12.8.2017

Kulturflüchtende Gleithörnchen

 

Gerade haben Forscher herausgefunden, dass die Vorfahren der heutigen Gleithörnchen bereits vor 160 Millionen Jahren lebten. Schon damals konnten diese mittels Flughäuten zwischen Vorder- und Hinterarmen „gezielte Segelflüge“ unternehmen, berichtet Der Standard: „Evolutionsbiologisch brachte diese Luftraumeroberung entscheidende Vorteile.“ Etwa 50 bis 80 Meter weit können die – seltenen – Europäischen Gleithörnchen zwischen Bäumen hin und her segeln. Hier ist ein „fliegendes“ Gleithörnchen und dort ein hungriges Gleithörnchen zu besichtigen. Einer Beschreibung bei Wissen Digital zufolge könnte man fast meinen, die Gleithörnchen seien über die politische Lage bestens informiert: „Als Kulturflüchter werden die Gleithörnchen in Europa immer mehr nach Osten abgedrängt.“ Tatsächlich ist aber „Kulturflüchter“ ein Begriff aus der Biologie für „hemerophobe“ Arten von Tieren oder Pflanzen, die menschliche Infrastruktur meiden. Man wird ihnen das kaum verübeln können; was hierzulande nicht ausschließt, dass die Gleithörnchen bei fortgesetz-ter, radikalisierungsaffiner Hemerophobie alsbald des Rechtspopulismus bezichtigt werden.


9.8.2017

„Die German Angst gibt es eher nicht“…

 

meint Carsten vom „Psychologie Magazin“. Er schaffte es einen Beitrag zu verfassen, in dem wohl jeder, egal wo er oder sie steht, zwar nicht alles teilt, aber an anderer Stelle wieder versöhnt wird. Es geht zum Beispiel um die Angst „ein individuelles Leben jenseits der Gruppenzugehörigkeit zu leben“. Aber: „Ein reifer Individualismus ist durchaus kein Rück-fall in den präkonventionellen Egoismus, sondern beschreibt eine reife, postkonventionelle Haltung, in der man eine eigene Identität aufbaut, aber nationale, familiäre, regionale Identitäten mit einbaut und ohne, dass einem andere vollkommen egal wären.“ Schließlich sei die westliche Errungenschaft „Individuum“ ein „gutes Gegengift gegen zu viel Kollektivismus und Gleichschritt im Denken“. Die Folgerung: „Wir brauchen Integration im breitesten Sinne und damit ist nicht (nur) die Integration der gutwilligen Teile anderer Kulturen gemeint, sondern wir müssen auch die klugen Anregungen der Sonderlinge und Querdenker zur Kenntnis nehmen.“ Wer sich 20 Minuten Zeit für den Beitrag nimmt und ihn zu Ende liest wird feststellen, dass für jeden eine favorisierte Kleinigkeit dabei ist und falls wider Erwarten doch nicht, dann mag zumindest der Grad an Differenzierung beeindrucken.


7.8.2017

Elite: Flucht in die Abschottung

 

Man muss ja nicht davon ausgehen, dass die Verantwortlichen im Land in fünf bis zehn Jahren noch in ihrem angerichteten Schaden leben wollen. Kein Wunder daher, dass auch hierzulande, wenn auch noch verschämt hinter vorgehaltener Hand, „Gated Communities“ für Wohlhabende als Zukunftsmodell gehandelt werden. „In Deutschland werden immer mehr Zäune um ganze Siedlungen gezogen. ‚Gated Communities‘ schotten ihre Bewohner gegen die Zumutungen einer bedrohlichen Welt ab. Wovor haben die Menschen, die hier leben, Angst?“, fragte ganz ahnungslos die HAZ im März 2016. Ein pensionierter SPD-Minister, der dort gerne lebt, sagte dem Medium: „Man weiß ja nicht, wie sich die Zeiten noch entwickeln.“ Aha. Vertraut er denn nicht darauf, dass seine mitregierenden Genossen alles zum Besten wenden? Wie auch immer: Vielleicht flüchtet die Elite auch beizeiten ins Weltall. Die Idee dazu hatte Neill Blomkamp mit seinem „Elysium“, das 2013 in die Kinos kam. „Im Jahr 2154 ist die Menschheit in zwei Klassen aufgeteilt: Die wenigen Reichen, die in einer luxuriösen Raumstation namens Elysium leben, und den Rest, der auf der vollkommen ruinierten, überbevölkerten Erde dahinvegetiert“, fasst Filmstarts zusammen. Blomkamp sagte in einem Interview im August 2013 zu seinen Beweggründen: „Wir befinden uns in einer weltweiten Immigrationskrise. Einerseits gehen die Ressourcen langsam zu Ende, andererseits steigt die Weltbevölkerung unkontrolliert an. Viele Menschen werden in Zukunft einige sehr schwerwiegende Entscheidungen über die Verteilung der verbleibenden Ressourcen treffen müssen.“ Die Raumstation in Elysium erinnert übrigens an das Konzept des „Stanford-Torus“, eine von der NASA 1975 entworfene Weltraumkolonie: Ein etwa 1,5 Kilometer großes, hohles Weltraumrad, das Platz für mindestens 10.000 Menschen bieten und im Orbit über der Erde kreisen sollte - oder wird (?). Mehr dazu: hier


5.8.2017

Sorgfalt: Eine verteidigungswürdige Tugend

 

Der Zeitgeist lässt sich auch anhand der allgemein angestrebten, heute eher unterlassenen Sorgfalt charakterisieren. Die Pflicht zur Sorgfalt findet sich in Berufsbeschreibungen von Journalisten, Juristen oder Ärzten. Darüber hinaus könnte es auch im Alltag darum gehen, der Sorgfalt wieder mehr Wertschätzung entgegenzubringen. Wer Sorgfalt an den Tag legen will, braucht vor allem Ruhe und Zeit. Denn ständig schwatzende Leute im Umfeld und Getriebenheit konterkarieren jede Bestrebung, bei einer Sache zu verweilen respektive alle Details zu beachten, sich also um diese und eventuell auftretende Konsequenzen zu sorgen. So gilt denn die Sorglosigkeit als Gegensatz der Sorgfalt (vermutlich aus Sorge und Walten zusammengesetzt). Im weiteren Kontext fällt die stete Bemühung deutungsmächtiger Kreise auf, „besorgten Bürgern“ einen lächerlichen bis rechtspopulistischen Anstrich zu verpassen. Die plumpen Unterstellungen demonstrieren indessen, dass ihnen die Sorgfalt sonst wo vorbei geht und sie es nur nicht so genau wissen wollen, sich also weder um potenzielle Gefahren noch um eventuelle Folgen sorgen. Angesichts solcher Verantwortungslosigkeit besteht keinerlei Anlass, sich von dieser sorglosen Deutungsmacht beeindrucken zu lassen. Die Devise muss sein, den eigenen Sorgfaltsanspruch, auch als Garant der Verbindlichkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen, mit noch höherer Intensität zu pflegen und relativierende Anwürfe dem Strohfeuer der Banalität zu überlassen. 


29.7.2017

Die „Engelsstimme“ hat sich verabschiedet

 

Geoffrey Gurrumul Yunupingu, der bekannteste Aborigine-Musiker Australiens aus Elcho Island, ist am Dienstag im Alter von 46 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Yunupingu habe sich „konsequent den Regeln des Musikbusiness widersetzt“, keine Interviews gegeben und trotzdem schaffte es der geburtsblinde Sänger bis in die europäischen Charts, berichtet Deutschlandfunkkultur. Yunupingu sei sehr zurückhaltend und bescheiden gewesen. Laut eines Portraits aus dem Jahr 2009 in der Frankfurter Rundschau ließ er sich von seiner Blindheit aber nicht vom Fahrradfahren abhalten. Die meisten seiner Songs erzählen von der 40.000 Jahre alten Kulturgeschichte der Aborigines. Das bekannteste sanfte Stück des Songwriters heißt „Wiyathul“ und kann hier genossen werden.


15.7.2017

Das verschwundene Wort

 

Immer mal wieder hübsch fürs Wochenende: eine Kurzgeschichte von Michael Ende. Eine davon heißt: „Die Dame schob den schwarzen Vorhang ihres Kutschenfensters beiseite.“ Die Dame ließ sich nämlich zu einem Fest kutschieren und geriet dann plötzlich in einen Konvoi, bestehend aus einem langen Zug von ganz unterschiedlichen und auch skurrilen Menschen. Sie kamen vor langer Zeit aus dem Himmelsgebirge, wo sie das „Ununterbrochene Schauspiel“, das die Welt zusammenhält, aufgeführt haben. Dabei stand jeder auf einem anderen Berggipfel und sie riefen sich unaufhörlich Worte zu. „Warum habt ihr aufgehört es zu spielen?“, fragt die Dame. „Eines Tages bemerkten wir, dass uns ein Wort fehlte“, bekam sie zur Antwort: „Es war einfach nicht mehr da. Aber ohne dieses Wort konnten wir nicht weiterspielen, weil alles keinen Sinn mehr ergab. Es war das eine Wort, durch das alles mit allem zusammenhängt.“ Und nun bestehe die Welt nur noch aus Bruchstücken, von denen keines mehr mit dem anderen etwas zu tun hat. Wenn das so weiterginge, dann würden die Bruchstücke immer weiter zerfallen, bis die Welt schließlich zerstäube. „Darum sind wir unterwegs und suchen es.“ Ein Mädchen sagt: „Wir schreiben das Wort mit dem langen Weg, den wir gehen, auf die Oberfläche der Erde.“ Das verschwundene Wort führe sie dabei. Die Dame sagt später zum Kutscher: „Du und ich, wir können bezeugen, dass es sie gibt.“ Und wenn sie das Wort eines Tages finden, „dann müsste die Welt sich von einer Stunde zur anderen verwandeln“. Nette Vorstellung. 


1.7.2017

Düsseldorf als „Eventfläche“

 

Wer sich über Hintergründe des Grand Départ der Tour de France am Wochenende in Düsseldorf informieren möchte, wird unter anderem bei der FAZ fündig. Allein das Sicherheitskonzept böte Lesestoff für mehrere Stunden. „Die Details bleiben allerdings top secret“, schreibt der WDR. Durch das Event soll auch zu einer „neuen Radkultur“ bewegt werden. London hatte die Bewerbung als Ausrichterkandidat für den Tour-Start 2017 aus Kostengründen in letzter Sekunde zurückgezogen, obwohl bereits eine Zusage vorlag.


24.6.2017

Ein Perspektivwechsel...

 

...ist immer mal erfrischend; wie etwa diese Doku über einen WaldmenschenTeil 2: hier.   


17.6.2017

Über den Ribbeck auf Ribbeck

 

Wer am Wochenende Lust auf eine kleine, auflockernde Geschichte über den Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland hat: Hier ist sie zu hören und zu sehen. Eine kurzweilige Vorstellung des Autors Theodor Fontane ist dort abrufbar.


6.6.2017

„Das demokratische Lebenselement“

 

„Wir“ wohin das Auge reicht, von links bis rechts und dazwischen. Individualisten oder auch nur jene, die Wert auf Eigenständigkeit legen, haben wohl die Nase schon längst bis in die hintersten Winkel der Kieferhöhlen voll von den zahlreichen „Analysen“ und Charakterisierungen in Print und im Netz, die mit ihrem ständig pauschalisierenden „Wir“ – …wir haben die Grenzen nicht kontrolliert…wir empfinden ja alle dies und das…wir verhalten uns so und so… – Personen in Mithaftung nehmen, die in verantwortlicher Position gänzlich anders entschieden hätten oder die ein völlig anderes Empfindungs- und Verhaltensrepertoire aufweisen als die Autoren solcher Texte.   

 

Die subtile Erziehung zu Unselbständigkeit bis hin zu Hörigkeit ist ein Aspekt davon. Ein anderer findet sich in dieser Buchbesprechung von Bernd Leineweber über Paolo Flores d’Arcais‘ Werk (2004): „Die Demokratie beim Wort nehmen - Der Souverän und der Dissident“. D’Arcais geht davon aus: Das Grundelement der Demokratie ist das Individuum. „Nur wenn jeder Einzelne seine und sei es noch so abweichende Meinung mit der Aussicht, die politische Öffentlichkeit zu erreichen, uneingeschränkt äußern könne und von der Mehrheit nicht nur geschützt, sondern ermutigt werde, seiner Meinung Ausdruck zu geben, sei eine Demokratie lebendig.“ Der Einzelne muss dafür meinungsfähig und gebildet, die Medien pluralistisch organisiert und die Unabhängigkeit der Justiz gewährleistet sein. Der Autor konkretisiert: Politische Partizipation setzt voraus, dass der Einzelne seine eigene Meinung höher bewertet als die von gesellschaftlichen Gruppen und Parteien – „von Mehrheiten eben, die zum Konformismus nötigen“. Die eigene, wenn auch abweichende Meinung, und gerade nicht die organisierte, ist das demokratische Lebenselement. 

 

Ein Demokrat mache aus, was Vaclav Havel mit „in der Wahrheit leben“ bezeichnete. Einer, der die Lügen der Parteipropaganda nicht mitmachen, sondern authentisch leben will. „Die Freiheit des Individuums existiert zuerst. Und im Sinne der Demokratie existiert das Volk juristisch und faktisch nicht mehr, wenn die Pluralität der unverwechselbaren Existenzen, die sie konstituieren, gefährdet ist“, meint der Autor: „Jede politische Ordnung, die diese Existenzen vereinheitlicht und unterwirft, öffnet sich bereits der Heteronomie des Totalita-rismus und verfällt ihm.“ D’Arcais hat damit einen Orientierungsfaden zur Verfügung gestellt: es erleichtert mit diesem zu erkennen, wer es wirklich ernst meint mit der Demokratie respektive wer sie verstanden hat und wer sie fördert und wer sie blockiert.  


3.6.2017

Europäischer Fahrradtag

 

Kürzlich in Rimini bekam ich von meiner Herberge ein Fahrrad ohne Klingel gestellt. Das machte gar nichts, denn das Tretlager meldete sich während jeder Fahrt und ständig so laut zu Wort, dass mich jeder schon von weitem kommen hörte. Bis nach Santarcangelo bin ich trotzdem damit gekommen. Das sind, wenn man, wo möglich, abseitige Schleichwege fährt – was aufgrund rüder Autofahrer unbedingt zu empfehlen ist, etwa 50 Kilometer hin und zurück. Fahrräder sind super! Das muss wenigstens am heutigen Europäischen Tag des Fahrrades mal gesagt werden. Erfunden hat es der gebürtige Karlsruher Karl Drais, der am 12. Juni 1817 zum ersten Mal „mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit von rund 15 Stundenkilometern“ über die Straße „flitzte“, wie die Welt aufklärt. In Rimini mit dem Fahrrad besonders angenehm auszukundschaften sind zum Beispiel die wunderschönen Parks wie etwa dieser, der Borgo San Giuliano, die großzügig gestaltete Innenstadt oder das Centro Storico mit den verwinkelten Gässchen.

 

Eine Liste von Fahrradmuseen und weiteren wissenswerten Details sind hier zu finden. 


29.5.2017

Identifizierbare Kulturen

 

„Im wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen, da ist in meinem Herzen die Liebe aufgegangen…“ – über dies „Lyrische Intermezzo“ von Heinrich Heine und der musikalischen Umsetzung durch den „meraviglioso Schumann“ oder andere deutsche Dichter und Komponisten finden sich mehrmals wöchentlich Beiträge in italienischen Lokalzeitungen; sei es aus Anlass von Konzerten, Ausstellungen oder Vorlesungen. Jenseits der Alpen scheint man die deutsche Kultur also durchaus zu kennen und zu schätzen.

 

Während meines herzallerliebsten Italienurlaubs – in Form von kreativer Selbstversorgung auch für schmalere Geldbeutel machbar – habe ich hier und da erzählt, dass im deutschen Parlament eine Integrationsministerin sitzt, die behauptet: „Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“ Neben Bemerkungen wie „non va bene“ bekam ich von einem Mittsiebziger, engagiert bei Facebook, die konkretere Auskunft, dass während seiner Ausbildungszeit anstatt von italienischer Geschichte vielmehr Kommunismus gelehrt worden sei und bereits damals auch in Italien damit begonnen wurde, Kultur und Tradition den Kampf anzusagen. Nicht zuletzt im Flughafen Ancona Falconara gibt es noch diesbezügliche Wehrhaftigkeit: Am Eingang zur Sicherheitskontrolle steht – wie mir ein Mitarbeiter erklärte seit 18 Jahren – ein relativ großes Relief mit Maria und dem Jesuskind. Wen das nicht interessiert, der geht achtlos vorüber, und wer die christliche Religion schätzt, der freut sich daran. Kein Diskriminierungsproblem weit und breit. 

 

Eine kleine Umfrage meinerseits unter weiteren Einheimischen, was ihnen zur deutschen Kultur einfällt, ergab folgende Details: Einem Jugendlichen im bezaubernden Santarcangelo fiel zunächst Bayern München und die Museumsinsel in Berlin ein, bei weiterem Nachdenken dann die Wertschätzung der antiken Philosophen, Literaten wie Goethe und die pragmatische Sprache. Zum Charakter bekam ich an meinem Standort Rimini – diese vielseitige Stadt lässt sich übrigens nur wirklich mittels Fahrrad erschließen – heraus: Die Deutschen seien generell präzise, treu im Sinne von redlich, ernsthaft und tolerant. Als negativer Aspekt wurde fehlende Flexibilität genannt: Italiener hätten da schon einen größeren Spielraum, um die Dinge neu zu justieren. In San Marino brauchte ich meine Frage gar nicht erst zu stellen. Nach meiner Richtigstellung gegenüber einem Sammarinesen, dass ich keine Französin bin, präsentierte mir dieser seine Deutschkenntnisse: „Wie spät ist es?“ 

 

Nebenan war ein kleines Café, das in Deutschland von den Zuträgern der rigiden Kulturrelativisten in Politik und Medien vermutlich längst rufgemordet wäre:  Der Besitzer empfängt ankommende Reisebusse mit dem Schwenken der jeweiligen Nationalfahne. Die aussteigenden Leute freuen und amüsieren sich über diese nette Geste. Wie absurd und destruktiv in solchem Umfeld die Sprücheklopferei von der angeblich notwendigen Überwindung des Nationalen wirken würde. Die positive Erkenntnis ist: Das Gros der Menschen lebt überhaupt nicht nach dem, was von den Politkanzeln herab gepredigt wird. Es erreicht sie gar nicht. Hier spielt das Leben, dort der falsche Film.  


29.4.2017

Arbeitsauffassung im Wandel

 

Wer sich am langen Wochenende bis zum 1. Mai mit den gängigen Arbeitsauffassungen in den jeweiligen Epochen beschäftigen will, findet hier eine kurzweilige Zusammenfassung

In der frühen Antike gilt Arbeit als „naturbedingte Notwendigkeit“ und als „Voraussetzung, um von den Göttern geliebt zu werden“. Im weiteren Verlauf der Antike widerfährt der Arbeit dann eine zunehmende Abwertung bis hin zur Auffassung antiker Philosophen wie Aristoteles: Arbeit und Freiheit sind unvereinbar. Im Mittelalter prägt vorerst die christliche Vorstellung vom Sündenfall den Ausgangspunkt der menschlichen Arbeit; bis Theologen wie Thomas von Aquin und Martin Luther die Arbeitstätigkeit wieder aufwerten. 

 

Mit der Industrialisierung und den Naturwissenschaften beginnt die „Entmystifizierung der Welt“. Diese „verändert die Arbeitsauffassung fundamental, allerdings in eine überraschende Richtung“: Denn obwohl Maschinen „enormes Potenzial an Arbeitserleichterung“ schaffen, nimmt die Menge an Arbeit zu und wird zum Zentralbegriff. „Durch die Zentralisierung des Arbeitsbegriffes lösen sich die Tätigkeitskategorien der Antike (poiesis und praxis) und des Mittelalters (vita activa und vita contemplativa) auf. Es werden zunehmend unterschiedliche Tätigkeiten unter einem einheitlichen Arbeitsbegriff subsumiert.“ Die Arbeit ist nun „Schlüsselkategorie der heutigen Gesellschaft“, die „alle Bereiche des menschlichen Lebens durchzieht: Hausarbeit, Schularbeit, Beziehungsarbeit…“ 

 

Die Kritik von Adam Smith an der Arbeitsteilung während der Industrialisierung: ,,Ein Mensch, der sein ganzes Leben damit hinbringt, ein paar einfache Operationen zu vollziehen, deren Erfolg vielleicht immer derselbe oder wenigstens fast derselbe ist, hat keine Gelegenheit, seinen Verstand zu üben, oder seine Erfindungskraft anzustrengen, um Hilfsmittel gegen Schwierigkeiten aufzusuchen, die ihm niemals begegnen. Er verliert also natürlich die Fähigkeit zu solchen Übungen und wird am Ende so unwissend und dumm, als es nur immer ein menschliches Wesen werden kann.“ Karl Marx führt den Begriff der Entfremdung in die moderne Arbeitsauffassung ein, kurz darauf perfektioniert Henry Ford die Fließbandarbeit. Die Arbeit wird zur „reinen Operation“. Denken und Tun driften zunehmend auseinander. 

 

Schließlich wird Arbeit „in der Arbeitsgesellschaft zum Kern der sozialen Identität“. Der normative Überbau: „Was einer beruflich tut, entscheidet darüber, was einer ist.“ Erwerbsarbeit soll nicht nur als reines Mittel der Existenzsicherung, sondern als sinnstiftendes Lebenselement gesehen werden. Die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern beginnt sich aufzulösen. Doch „viele Arbeitnehmer müssen feststellen, dass das postmaterialistische Arbeitsethos verführerischer, heimtückischer und gnadenlos überfordernd wirkt“. Zum „Strukturwandel der Arbeitswelt im 20. Jahrhundert“ inklusive Technisierung und Digitalisierung geht es hier entlang.


8.4.2017

Ein paar Sekunden Meer

 

Wer sich am Wochenende von einem Geräuschemacher für ein paar Sekunden lang ans Meer entführen lassen will, der muss nur am Ende dieses kurzweiligen Interviews, das knapp elf Minuten dauert, die Augen schließen. Noch mehr Infos zu diesem kreativen Beruf: hier


1.4.2017

Für ein beruhigtes Wochenende: einfach mal einem sanften Flussplätschern lauschen.


27.3.2017

Unverschämte Anbieter 

 

Das hat vermutlich schon fast jeder erlebt: "Internetkunden erhalten nur selten von ihrem Anbieter die Übertragungsgeschwindigkeiten, die eigentlich in ihrem Vertrag vorgesehen sind." Die Bundesnetzagentur bestätigt dies nun laut Donaukurier nach einer Untersuchung. In diesem Fall kann man sogar einer Grünenpolitikerin zustimmen: "Wenn nicht einmal ein Viertel der Nutzer die vertraglich versprochene maximale Bandbreite erhält, dann grenzt das an systematischen Kundenbetrug", so Tabea Rößner. Ihre Forderungen: Festgelegte Mindestbandbreiten sowie Bußgelder und Schadensersatzzahlungen. 


25.3.2017

Zum Zeitgesetz

 

Ab Sonntag gilt wieder die Sommerzeit. Wer am Wochenende ein wenig über dieses Projekt schmökern möchte, findet das „Gesetz über die Zeitbestimmung“ vom 25. Juli 1978 (Umsetzung: 1980) im Bundesgesetzblatt ab Seite 1110, unterzeichnet von Bundespräsident Scheel, Bundeskanzler Schmidt und Bundesinnenminister Baum. Das Zeitgesetz von 1893 von Kaiser Wilhelm II wurde damit abgelöst. Kurzweilig: Die Lesungen zur Sache. Im Plenarprotokoll zur ersten Beratung liest man ab Seite 1745 zum Hauptmotiv: Der „Überlegungsstand der Bundesregierung geht dahin, dass bei Abwägung aller für und gegen die Einführung der Sommerzeit sprechenden Gesichtspunkte der Einführung vor allem aus europapolitischen Gründen der Vorzug zu geben ist“. Und im Plenarprotokoll zur zweiten und dritten Beratung erfährt man zum Beispiel ab Seite 8014 Folgendes von der damaligen Abgeordneten Dr. Liesel Hartenstein (SPD): „Das Hauptargument, das Frankreich 1976 als erstes Land bewogen hat, die Sommerzeit einzuführen, war bekanntlich die Hoffnung auf Energieeinsparung. Diese Hoffnung hat sich mittlerweile — man muss es leider sagen — verflüchtigt, als Seifenblase herausgestellt. Die französische Presse berichtete schon im letzten Jahr, dass der energieeinsparende Effekt praktisch gleich Null sei.“ Im historischen Vorfeld gab es bereits Phasen der Zeitumstellung: von 1916 bis 1918 sowie zwischen 1940 und 1949 mit unterschiedlichen Regelungen in einigen Landesteilen.   


18.3.2017

Interessante Ballonfahrt

 

Wer sich am Wochenende auf eine kurzweilige Ballonreise mit einem rundum angenehmen Erzähler, 300 Kilogramm Gas und 9.000 PS in 5.000 Metern Höhe und bei himmlischer Ruhe über die Alpen von Füssen nach Verona begeben möchte: hier ist der Zustieg.  


13.3.2017

Nur ein Spiel?

 

An merkwürdige Vorgänge im Land ist man gewöhnt, dieser hier ist aber erwähnenswert: Polizeibeamte aus Friedland und Neubrandenburg fahren nach einem Hinweis zum ehemaligen Bundeswehrgelände. Sie treffen dort auf 20 Jugendliche in Tarnkleidung – und mit Luftdruckwaffen. „Die Personen wurden belehrt und des Platzes verwiesen.“ Eine Anzeige wegen Verstoß gegen das Waffengesetz wird gefertigt, da der Umgang mit Luftdruckwaffen, auch ohne Schießen, außerhalb des eigenen Grundstücks einen Waffenschein erfordert. „Somit ist es unzulässig, ein für jedermann frei zugängliches Gelände aufzusuchen und dort diese Waffen, auch nur zum Spiel, zu führen bzw. sie zu benutzen.“ Zur Motivation der Jugendlichen hätte man ja doch gerne Genaueres gewusst.


25.2.2017

Wer sich am Wochenende ein wenig durchgeweht fühlen will, der wird hier fündig.  


18.2.2017

Geistige Eigenständigkeit

 

Bei der NZZ erschien kürzlich ein Plädoyer zur Abschaffung der Fernsehgebühren in der Schweiz. Es ist zugleich eine allgemeine Fürsprache für die eigentliche Menschenrechtsidee, etwa für „die unveräußerlichen Rechte des Individuums wie seine persönliche Freiheit, unter welcher Liberale nicht die Erlangung von Macht verstehen, etwas zu tun (das ist die sozial-demokratische Definition von ‚Freiheit‘), sondern das Recht, in Ruhe gelassen zu werden – also von anderen nicht gezwungen zu werden, etwas gegen den eigenen Willen zu tun“. Kollektivistische Weltverbesserer hingegen sehen Menschen als Mittel zum Zweck und vergessen den Kontext: „Mit der Frage nach dem Wünschbaren endet jedoch der kognitive Prozess eines Kollektivisten. Der Kontext wird aus intellektueller Faulheit oder manipu-lativer Böswilligkeit ausgeblendet.“ In diesem Sinne lasse man sich nicht anstecken: weder von der öffentlichen, oft undifferenzierten Meinungsmacht noch von deren Ausgrenzungs-ritualen. Denn: „Nur in der reinen Luft eigenen Denkens, eigenen Empfindens, eigenen Urteils atmet man den frischen Hauch geistiger Selbständigkeit.“ (Moritz von Egidy)


11.2.2017

Kooperation und Koordination...

 

...hier oder dort kann man sehen, wie das geht und sich damit am Wochenende entspannen.


2.1.2017

Klarheit ist Zukunft

 

Eine Gruppe namens „Hackback Movement“ hat am Silvesterabend die Website der Bilderberger gehackt, schreiben die DWN. Ihre gepostete Botschaft: Die sogenannten Eliten sollten ein Jahr lang „wirklich im Dienst der Menschheit tätig werden“. Ansonsten würde alles gehackt, was ihnen lieb und teuer sei – „vom Luxusauto bis zur Smartwatch der Escort-Freundin“. Michael Hartmann ist derweil der Meinung: „Es gibt keine mächtige globale Elite“, international betrachtet. Und folgert daraus: „Die Handlungsspielräume nationaler Politik sind weit größer, als seit Jahren mantraartig verkündet wird.“ Der Soziologe widersprach übrigens erfrischend deutlich dem bekanntesten der mürrisch-indifferenten Politikwissenschaftler. Deutschlandradio Kultur: „Herfried Münkler hält große Teile des Volkes für dumm. Hat er recht?“ Michael Hartmann: „Nein, das ist eine herablassende Haltung, die bei Teilen der Elite in letzter Zeit immer häufiger zu beobachten ist. Die Bevölkerung hat ein ganz gutes Gespür, wenn es um ihre eigene Lebenssituation geht.“ Personen mit klarer Kommunikation und weit gehender Unbestechlichkeit fallen umso mehr auf, je seltener sie werden. In ihren Händen liegt die Gestaltung der Zukunft; weil sich das andere Interaktionsmodell müde läuft, so lange, bis einfach niemand mehr darauf achtet.