11.11.2017

Mit heiterer Ruhe gegen die Intoleranz

 

In dieser Doku über den Philosophen Spinoza (1632 – 1677) – der Boykott der Wahrheit – wird eindrücklich geschildert, wie es einem in einer von Dogmen beherrschten Gesellschaft ergeht, wenn er die Denkfreiheit verteidigt. Erst gnadenlos beschimpft und verflucht, dann ausgehorcht von Spitzeln, wird schließlich sein „Theologisch-politisches Traktat“ von Universitätskanzleien sowie von staatlichen und kirchlichen Behörden wegen der „gefährlichen Ansichten“ verboten. Unter Strafandrohung von acht Jahren Zuchthaus darf das Buch nicht mal zustimmend erwähnt werden. Der Philosoph empört, weil ihm die gängige Meinung gleichgültig ist. Er spürt, wie es sich für einen Philosophen gehört, unerbittlich seiner Wahrheit nach, „ohne Angst vor dem Urteil der Menschen“. In der Sache lässt Spinoza niemals nach: Ein Gedanke höre nicht auf wahr zu sein, bloß weil er von den Vielen nicht anerkannt werde. „Üble Nachrede aber soll mich nicht dazu bringen, sie (die Wahrheit) im Stich zu lassen." Denn: „Kann man sich größeres Unglück für einen Staat ausdenken, als wenn ehrbare Männer nur darum, weil sie anders denken und nicht zu heucheln verstehen, wie Verbrecher des Landes verwiesen werden? Was kann verderblicher sein, als wenn Menschen nicht wegen eines Verbrechens oder einer Übeltat, sondern nur, weil sie freien Geistes sind, für Feinde erklärt“ werden? Spinoza bleibt sich selbst trotz des Hasses seiner Mitwelt treu und harrt „ohne die Verlockung des Ruhms“ in der Einsamkeit aus. Textlog führt dazu aus: „Er lebte, getreu seiner Lehre, erhaben über irdische Ehren und Glücksgüter, ohne Bedürfnisse, aber voll heiterer Ruhe, Herr seiner Leidenschaften, voll Milde und Wohlwollen gegen andere und Strenge gegen sich selbst. Die Reinheit seines Charakters haben selbst seine zahlreichen wütenden Gegner nicht anzuzweifeln gewagt.“


4.11.2017

Anregungen für Gewaltzeugen

 

„Wir alle können nicht vermeiden, dass die Präsenz von Gewalt, vor allem die ständige Präsenz, Spuren in uns hinterlässt.“ Das Statement stammt aus einem sechs Jahre alten Bericht der Psychologischen Fachberatungsstelle bei sexualisierter Gewalt Kompass Kirchheim. Es geht vorrangig darum, wie Helfer, etwa Therapeuten, in Anbetracht zwischenmenschlicher Gewalt gesund bleiben können. Von den Anregungen im Bericht könnte aber auch der wachsende Kreis der Personen, der mit unmittelbarer Zeugenschaft bei Gewalttaten konfrontiert ist, profitieren. Ebenso verantwortungsbewusste Bürger, welche die Entwicklung in den vergangenen zwei Jahren ernst nehmen und die entsprechende Nachrichtenlage auszuhalten versuchen. Das soll natürlich nicht therapieersetzend sein – falls Betroffene überhaupt noch Termine dafür bekommen.

 

Die Wucht von Gewalterfahrungen kann sowohl zu sekundärer Traumatisierung als auch zur Änderung des Welt- und Selbstbildes führen sowie Grundannahmen des Lebens in Frage stellen. „Lange Zeit gab es den Irrtum zu glauben, dass wir im Laufe der Zeit, mit wachsender Gewöhnung an Gewalt, abhärten und somit geschützter werden. Das Gegenteil ist der Fall. Je mehr wir mit Gewalt und den Folgen von Gewalt konfrontiert werden, umso höher wird die Gefahr, dass wir selbst uns verändern, bis dahin, dass wir krank werden.“ Immunisierungsversuche seien zum Scheitern verurteilt. Veränderungen der eigenen Person sollten achtsam wahrgenommen werden. Dann besteht die Chance zu lernen, die Richtung der Veränderung zu beeinflussen. Der neunseitige Bericht geht auch darauf ein, dass öffentliche Nachrichten Verbitterung über das Versagen unserer Gesellschaft und des Rechtsstaats, etwa bezüglich der täterorientierten Justiz, hervorrufen können.

 

„Wir sollten uns um eine innere Balance kümmern zwischen Schwerem und Leichtem, Leid und Sorglosigkeit, Spannung und Entspannung, Aktivität und Passivität.“ Hilfreich ist Austausch, um mit den Erlebnissen nicht allein zu bleiben. Weitere Anregungen: eindeutige Grenzen setzen; liebevoll auf sich achten; bewusst Nischen zum Auftanken schaffen; leben, lieben und genießen pflegen; auf Energieeffizienz achten; Zeit mit Menschen verbringen, die gut tun; Zeit in der Natur und mit Kreativität verbringen; den Körper pflegen durch genug Schlaf, Pausen, Urlaub, Wellness, gutes Essen und anderes mehr. „Wir sollten uns den Raum geben, um spirituell zu reifen.“ Existenzielle Fragen überdenken kann ebenso hilfreich sein wie eine reflektierte, reife Spiritualität als starke Stütze „in Momenten der Ohnmacht“. Wichtig sei außerdem die konkrete Sinnhaftigkeit in Beruf und Privatleben: „Was kann ich heute Sinnvolles tun? Jetzt? In dieser Phase meines Lebens. In dieser gesellschaftlichen Zeit.“ Eine resiliente Chance bei alldem: die tiefer gehende Lebensqualität.

 

Der Bericht enthält auch schwer verdauliche politische Details im Nachgang zum Stichwort „Odenwaldschule“ (Seiten 4 und 5). Außerdem zu beachten: Der Text stammt aus dem Jahr 2011. Zu den aktuellen Verjährungsfristen nach Sexualdelikten: siehe dort.


28.10.2017

Mehr als Rädchen im Getriebe

 

„Über- und Unterordnung“ heißt ein interessantes Kapitel aus den „Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung“ des Philosophen und Soziologen Georg Simmel. Bei der Analyse des gesellschaftlichen Daseins spielten die Über- und Unterordnungs-Verhältnisse eine ungeheure Rolle und vor allem eine Unterscheidung ist dabei wichtig: „Herrschsucht, so sehr sie das innere Widerstreben des Unterworfenen brechen will, … hat an dem Andern noch immer eine Art Interesse, er ist für sie ein Wert. Erst wo der Egoismus nicht einmal Herrschsucht ist, sondern der Andre ihm absolut gleichgültig und ein bloßes Werkzeug zu über ihn hinaus liegenden Zwecken ist, fällt der letzte Schatten des vergesellschaftenden Füreinander fort.“ Wo aber keine Beziehung ist, könne man von Gesellschaft „so wenig reden, wie zwischen dem Tischler und der Hobelbank“. Eine provozierende These: „Selbst in den drückendsten und grausamsten Unterworfenheitsverhältnissen besteht noch immer ein erhebliches Maß persönlicher Freiheit. Wir werden uns ihrer nur nicht bewusst, weil ihre Bewährung in solchen Fällen Opfer kostet, die auf uns zu nehmen ganz außer Frage zu stehen pflegt.“ Das Über- und Unterordnungs-Verhältnis vernichte nämlich die Freiheit des Untergeordneten nur im Falle von physischer Übergewalt; sonst pflege es nur einen Preis, den er für die Realisierung der Freiheit nicht zu bezahlen geneigt ist. Was man auch davon halten mag: der längere Text von Simmel, in dem es auch darum geht, wie „Autorität“ und „Prestige“ entsteht und was die „Unterworfenen“ mit ihrer „Hingabe“ dazu beitragen, regt dazu an nachzudenken, inwiefern der gemeine Bürger doch wesentlich mehr als ein Rädchen im Getriebe ist respektive sein könnte, falls er denn wollte und es ihm genug wert wäre.  


14.10.2017

Die Würde der Tatsachenwahrheit verteidigen

 

In Ergänzung zum morgigen Wahlsonntag in Niedersachsen und in Österreich soll an dieser Stelle daran erinnert werden, dass die politische Philosophin Hannah Arendt heute 111 Jahre alt geworden wäre. Unter Bezugnahme auf ihr Essay von 1964 mit dem Titel „Wahrheit und Politik“ erkennt Boris Blaha bereits im November 2014 auch eine Arendt’sche Note im öffentlichen Umgang mit Flüchtlingen. Es geht um die Übertragung einer politischen Frage in den Bereich des Moralischen und um „spiegelbildliche Ausblendung von Faktizität“, die zur Entfernung von der Sache führt. Die Folgen: „Die moralisch-monologische Struktur einer gewaltsam auftretenden Gesinnungswahrheit verschließt sich gegenüber der Wirklichkeit und spaltet die Anwohnerschaft in Gut und Böse – der Riss geht mitten durch Familien und Nachbarschaften. Von einem auf den anderen Tag sprechen Menschen nicht mehr miteinander, die seit Jahren stabile Nachbarschaften gepflegt hatten – der daneben ist jetzt das feindliche Gegenüber.“ Die gemeinsame Welt versinkt im Abwärtsstrudel, wenn die Faktizität als solche durch ein „organisiertes, öffentliches Lügen vernichtet“ wird.

 

Die „Tatsachenwahrheit“ aber könne durch nichts „außer der glatten Lüge“ erschüttert werden; auch wenn sie stets gefährdet ist, in Meinungen transformiert und damit beliebig zu werden. Die Hartnäckigkeit der Tatsachenwahrheit „sorgt für eine gewisse Beständigkeit, für etwas, das durch den Gemeinsinn der Vielen, die einfach nur sagen, was ist, in der Zeit gehalten werden kann und damit eine Würde erlangt“. Es muss daher darum gehen, die mit der Politik verknüpfte Würde der Tatsachenwahrheit gegen Versuche einer lügenhaften Vernichtung zu verteidigen. Denn die „Kraft des Wirklichen“ stabilisiert den politischen Raum als solchen. Außerdem ist sie Grundlage jeden Meinungsstreits. „Während die philosophische Wahrheit vereinzelt, die Gesinnungswahrheit spaltet, versammelt die Tatsachenwahrheit. Wird diese für das Leben in einer gemeinsamen Welt elementare Bindung durch öffentliches, organisiertes Lügen durchtrennt, gerät man unweigerlich auf die schiefe Bahn und damit schnell ins Bodenlose. Man verliert genau jene Orientierung, die dann durch ein erfundenes Freund/Feind Schema imaginär erst wieder konstruiert werden muss.“ Eigentlich ist es für eine Bewertung der aktuellen Lage unabdingbar, die politische und mediale Kommunikation auch aus dieser Perspektive zu betrachten.  

 

Das WZB bietet eine ausführliche Analyse zur Demokratiekonzeption von Hannah Arendt.


7. 10.2017

Selbstbestimmte Lebenszeit

 

Von so einem wie Seneca lässt man sich doch gerne die eigene Unvernunft vorhalten. „Das Leben ist kurz“, heißt es in dieser eingängigen Präsentation, das liegt aber an jedem selbst: „Auf die Zeit selber achtet keiner; da wird sozusagen nichts gefordert und nichts gegeben. Mit der kostbarsten Sache der Welt geht man um wie mit einem Spielzeug.“ Dabei wird niemand einem die Jahre wiedererstatten. Unverlierbare Weisheit und bewusst gelebte Muße sind nach Seneca die Eckpfeiler erfüllten Lebens: „Nicht nur recht kurz, sondern recht elend muss also das Leben solcher Menschen sein, die sich mit großer Mühe das erwerben, was sie nur mit noch größerer Mühe in ihrem Besitz halten können.“ Vielbeschäftigte sind in einer traurigen Lage. „Am traurigsten aber sieht es für diejenigen aus, die…ihre Tritte nach dem Schritt eines Anderen richten und sich sogar das Lieben und Hassen – die allerfreiesten menschlichen Regungen – befehlen lassen müssen.“ Während aber diese Menschen selbst hin- und hergedrängt werden und Andere wegdrängen, bleibt ihr Leben ohne Gewinn, ohne geistiges Wachstum. Der „Tugendprediger“ meint: „Das größte Hindernis im Leben ist die Erwartung, die uns an das Morgen bindet und uns das Heute verlieren lässt.“ Sein Tipp für die Praxis: Man muss gegen die Schnelligkeit der Zeit ankämpfen, indem man sie rasch nutzt. Wer die knappe Stunde in das Video investiert, hat sicher nichts verloren. 


5.10.2017

Chaos in Schulen durch hektische Abordnungen

 

Heute ist Weltlehrertag. Die Unesco verkündet: Bis 2030 werden wegen Verrentungen und zusätzlichem Bedarf weltweit 68,8 Millionen neue Lehrkräfte benötigt. Der Weltbildungs-bericht 2017/2018 erscheint am 24. Oktober und zeige, dass in Industriestaaten der Druck auf Lehrkräfte steigt. Grund: Mehr Aufgaben. Wie sich das vor Ort darstellt, verdeutlicht eine deftige Pressemitteilung (PM) der Niedersächsischen Direktorenvereinigung (NDV): 

 

„Die NDV sieht die Situation an den niedersächsischen Gymnasien zu Beginn des neuen Schuljahres 2017/2018 mit größter Sorge. Viele Schulen stehen vor erheblichen Defiziten bei der Unterrichtsversorgung, insgesamt und fachspezifisch.“ Lehrkräfte wurden nicht ausreichend eingestellt und qualifizierte Bewerber von Mangelfächern wie Informatik abgewiesen, um „soziale Projekte (‚Helfende Hände‘ z.B.)“ zu finanzieren. „Diese eklatanten Mängel in der mittelfristigen Versorgungskalkulation der Gymnasien werden freilich noch übertroffen von der Situation an den niedersächsischen Grundschulen. Ihnen fehlen nahezu 10.000 Stunden“, heißt es in der PM vom 2. August 2017. 

 

Nach „hektischen Schnellschüssen“ und Aufschieben der Probleme „trotz innerministerieller Warnungen“ wurden dann „vor etwa zwei Wochen erste Abordnungen von Gymnasiallehrkräften an Grundschulen“ veranlasst. „Weitere Verfügungen erfolgten gestern und noch heute, einen Tag vor Beginn des neuen Schuljahrs, telefonisch.“ Ein schweres Versagen bei der Bedarfsplanung: „Mit einem hilflosen Mittel zur kurzfristigen Symptombekämpfung soll in letzter Minute der Schuljahresbeginn an den Grundschulen gesichert werden.“ Die Fürsorgepflicht sei nicht gewahrt, „überdies spielt bei solchen kürzestfristigen Notprogrammen die Frage nach pädagogischen und didaktischen Aspekten von Unterrichtsqualität offenbar gar keine Rolle mehr“. 

 

Völlig unzumutbar sei der Zeitpunkt der Abordnungen: Schulleitungen und Lehrkräfte müssen – während des anlaufenden Schulbetriebs – geeignete Personen finden, Unterricht verteilen und Stundenpläne schulübergreifend neu organisieren. Die ministerielle Behauptung, dass von den Abordnungen nur überversorgte Schulen betroffen sind, sei falsch: „In vielen Fällen werden Unterrichtsausfall und Stundenkürzungen am abgebenden Gymnasium in Kauf genommen: Neue Lücken entstehen, um alte zu schließen.“ Die Direktoren halten das für „völlig untauglich“ und resümieren: „Mit schweren Hypotheken gehen die niedersächsischen Schulen in das neue Schuljahr, ohne Aussicht, dass sich daran etwas ändert angesichts einer Schul- und Bildungspolitik, die man nur noch als chaotisch und ideenlos beschreiben kann.“ Konsequenzen zieht mal wieder niemand.  

 

Auch anderswo wird einfach in der Gegend herum gelogen. Die Zeit teilt mit: "Tatsächlich fällt mehr als doppelt so viel Unterricht aus, als Behörden und Bildungsminister behaupten." Nachgefragt in den 16 Kultusministerien bekomme man methodisch nicht vergleichbare Zahlen mit erstaunlich niedrigen Werten. "Die Zahlen werden also seit Jahren und Jahrzehnten nicht einheitlich erhoben" – und wohl nicht umfassend. "Das grenzt ange-sichts der herrschenden Verhältnisse an unterlassene Hilfeleistung für Schüler und Eltern." 

 

Nachtrag vom 14.10.: "An Grundschulen fehlen Tausende Lehrer" beim Spiegel.


30.9.2017

Wochenendreflexion

 

„Sehn Sie, man kann nicht mehr leben von Eisschränken, von Politik, von Bilanzen und Kreuzworträtseln. Man kann es nicht mehr. Man kann nicht mehr leben ohne Poesie, ohne Farbe, ohne Liebe. Wenn man bloß ein Dorflied aus dem 15. Jahrhundert hört, ermisst man den ganzen Abstieg. Es bleibt nur die Stimme des Propagandaroboters (verzeihen Sie). Zwei Milliarden Menschen hören nur noch auf den Roboter, verstehen nur noch den Roboter, wer-den eines Tages selber zu Robotern…Was kann man, was soll man den Menschen sagen?“ aus einem Brief von Antoine de Saint-Exupéry


16.9.2017

AGB von Facebook als Musical

 

Also diese Idee ist schon nicht schlecht: „facebook-agb –  das musical“ ist seit August in Bremen und am 7. Oktober im Hamburger Polittbüro zu sehen. „Erlebe die Nutzungsbeding-ungen von Facebook inkl. der Datenrichtlinie und der Cookierichtlinie und viele weitere sagenumwobene und größtenteils unbekannte Bestandteile der Vereinbarung zwischen dir (auch, wenn du kein Facebooknutzer bist) und Facebook Ireland limited auf der Bühne – verpackt in eine wunderschöne Liebesgeschichte mit Happyend und sehr guter Musik", heißt es in der Ankündigung. Schließlich haben sich  nur wenige „an dieses legendäre Stück Gegenwartsliteratur“ gewagt, aber warum sollte dies „mythische Machwerk“ nur was für den „elitären Kreis von Datenschützern, Anwälten und Liebhabern juristischer Fließtexte sein?“ Ein Ausschnitt über das Erlebnis „AGB von Facebook für jedermann“: hier zu sehen.


12.8.2017

Kulturflüchtende Gleithörnchen

 

Gerade haben Forscher herausgefunden, dass die Vorfahren der heutigen Gleithörnchen bereits vor 160 Millionen Jahren lebten. Schon damals konnten diese mittels Flughäuten zwischen Vorder- und Hinterarmen „gezielte Segelflüge“ unternehmen, berichtet Der Standard: „Evolutionsbiologisch brachte diese Luftraumeroberung entscheidende Vorteile.“ Etwa 50 bis 80 Meter weit können die – seltenen – Europäischen Gleithörnchen zwischen Bäumen hin und her segeln. Hier ist ein „fliegendes“ Gleithörnchen und dort ein hungriges Gleithörnchen zu besichtigen. Einer Beschreibung bei Wissen Digital zufolge könnte man fast meinen, die Gleithörnchen seien über die politische Lage bestens informiert: „Als Kulturflüchter werden die Gleithörnchen in Europa immer mehr nach Osten abgedrängt.“ Tatsächlich ist aber „Kulturflüchter“ ein Begriff aus der Biologie für „hemerophobe“ Arten von Tieren oder Pflanzen, die menschliche Infrastruktur meiden. Man wird ihnen das kaum verübeln können; was hierzulande nicht ausschließt, dass die Gleithörnchen bei fortgesetz-ter, radikalisierungsaffiner Hemerophobie alsbald des Rechtspopulismus bezichtigt werden.


11.8.2017

Immer noch keine Schul-IT

 

Ende April 2015 schreibt der Tagesspiegel: „Eine internationale Studie belegt: Beim Einsatz digitaler Medien im Unterricht ist Deutschland Schlusslicht. Bei den wichtigsten Kompeten-zen für die Teilhabe an der modernen Welt hat das Land erheblichen Nachholbedarf.“ Im Oktober 2016 heißt es dann dort: „Bildungsministerin Wanka stellt heute ein großes Prog-ramm zum Ausbau der Schul-IT vor…Bis 2021 wolle der Bund fünf Milliarden Euro unter anderem in die Breitbandanbindung, in W-Lan-Zugänge und in Endgeräte wie Laptops und Tablets investieren.“ Aber besonders eilig habe es Johanna Wanka (CDU) indes nicht. Wohl wahr, denn aktuell titeln die DWN: „Milliarden-Projekt für Digitalisierung an Schulen steht vor dem Aus.“ Dabei hat eine Arbeitsgruppe ein entsprechendes Papier bereits erstellt. Die Länder stellten es Anfang Juni in einer Pressekonferenz alleine vor, da Wanka den Termin kurzfristig absagte. Verhandlungen wurden nicht wieder aufgenommen und niemand weiß, wo man jetzt steht. Die Investitionssumme sei auch nicht im vorläufigen Haushalt für das kommende Jahr eingeplant. Die Länder fühlten sich „hinters Licht geführt“. Aufforderungen Klarheit zu schaffen ignoriert die steuergeldfinanzierte Bundesbildungsministerin. Sie verwies nur auf Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl und pflegt ansonsten die Unsitte der feigen Kommunikationsverweigerung. Interesse daran, in die Zukunft des Landes zu investieren, besteht in Berlin ganz offenbar nicht. Die Frage nach dem Warum bleibt erfahrungsgemäß stets an den entscheidendsten Stellschrauben unbeantwortet. 


9.8.2017

„Die German Angst gibt es eher nicht“…

 

meint Carsten vom „Psychologie Magazin“. Er schaffte es einen Beitrag zu verfassen, in dem wohl jeder, egal wo er oder sie steht, zwar nicht alles teilt, aber an anderer Stelle wieder versöhnt wird. Es geht zum Beispiel um die Angst „ein individuelles Leben jenseits der Gruppenzugehörigkeit zu leben“. Aber: „Ein reifer Individualismus ist durchaus kein Rück-fall in den präkonventionellen Egoismus, sondern beschreibt eine reife, postkonventionelle Haltung, in der man eine eigene Identität aufbaut, aber nationale, familiäre, regionale Identitäten mit einbaut und ohne, dass einem andere vollkommen egal wären.“ Schließlich sei die westliche Errungenschaft „Individuum“ ein „gutes Gegengift gegen zu viel Kollektivismus und Gleichschritt im Denken“. Die Folgerung: „Wir brauchen Integration im breitesten Sinne und damit ist nicht (nur) die Integration der gutwilligen Teile anderer Kulturen gemeint, sondern wir müssen auch die klugen Anregungen der Sonderlinge und Querdenker zur Kenntnis nehmen.“ Wer sich 20 Minuten Zeit für den Beitrag nimmt und ihn zu Ende liest wird feststellen, dass für jeden eine favorisierte Kleinigkeit dabei ist und falls wider Erwarten doch nicht, dann mag zumindest der Grad an Differenzierung beeindrucken.


7.8.2017

Elite: Flucht in die Abschottung

 

Man muss ja nicht davon ausgehen, dass die Verantwortlichen im Land in fünf bis zehn Jahren noch in ihrem angerichteten Schaden leben wollen. Kein Wunder daher, dass auch hierzulande, wenn auch noch verschämt hinter vorgehaltener Hand, „Gated Communities“ für Wohlhabende als Zukunftsmodell gehandelt werden. „In Deutschland werden immer mehr Zäune um ganze Siedlungen gezogen. ‚Gated Communities‘ schotten ihre Bewohner gegen die Zumutungen einer bedrohlichen Welt ab. Wovor haben die Menschen, die hier leben, Angst?“, fragte ganz ahnungslos die HAZ im März 2016. Ein pensionierter SPD-Minister, der dort gerne lebt, sagte dem Medium: „Man weiß ja nicht, wie sich die Zeiten noch entwickeln.“ Aha. Vertraut er denn nicht darauf, dass seine mitregierenden Genossen alles zum Besten wenden? Wie auch immer: Vielleicht flüchtet die Elite auch beizeiten ins Weltall. Die Idee dazu hatte Neill Blomkamp mit seinem „Elysium“, das 2013 in die Kinos kam. „Im Jahr 2154 ist die Menschheit in zwei Klassen aufgeteilt: Die wenigen Reichen, die in einer luxuriösen Raumstation namens Elysium leben, und den Rest, der auf der vollkommen ruinierten, überbevölkerten Erde dahinvegetiert“, fasst Filmstarts zusammen. Blomkamp sagte in einem Interview im August 2013 zu seinen Beweggründen: „Wir befinden uns in einer weltweiten Immigrationskrise. Einerseits gehen die Ressourcen langsam zu Ende, andererseits steigt die Weltbevölkerung unkontrolliert an. Viele Menschen werden in Zukunft einige sehr schwerwiegende Entscheidungen über die Verteilung der verbleibenden Ressourcen treffen müssen.“ Die Raumstation in Elysium erinnert übrigens an das Konzept des „Stanford-Torus“, eine von der NASA 1975 entworfene Weltraumkolonie: Ein etwa 1,5 Kilometer großes, hohles Weltraumrad, das Platz für mindestens 10.000 Menschen bieten und im Orbit über der Erde kreisen sollte - oder wird (?). Mehr dazu: hier


5.8.2017

Sorgfalt: Eine verteidigungswürdige Tugend

 

Der Zeitgeist lässt sich auch anhand der allgemein angestrebten, heute eher unterlassenen Sorgfalt charakterisieren. Die Pflicht zur Sorgfalt findet sich in Berufsbeschreibungen von Journalisten, Juristen oder Ärzten. Darüber hinaus könnte es auch im Alltag darum gehen, der Sorgfalt wieder mehr Wertschätzung entgegenzubringen. Wer Sorgfalt an den Tag legen will, braucht vor allem Ruhe und Zeit. Denn ständig schwatzende Leute im Umfeld und Getriebenheit konterkarieren jede Bestrebung, bei einer Sache zu verweilen respektive alle Details zu beachten, sich also um diese und eventuell auftretende Konsequenzen zu sorgen. So gilt denn die Sorglosigkeit als Gegensatz der Sorgfalt (vermutlich aus Sorge und Walten zusammengesetzt). Im weiteren Kontext fällt die stete Bemühung deutungsmächtiger Kreise auf, „besorgten Bürgern“ einen lächerlichen bis rechtspopulistischen Anstrich zu verpassen. Die plumpen Unterstellungen demonstrieren indessen, dass ihnen die Sorgfalt sonst wo vorbei geht und sie es nur nicht so genau wissen wollen, sich also weder um potenzielle Gefahren noch um eventuelle Folgen sorgen. Angesichts solcher Verantwortungslosigkeit besteht keinerlei Anlass, sich von dieser sorglosen Deutungsmacht beeindrucken zu lassen. Die Devise muss sein, den eigenen Sorgfaltsanspruch, auch als Garant der Verbindlichkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen, mit noch höherer Intensität zu pflegen und relativierende Anwürfe dem Strohfeuer der Banalität zu überlassen. 


29.7.2017

Die „Engelsstimme“ hat sich verabschiedet

 

Geoffrey Gurrumul Yunupingu, der bekannteste Aborigine-Musiker Australiens aus Elcho Island, ist am Dienstag im Alter von 46 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Yunupingu habe sich „konsequent den Regeln des Musikbusiness widersetzt“, keine Interviews gegeben und trotzdem schaffte es der geburtsblinde Sänger bis in die europäischen Charts, berichtet Deutschlandfunkkultur. Yunupingu sei sehr zurückhaltend und bescheiden gewesen. Laut eines Portraits aus dem Jahr 2009 in der Frankfurter Rundschau ließ er sich von seiner Blindheit aber nicht vom Fahrradfahren abhalten. Die meisten seiner Songs erzählen von der 40.000 Jahre alten Kulturgeschichte der Aborigines. Das bekannteste sanfte Stück des Songwriters heißt „Wiyathul“ und kann hier genossen werden.


15.7.2017

Das verschwundene Wort

 

Immer mal wieder hübsch fürs Wochenende: eine Kurzgeschichte von Michael Ende. Eine davon heißt: „Die Dame schob den schwarzen Vorhang ihres Kutschenfensters beiseite.“ Die Dame ließ sich nämlich zu einem Fest kutschieren und geriet dann plötzlich in einen Konvoi, bestehend aus einem langen Zug von ganz unterschiedlichen und auch skurrilen Menschen. Sie kamen vor langer Zeit aus dem Himmelsgebirge, wo sie das „Ununterbrochene Schauspiel“, das die Welt zusammenhält, aufgeführt haben. Dabei stand jeder auf einem anderen Berggipfel und sie riefen sich unaufhörlich Worte zu. „Warum habt ihr aufgehört es zu spielen?“, fragt die Dame. „Eines Tages bemerkten wir, dass uns ein Wort fehlte“, bekam sie zur Antwort: „Es war einfach nicht mehr da. Aber ohne dieses Wort konnten wir nicht weiterspielen, weil alles keinen Sinn mehr ergab. Es war das eine Wort, durch das alles mit allem zusammenhängt.“ Und nun bestehe die Welt nur noch aus Bruchstücken, von denen keines mehr mit dem anderen etwas zu tun hat. Wenn das so weiterginge, dann würden die Bruchstücke immer weiter zerfallen, bis die Welt schließlich zerstäube. „Darum sind wir unterwegs und suchen es.“ Ein Mädchen sagt: „Wir schreiben das Wort mit dem langen Weg, den wir gehen, auf die Oberfläche der Erde.“ Das verschwundene Wort führe sie dabei. Die Dame sagt später zum Kutscher: „Du und ich, wir können bezeugen, dass es sie gibt.“ Und wenn sie das Wort eines Tages finden, „dann müsste die Welt sich von einer Stunde zur anderen verwandeln“. Nette Vorstellung. 


1.7.2017

Düsseldorf als „Eventfläche“

 

Wer sich über Hintergründe des Grand Départ der Tour de France am Wochenende in Düsseldorf informieren möchte, wird unter anderem bei der FAZ fündig. Allein das Sicherheitskonzept böte Lesestoff für mehrere Stunden. „Die Details bleiben allerdings top secret“, schreibt der WDR. Durch das Event soll auch zu einer „neuen Radkultur“ bewegt werden. London hatte die Bewerbung als Ausrichterkandidat für den Tour-Start 2017 aus Kostengründen in letzter Sekunde zurückgezogen, obwohl bereits eine Zusage vorlag.


24.6.2017

Ein Perspektivwechsel...

 

...ist immer mal erfrischend; wie etwa diese Doku über einen WaldmenschenTeil 2: hier.   


17.6.2017

Über den Ribbeck auf Ribbeck

 

Wer am Wochenende Lust auf eine kleine, auflockernde Geschichte über den Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland hat: Hier ist sie zu hören und zu sehen. Eine kurzweilige Vorstellung des Autors Theodor Fontane ist dort abrufbar.


6.6.2017

„Das demokratische Lebenselement“

 

„Wir“ wohin das Auge reicht, von links bis rechts und dazwischen. Individualisten oder auch nur jene, die Wert auf Eigenständigkeit legen, haben wohl die Nase schon längst bis in die hintersten Winkel der Kieferhöhlen voll von den zahlreichen „Analysen“ und Charakterisierungen in Print und im Netz, die mit ihrem ständig pauschalisierenden „Wir“ – …wir haben die Grenzen nicht kontrolliert…wir empfinden ja alle dies und das…wir verhalten uns so und so… – Personen in Mithaftung nehmen, die in verantwortlicher Position gänzlich anders entschieden hätten oder die ein völlig anderes Empfindungs- und Verhaltensrepertoire aufweisen als die Autoren solcher Texte.   

 

Die subtile Erziehung zu Unselbständigkeit bis hin zu Hörigkeit ist ein Aspekt davon. Ein anderer findet sich in dieser Buchbesprechung von Bernd Leineweber über Paolo Flores d’Arcais‘ Werk (2004): „Die Demokratie beim Wort nehmen - Der Souverän und der Dissident“. D’Arcais geht davon aus: Das Grundelement der Demokratie ist das Individuum. „Nur wenn jeder Einzelne seine und sei es noch so abweichende Meinung mit der Aussicht, die politische Öffentlichkeit zu erreichen, uneingeschränkt äußern könne und von der Mehrheit nicht nur geschützt, sondern ermutigt werde, seiner Meinung Ausdruck zu geben, sei eine Demokratie lebendig.“ Der Einzelne muss dafür meinungsfähig und gebildet, die Medien pluralistisch organisiert und die Unabhängigkeit der Justiz gewährleistet sein. Der Autor konkretisiert: Politische Partizipation setzt voraus, dass der Einzelne seine eigene Meinung höher bewertet als die von gesellschaftlichen Gruppen und Parteien – „von Mehrheiten eben, die zum Konformismus nötigen“. Die eigene, wenn auch abweichende Meinung, und gerade nicht die organisierte, ist das demokratische Lebenselement. 

 

Ein Demokrat mache aus, was Vaclav Havel mit „in der Wahrheit leben“ bezeichnete. Einer, der die Lügen der Parteipropaganda nicht mitmachen, sondern authentisch leben will. „Die Freiheit des Individuums existiert zuerst. Und im Sinne der Demokratie existiert das Volk juristisch und faktisch nicht mehr, wenn die Pluralität der unverwechselbaren Existenzen, die sie konstituieren, gefährdet ist“, meint der Autor: „Jede politische Ordnung, die diese Existenzen vereinheitlicht und unterwirft, öffnet sich bereits der Heteronomie des Totalita-rismus und verfällt ihm.“ D’Arcais hat damit einen Orientierungsfaden zur Verfügung gestellt: es erleichtert mit diesem zu erkennen, wer es wirklich ernst meint mit der Demokratie respektive wer sie verstanden hat und wer sie fördert und wer sie blockiert.  


3.6.2017

Europäischer Fahrradtag

 

Kürzlich in Rimini bekam ich von meiner Herberge ein Fahrrad ohne Klingel gestellt. Das machte gar nichts, denn das Tretlager meldete sich während jeder Fahrt und ständig so laut zu Wort, dass mich jeder schon von weitem kommen hörte. Bis nach Santarcangelo bin ich trotzdem damit gekommen. Das sind, wenn man, wo möglich, abseitige Schleichwege fährt – was aufgrund rüder Autofahrer unbedingt zu empfehlen ist, etwa 50 Kilometer hin und zurück. Fahrräder sind super! Das muss wenigstens am heutigen Europäischen Tag des Fahrrades mal gesagt werden. Erfunden hat es der gebürtige Karlsruher Karl Drais, der am 12. Juni 1817 zum ersten Mal „mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit von rund 15 Stundenkilometern“ über die Straße „flitzte“, wie die Welt aufklärt. In Rimini mit dem Fahrrad besonders angenehm auszukundschaften sind zum Beispiel die wunderschönen Parks wie etwa dieser, der Borgo San Giuliano, die großzügig gestaltete Innenstadt oder das Centro Storico mit den verwinkelten Gässchen.

 

Eine Liste von Fahrradmuseen und weiteren wissenswerten Details sind hier zu finden. 


29.5.2017

Identifizierbare Kulturen

 

„Im wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen, da ist in meinem Herzen die Liebe aufgegangen…“ – über dies „Lyrische Intermezzo“ von Heinrich Heine und der musikalischen Umsetzung durch den „meraviglioso Schumann“ oder andere deutsche Dichter und Komponisten finden sich mehrmals wöchentlich Beiträge in italienischen Lokalzeitungen; sei es aus Anlass von Konzerten, Ausstellungen oder Vorlesungen. Jenseits der Alpen scheint man die deutsche Kultur also durchaus zu kennen und zu schätzen.

 

Während meines herzallerliebsten Italienurlaubs – in Form von kreativer Selbstversorgung auch für schmalere Geldbeutel machbar – habe ich hier und da erzählt, dass im deutschen Parlament eine Integrationsministerin sitzt, die behauptet: „Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“ Neben Bemerkungen wie „non va bene“ bekam ich von einem Mittsiebziger, engagiert bei Facebook, die konkretere Auskunft, dass während seiner Ausbildungszeit anstatt von italienischer Geschichte vielmehr Kommunismus gelehrt worden sei und bereits damals auch in Italien damit begonnen wurde, Kultur und Tradition den Kampf anzusagen. Nicht zuletzt im Flughafen Ancona Falconara gibt es noch diesbezügliche Wehrhaftigkeit: Am Eingang zur Sicherheitskontrolle steht – wie mir ein Mitarbeiter erklärte seit 18 Jahren – ein relativ großes Relief mit Maria und dem Jesuskind. Wen das nicht interessiert, der geht achtlos vorüber, und wer die christliche Religion schätzt, der freut sich daran. Kein Diskriminierungsproblem weit und breit. 

 

Eine kleine Umfrage meinerseits unter weiteren Einheimischen, was ihnen zur deutschen Kultur einfällt, ergab folgende Details: Einem Jugendlichen im bezaubernden Santarcangelo fiel zunächst Bayern München und die Museumsinsel in Berlin ein, bei weiterem Nachdenken dann die Wertschätzung der antiken Philosophen, Literaten wie Goethe und die pragmatische Sprache. Zum Charakter bekam ich an meinem Standort Rimini – diese vielseitige Stadt lässt sich übrigens nur wirklich mittels Fahrrad erschließen – heraus: Die Deutschen seien generell präzise, treu im Sinne von redlich, ernsthaft und tolerant. Als negativer Aspekt wurde fehlende Flexibilität genannt: Italiener hätten da schon einen größeren Spielraum, um die Dinge neu zu justieren. In San Marino brauchte ich meine Frage gar nicht erst zu stellen. Nach meiner Richtigstellung gegenüber einem Sammarinesen, dass ich keine Französin bin, präsentierte mir dieser seine Deutschkenntnisse: „Wie spät ist es?“ 

 

Nebenan war ein kleines Café, das in Deutschland von den Zuträgern der rigiden Kulturrelativisten in Politik und Medien vermutlich längst rufgemordet wäre:  Der Besitzer empfängt ankommende Reisebusse mit dem Schwenken der jeweiligen Nationalfahne. Die aussteigenden Leute freuen und amüsieren sich über diese nette Geste. Wie absurd und destruktiv in solchem Umfeld die Sprücheklopferei von der angeblich notwendigen Überwindung des Nationalen wirken würde. Die positive Erkenntnis ist: Das Gros der Menschen lebt überhaupt nicht nach dem, was von den Politkanzeln herab gepredigt wird. Es erreicht sie gar nicht. Hier spielt das Leben, dort der falsche Film.  


29.4.2017

Arbeitsauffassung im Wandel

 

Wer sich am langen Wochenende bis zum 1. Mai mit den gängigen Arbeitsauffassungen in den jeweiligen Epochen beschäftigen will, findet hier eine kurzweilige Zusammenfassung

In der frühen Antike gilt Arbeit als „naturbedingte Notwendigkeit“ und als „Voraussetzung, um von den Göttern geliebt zu werden“. Im weiteren Verlauf der Antike widerfährt der Arbeit dann eine zunehmende Abwertung bis hin zur Auffassung antiker Philosophen wie Aristoteles: Arbeit und Freiheit sind unvereinbar. Im Mittelalter prägt vorerst die christliche Vorstellung vom Sündenfall den Ausgangspunkt der menschlichen Arbeit; bis Theologen wie Thomas von Aquin und Martin Luther die Arbeitstätigkeit wieder aufwerten. 

 

Mit der Industrialisierung und den Naturwissenschaften beginnt die „Entmystifizierung der Welt“. Diese „verändert die Arbeitsauffassung fundamental, allerdings in eine überraschende Richtung“: Denn obwohl Maschinen „enormes Potenzial an Arbeitserleichterung“ schaffen, nimmt die Menge an Arbeit zu und wird zum Zentralbegriff. „Durch die Zentralisierung des Arbeitsbegriffes lösen sich die Tätigkeitskategorien der Antike (poiesis und praxis) und des Mittelalters (vita activa und vita contemplativa) auf. Es werden zunehmend unterschiedliche Tätigkeiten unter einem einheitlichen Arbeitsbegriff subsumiert.“ Die Arbeit ist nun „Schlüsselkategorie der heutigen Gesellschaft“, die „alle Bereiche des menschlichen Lebens durchzieht: Hausarbeit, Schularbeit, Beziehungsarbeit…“ 

 

Die Kritik von Adam Smith an der Arbeitsteilung während der Industrialisierung: ,,Ein Mensch, der sein ganzes Leben damit hinbringt, ein paar einfache Operationen zu vollziehen, deren Erfolg vielleicht immer derselbe oder wenigstens fast derselbe ist, hat keine Gelegenheit, seinen Verstand zu üben, oder seine Erfindungskraft anzustrengen, um Hilfsmittel gegen Schwierigkeiten aufzusuchen, die ihm niemals begegnen. Er verliert also natürlich die Fähigkeit zu solchen Übungen und wird am Ende so unwissend und dumm, als es nur immer ein menschliches Wesen werden kann.“ Karl Marx führt den Begriff der Entfremdung in die moderne Arbeitsauffassung ein, kurz darauf perfektioniert Henry Ford die Fließbandarbeit. Die Arbeit wird zur „reinen Operation“. Denken und Tun driften zunehmend auseinander. 

 

Schließlich wird Arbeit „in der Arbeitsgesellschaft zum Kern der sozialen Identität“. Der normative Überbau: „Was einer beruflich tut, entscheidet darüber, was einer ist.“ Erwerbsarbeit soll nicht nur als reines Mittel der Existenzsicherung, sondern als sinnstiftendes Lebenselement gesehen werden. Die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern beginnt sich aufzulösen. Doch „viele Arbeitnehmer müssen feststellen, dass das postmaterialistische Arbeitsethos verführerischer, heimtückischer und gnadenlos überfordernd wirkt“. Zum „Strukturwandel der Arbeitswelt im 20. Jahrhundert“ inklusive Technisierung und Digitalisierung geht es hier entlang.


8.4.2017

Ein paar Sekunden Meer

 

Wer sich am Wochenende von einem Geräuschemacher für ein paar Sekunden lang ans Meer entführen lassen will, der muss nur am Ende dieses kurzweiligen Interviews, das knapp elf Minuten dauert, die Augen schließen. Noch mehr Infos zu diesem kreativen Beruf: hier


1.4.2017

Für ein beruhigtes Wochenende: einfach mal einem sanften Flussplätschern lauschen.


27.3.2017

Unverschämte Anbieter 

 

Das hat vermutlich schon fast jeder erlebt: "Internetkunden erhalten nur selten von ihrem Anbieter die Übertragungsgeschwindigkeiten, die eigentlich in ihrem Vertrag vorgesehen sind." Die Bundesnetzagentur bestätigt dies nun laut Donaukurier nach einer Untersuchung. In diesem Fall kann man sogar einer Grünenpolitikerin zustimmen: "Wenn nicht einmal ein Viertel der Nutzer die vertraglich versprochene maximale Bandbreite erhält, dann grenzt das an systematischen Kundenbetrug", so Tabea Rößner. Ihre Forderungen: Festgelegte Mindestbandbreiten sowie Bußgelder und Schadensersatzzahlungen. 


25.3.2017

Zum Zeitgesetz

 

Ab Sonntag gilt wieder die Sommerzeit. Wer am Wochenende ein wenig über dieses Projekt schmökern möchte, findet das „Gesetz über die Zeitbestimmung“ vom 25. Juli 1978 (Umsetzung: 1980) im Bundesgesetzblatt ab Seite 1110, unterzeichnet von Bundespräsident Scheel, Bundeskanzler Schmidt und Bundesinnenminister Baum. Das Zeitgesetz von 1893 von Kaiser Wilhelm II wurde damit abgelöst. Kurzweilig: Die Lesungen zur Sache. Im Plenarprotokoll zur ersten Beratung liest man ab Seite 1745 zum Hauptmotiv: Der „Überlegungsstand der Bundesregierung geht dahin, dass bei Abwägung aller für und gegen die Einführung der Sommerzeit sprechenden Gesichtspunkte der Einführung vor allem aus europapolitischen Gründen der Vorzug zu geben ist“. Und im Plenarprotokoll zur zweiten und dritten Beratung erfährt man zum Beispiel ab Seite 8014 Folgendes von der damaligen Abgeordneten Dr. Liesel Hartenstein (SPD): „Das Hauptargument, das Frankreich 1976 als erstes Land bewogen hat, die Sommerzeit einzuführen, war bekanntlich die Hoffnung auf Energieeinsparung. Diese Hoffnung hat sich mittlerweile — man muss es leider sagen — verflüchtigt, als Seifenblase herausgestellt. Die französische Presse berichtete schon im letzten Jahr, dass der energieeinsparende Effekt praktisch gleich Null sei.“ Im historischen Vorfeld gab es bereits Phasen der Zeitumstellung: von 1916 bis 1918 sowie zwischen 1940 und 1949 mit unterschiedlichen Regelungen in einigen Landesteilen.   


18.3.2017

Interessante Ballonfahrt

 

Wer sich am Wochenende auf eine kurzweilige Ballonreise mit einem rundum angenehmen Erzähler, 300 Kilogramm Gas und 9.000 PS in 5.000 Metern Höhe und bei himmlischer Ruhe über die Alpen von Füssen nach Verona begeben möchte: hier ist der Zustieg.  


13.3.2017

Nur ein Spiel?

 

An merkwürdige Vorgänge im Land ist man gewöhnt, dieser hier ist aber erwähnenswert: Polizeibeamte aus Friedland und Neubrandenburg fahren nach einem Hinweis zum ehemaligen Bundeswehrgelände. Sie treffen dort auf 20 Jugendliche in Tarnkleidung – und mit Luftdruckwaffen. „Die Personen wurden belehrt und des Platzes verwiesen.“ Eine Anzeige wegen Verstoß gegen das Waffengesetz wird gefertigt, da der Umgang mit Luftdruckwaffen, auch ohne Schießen, außerhalb des eigenen Grundstücks einen Waffenschein erfordert. „Somit ist es unzulässig, ein für jedermann frei zugängliches Gelände aufzusuchen und dort diese Waffen, auch nur zum Spiel, zu führen bzw. sie zu benutzen.“ Zur Motivation der Jugendlichen hätte man ja doch gerne Genaueres gewusst.


25.2.2017

Wer sich am Wochenende ein wenig durchgeweht fühlen will, der wird hier fündig.  


18.2.2017

Geistige Eigenständigkeit

 

Bei der NZZ erschien kürzlich ein Plädoyer zur Abschaffung der Fernsehgebühren in der Schweiz. Es ist zugleich eine allgemeine Fürsprache für die eigentliche Menschenrechtsidee, etwa für „die unveräußerlichen Rechte des Individuums wie seine persönliche Freiheit, unter welcher Liberale nicht die Erlangung von Macht verstehen, etwas zu tun (das ist die sozial-demokratische Definition von ‚Freiheit‘), sondern das Recht, in Ruhe gelassen zu werden – also von anderen nicht gezwungen zu werden, etwas gegen den eigenen Willen zu tun“. Kollektivistische Weltverbesserer hingegen sehen Menschen als Mittel zum Zweck und vergessen den Kontext: „Mit der Frage nach dem Wünschbaren endet jedoch der kognitive Prozess eines Kollektivisten. Der Kontext wird aus intellektueller Faulheit oder manipu-lativer Böswilligkeit ausgeblendet.“ In diesem Sinne lasse man sich nicht anstecken: weder von der öffentlichen, oft undifferenzierten Meinungsmacht noch von deren Ausgrenzungs-ritualen. Denn: „Nur in der reinen Luft eigenen Denkens, eigenen Empfindens, eigenen Urteils atmet man den frischen Hauch geistiger Selbständigkeit.“ (Moritz von Egidy)


11.2.2017

Kooperation und Koordination...

 

...hier oder dort kann man sehen, wie das geht und sich damit am Wochenende entspannen.


2.1.2017

Klarheit ist Zukunft

 

Eine Gruppe namens „Hackback Movement“ hat am Silvesterabend die Website der Bilderberger gehackt, schreiben die DWN. Ihre gepostete Botschaft: Die sogenannten Eliten sollten ein Jahr lang „wirklich im Dienst der Menschheit tätig werden“. Ansonsten würde alles gehackt, was ihnen lieb und teuer sei – „vom Luxusauto bis zur Smartwatch der Escort-Freundin“. Michael Hartmann ist derweil der Meinung: „Es gibt keine mächtige globale Elite“, international betrachtet. Und folgert daraus: „Die Handlungsspielräume nationaler Politik sind weit größer, als seit Jahren mantraartig verkündet wird.“ Der Soziologe widersprach übrigens erfrischend deutlich dem bekanntesten der mürrisch-indifferenten Politikwissenschaftler. Deutschlandradio Kultur: „Herfried Münkler hält große Teile des Volkes für dumm. Hat er recht?“ Michael Hartmann: „Nein, das ist eine herablassende Haltung, die bei Teilen der Elite in letzter Zeit immer häufiger zu beobachten ist. Die Bevölkerung hat ein ganz gutes Gespür, wenn es um ihre eigene Lebenssituation geht.“ Personen mit klarer Kommunikation und weit gehender Unbestechlichkeit fallen umso mehr auf, je seltener sie werden. In ihren Händen liegt die Gestaltung der Zukunft; weil sich das andere Interaktionsmodell müde läuft, so lange, bis einfach niemand mehr darauf achtet.