12.7.2017

Gesundheit ohne Ernsthaftigkeit

 

Auf der Tagesordnung der G20 stand auch das Thema, wie im Rahmen der Globalisierung die Ausbreitung schwerer übertragbarer Erkrankungen verhindert werden kann. Beim Gesundheitsministerium steht dazu Folgendes: „Die Ergebnisse des G20-Gipfels unter deutscher Präsidentschaft sind ein Meilenstein zur Stärkung der globalen Gesundheit…Damit unterstreicht Deutschland unter Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel einmal mehr, dass die globale Gesundheitspolitik zu einem Markenzeichen der internationalen Verantwortung unseres Landes geworden ist.“ Wie diese Verantwortung hierzulande gelebt wird, beschreibt Rosenheim24: „Bisher wurden Migranten in separaten Räumen der Bundes-polizeiinspektion einem medizinischen Screening unterzogen. Ziel war es, ansteckende Erkrankungen zu erkennen, bevor sich andere Menschen anstecken konnten. Doch damit ist seit 1. Juli Schluss…Auf Anweisung der Regierung von Oberbayern schloss die Stelle wegen stark gesunkener Flüchtlingszahlen.“ Der Betriebsleiter findet das bedenklich, denn „am 29. Juni haben wir noch einen Fall von offener Tuberkulose bei einem von fünf aufgegriffenen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen festgestellt. Die anderen vier hatten die Krätze.“ Das Prozedere ist jetzt: Die Polizei greift den Migranten auf, führt er-kennungsdienstliche Maßnahmen durch „und schickt ihn dann selbstständig nach München in die Erstaufnahmeeinrichtung“. Was auf der Fahrt dorthin passiert interessiert niemanden. 


26.6.2017

Broschüre zum G20-Gipfel

 

Das Statistische Bundesamt hat eine umfassende Broschüre zum bevorstehenden G20-Gipfel in Hamburg am 7. und 8. Juli ins Netz gestellt. „Die Gruppe der 20 (G20) ist ein informeller Zusammenschluss führender Industrie- und Schwellenländer und ein wichtiges Forum für die internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die G20 ist keine internationale Organisation und verfügt über keinen eigenen Verwaltungsapparat.“ Die Agenda der G20-Präsidentschaft beschreibt die Bundeskanzlerin wie folgt: „Unsere Aufgabe ist, die vernetzte Welt zu gestalten.“ Die Broschüre bietet Statistiken über die G20-Länder unter anderem zu den Themen Migration und Gesundheit. Wie die Ausbreitung schwerer übertragbarer Erkrankungen verhindert werden kann werde in diesem Jahr erstmals durch die G20 diskutiert. Die künftige Relevanz dieses Themas liegt angesichts der Schlamperei in Behörden und aufgrund dieses aktuellen Falles im Bünsdorfer Kindergarten auf der Hand. 

 

Tipp: Wer die Relation zwischen unzureichend kontrollierter Zuwanderung und erhöhter Gesundheitsgefährdung anspricht und daraufhin von verantwortungslosen Denunzianten genötigt wird, sich gegen populistische Rassismusvorwürfe zu wehren, der kann sich auf diese Stellungnahme des Bundesrates (Seite 1 unten „Begründung“) beziehen.


21.2.2017

Er hat „Tuberkulose“ gesagt

 

Der „rassistische Erreger“ hat wieder zugeschlagen. Diesmal ist es der Bundesrat. Die folgende Gegenüberstellung ist ein Lehrstück über ideologisch motivierte Propaganda mit Suchtcharakter bis hin zu Fake-News und über gnadenlose Verantwortungslosigkeit.

 

Die Huffingtonpost im Dezember 2015:

 

„Oft hört man während der Flüchtlingskrise eine Sorge: Die Migranten könnten in Deutschland fast unbekannte Krankheiten wie Krätze oder Tuberkulose und resistente Keime einschleppen und allgemein zu einer großen Belastung für das Gesundheitssystem werden. Doch diese Befürchtungen sind offenbar völlig unbegründet.“ Der Bundesärztepräsident Frank-Ulrich Montgomery hält Sorgen vor einer Überforderung des Gesundheitssystems durch Flüchtlinge für falsch: „Wir schaffen das“, meint er. „Die Flüchtlinge seien nämlich viel gesünder als die Deutschen. ‚Sie schleppen keine Infektionskrankheiten ein, und es kommen auch keine chronisch Kranken.‘ Die Gesundheitskosten eines Asylbewerbers seien 600 Euro niedriger als bei einem Deutschen.“

Siehe zum Vergleich hier oder dort. Die Lage in den Kommunen ist aber unterschiedlich.  

 

Die Süddeutsche Zeitung im Januar 2016:

 

„Schleppen die Flüchtlinge massenhaft Krankheiten ein? Fachleute verneinen. Das Problem liegt in Deutschland.“ Gleich zu Anfang könne man Entwarnung geben. „Die Sorgen sind unbegründet.“ Der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler: „Es gibt Ängste, dass Flüchtlinge aus anderen Kulturkreisen Krankheiten mitbringen, besonders Infektionskrankheiten. Das ist aber nicht der Fall. Von Flüchtlingen geht keine Gesundheitsgefahr aus, das wissen wir inzwischen aus validen Daten.“ Propagandisten am rechten Rand machten sich die Angst vor gefährlichen Krankheiten, die „angeblich nach Deutschland eingeschleppt“ werden, zunutze. 

 

Und nun der Bundesrat im Februar 2017:

 

Der Bundesrat hat die Bundesregierung dazu aufgefordert, Vorschläge für eine bundesweit einheitliche verpflichtende Gesundheitsuntersuchung zu machen. Begründung: „Der vermehrte Zuzug von Personen aus Hochprävalenzländern für Infektionskrankheiten (zum Beispiel Tuberkulose, Hepatitis B) bedeutet eine Herausforderung für die Infektionshygiene in ganz Deutschland und könnte eine Infektionsgefährdung für die einheimische Bevölkerung darstellen. Die Meldezahlen nach Infektionsschutzgesetz sowie die Befunde der Gesundheitsuntersuchung nach § 62 Asylgesetz zeigen, dass eine nicht unerhebliche Anzahl von Asylsuchenden an Infektionskrankheiten (zum Beispiel Tuberkulose) leidet und einer medizinischen Behandlung bedarf. Familienangehörige von anerkannten Asylbewerbern und Flüchtlingen, aber auch andere Einreisende aus Hochprävalenzländern haben ein entsprechendes Risiko, unterliegen aber keiner gesetzlichen Untersuchungspflicht. Eine Gefährdung der einheimischen Bevölkerung vor Infektionskrankheiten könnte durch ein verpflichtendes ärztliches Zeugnis zum Ausschluss einer Infektionskrankheit unmittelbar nach der Einreise nach Deutschland deutlich reduziert werden.“

 

Nachtrag: Gesundheit als politischer Spielball: Die Antibiotikaversorgung in Deutschland hängt am Tropf Chinas. Angesichts der geopolitischen Spannungen solle man sicher stellen, dass der Erste-Hilfe-Koffer im Ernstfall in Europa steht. Quelle: Thüringen24 

 

Nachtrag vom 18.3.: In Bonn ist eine infizierte Betreuerin an Tuberkulose gestorben. Außerdem: Beim RKI sieht man inzwischen "einen Zusammenhang mit der aktuellen Zuwanderung". Eine direkt nachgelieferte rhetorische Verballhornung darf natürlich nicht fehlen: "Migration ist aber nicht die Ursache von Tuberkulose, das Bakterium ist es." 

 

Nachtrag vom 20.4.: Antwort der Bundesregierung: "Schätzungen zufolge ist rund ein Drittel der Weltbevölkerung mit Tuberkulose-Erregern infiziert." Für die nächsten fünf Jahre wird in Europa kein zugelassener Impfstoff gegen Tuberkulose erwartet.


5.1.2017

Hochresistenter Keim in Bad Cannstatt

 

Im Krankenhaus Bad Cannstatt ist ein hochresistenter Keim im Umlauf. „Betroffen sind fünf Patienten. Das Bakterium soll Anfang Dezember von einem Patienten eingeschleppt worden sein“, berichtet die Stuttgarter Zeitung. Der Keim heißt „Acinetobacter baumannii“ und konnte sich trotz verschärfter Hygienemaßnahmen verbreiten. Er löst schwere Infektionen, Blutvergiftung oder Lungenentzündung aus. Im Medizinlexikon steht: Infektionen „wurden erstmals bei amerikanischen Soldaten diagnostiziert, die bei Kampfhandlungen im Irak und Afghanistan verletzt worden waren und von März 2003 bis Mai 2004 in einem Militärkrankenhaus in San Antonio behandelt worden waren. Der Keim erhielt dadurch die umgangssprachliche Bezeichnung Iraq bug.“ Der Keim trat im Dezember 2014 auch in der Kieler Uniklinik auf; eingeschleppt durch einen Urlauber, der nach einem Unfall in der Türkei nach Kiel verlegt wurde. In der Folge wurde dort bei 31 Patienten der Acinetobacter baumannii nachgewiesen. „Zwölf der Patienten sind gestorben, bei dreien könnte nach Auskunft der Ärzte der Keim die Ursache gewesen sein“, schreibt die Ärztezeitung. Die Infektionsquoten seien in Osteuropa und Asien besonders hoch. Interessant zum Vorgang in Kiel ist diese Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie. 

 

Nachtrag: Der hoch ansteckende Keim war im Sommer 2016 auch in Ulm virulent. Quelle