9.10.2017

Inklusion: Auf das Wie und Wo kommt es an

 

Dieser Artikel ist eine wesentliche Ergänzung zum Beitrag weiter unten über die geplante Abschaffung der Förderschulen für behinderte Kinder.

 

Wie so oft neigt die Bevölkerung zur Pflege des Alles-oder-Nichts-Prinzips. Was keinesfalls Ziel meines letzten Beitrags gewesen sein sollte: dem Inklusionsgedanken pauschal seine Berechtigung abzusprechen. Es ist eine Frage der Umsicht und der Maßhaltung. 

 

Inklusion: Wo?

 

Die von einigen Gruppen radikale Forderung sämtliche Förderschulen aufzulösen, weil angeblich nur dies dem Inklusionsgedanken der UN-Behindertenrechtskonvention gerecht würde, findet ihre Entsprechung in der weiteren Forderung, auch die „Sonderstrukturen“ der Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) überflüssig zu machen. Vernünftigerweise lässt die Politik bisher die Finger davon, dieses bewährte System zu zerstören. Das Deutsche Institut für Menschenrechte (DIMR) beschwert sich darüber in dieser Stellungnahme: „Besondere Sorge bereitet, dass die Bundesregierung wiederholt erklärt hat, sie werde der Empfehlung des UN-BRK-Ausschusses, die Werkstätten schrittweise zurückzubauen, nicht folgen.“ Es ist schon fast zynisch, wenn das DIMR im selben Schreiben feststellt: „Das Problem dabei ist nicht, dass die Bedingungen in den Werkstätten schlecht wären. Im Gegenteil: Die Werkstattbeschäftigten finden dort Unterstützungsangebote vor, die ihnen in aller Regel heute auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stünden. Deshalb fühlen sich viele in ihrer Werkstatt wohl.“ 

 

Dass sich die meisten Menschen mit Behinderungen in ihrer WfbM wohl fühlen, was offenbar beim DIMR nicht ausschlaggebend ist, entspricht auch der Erfahrung in der sozialpädagogischen Arbeit. Es ist keineswegs so, dass die Menschen dort ausschließlich „in einer Art Sonderwelt, isoliert von Menschen ohne Behinderung“ arbeiten. Abgesehen von den zahlreichen Angestellten ohne Behinderung und dem Kontakt mit Auftraggebern finden regelmäßig Ausflüge statt, inklusive Veranstaltungen, Tage der Offenen Tür, Austausch der (behinderten) Werkstatträte in Kooperation mit kommunalpolitischen Vertretern etcetera. An der Durchlässigkeit der Werkstätten zum allgemeinen Arbeitsmarkt wird erfolgreich gearbeitet: Es sind zahlreiche Außenarbeitsplätze entstanden. Gleichwohl sind die Leute dankbar um die Anbindung an die WfbM. Die Entlohnung lediglich im Umfang eines Taschengeldes – die Grundsicherung sorgt in der Regel für die Sicherstellung des Lebensunterhalts – ist in der Tat diskussionswürdig. Das wäre ein Thema der Arbeitsmarktpolitik, generell: auch etliche nicht behinderte Menschen können sich trotz Vollzeitbeschäftigung kein kostenintensives Hobby oder einen längeren Urlaub leisten. 

 

Man sollte über diese Debatten nicht vergessen, dass das Leben nicht nur aus Schule und Arbeit besteht. Zusammenkünfte von behinderten und nicht behinderten Menschen sind in der Freizeit organisierbar, ohne bewährte Strukturen in Frage zu stellen. Angebote für inklusive Freizeitreisen und Gruppenaktivitäten sind bereits vorhanden. Es stellt sich hier zuvorderst die Frage nach dem Interesse nicht behinderter Menschen daran teilzunehmen; sich bei der Begegnung mit behinderten Menschen nicht ab-, sondern zuzuwenden und Gefallen an diesen Begegnungen zu finden. Daran schließt sich die Überlegung, welche Art und Weise dem Inklusionsgedanken förderlich wäre.  

 

Inklusion: Wie?

 

Gerne übergangen wird Artikel 8 UN-Behindertenrechtskonvention: Bewusstseinsbildung. Das Bewusstsein für die Fähigkeiten und den Beitrag von Menschen mit Behinderungen soll gefördert werden, unter anderem durch „wirksame Öffentlichkeitskampagnen“ und „die Aufforderung an die Medien, Menschen mit Behinderungen“ darzustellen. Wo sind diese zum Beispiel in den Talkshows zu sendestarken Zeiten vertreten? Das Manko schlechthin ist allerdings dort zu identifizieren, wo versucht wird, nicht behinderten Menschen ein positives Bild über Menschen mit Behinderung mit der UN-Konvention in der einen Hand und der Rute – etwa dem Antidiskriminierungsgesetz – in der anderen Hand einzubläuen. Was soll denn dabei schon herauskommen? Entsprechendes Bewusstsein wird nie unter dem Motto „Strafe statt Überzeugungsarbeit“ erreicht werden. Für letztgenanntes müsste man vorwurfsfrei auf nicht Behinderte zugehen, ihr Interesse anregen und ihnen die Begegnung mit behinderten Menschen schmackhaft machen, so dass sie sich freiwillig dafür entscheiden. Wenn das nicht gelingt, dann müssen nicht noch mehr Forderungspapiere und Strafgesetze produziert werden: es muss dann bessere Überzeugungsarbeit geleistet werden.   

Wer lässt sich denn letztlich nicht beeindrucken von einem, der mit verkürzten Armen ohne Hände virtuos Panflöte spielt? Und wer lässt sich nicht anrühren von den „irren Typen“ und anderen Vorbildern? Es ist sowohl beruhigend als auch anregend zu wissen, dass ein Leben selbst mit gravierenden Einschränkungen erfüllt und intensiv sein kann. Im Umfeld der Behindertenpolitik haben sich außerdem interessante Kooperationen aufgetan, zum Beispiel beim Design für Alle: ein Zusammenschluss von Architekten, Stadtplanern, Behindertenverbänden und Ingenieuren, die daran arbeiten Produkte, Dienstleistungen und Infrastrukturen so zu gestalten, dass sie allgemein gebrauchsfreundlich sind und vor allem aufgrund des Alters oder einer Behinderung genutzt werden können. Ein weiteres Beispiel: Für nicht behinderte Linguisten könnte die Beschäftigung mit der Gebärdensprache im Rahmen grammatikalischer Vergleiche interessante Aspekte bieten. Gerade die Gehörlosigkeit verdeutlicht, dass es auch die kulturelle Sichtweise zu berücksichtigen gilt.

 

Gehörlosengeschichte: Ein spannender Ausflug

 

Geschichtsschreibung aus anderer Perspektive bietet Harlan Lane mit seinem detailliert recherchierten Werk „Mit der Seele hören“. Gehörlosengeschichte als Forschungsbereich zeigt, wie spannend die Auseinandersetzung mit dem Thema Behinderung auch sein kann. Der Streit um das richtige Kommunikationsmittel, Lautsprachunterricht („oralistische Tradition“) versus Gebärdensprachunterricht, spielt ebenso eine Rolle wie es philosophische Auffassungen während der Aufklärung – vor allem die Sprache mache den Menschen zum Menschen – und weltpolitische Ereignisse tun. So waren laut Lane die Deutschen beim 2. Internationalen Taubstummenlehrerkongress in Mailand 1880 nicht erwünscht, da Preußen „eben gerade Frankreich Prügel verpasst“ hatte. Vertreter der oralistischen Tradition befürchteten, dass es mit den Deutschen zusammen nicht gelingen würde, die Franzosen auf ihre Seite zu ziehen. Auf dem Kongress führte man dann gehörlose Schüler vor, die vorher streng gedrillt und manipuliert wurden. Entscheidende Zusatzinformationen, etwa seit wann die Schüler ertaubt waren, gab es nicht. „Unter den Delegierten war ein einziger Gehörloser und mit Ausnahme der Amerikaner stimmten am Ende des Kongresses alle zu, die Gebärdensprache endgültig aus den Schulen zu verbannen.“ Während des Internationalen Kongresses in Brüssel 1883 verließ der König von Belgien mit der Bemerkung den Saal, die Taubstummenlehrer erinnerten ihn an sein eigenes Parlament. Und auf dem darauf folgenden Kongress in Frankfurt veranstalteten die Franzosen einen derartigen Aufstand, dass man die Zusammenkunft früher als geplant beenden musste. Die negativen Folgen des Mailänder Beschlusses, insbesondere auch für die (berufliche) Entwicklung Gehörloser, zogen sich fast über einhundert Jahre lang hin. Lane fasst den Kampf rund um die Gehörlosenpädagogik so zusammen: Tatsächlich ist die oralistische Tradition eine Geschichte von Habsucht, Plagiat, Geheimniskrämerei und Gaunerei – nicht aber von Bildung.     

 

Das Mittel der Wahl

 

Es ist richtig, den Inklusionsgedanken weiter im Sinn zu haben. Auf das Wie und Wo kommt es an. Das effektive Mittel der Wahl ist nicht jenes diverser Lobbyisten, die einerseits behinderten Menschen eine maßlose Anspruchshaltung einreden und andererseits nicht Behinderten mit Strafandrohungen kommen und damit Blockadehaltungen provozieren. Solch autoritäre Haltung verbreitet nur schlechte Stimmung. Das Mittel der Wahl wäre, charmant und maßvoll für die Inklusion behinderter Menschen zu werben. Viel Geld muss das nicht kosten. Und sollte einmal die Finanzierung heruntergeschraubt werden, die sich im Zuge der unendlichen Produktion von Forderungspapieren ergibt, dann sind die freiwerdenden Gelder Förderschulen und WfbMs zur Verfügung zu stellen, damit sie ihrer Klientel noch öfters als bisher inklusive Austauschprojekte und Ausflüge bieten können. 

 

Nachtrag aus einem Leserkommentar dazu: "Jedes Casting wäre demnach Diskriminierung. Fast jedes Vorstellungsgespräch endet mit einer Exklusion. Wenn man in diese Richtung weiterdenkt, merkt man, wie absurd die unbedingte Inklusion ist."


2.10.2017

Inklusion: Gepflegte Kaltschnäuzigkeit

 

Darauf hat man im Land gerade noch gewartet: dass nun auch Menschen mit Behinderung nach der Bundestagswahl von gesinnungsjagenden Zeitungsfritzen instrumentalisiert werden. „Darf ein Café, in dem Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten, das für eine Vielfalt der Gesellschaft steht, öffentlich bei Facebook schreiben, dass AfD-Wähler im Café nicht erwünscht sind?“, stellt die Lippische Landes-Zeitung (LZ) zur Debatte. Sie bezieht sich auf einen Aushang an der Tür des Cafés Vielfalt in Lemgo und auf den Facebook-Eintrag der Café-Leitung mit dem Wortlaut: „Liebe Gäste, in unserem Team arbeiten Menschen mit und ohne Behinderungen, Deutsche und Ausländer. Und das ist gut so. Zum Schutz unseres Teams sind AfD-Wähler bei uns nicht erwünscht.“ 

 

Kein Espresso für AfD-Wähler

 

Beides wurde zwar inzwischen zurückgenommen, da die cafébetreibende Stiftung „als diakonisch-kirchliche Einrichtung der politischen Neutralität verpflichtet“ ist. Die LZ legt trotzdem mittels ihrem Kommentar „Ekelhafte Eskalation“ nach: „Das Lemgoer Café Vielfalt hat politisch Stellung bezogen: Wähler der AfD sind unerwünscht. Es dauerte nicht lange, bis der Mob im Internet tobte: Demokratiefeinde! Doppelmoral! Wie im Dritten Reich!“ Dabei habe ein Gastronom nur sein Hausrecht ausgeübt: „Jeder Gastwirt darf Besucher rauswerfen, wenn sie andere Gäste verprellen oder Unfrieden stiften. Und im Falle des Café Vielfalt lassen sich durchaus Gründe finden, dass AfD-Sympathisanten hier nicht richtig aufgehoben sind.“ Das Café Vielfalt sei ein Bekenntnis zur Integration Behinderter, „die die AfD im Falle von Schulen polemisch ablehnt“. „Wer das tut, kann nicht allen Ernstes im Café Vielfalt seinen Espresso trinken wollen...“ Abgesehen von der kaum noch zu toppenden Unverschämtheit stellt sich die Frage, wie der Kommentator mit einem AfD-wählenden Behinderten zurande käme? Darf der dann auch keinen Espresso im Café Vielfalt trinken? Oder soll er von vornherein nicht frei wählen dürfen?  

 

Erfahrung spricht für Erhalt der Förderschulen

 

Im Wahlprogramm der AfD steht tatsächlich: „Kinder mit besonderem Förderbedarf erhalten in der Förderschule eine umfassende Unterstützung, die die Regelschule nicht leisten kann. Die AfD setzt sich deshalb für den Erhalt der Förder- und Sonderschulen ein.“ Das geht allerdings konform mit neueren Einschätzungen im betroffenen Umfeld. Das Handelsblatt berichtet: Lehrer in Deutschland halten eine gemeinsame Beschulung mehrheitlich für sinnvoll, in einer Forsa-Befragung sprachen sich aber wegen Umsetzungsproblemen 59 Prozent für den Erhalt der Förderschulen und 38 Prozent für einen teilweisen Erhalt aus. 42 Prozent sagten, Kinder mit Behinderung würden besser in Förderschulen unterrichtet. „Die Umfrage zeige, dass bei der Inklusion Anspruch und Wirklichkeit nicht im Einklang sind.“ Entsprechend ist auch die FDP vorerst für den Erhalt von Förderschulen – dürfen FDP-Politiker dann auch keinen Espresso im Café Vielfalt trinken, weil sie dann „Gäste verprellen oder Unfrieden stiften“? Außerdem: „Tausende Eltern fürchten, dass die Inklusion für ihre Kinder nicht das Richtige ist“ und kämpfen für den Erhalt der Förderschulen. Und: „Im Sauerland führt eine Mutter eine Kampagne zur Erhaltung von Förderschulen. Sie meint, dass ihr lernbehinderter Sohn dort besser aufgehoben ist - und weiß schon fast 12.000 Unterstützer hinter sich.“ Müssen all diese Eltern draußen vor der Türe warten, bis ihre behinderten Kinder ihre Tasse Schokolade alleine im Café Vielfalt getrunken haben?   

 

Autoritär gegen Elternwillen und Kindeswohl

 

All den zweifelhaften Erfahrungen mit gemeinsamer Beschulung in Regelschulen zum Trotz fordert aktuell der Zusammenschluss von 14 Verbänden und Gewerkschaften „Bündnis für Inklusion“ auf geradezu aggressive Weise, den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht behinderten Schülern in Regelschulen voranzutreiben. „Dazu sollen die Förderschulen im Land mittelfristig alle geschlossen werden“, so die Osnabrücker Zeitung. Eine Aktivistin sagt: „Eltern solle zudem das Recht genommen werden, ihre Kinder auf die Förderschulen zu schicken. Denn allein ihre Existenz ist nach Ansicht der Mutter eines behinderten Kindes ein Bruch der UN-Behindertenrechtskonvention (BRK).“ Ob der Sozialverband Deutschland und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft auch das Elternwahlrecht abschaffen wollen sei offen. „Das Wahlrecht hat es eigentlich nie gegeben“, behaupten die Verbände. Es müssten dann auch etliche Schulgesetze geändert werden. Beim Bildungsportal NRW etwa steht dazu: „§ 20 Absatz 2 des SchulG bestimmt: „Sonderpädagogische Förderung findet in der Regel in der allgemeinen Schule statt“. Es heißt aber auch: „Die Eltern können abweichend hiervon die Förderschule wählen.“ 

 

Die Durchpeitscher der Abschaffung sämtlicher Förderschulen können sich auf zahlreiche Expertisen wie etwa des Wissenschaftszentrums Berlin berufen: Artikel 24 UN-BRK sehe „ganz bewusst kein Wahlrecht zwischen einer inklusiven und einer gesonderten Beschulung vor“. Zurückhaltender interpretierte vor einigen Jahren der Deutsche Städtetag die Lage: „Des Weiteren schließt die UN-BRK die Existenz von Förderschulen nicht aus…Bei der Umsetzung des Art. 24 UN-BRK bestehen folglich Handlungs- bzw. Gestaltungsspielräume der Vertragsstaaten.“ Weitere Aspekte: Das Wohl des Kindes gelte es vorrangig zu berücksichtigen. „In Art. 24 Abs. 3 lit. c) UN-BRK wird dieser Grundsatz dahingehend konkretisiert, dass ‚blinden, gehörlosen oder taubblinden Menschen, insbesondere Kindern, Bildung in den Sprachen und Kommunikationsformen…sowie in einem Umfeld vermittelt wird, das die bestmögliche schulische und soziale Entwicklung gestattet‘.“ Außerdem: „Ebenso ist allgemein anerkannt, dass der Schutz der Menschenrechte anderer eine immanente Schranke jedes Menschenrechts sein kann, so auch Art. 3 Abs. 1 UN-BRK.“ Das betrifft das Recht auf Bildung anderer Kinder, das durch inklusiven Unterricht gefähr-det werden könnte (nicht in jedem Fall wird). „Das Recht auf inklusive (Schul-)Bildung kann daher im Ergebnis nur im Grundsatz vorbehaltlos gewährleistet werden.“   

 

Aggressive Umsetzung höhlt die Menschenrechtsidee aus

 

Die Fokussierung auf juristisch spitzfindige Auslegungen und die kaltschnäuzige Abservierung des Elternwillens verdunkeln indessen auch die ursprüngliche Menschenrechtsidee. Seinerzeit wurde in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hinein formuliert: „Die Eltern haben ein vorrangiges Recht, die Art der Bildung zu wählen, die ihren Kindern zuteil werden soll.“ (Artikel 26) Die spätere linkspopulistische Vereinnahmung der Menschenrechtsdebatte bezüglich der Konkretisierung der Rechte hat inzwischen dazu geführt, dass anstatt einer Förderung des friedlichen Miteinanders verschiedene Interessengruppen wie Kampftruppen gegenüber stehen und teils jeglichen zwischenmenschlichen Respekt vermissen lassen. Forciert wird dies noch durch die Proklamierung der Inklusion als Wahlkampfthema – in Niedersachsen wird am 15. Oktober ein neuer Landtag gewählt. Solange es dabei um den Streit der besten Konzepte im Sinne behinderter Kinder und ihrer Eltern sowie – inklusiv gedacht – auch um die Berücksichtigung der Bedürfnislage nicht behinderter Kinder ginge, wäre das in Ordnung. Allerdings ist vielfach zu beobachten, dass diverse Zusammenschlüsse mit kollektivistisch geprägten Gedankengängen bestrebt sind, die individuelle Selbstbestimmung als lästigen Störeffekt zu beseitigen. Das ist ein klarer Affront gegen die Menschenrechtsidee, die gerade individuelle Autonomie und Besonderheiten wertschätzt. 

   

Behindertenpolitik bei der AfD

 

Gesinnungspolitische Instrumentalisierung behindertenspezifischer Themen betreiben im Übrigen auch diverse Verbände direkt aus der Branche heraus. So findet sich auf der Website der Lebenshilfe Folgendes: „Eine Politik wie die der AfD, die Menschen bewusst ausgrenzt, ist mit der Lebenshilfe nicht vereinbar“, so Bundesvorsitzende Ulla Schmidt. Die AfD lehne die Inklusion ab und widerspreche damit den ethischen Grundpfeilern der Lebenshilfe. Einen realistischen Eindruck vermittelt ein Vergleich der behinderungsrelevanten Arbeit in den AfD-Landtagsfraktionen. 

 

Der Blinden- und Sehbehindertenverein veröffentlichte Wahlprüfsteine: Im Wahlprogramm zur Bürgerschaftswahl „sieht die AfD Hamburg die Teilhabe an Verwirklichungschancen im Leben als den zentralen Aspekt gesellschaftlicher Gerechtigkeit an. Gerechtigkeit bedeutet für uns, spezielle Handicaps durch unterstützendes Eingreifen auszugleichen, zumindest aber so weit wie möglich abzumildern. Den Menschen soll nach Maßgabe ihrer individuellen Leistungsfähigkeit ermöglicht werden, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. In Fällen, bei denen dieses Ziel nicht erreichbar ist, soll karitativen Leitlinien folgend die Sicherung der Existenz durch Unterstützungsleistungen gewährleistet werden. Sie können aus dem eine prinzipielle Offenheit den Anliegen der UN-Behindertenrechtskonvention“ ableiten. Bei der hessischen AfD heißt es: „Eine neue Sparmaßnahme gefährdet die Zukunft des Landeswohlfahrtsverbandes und damit die qualifizierte und flächendeckende Betreuung behinderter und kranker Menschen…“ Beachtenswert auch diese Rede aus Sachsen-Anhalt: „Die AfD-Fraktion unterstützt das Bundesteilhabegesetz. Es verbessert die Lebenssituation von behinderten Menschen. Leistungen werden besser koordiniert und die Teilhabe am Arbeitsleben gefördert.“ Was die Bundesebene produziert bleibt kritisch abzuwarten.