19.10.2017

Der gelöschte Gottschalk

 

Nur mal so zur Kenntnis: Am 17. Oktober brachte DWDL die Nachricht, dass „Mensch Gottschalk“ nach nur zwei Ausgaben für RTL nicht weiterproduziert wird; zur Begründung: siehe hier. Die Sendung war eine Art Halbjahresrückblick, in dem über Themen gesprochen wurde, "die das Land bewegen". Zwei Tage vorher, am 15. Oktober, brachte ORF.at diesen Beitrag: „Minister Thomas de Maiziere hatte angeregt, über einen muslimischen Feiertag nachzudenken...“ Unter der Zwischenüberschrift „Thomas Gottschalk twittert zum Thema“ war zu lesen: „TV-Legende und Ex-Ministrant Thomas Gottschalk schrieb auf Twitter zu der Debatte: Muslimischer Feiertag bei uns ist ein guter Einstieg, demnächst Herz-Jesu Freitag in Bagdad und dann Fronleichnamsprozession in Istanbul.“ Das ist – bis dato (Stand: 18.10. um 22.50 Uhr) – allerdings nur noch über den Cache von Google zu sehen, denn der ORF löschte diesen Einschub am 17. Oktober. Den Lesern wird jetzt diese gekürzte Version präsentiert. Screenshots beider Versionen sind erstellt. 

 

Nachtrag: Da der Einschub zu Gottschalk nun auch im Cache fehlt: hier die Screenshots.


18.10.2017

Sauertopfmedien: Reißen Sie die Fenster auf!

 

Tja, was tun mit einem unbestechlichen charmanten Politiker, der sich auf die piefig-anklagenden Spielchen der deutschen GEZ-Medien nicht einlässt? Die Süddeutsche Zeitung, das Sturmgeschütz der Sauertöpfe, verleiht ihrer Übellaunigkeit mit diesem trotzigen Erguss Ausdruck: „Was zeigt uns Polit-Überflieger Sebastian Kurz hier? Selbst Kinder verehren ihn. Was können unsere verschnarchten Politiker von ihm lernen? Einfach heimlich ein paar Tropfen Sekundenkleber auf die Patschhände, dann hält die Umarmung bis auch der letzte Fotograf sein Bild geschossen hat.“ Warum nur freut man sich dort und beim ZDF nicht über einen, der erkennbar politisch arbeiten will und klare Antworten gibt? Was auch immer eine Diagnose zutage fördern würde: Wer sich bis dato noch nicht vom Konsum solcher Ausflüsse lösen kann, sollte wenigstens anschließend dafür sorgen, dass er sich von der Miesepetrigkeit nicht anstecken lässt. Reißen Sie sämtliche Fenster auf, atmen Sie mehrmals tief ein und aus und genießen Sie den frischen Wind. Sollte gerade zufällig Ihr Nachbar auf dem Balkon stehen, dann nicken Sie ihm freundlich zu und erklären Sie ihm ruhig, dass Sie dringend frische Luft brauchen, weil Sie erst die Süddeutsche Zeitung gelesen und dann noch das heute journal gesehen haben. Die Entdeckung neuer Gemeinsamkeiten bis hin zur Gründung einer Selbsthilfegruppe ist nicht ausgeschlossen. Stellen Sie sodann einen bunten Blumenstrauß auf den Tisch: damit setzen Sie ein Zeichen gegen die bösartig motivierte Spaltung in Dunkeldeutschland und Helldeutschland. Gehen Sie ins Internet und informieren Sie sich via der dort bunt gemischten alternativen Nachrichtenportale und Blogs. Freuen Sie sich über die demokratische Meinungsvielfalt. Beteiligen Sie sich gerne, indem Sie Leserkommentare posten. Sie werden mit Interesse gelesen. Versuchen Sie nun, Ihre Aufbruchsstimmung und Ihren klaren Kopf zu bewahren. Für einen eventuellen Lachkollaps beim nächsten Konsum besagter Medien wird allerdings keine Haftung übernommen.    


13.10.2017

„Medienwissenschaftler“ hetzt gegen Kurz

 

Kurz vor der Nationalratswahl in Österreich wird mancherorts gegen das politische Ausnahmetalent Sebastian Kurz gehetzt, der die absurde deutsche Flüchtlingspolitik kritisiert und in Österreich als eventuell künftiger Kanzler sowohl für Augenmaß als auch für einen integeren Politikstil sorgen will. Für die hiesige Bundeskanzlerin und ihre Vasallen wäre Kurz als Kanzler im Nachbarland ein handfestes Problem. Bei der Huffington Post schießt jetzt ein „Medienwissenschaftler“ namens Johannes Schütz gegen ihn.

 

Unter dem Titel „Warum der aktuelle österreichische Außenminister Merkel nicht kritisieren sollte“ meint dieser: „Deutsche Medien sollten seine Statements nicht hinnehmen. Die Entzauberung des Sebastian Kurz wird folgen“, droht der Autor in seiner Aufstachelung zur Medienhatz. Besonders abstrus: Während man sonst in linken Kreisen stets bewundert, wenn sich ein Politiker aus bescheidenen Verhältnissen hocharbeitet, wird genau das dem Kanzlerkandidaten vorgeworfen: Er wuchs im Wiener Arbeiterbezirk Meidling in „klein-bürgerlichen Verhältnissen“ auf, eine der „schlechtesten Wohngegenden der Stadt Wien“, der „über einen starken Anteil an ausländischer Bevölkerung“ verfügt. Kurz besuchte keine Eliteschule, weder das Lycée Français de Vienne noch die Vienna International School. „Präpotent" trete er auf; „seine Bemerkungen basieren nicht auf genauen Überlegungen, sondern bauen auf die Hoffnung, dass sich Erfolg durch ein forsches und freches Auftreten einstellt“. In einem der TV-Duelle kann man sich vom Gegenteil überzeugen.

 

Weiter geht es in der Hatespeech des „Medienwissenschaftlers“: Präpotent sei auch Kurz‘ Kritik über die Flüchtlingspolitik der deutschen Bundeskanzlerin: „Solche Statements von Sebastian Kurz sollten in Deutschland aber nicht hingenommen werden. Das Land, in dem die Frankfurter Schule eines Theodor W. Adorno und Max Horkheimer wirkt, darf den Mut zeigen, kritische Analysen auch entsprechend öffentlich zu machen.“ Man werde noch konstatieren, dass sein öffentliches Image nicht dauerhaft ist. „Die Demaquillage des Sebastian Kurz wird folgen. Unabhängig vom Ausgang der aktuell bevorstehenden Nationalratswahlen in Österreich.“ Ähnlich diskreditierend darf der „Medienwissenschaftler“ durch weitere deutsche Medien die Leser belästigen, etwa beim Freitag. Folgende Forderung des Kanzlerkandidaten sei schlicht dreist: „Mehr Deutsch in Moscheen. Davon bin ich heute noch überzeugt. Wo Deutsch gesprochen wird, wird Deutsch schneller erlernt, das hilft bei der Integration.“ Auch damit würde Österreichs guter Ruf „durch die Politik des Außenministers Sebastian Kurz zertrümmert“. ???

 

The European gibt Schütz ebenfalls entsprechenden Raum. Ein Leserkommentar dazu: „Dümmlicher und durchsichtiger kann man sich ein Pamphlet auf Sebastian Kurz kaum vorstellen und schon der Zeitpunkt verrät die Absicht. Das passt wohl so gar nicht in Ihre Welt, Herr Schütz. Da wird ein blutjunger Mensch zum politischen Heiland, der in einem ärmlichen Stadtviertel mit massivem Migrationshintergrund aufwächst, wo man Meidlinger Dialekt spricht und mit einem palatalen ‚L‘ die Sprache verhunzt, der keine Eliteschulen besucht hat und nicht von Hofschranzen hochgepäppelt wird, der frische, rote Backen hat und die ‚Ästhetik eines Fotomodells‘, der eine ‚freche‘ Sprache spricht statt des politischen Hinterzimmer-Genuschels. Eher müsste man fragen, was für ein Ausnahmetalent dieser Mann ist, der trotz dieser Widrigkeiten zur Hoffnung für Österreich und Europa wurde. Außerdem: Haben Sie sich bezüglich elitärer Schulbildung auch so echauffiert, als der Mann aus Würselen Präsident !!! des Europäischen Parlamentes und Heiland der SPD wurde.“ 

 

Es bliebe zu recherchieren, was den Autor zu dieser abfälligen Aktion antreibt – er war Lehrbeauftragter an der Universität Wien, Vorstand des Zentrums für Medienkompetenz und Projektleiter bei der Konzeption des Wiener Community-TV.


3.10.2017

Die Aggression der Deutungsverlierer

 

Ein Nebeneffekt der Bundestagswahl sind fallende Masken. Entsprechendes war vorgestern bei Anne Will zu beobachten, hier zu sehen ab Minute 42:35. Die FAZ schreibt dazu: Der Journalist der Süddeutschen Zeitung (Heribert Prantl) sprach den Ostdeutschen nicht nur Demokratiefähigkeit ab. „So nannte der Rechtsstaatsexperte die Abschiebepraxis der bayerischen Staatsregierung nach Afghanistan ‚eine Sauerei‘. Das kann er politisch so sehen: Wir sind ein freies Land. Nur ist es eine rechtspolitische Unverschämtheit, wenn sich Prantl dabei auf den Rechtsstaat beruft. Die Gerichte hatten diese Abschiebungen für rechtlich zulässig erklärt, ansonsten wären sie nicht vollzogen worden. Oder will Prantl der Bundesregierung ernsthaft den Vollzug rechtswidriger Handlungen unterstellen?“ 

 

Beim Tagesspiegel hingegen, wo man sich immer öfter auf ähnlich primitivem Niveau wie die Süddeutsche bewegt, folgt diese peinliche Lobhudelei bezüglich des gesinnungsgleichen Journalistenkollegen: „Da platzte Heribert Prantl der Kragen, ein echtes Sturmgeschütz der Demokratie und des Rechtsstaates…Gerechter Zorn, starker Talkshow-Augenblick, weil Prantls emotionaler Ausbruch Söder als sinistren Ego-Shooter entlarvte.“ Was für ein kruder Schmarrn. Den schlechten Verlierern der bisherigen Deutungsmacht ist wohl bestenfalls psychologische Unterstützung zur Seite zu stellen, damit sie das Ergebnis der Bundestagswahl verarbeiten können und die Allgemeinheit nicht weiter mit ihren verzichtbaren Ergüssen belästigen. Helfen könnten ansonsten auch umsichtige Analysen der Wahl wie diese von Roger Köppel oder jene von Johannes Röser.   

 

Leserkommentare zur Causa Anne Will: „Leider verkörpert Heribert Prantl mit seiner spürbaren Aggressivität anschaulich die Entwicklung der deutschen Demokratie hin zu einer exklusiven, eng gesteckten Meinungsgemeinschaft, deren Vertreter sich am liebsten selbst zuhören und abweichende Auffassungen bestrafen möchten.“ Ein anderer nimmt es ironisch: „Mit Ausnahme von Herrn Söder war dies offenbar eine weitere illustre Versammlung verspäteter AfD-Wahlkampfhelfer, wie immer einschließlich der Moderatorin. Die AfD sollte endlich zugeben, dass sie mit den Machern dieser und ähnlicher Sendungen vernetzt ist, um hiermit langfristig die absolute Mehrheit anzustreben.“ 


19.9.2017

Wehe, du hast Angst?

 

Die Beschwörung der Politiker „Wir haben keine Angst“ klinge ja fast wie ein Befehl, leitete Peter Hahne seine gestrige Sendung „Die Macht der Angst“ ein. „Das ist für Psychiater einfach dummes Zeug“, stellte sogleich Christian Dogs klar. Angst sei ein gesunder Teil von uns und bewahre vor Dummheit. Daran änderten auch beschwichtigende Worthülsen nichts. Im Übrigen seien die Befürchtungen der Menschen sehr gerechtfertigt. Es käme mit etlichen der jungen Zugewanderten auch „ein irres Gewaltpotenzial rüber“: Menschen  mit völlig anderen ausdifferenzierten Wertvorstellungen, die in Krisen aufwuchsen, gelernt haben zu kämpfen und gar nicht wissen, wie Harmonie geht. „Das umzutrainieren wäre eine Irrsinnsaufgabe“, so der Psychiater, der sich klar vom rechten Rand abgegrenzt wissen will. Ulrich Reitz ergänzte: „Die Politik selber hat ja Angst“, mit Hinblick auf verübte Terroran-schläge. Angst sogar als größter Treiber in der Politik und Merkel als Profiteurin der Angst-politik, bei der auch mit Vortäuschung falscher Tatsachen und falscher Lösungskompetenzen operiert wird. Angesichts der absehbaren, aber nicht thematisierten Folgeschäden unkontrol-lierter Zuwanderung fühle sich der Publizist nicht wohl dabei, wenn sich Journalismus heute primär über Haltung anstatt über Fakten definiert. Da, „wo eine politische Industrie unterwegs ist, um harte Fakten auszublenden“,  brauche es vor allem Aufklärungsarbeit – die originäre Aufgabe des Journalismus. Die Sendung ist noch hier zu sehen.


1.8.2017

Impertinenz des Tages

 

"Unsere Bundeskanzlerin, Frau Merkel, ist für das, was sie leistet, definitiv unterbezahlt."  

Dr. Hermann Eicher, SWR-Justiziar und in der ARD federführend für den Rundfunkbeitrag, zur Frage, warum das Gehalt des SWR-Intendanten (325.000 €) jenes der Bundeskanzlerin (225.000 €) erheblich übersteigt. Die ganze Befragung zur GEZ steht bei Planet Interview.

 

Nachtrag vom 5.9.: "Das Landgericht Tübingen lässt die Rechtmäßigkeit des Rundfunkbeitrags vom Europäischen Gerichtshof prüfen. Der Vorgang könnte weitreichende Folgen für die Sender haben." Ausführlich dazu berichten die DWN. 

Nachtrag vom 5.10.: Bundesverfassungsgericht könnte den Rundfunkbeitrag bald kippen.


27.7.2017

Leitmedien in der Flüchtlingspolitik 

 

Die kürzlich erschienene Studie der Otto Brenner Stiftung „Die ‚Flüchtlingskrise‘ in den Medien“ verdient noch eine konkrete Betrachtung. Rund 35.000 Texte aus 2015 und 2016 wurden erfasst und verschiedene Inhaltsanalysen durchgeführt. Eines der interessanten Studienergebnisse: Der „virtuelle Adressat“ der Kommentare in Leitmedien war nicht der Leser, sondern die Politik. „Die Argumente erörtern meist die von Politikern aufgeworfenen Vorschläge in operativer Hinsicht. Bis zum Spätherbst 2015 greift kaum ein Kommentar die Sorgen, Ängste und auch Widerstände eines wachsenden Teils der Bevölkerung auf. Wenn doch, dann in belehrendem oder (gegenüber ostdeutschen Regionen) auch verächtlichem Ton. Kaum ein Kommentar während der sogenannten Hochphase (August und September) versuchte eine Differenzierung zwischen Rechtsradikalen, politisch Verunsicherten und besorgten, sich ausgegrenzt fühlenden Bürgern.“ Die Kommentare dienten damit nicht dem Ziel verschiedene Grundhaltungen zu erörtern, sondern eigener Überzeugung oder regierungspolitischer Sicht Nachdruck zu verleihen. „Der demokratietheoretisch geforderte verständigungsorientierte Diskurs war im redaktionellen Teil der drei Leitmedien (Welt, Süddeutsche und FAZ) im Verlauf des Jahres 2015 für uns nicht auffindbar.“ Die Redaktionen waren auf die politische Elite „in Form rhetorischer Sprechakte“ fixiert. 

 

Zum „deutschen Wunder Willkommenskultur“ sagt die Studie: „Dieser sich selbst begründende Euphemismus wurde in den Tageszeitungsberichten zu einer Art Zauberwort verklärt, mit dem freiwillig von den Bürgern zu erbringende Samariterdienste moralisch eingefordert werden konnten…Wer Skepsis anmeldete, rückte in den Verdacht der Fremdenfeindlichkeit.“ Um zu beantworten, wie es dazu kam, dass dieses Narrativ eine solche auf Konformität gerichtete Meinungsmacht entfalten konnte, wurden 17.000 Texte aus der Lokal- und Regionalpresse analysiert. Die Genese zeigte, dass die Lokalpresse einer zuerst von der Wirtschaft und dann von der Politik propagierten Zwecksetzung folgte und dass „die lokale Tagespresse die Nähe der Leitmedien zur politischen Elite mitmachte“. 2015 erschienen rund doppelt so viele monologisch berichtende Texte wie dialogische oder diskursive (mit zwei oder mehr Parteien). „Auch dies ist ein Indiz für die monodirektionale Transferleistung (‚Einbahnstraße‘) des Lokal- und Regionaljournalismus. Von diskursiver Themenbearbeitung kann für das Jahr 2015 nicht die Rede sein.“ Das Narrativ Will-kommenskultur vermittelte die Tagespresse vielmehr als moralisch intonierte Verpflich-tungsnorm „top-down“. Während über 80 Prozent der Berichte die Willkommenskultur im positiven Sinne vermittelte, kamen Skeptiker nur selten zu Wort. „Wenn vereinzelt kritische Gegenstimmen wiedergegeben wurden, dann waren es Statements wiederum aus der Politik, diesmal von Rechtskonservativen oder Ultrarechten.“ Bei der Vermittlung des Flüchtlings-themas insgesamt stellt die Studie einen hohen Gleichklang zwischen Bundespolitikern, Leitmedien und lokaler Presse in Bezug auf die politische Linie der Bundeskanzlerin fest. Abweichende Positionen wurden erst nach der Kölner Silvesternacht gehört.

 

Informationsjournalismus betrieben die Leitmedien lediglich im Sinne einer Politik-PR. Diese kollidiert allerdings mit dem normativen Anspruch des diskursiven Journalismus sowie mit den Professionsregeln des Qualitätsjournalismus. „Gravierende Dysfunktionen“ wiesen die  Mainstreammedien in Bezug auf den Anspruch auf, politisches Handeln aus unabhängiger Sicht kritisch zu beobachten und die verschiedenen am Thema beteiligten Gruppen in die Berichterstattung einzubeziehen. „Diese Störungen haben sich so tief eingefressen, dass sie von Journalisten oder einzelnen Redaktionen vermutlich für normal gehalten, das heißt nicht als solche wahrgenommen oder gar problematisiert werden. Dies könnte erklären, warum die meisten tagesaktuellen Medien bis zur Silvesternacht 2015/16 nicht erkannt hatten, dass sich durch die Gesellschaft ein mentaler Graben zieht.“ Die These der Studie: Die Dysfunktionen der Leitmedien haben diesen desintegrativen Prozess massiv gefördert. Im Laufe des Jahres 2016 waren dann diverse Zeitungen bemüht, mit Eigenleistungen nachzuholen, „was sie während der langen Willkommenskultur-Euphorie-Ära unterlassen hatten: den Reden der Politiker mit Skepsis begegnen, bei den Wortführern kritisch nachfragen, den Darstellungen der Behörden genauer auf den Grund gehen, abweichende Positionen thematisieren, Betroffenen-Erzählungen hinterfragen, die Rechthaberei beenden, eigene Fehldeutungen eingestehen.“ Eine weitere Studie zu den Erzeugnissen der Leitmedien im Jahr 2017 wäre sicher ähnlich interessant.

 

Nachtrag vom 15.9.: Siehe dazu auch den Gastbeitrag von Keplinger/Maurer bei der FAZ.


14.7.2017

Erkenntnis des Tages

 

„In vielen Redaktionsstuben herrscht eine verbreitete Schreib- und Sprachstörung bei den Adjektiven links, linksradikal oder linksextrem.“ Selbst die Hauptnachrichtensendung des ZDF „heute“ schaffte es nicht, die „linke Gewaltszene“ zu erwähnen, berichtet der Focus auch ausführlich zur „höchst ungerechten Aufteilung von Bundesgeldern“ für Prävention von Rechts- und Linksextremismus. 


13.7.2017

Zur Empörung der vierten Gewalt

 

Der aus journalistischer Perspektive ins Unerträgliche gleitende verschwörungstheoretische Populismus der Tagesschau wurde beim Thema zum Entzug der Akkreditierung für Journalisten beim G20-Gipfel von den Lesern gerade gerückt. Es handle sich „um eine der brisantesten Listen, die je zusammengestellt wurde“, übertreibt das öffentlich-rechtliche Medium: „Denn sie enthält die Namen von 32 Journalisten, die vom Bundeskriminalamt via Twitter pauschal als Sicherheitsrisiko stigmatisiert wurden.“ Das sei ein „massiver Eingriff in die Pressefreiheit, ein beispielloser Verstoß gegen den Datenschutz…Waren Hinweise von ausländischen Geheimdiensten der Grund“? Nachdem etliche Leserkommentare den redaktionellen Überflieger geerdet hatten, schaltete die Tagesschau-Redaktion die Kommentarfunktion ab. Einige derjenigen Leserkommentare, die es noch bis zur Veröffentlichung geschafft hatten, seien im Folgenden dokumentiert: 

 

„Warum gibt es denn eine Akkreditierung, wenn immer alle, die behaupten ‚Journalist‘ zu sein, Zutritt zu allen Veranstaltungen unter dem Banner der Pressefreiheit beanspruchen können? Der Prozess einer Akkreditierung beinhaltet doch die Möglichkeit, dass nicht alle Antragsteller eine Akkreditierung bekommen, sonst könnte man sich diesen Prozess sparen.“

 

„Warum Journalisten so empfindlich reagieren verstehe ich nicht. Man ist doch im Austeilen stark. Es gab sicher Gründe einigen Journalisten die Akkreditierung zu entziehen. Diese Gründe müssen sicher nicht durch Journalisten abgesegnet werden, noch müssen sie vorab diskutiert werden.“ 

 

„Ich bin mir nicht sicher, ob die Liste nicht zu kurz ausgefallen ist…Wer untersucht das korrekte Verhalten der Medien? Jedenfalls ist Pressefreiheit kein rechtsfreier Raum.“

 

Zur Stellungnahme der Bundesregierung gibt es übrigens hier etwas nachzulesen: „Laut Regierung waren Straftäter darunter - und keinerlei ausländische Behörden im Spiel.“ Spiegel Online ergänzt: "Aus Sicherheitskreisen jedoch war zu hören, dass es bei den 32 Journalisten Hinweise auf Kontakte oder zumindest Sympathie für linksextreme und gewaltbereite linken Gruppen gegeben habe...es sei nur um den reibungslosen Ablauf des Gipfels und nicht um mögliche Anschläge oder andere gewalttätige Aktionen gegangen. So fürchteten die Behörden, die betroffenen Journalisten könnten zum Beispiel bei Pressekonferenzen lautstarke Störaktionen starten, Plakate entrollen oder die Staatschefs beschimpfen." Und die Angelegenheit aus juristischer Sicht erklärt Legal Tribune Online.

 

Nachtrag vom 19.8.: Bei einem der neun Journalisten, dem die Akkreditierung tatsächlich nachträglich entzogen worden war, räumte das BKA jetzt einen Fehler ein.

Nachtrag vom 28.8.: Siehe zur Sache auch die Antwort der Bundesregierung: Die Akkreditierung sei lediglich neun Medienvertretern entzogen worden. Die übrigen Medienvertreter seien anschließend nicht mehr am Medienzentrum erschienen.

Nachtrag vom 31.8.: Die Entziehung der Akkreditierung für die Berichterstattung zum G-20-Gipfel war in mindestens vier Fällen rechtswidrig, räumte das Innenministerium ein.


13.6.2017

Buchtage Berlin mit Maas

 

„Rund 700 Buchhändler, Verleger und Partner der Branche kommen heute und morgen zur Jahrestagung an der Spree zusammen“, informiert das Börsenblatt. Beim Kongress „mit politischer Akzentsetzung“ stelle der Börsenverein heute eine „Berliner Erklärung für eine zukunftsweisende europäische Buchpolitik“ vor. Ob dabei etwas Produktives herauskommt ist angesichts der „mit Spannung erwarteten Gastrede von Bundesjustizminister Heiko Maas“ – der sich offenbar um die Verfassungsmäßigkeit seiner eigenen Gesetzentwürfe wenig schert – fraglich. Eine deutsch-französische Podiumsdiskussion zum Thema Meinungsfreiheit steht ebenfalls auf dem Programm.

 

Nachtrag vom 14.6.: Das Börsenblatt bietet eine thematisch gut sortierte Zusammenfassung der Veranstaltung. Zur neuen "Interessengruppe Meinungsfreiheit im Börsenverein" siehe hier: Man wolle Meinungsfreiheit "ohne relativierende Abstriche" realisieren. Die Berliner Erklärung der deutschen und französischen Buchhandelsverbände im Wortlaut steht dort.    


28.4.2017

Hölle-Preis für die Süddeutsche

 

Hier wird deutlich, wie Chefredakteure, die stets das moralische Fähnchen hissen, tatsächlich ticken: "Die Süddeutsche Zeitung sieht sich selbst als Kämpfer für Schwache und Entrechtete. Doch diesmal entrechtet sie selbst - ihre Freien Autoren", schreibt der Deutschlandfunk. Worum es geht: Texte von freien Autoren werden an eine Schweizer Zeitung weitergegeben - die Autoren werden darüber weder informiert noch dafür entlohnt. Und wer nachfragt, bekommt Folgendes zu hören: "Wer mit den Bedingungen nicht einverstanden sei, könne nicht mehr für die Süddeutsche schreiben." Abschiedshilfe


18.4.2017

Quo vadis veritas?

 

Das klingt gut: Dietrich Mateschitz, Gründer und Chef von Red Bull, rief kürzlich die Stiftung „Quo vadis veritas“ ins Leben mit dem Ziel, eine – von der Firma unabhängige – journalistische Internetplattform zu schaffen. Mateschitz wolle „dem Vertrauensverlust in Institutionen, Politik und Medien entgegenwirken, der nicht zuletzt auf einseitige und wegen Ressourcenmangel unvollständige Berichterstattung durch die ‚vierte Säule im Staat‘ zurückzuführen ist“, so die NZZ. Die Plattform soll ermöglichen, „näher an die Wahrheit heranzukommen“: indem Informationen geliefert, aber keine Meinungen ausgebreitet werden. Die Eckpfeiler: Individualismus, Nonkonformismus und die Ermutigung an Bürger, sich eine eigene Meinung zu bilden. Da Mateschitz eine realistische Sicht auf die Flüchtlingspolitik pflegt, spucken hiesige „Redakteure“ bereits Gift und Galle, wie etwa aus diesem peinlichen Focus-Beitrag ersichtlich, der ebenso gut aus der Feder eines aggressiv-pubertierenden Jugendlichen hätte stammen können. Mehr Infos zum Projekt gibt es hier.

 

Nachtrag vom 22.6.: Zur Mitarbeiterentwicklung siehe hier und dort


11.3.2017

Idioten statt Heilige Narren

 

Die Öffentlichkeit wird also weiter mit der Causa Böhmermann belästigt, da Beschwerde gegen das Hamburger Urteil eingelegt ist, das Teile seiner Schmähkritik verboten hat. Manchen mag es längst die Sprache verschlagen haben in Anbetracht, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk Böhmermanns rassistischen Schmierzettel als satirisches Kunstwerk hoch stilisiert und den Autor mit Auszeichnungen bejubelt. Es kann sich daher lohnen in altmodischen Begriffen zu stöbern, um sich der Sprache wieder zu bemächtigen. Tor zum Beispiel, außerhalb der Fußballrhetorik, ist solch ein Wort, das eine Renaissance verdient hätte. Der Tor als einfältiger Mensch, der selbst aus Erfahrungen nicht klug wird und ungeläutert aus diesen hervorgeht. Oder: „Eine Person, die etwas nicht nachvollziehen kann, solange sie es nicht selbst erlebt hat.“ Eine kurzweilige Überleitung zur Satire im echten Sinne bietet Telepolis unter dem Titel „Die Torheit ging, die Idioten blieben“ mit einem Abstecher zu Erasmus von Rotterdam und dessen „Lob der Torheit“; dazumal mit positiver Konnotation, den „Heiligen Narren“, solange das satirische Schrifttum humanistischen Prinzipien folgt. Heute bekomme die Torheit keine Chance mehr. „All ihre Allerwelts-protagonisten taugen nicht mal mehr zu Antihelden. Sie sind nur noch Abziehbilder und Steilvorlagen für schale Witze, die vornehmlich unter die Gürtellinie zielen.“ Eine Literatur aber, die von Humanismus nichts weiß, sei nicht zur Ironie fähig. Auch interessant: theologische Aspekte zur Torheit. Wer dafür offen ist, wird hier und dort fündig.


7.2.2017

Wer stoppt die Medienkrieger? 

 

Das siegesgewisse Gehabe der aufgetretenen Journalisten im Presseclub am Sonntag reiht sich geschmeidig ein in diverse Ankündigungen, dass der US-Präsident ohnehin bald gestürzt werde. „Expertin: Trump wird noch dieses Jahr gestürzt“, titelt etwa OE24 und listet auf, wie „man den neuen US-Präsidenten wieder loswerden“ könne. Als „anerkannte Expertin“ wird aufgeführt: die bis dato gemeinhin völlig unbekannte „Amerika-Expertin Angelia Wilson von der University of Manchester“. Welchem Spektrum die Politik-professorin zuzuordnen ist, zeigt eine einfache Google-Recherche. Im November 2014 etwa erschien im „Centre for Interdisciplinary Gender Studies“ ihr Beitrag „Why Europe is Lesbian and Gay Friendly (and why America never will be)“, den sogleich unter anderen das Käte Hamburger Kolleg dankbar aufnahm. Der vom Presseclub angestoßene Tabubruch in Bezug auf die Pathologisierung des US-Präsidenten ist übrigens durchaus zielgerichtet gewesen, wie man beim gestrigen Plasberg, der Fortsetzung des Tribunals, erfahren konnte: Da es in Bezug auf Trumps Amtsenthebung „tatsächlich schwierig“ sei einen Anfangs-verdacht für eine Straftat zu finden, werde in Amerika über den 25. Verfassungszusatz über die Amtsunfähigkeit des Präsidenten diskutiert. Absatz 4 „regelt eine Übertragung der Amtsgeschäfte für den Fall, dass ein Präsident die Amtsunfähigkeit nicht selbst erklären kann, weil er z.B. im Koma liegt, oder nicht erklären will, etwa unter dem Einfluss einer psychischen Erkrankung“, schreibt der Spiegel den Trump-Gegnern ins Notizbuch, um „ihren Albtraum zu beenden“. Die Bagage ist wohl wieder dabei, ebenso wie in der Causa Wulff, kindische Wetten darauf abzuschließen, wie lange Trump noch im Amt bleibt; anstatt sich um hiesige Probleme zu kümmern. Erbärmlich und hochgradig gemeingefährlich. 

 

Nachtrag: Die asoziale Medienmeute bei der Bild-Zeitung drückt aufs Gas: „Make porn great again - Trump-Double für Sex-Parodie gesucht". 


28.1.2017

But some are more equal than others

 

Nach Lektüre folgender Worte könnte man fast meinen, die politischen Hatespeech-Fanatiker seien zur Besinnung gekommen: „Sowohl das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) als auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) haben wiederholt betont, dass der Freiheit der Meinungsäußerung sogar ein größeres Gewicht zukommt, wenn von einer Äußerung ein Politiker oder ein Repräsentant des Staates betroffen ist…Die erhöhte Strafandrohung beruht auf einem überholten kooperatistischen Staatsverständnis, welches die einzelnen Bürgerinnen und Bürger auch im Hinblick auf die Erfüllung staatlicher Aufgaben mit in die Pflicht nimmt…Es entspräche einem modernen Grundrechts-verständnis, beleidigende Angriffe von Bürgern auf Staatsorgane auf der interpersonalen Ebene der Beleidigungsdelikte zu belassen.“ Schon wenige „Anwendungsfälle zeigen, dass tatbestandlich als Beleidigung von Organen und Vertretern“ von Staaten anzusehendes Verhalten „regelmäßig im Kontext der Meinungsfreiheit gesehen werden muss“. „Insofern ist aber zu berücksichtigen, dass das Recht, Maßnahmen von staatlichen Einrichtungen ohne Furcht vor staatlichen Sanktionen auch scharf zu kritisieren, zum Kernbereich der Meinungsfreiheit gehört (vgl. BVerfG, NJW 1992, 2815).“ Klingt gut. Allerdings handelt es sich hierbei nicht um die Begründung für eine Rücknahme der Forderung nach schärferen Gesetzen gegen die nebulöse Hatespeech, sondern um den Text im aktuellen Gesetzentwurf zur Aufhebung des § 103 Strafgesetzbuch ‒ Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten. Deutsche Politiker sind halt was ganz besonderes. 


20.1.2017

Allparteilicher Journalismus

 

Zumindest fragt man sich mal, was erforderlich wäre, um einen Journalismus, der sich „bei der Berichterstattung über Konflikte allparteilich verhält“, wieder möglich zu machen. Der freie Journalist Andreas Zumach erörtert diese Frage im Rahmen der Landau Peace Lectures am 8. Februar unter dem Titel „Konfliktsensitiver Journalismus in Zeiten von Fakenews, ‚Lügenpresse‘ und Populismus - ein aussichtsloses Unterfangen?“ Veranstaltungsort ist die KHG Landau, wo im Übrigen die Polizei am 24. Januar über Möglichkeiten des Selbstschutzes vor übergriffigem Verhalten und in bedrohlichen Situationen aufklärt. 


16.1.2017

Schwungvolle Anne-Will-Debatte

 

Es gibt doch noch taffe Journalisten, die es ins öffentlich-rechtliche Fernsehen schaffen: Düzen Tekkal sagte bei Anne Will zum Thema „Bürger verunsichert – Wie umgehen mit kriminellen Zuwanderern“, man müsse schon darüber reden, dass auch die Ethnie eine „unsägliche Rolle“ spielen kann. Äußerst problematisch sei, dass der Rechtsstaat nicht ausreichend Recht vollzieht und Kulturrabatte bei Strafverfahren vergibt, wo es vielmehr darum zu gehen habe, inneren Frieden und gesellschaftliche Werte zu schützen. Die freie Journalistin dreht Filme in No-go-Areas und gelangte mitten in Deutschland in Situationen, die sie „eigentlich aus Krisenregionen“ kennt. Auch neu Zugewanderte hätten teils die Lage „zum schlechten verändert“. Deutsche, die in gefährlich gewordenen Stadtteilen wohnen, hätten sich entweder unterworfen oder seien ohnmächtig und wütend. Viele trauten sich auch nicht mehr zu sagen, was sie fühlen. In Bezug auf „fake refugees“ wie Anis Amri sollten nur Dolmetscher tätig werden, die loyal zu diesem Land sind und nicht zu jenem, aus dem sie kommen. Interessante Aspekte kamen von einem weiteren Gast mit Migrations-hintergrund, Samy Charchira: Die Wahrheit sei, dass nicht Asylberechtigte wegen fehlender Identitätsfeststellung schlicht nicht abgeschoben werden können. Sein Lösungsvorschlag: Amtshilfe von den betreffenden Ländern organisieren, um Identitäten festzustellen. Zur hiesigen Debatte meint der Sozialpädagoge: Abrüsten und die Probleme gemeinsam lösen.

 

Nachtrag: Lesenswerte Kritik in der FAZ dazu: Die Grünen "legen auch fest, wo die Grenzen des Sagbaren sind, wer mitreden darf, wer dazugehört und wer nicht. Sie erheben 'Inklusion' zum Staatsziel, exkludieren aber immer größere Teile der Bevölkerung – eigentlich jeden, der nicht ihrer Meinung ist...Düzen Tekkal echauffiert sich über die ethnische Bigotterie der Grünen und der Linken und macht deutlich, dass es bei diesem entscheidenden politischen Thema nicht um die Herkunft, sondern um die Einstellung geht."