiter unten: „Rassismus, Rechtsradikalismus, Deutschomanie – es wird Zeit, über Verantwortung von Intellektuellen in diesem Land zu reden, die sich seit Jahren hinter bürgerlichen Fassaden verstecken und auf Meinungsfreiheit verweisen.“ Die Autorin warnt davor, dass auf eine Veröffentlichung von Worten auch Taten folgen. Im selben Schriftzug provoziert sie eine Hatz auf eine weitere Personengruppe: die Intellektuellen.

 

Geschichtsbewussten Leuten wird der Hass auf Intellektuelle bei Lenin bis Hitler in Erinnerung sein. „August Bebel empfahl 1903 auf dem Dresdner SPD-Parteitag, sich jeden Beitrittswilligen genau anzuschauen, ‚aber wenn es ein Akademiker ist oder ein Intellektueller, dann seht ihn Euch doppelt und dreifach an‘ (Stürmischer Beifall)“, dokumentierte Dietz Bering für die Bundeszentrale für politische Bildung. 

 

Lenin meinte: „Die [!] Intellektuellen müssen immer mit eiserner Faust angepackt werden“ und linksradikale Blätter stießen ins selbe Horn: „Der Intellektuellen gewaltig großer Zahl / erwehrt euch täglich, stündlich: An den Laternenpfahl! / Laß baumeln sie und hängen lang, / Laß tönen laut und froh den Sang: / Hinweg, ihr Bourgeoisknechte, ihr Intellektuelln!!“ Dazu Milan Kundera 1979: „Sämtliche Kommunisten, die seinerzeit von anderen Kommunisten aufgehängt worden waren, hatte man mit diesem Schimpfwort belegt.“ Bei den 68ern dann sah Wolfgang Kraushaar „eine tiefsitzende Intellektuellenfeindschaft“: „Behält man aber dieses antiintellektuelle (Sprach-)Bewusstsein der Akteure im Gedächtnis und dazu die vorgeführte Formungsgeschichte des Schimpfworts, so erklärt sich plötzlich scheinbar Widersinniges: die erschreckende Neigung von 68ern zum Antisemitismus.“

 

Und zu Hitlers Auffassung erklärte Bering: „Sämtliche Gegner, die ihm je gefährlich geworden sind, hat er als ‚Intellektuelle‘ anprangern lassen“ – als Instrument, um jede Art von Gegnerschaft nieder zu halten. „Die Marxisten hatten ähnlich wie die Nazis ein Arsenal von Kennwörtern geformt, das jederzeit in Stellung gebracht werden konnte.“ Hans Paeschke formulierte deshalb 1947: „Wir brauchen heute vorerst nicht wiederum eine neue Weltanschauung, eine neue Literatur oder Malerei, wir brauchen ein neues Vokabular. Es geht um die Richtigstellung der Bezeichnungen.“ 

 

Was als inhaltliche Aufarbeitung der Nazizeit umgesetzt werden wollte, blockierten sogenannte Sprachkritiker: „Auslöschung der Nazi-verseuchten Begriffe stand auf dem Programm, keineswegs ihre Neudeutung und Rückeroberung. Also kam auch ‚intellektuell‘ auf den Index.“ Nach dieser „untauglichen ‚Bewältigung‘ der Nazi-Zeit“ griff erst mal kaum noch jemand zum altbewährten Schimpfwort. „Das wäre sicher inopportun gewesen, wenn man ja gerade den Vorwurf abwehren will, die alten Nazi-Zeiten feierten Urständ.“ 

 

Ihren kurzen Machthöhepunkt hatten die Intellektuellen laut Bering im Deutschen Herbst. Sie hatten großen Anteil daran, „dass die inzwischen gekräftigte Demokratie in ihrer gefährlichsten Krise nicht nach rechts abrutschte“. Soweit zum Hintergrund dieses Wortes. Berings favorisierte Eingangsfrage ist übrigens folgende: „Wer soll bei uns aus welchen Gründen zu welchen Zwecken ‚Intellektueller‘ genannt werden?“


9.7.2016

Das Schnarchen braver Bürger

 

„…Ideen liegen mir vollständig fern, und den Kopf will ich mir unter keinen Umständen zerbrechen, ich überlasse das leitenden Staatsmännern. Dafür bin ich ja ein guter Bürger, damit ich Ruhe habe, damit ich den Kopf nicht anzustrengen brauche, damit mir Ideen völlig fern liegen und damit ich mich vor zu vielem Denken ängstlich fürchten darf…“, Basta: Eine kurze und aussagekräftige Wochenendlektüre von Robert Walser.


23.6.2016

Politisierung der Gefühle

 

Sachlichkeit ist out. Was in ist, erklärt zum Beispiel „trendquest“, ein führendes „Strategie-Think Tank für Zukunftsforschung und Behavioral Economics in Deutschland“. Das Unternehmen für „Sozio-ökonomische Trendforschung“ bietet strategische Beratung für Zukunftsfragen und Wirtschaftsentwicklung. Das Motto: „Emotion Sells!“ und das am besten über die soziale Schiene: „Social Emotion im Trend!“ Der Leitspruch: „Wie man mit Emotionen besser ankommt als mit rationalen Argumenten.“ Ganz unverblümt stellt trendquest fest: Auch Politiker und Aktivisten argumentieren zunehmend weniger sachlich. Sie erreichten zunehmend „mehr Politik-Punkte unter Nutzung starker Gefühls-und Drama-Taktiken“. Ob das stimmt, darf angesichts des Klärungsbedarfs in der Bevölkerung im Rahmen der aktuellen Herausforderungen bezweifelt werden. 

 

Interessant an der Sache ist, der dahinter stehenden Absicht auf die Spur zu kommen. Behavioral Economics bedeutet Verhaltensökonomik und wird in einem FAZ-Artikel wohlwollend als „menschlich gewordene“ Volkswirtschaft erklärt. Kritisch hingegen widmet sich Heise der „hochgepushten Verhaltensökonomie“ und zieht direkten Vergleich zum Behaviorismus aus der Psychologie, der sich in seiner Theorie nicht auf kognitive und emotionale Prozesse (Black Box), sondern vornehmlich auf die Reiz-Reaktionskette konzentriert und die Konditionierbarkeit menschlichen Verhaltens zu begründen versucht. Den Zusammenhang von Behavioral Economics und dem psychologischen Behaviorismus stellen allerdings andere Autoren empört in Abrede: die Verhaltensökonomie widme sich gerade der Black Box. Das ist verwirrend. Nicht weniger verwirrend wäre ein Trend, der Emotionen ihrem Wesensgehalt enthebt und die übrig gebliebenen Worthülsen für die Reiz-Reaktionskette funktionalisiert. Die Menschen könnten dann glauben, sie seien voller Social Emotion, obwohl sie keinerlei Gefühl erleben, sondern nur konditionierte Reiz-Reaktionsmuster abspielen.  

  

Es wäre in diesem Fall schon ratsam sich darum zu bemühen, wieder auf den Boden der eigenen Gefühle zu kommen. Es lohnte sich nicht nur der Lebensintensität wegen. Die innere Achtsamkeit ist notwendig, um eigenständig – also ohne Zuhilfenahme banaler Erläuterungen von hergelaufenen Medienleuten – feststellen zu können, wem man vertrauen will und wem nicht; warum Angst auch schon mal ein guter Ratgeber ist; wo der viel beschworene „Hass“ in der Gesellschaft tatsächlich auftritt und dass die Politisierung der Gefühle letztendlich ein inhumaner Trend, jedenfalls aber kein lukratives Geschäft ist – weil die durch „Emotion Sells“ erkaufte Zuneigung nicht auf Überzeugung, sondern auf Gedankenlosigkeit beruht und deshalb nichts wert ist. 


11.4.2016

Gepflegte elitäre Widersprüche

 

Das gilt es festzuhalten, insbesondere auch deshalb, weil die inzwischen üblich gewordenen Diskriminierungen medien- und politikkritischer Bürger seitens des Bundespräsidenten (da herrsche „Freude an der Dummheit“) diese ungewohnt klaren Aussagen vernebeln könnten. Es geht um eine Podiumsdiskussion im Schloss Bellevue anlässlich des Forums „Flüchtlinge in Deutschland: Integration ermöglichen - Zusammenarbeit stärken“, die Phoenix gestern ausstrahlte. Interessant war die Diskussion einerseits aufgrund der unverblümten Selbstkritik von Giovanni di Lorenzo: Journalisten hätten sich im Rahmen der Flüchtlingspolitik auf nüchterne Berichterstattung beschränken sollen, anstatt diese mitgestalten zu wollen. Objektiv beschreiben was Sache ist, erinnerte der Zeit-Chefredakteur an das eigentliche Handwerk des Journalismus. Und sinngemäß: Man dürfe den Leuten schon zutrauen, dass sie mit Fakten umgehen können; die Mehrheit sei jedenfalls nicht ausländerfeindlich. 

 

Erfrischend offen und ehrlich beteiligte sich auch der Sozialphilosoph Hans Joas, (noch) Honorarprofessor an der Berlinere Humboldt-Universität. Ein paar Schmankerl: Wer sich für Menschenrechte einsetzt, muss nicht gegen nationale Grenzen sein. Zur Süddeutschen Zeitung: diese sei unter Heribert Prantl zum Kampagnenblatt verkommen, bei dem man schon im Vorhinein weiß, bei welchem Thema man wie indoktriniert werden soll. Sinngemäß zur Evangelischen Kirche in Deutschland: Es sei unseriös, direkt aus dem Evangelium Argumente für die Flüchtlingspolitik abzuleiten. Und überhaupt: Allein heute habe er schon dreimal die Frage gehört: Darf man hier offen sagen, was man denkt? Warum nur die Leute auf diese Idee kommen, stellte der kritische Professor in den Raum.  

 

Der Bundespräsident beschloss die Podiumsdiskussion – in völligem Widerspruch zu seinen nur kurz zuvor ausgeführten Attacken gegen politik- und medienverdrossene Bürger – mit dem Appell, sich gegenseitig zu achten und die Menschenwürde zu respektieren. Na dann: möge man im Schloss Bellevue damit beginnen.