30.12.2017

Jahresabschluss

 

Allen Lesern wünsche ich einen geschmeidigen Rutsch ins Neue Jahr!

Das letzte Wort hat Rainer Maria Rilke:

„Und nun wollen wir glauben an ein langes Jahr, das uns gegeben ist, neu, unberührt, voll nie gewesener Dinge, voll nie getaner Arbeit, voll Aufgabe, Anspruch und Zumutung; und wollen sehen, dass wir‘s nehmen lernen, ohne allzu viel fallen zu lassen von dem, was es zu vergeben hat, an die, die Notwendiges, Ernstes und Großes von ihm verlangen.“


30.11.2017

Herkunftsunabhängige Fremdheit

 

Es wird immer so getan, als beziehe sich Fremdheit weit überwiegend auf einen Beziehungs-aspekt zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft. Es geht jedoch etlichen Zeitgenossen sicherlich so, dass sie mit integrationswilligen Zuwanderern wesentlich besser in vertrautes Gespräch kommen, als mit hiesigen Künstlern, die jetzt im Rahmen einer Installation im Berliner Haus Bethanien einen mordenden Islamisten in dieselbe Reihe stellen wie Sokrates und Martin Luther King – das waren ja auch „Märtyrer“. Oben genannte Zeitgenossen hegen vermutlich auch eine weit distanziertere Fremdheit zu Stadtverantwortlichen, die so was erlauben. Noch befremdlicher könnte es im privaten Umfeld sein, wenn Familienmitglieder partout die Gefahren infolge der unkontrollierten Einwanderung nicht ernst nehmen, trotz täglicher Nachweise. Pragmatiker und Ignorant im selben Heim: spricht man einfach nicht über das Thema, um den Hausfrieden zu wahren? Ist eigentlich die Fremdheit untereinander wirklich neu, oder lernt man die Nächsten erst jetzt wirklich kennen? Wie auch immer: Es bleibt der Verdacht, dass Fremdheit weit weniger vom Kriterium Herkunft abhängt, als vielmehr auf unterschiedlichen, nicht oder kaum überbrückbaren Charakteren beruht.

 

Nachtrag vom 5.12.: Die Berliner "Märtyrer-Kunst" erlangt europapolitische Dimension:  "Die Französische Botschaft in Deutschland hat mit Befremden erfahren, dass eine Kunst-installation im Kunstquartier Bethanien in Berlin einen der Täter des Terroranschlags im Bataclan vom 13. November 2015 als 'Märtyrer' darstellt." Das sei "zutiefst schockierend". Die zuständigen deutschen Behörden seien über die Bestürzung seitens der Anschlagsopfer und ihrer Angehörigen in Kenntnis gesetzt. Die Künstler der Installation, zu der auch das Bild eines der Piloten gehört, die ein Flugzeug ins World Trade Center steuerten, beharren darauf unsensibel zu bleiben und laden für den 6. Dezember zum Gespräch. 


21.11.2017

Statistisches Jahrbuch 2017

 

Bei Destatis steht jetzt das Statistische Jahrbuch 2017 zum Download bereit – komplett oder kapitelweise. Es bietet umfangreiche nationale Daten sowie Fakten über die EU. Abgebildet ist die Lage bis Ende 2015, teils auch 2016. Interessant ist etwa das Kapitel „Bevölkerung, Familien, Lebensformen“ oder das Kapitel „Justiz“, hier insbesondere Seite 315.


20.11.2017

Der abgekanzelte Charme

 

Abgesehen vom politischen „Irrsinn“ ist es auch ein Zeichen des erkalteten Zeitgeistes, dass Leute wie Linda Sarsour in öffentliche Pose kommen, denen ich persönlich nicht mal im Dunkeln begegnen will. Manch einem Auftreten obliegt etwas abstoßend Erschreckendes; nicht nur in der Ausstrahlung. Ein Leserkommentar bringt es auf den Punkt: „Das Mund-werk von Frau Sarsour ist allerdings mit einer Maschinenpistole vergleichbar.“ Leider fast schon altmodisch wirken vergleichsweise die Tipps vom arbeits-abc zur Charmeoffensive: In der Interaktion mit anderen Menschen solle man aufmerksam zuhören, das Gegenüber aussprechen lassen, gezielt antworten und ihm bestenfalls mehr Redezeit einräumen als sich selbst. Anstatt eines „verbalen Wettkampfes“ könne man in einer Konversation mit positiver Wortwahl, Humor und Inspiration das Miteinander anstreben. Sich verletzlich zeigen sei förderlicher für eine charmante Wirkung, als „eine aufgesetzte Stärke an den Tag“ zu legen. Und weil „ein aufgeblasenes Ego“ unsympathisch mache, solle man bescheiden auftreten; sozusagen die „weiche Seite“ pflegen. Zumindest im öffentlichen Leben hierzulande ist ein so verstandener Charme weitgehend von der Tagesordnung verdrängt – zugunsten von Übervorteilung allerorten. Man sollte sich von dieser unsympathischen Entwicklung keinesfalls anstecken lassen: sowohl aus Gründen einer langfristigen Lebensqualität als auch der Authentizität wegen, die machtdemonstratives Schaulaufen niemals nötig hat. 

 

Nachtrag vom 8.12.: Siehe auch bei mena-watch: "Linda Sarsour verkörpert die Synthese der totalitären Linken mit dem radikalen Islam."


28.10.2017

Mehr als Rädchen im Getriebe

 

„Über- und Unterordnung“ heißt ein interessantes Kapitel aus den „Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung“ des Philosophen und Soziologen Georg Simmel. Bei der Analyse des gesellschaftlichen Daseins spielten die Über- und Unterordnungs-Verhältnisse eine ungeheure Rolle und vor allem eine Unterscheidung ist dabei wichtig: „Herrschsucht, so sehr sie das innere Widerstreben des Unterworfenen brechen will, … hat an dem Andern noch immer eine Art Interesse, er ist für sie ein Wert. Erst wo der Egoismus nicht einmal Herrschsucht ist, sondern der Andre ihm absolut gleichgültig und ein bloßes Werkzeug zu über ihn hinaus liegenden Zwecken ist, fällt der letzte Schatten des vergesellschaftenden Füreinander fort.“ Wo aber keine Beziehung ist, könne man von Gesellschaft „so wenig reden, wie zwischen dem Tischler und der Hobelbank“. Eine provozierende These: „Selbst in den drückendsten und grausamsten Unterworfenheitsverhältnissen besteht noch immer ein erhebliches Maß persönlicher Freiheit. Wir werden uns ihrer nur nicht bewusst, weil ihre Bewährung in solchen Fällen Opfer kostet, die auf uns zu nehmen ganz außer Frage zu stehen pflegt.“ Das Über- und Unterordnungs-Verhältnis vernichte nämlich die Freiheit des Untergeordneten nur im Falle von physischer Übergewalt; sonst pflege es nur einen Preis, den er für die Realisierung der Freiheit nicht zu bezahlen geneigt ist. Was man auch davon halten mag: der längere Text von Simmel, in dem es auch darum geht, wie „Autorität“ und „Prestige“ entsteht und was die „Unterworfenen“ mit ihrer „Hingabe“ dazu beitragen, regt dazu an nachzudenken, inwiefern der gemeine Bürger doch wesentlich mehr als ein Rädchen im Getriebe ist respektive sein könnte, falls er denn wollte und es ihm genug wert wäre.  


30.9.2017

Wochenendreflexion

 

„Sehn Sie, man kann nicht mehr leben von Eisschränken, von Politik, von Bilanzen und Kreuzworträtseln. Man kann es nicht mehr. Man kann nicht mehr leben ohne Poesie, ohne Farbe, ohne Liebe. Wenn man bloß ein Dorflied aus dem 15. Jahrhundert hört, ermisst man den ganzen Abstieg. Es bleibt nur die Stimme des Propagandaroboters (verzeihen Sie). Zwei Milliarden Menschen hören nur noch auf den Roboter, verstehen nur noch den Roboter, wer-den eines Tages selber zu Robotern…Was kann man, was soll man den Menschen sagen?“ aus einem Brief von Antoine de Saint-Exupéry


12.8.2017

Kulturflüchtende Gleithörnchen

 

Gerade haben Forscher herausgefunden, dass die Vorfahren der heutigen Gleithörnchen bereits vor 160 Millionen Jahren lebten. Schon damals konnten diese mittels Flughäuten zwischen Vorder- und Hinterarmen „gezielte Segelflüge“ unternehmen, berichtet Der Standard: „Evolutionsbiologisch brachte diese Luftraumeroberung entscheidende Vorteile.“ Etwa 50 bis 80 Meter weit können die – seltenen – Europäischen Gleithörnchen zwischen Bäumen hin und her segeln. Hier ist ein „fliegendes“ Gleithörnchen und dort ein hungriges Gleithörnchen zu besichtigen. Einer Beschreibung bei Wissen Digital zufolge könnte man fast meinen, die Gleithörnchen seien über die politische Lage bestens informiert: „Als Kulturflüchter werden die Gleithörnchen in Europa immer mehr nach Osten abgedrängt.“ Tatsächlich ist aber „Kulturflüchter“ ein Begriff aus der Biologie für „hemerophobe“ Arten von Tieren oder Pflanzen, die menschliche Infrastruktur meiden. Man wird ihnen das kaum verübeln können; was hierzulande nicht ausschließt, dass die Gleithörnchen bei fortgesetz-ter, radikalisierungsaffiner Hemerophobie alsbald des Rechtspopulismus bezichtigt werden.


9.8.2017

„Die German Angst gibt es eher nicht“…

 

meint Carsten vom „Psychologie Magazin“. Er schaffte es einen Beitrag zu verfassen, in dem wohl jeder, egal wo er oder sie steht, zwar nicht alles teilt, aber an anderer Stelle wieder versöhnt wird. Es geht zum Beispiel um die Angst „ein individuelles Leben jenseits der Gruppenzugehörigkeit zu leben“. Aber: „Ein reifer Individualismus ist durchaus kein Rück-fall in den präkonventionellen Egoismus, sondern beschreibt eine reife, postkonventionelle Haltung, in der man eine eigene Identität aufbaut, aber nationale, familiäre, regionale Identitäten mit einbaut und ohne, dass einem andere vollkommen egal wären.“ Schließlich sei die westliche Errungenschaft „Individuum“ ein „gutes Gegengift gegen zu viel Kollektivismus und Gleichschritt im Denken“. Die Folgerung: „Wir brauchen Integration im breitesten Sinne und damit ist nicht (nur) die Integration der gutwilligen Teile anderer Kulturen gemeint, sondern wir müssen auch die klugen Anregungen der Sonderlinge und Querdenker zur Kenntnis nehmen.“ Wer sich 20 Minuten Zeit für den Beitrag nimmt und ihn zu Ende liest wird feststellen, dass für jeden eine favorisierte Kleinigkeit dabei ist und falls wider Erwarten doch nicht, dann mag zumindest der Grad an Differenzierung beeindrucken.


7.8.2017

Elite: Flucht in die Abschottung

 

Man muss ja nicht davon ausgehen, dass die Verantwortlichen im Land in fünf bis zehn Jahren noch in ihrem angerichteten Schaden leben wollen. Kein Wunder daher, dass auch hierzulande, wenn auch noch verschämt hinter vorgehaltener Hand, „Gated Communities“ für Wohlhabende als Zukunftsmodell gehandelt werden. „In Deutschland werden immer mehr Zäune um ganze Siedlungen gezogen. ‚Gated Communities‘ schotten ihre Bewohner gegen die Zumutungen einer bedrohlichen Welt ab. Wovor haben die Menschen, die hier leben, Angst?“, fragte ganz ahnungslos die HAZ im März 2016. Ein pensionierter SPD-Minister, der dort gerne lebt, sagte dem Medium: „Man weiß ja nicht, wie sich die Zeiten noch entwickeln.“ Aha. Vertraut er denn nicht darauf, dass seine mitregierenden Genossen alles zum Besten wenden? Wie auch immer: Vielleicht flüchtet die Elite auch beizeiten ins Weltall. Die Idee dazu hatte Neill Blomkamp mit seinem „Elysium“, das 2013 in die Kinos kam. „Im Jahr 2154 ist die Menschheit in zwei Klassen aufgeteilt: Die wenigen Reichen, die in einer luxuriösen Raumstation namens Elysium leben, und den Rest, der auf der vollkommen ruinierten, überbevölkerten Erde dahinvegetiert“, fasst Filmstarts zusammen. Blomkamp sagte in einem Interview im August 2013 zu seinen Beweggründen: „Wir befinden uns in einer weltweiten Immigrationskrise. Einerseits gehen die Ressourcen langsam zu Ende, andererseits steigt die Weltbevölkerung unkontrolliert an. Viele Menschen werden in Zukunft einige sehr schwerwiegende Entscheidungen über die Verteilung der verbleibenden Ressourcen treffen müssen.“ Die Raumstation in Elysium erinnert übrigens an das Konzept des „Stanford-Torus“, eine von der NASA 1975 entworfene Weltraumkolonie: Ein etwa 1,5 Kilometer großes, hohles Weltraumrad, das Platz für mindestens 10.000 Menschen bieten und im Orbit über der Erde kreisen sollte - oder wird (?). Mehr dazu: hier


5.8.2017

Sorgfalt: Eine verteidigungswürdige Tugend

 

Der Zeitgeist lässt sich auch anhand der allgemein angestrebten, heute eher unterlassenen Sorgfalt charakterisieren. Die Pflicht zur Sorgfalt findet sich in Berufsbeschreibungen von Journalisten, Juristen oder Ärzten. Darüber hinaus könnte es auch im Alltag darum gehen, der Sorgfalt wieder mehr Wertschätzung entgegenzubringen. Wer Sorgfalt an den Tag legen will, braucht vor allem Ruhe und Zeit. Denn ständig schwatzende Leute im Umfeld und Getriebenheit konterkarieren jede Bestrebung, bei einer Sache zu verweilen respektive alle Details zu beachten, sich also um diese und eventuell auftretende Konsequenzen zu sorgen. So gilt denn die Sorglosigkeit als Gegensatz der Sorgfalt (vermutlich aus Sorge und Walten zusammengesetzt). Im weiteren Kontext fällt die stete Bemühung deutungsmächtiger Kreise auf, „besorgten Bürgern“ einen lächerlichen bis rechtspopulistischen Anstrich zu verpassen. Die plumpen Unterstellungen demonstrieren indessen, dass ihnen die Sorgfalt sonst wo vorbei geht und sie es nur nicht so genau wissen wollen, sich also weder um potenzielle Gefahren noch um eventuelle Folgen sorgen. Angesichts solcher Verantwortungslosigkeit besteht keinerlei Anlass, sich von dieser sorglosen Deutungsmacht beeindrucken zu lassen. Die Devise muss sein, den eigenen Sorgfaltsanspruch, auch als Garant der Verbindlichkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen, mit noch höherer Intensität zu pflegen und relativierende Anwürfe dem Strohfeuer der Banalität zu überlassen. 


15.7.2017

Das verschwundene Wort

 

Immer mal wieder hübsch fürs Wochenende: eine Kurzgeschichte von Michael Ende. Eine davon heißt: „Die Dame schob den schwarzen Vorhang ihres Kutschenfensters beiseite.“ Die Dame ließ sich nämlich zu einem Fest kutschieren und geriet dann plötzlich in einen Konvoi, bestehend aus einem langen Zug von ganz unterschiedlichen und auch skurrilen Menschen. Sie kamen vor langer Zeit aus dem Himmelsgebirge, wo sie das „Ununterbrochene Schauspiel“, das die Welt zusammenhält, aufgeführt haben. Dabei stand jeder auf einem anderen Berggipfel und sie riefen sich unaufhörlich Worte zu. „Warum habt ihr aufgehört es zu spielen?“, fragt die Dame. „Eines Tages bemerkten wir, dass uns ein Wort fehlte“, bekam sie zur Antwort: „Es war einfach nicht mehr da. Aber ohne dieses Wort konnten wir nicht weiterspielen, weil alles keinen Sinn mehr ergab. Es war das eine Wort, durch das alles mit allem zusammenhängt.“ Und nun bestehe die Welt nur noch aus Bruchstücken, von denen keines mehr mit dem anderen etwas zu tun hat. Wenn das so weiterginge, dann würden die Bruchstücke immer weiter zerfallen, bis die Welt schließlich zerstäube. „Darum sind wir unterwegs und suchen es.“ Ein Mädchen sagt: „Wir schreiben das Wort mit dem langen Weg, den wir gehen, auf die Oberfläche der Erde.“ Das verschwundene Wort führe sie dabei. Die Dame sagt später zum Kutscher: „Du und ich, wir können bezeugen, dass es sie gibt.“ Und wenn sie das Wort eines Tages finden, „dann müsste die Welt sich von einer Stunde zur anderen verwandeln“. Nette Vorstellung. 


24.6.2017

Ein Perspektivwechsel...

 

...ist immer mal erfrischend; wie etwa diese Doku über einen WaldmenschenTeil 2: hier.   


17.6.2017

Über den Ribbeck auf Ribbeck

 

Wer am Wochenende Lust auf eine kleine, auflockernde Geschichte über den Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland hat: Hier ist sie zu hören und zu sehen. Eine kurzweilige Vorstellung des Autors Theodor Fontane ist dort abrufbar.


3.6.2017

Europäischer Fahrradtag

 

Kürzlich in Rimini bekam ich von meiner Herberge ein Fahrrad ohne Klingel gestellt. Das machte gar nichts, denn das Tretlager meldete sich während jeder Fahrt und ständig so laut zu Wort, dass mich jeder schon von weitem kommen hörte. Bis nach Santarcangelo bin ich trotzdem damit gekommen. Das sind, wenn man, wo möglich, abseitige Schleichwege fährt – was aufgrund rüder Autofahrer unbedingt zu empfehlen ist, etwa 50 Kilometer hin und zurück. Fahrräder sind super! Das muss wenigstens am heutigen Europäischen Tag des Fahrrades mal gesagt werden. Erfunden hat es der gebürtige Karlsruher Karl Drais, der am 12. Juni 1817 zum ersten Mal „mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit von rund 15 Stundenkilometern“ über die Straße „flitzte“, wie die Welt aufklärt. In Rimini mit dem Fahrrad besonders angenehm auszukundschaften sind zum Beispiel die wunderschönen Parks wie etwa dieser, der Borgo San Giuliano, die großzügig gestaltete Innenstadt oder das Centro Storico mit den verwinkelten Gässchen.

 

Eine Liste von Fahrradmuseen und weiteren wissenswerten Details sind hier zu finden. 


29.4.2017

Arbeitsauffassung im Wandel

 

Wer sich am langen Wochenende bis zum 1. Mai mit den gängigen Arbeitsauffassungen in den jeweiligen Epochen beschäftigen will, findet hier eine kurzweilige Zusammenfassung

In der frühen Antike gilt Arbeit als „naturbedingte Notwendigkeit“ und als „Voraussetzung, um von den Göttern geliebt zu werden“. Im weiteren Verlauf der Antike widerfährt der Arbeit dann eine zunehmende Abwertung bis hin zur Auffassung antiker Philosophen wie Aristoteles: Arbeit und Freiheit sind unvereinbar. Im Mittelalter prägt vorerst die christliche Vorstellung vom Sündenfall den Ausgangspunkt der menschlichen Arbeit; bis Theologen wie Thomas von Aquin und Martin Luther die Arbeitstätigkeit wieder aufwerten. 

 

Mit der Industrialisierung und den Naturwissenschaften beginnt die „Entmystifizierung der Welt“. Diese „verändert die Arbeitsauffassung fundamental, allerdings in eine überraschende Richtung“: Denn obwohl Maschinen „enormes Potenzial an Arbeitserleichterung“ schaffen, nimmt die Menge an Arbeit zu und wird zum Zentralbegriff. „Durch die Zentralisierung des Arbeitsbegriffes lösen sich die Tätigkeitskategorien der Antike (poiesis und praxis) und des Mittelalters (vita activa und vita contemplativa) auf. Es werden zunehmend unterschiedliche Tätigkeiten unter einem einheitlichen Arbeitsbegriff subsumiert.“ Die Arbeit ist nun „Schlüsselkategorie der heutigen Gesellschaft“, die „alle Bereiche des menschlichen Lebens durchzieht: Hausarbeit, Schularbeit, Beziehungsarbeit…“ 

 

Die Kritik von Adam Smith an der Arbeitsteilung während der Industrialisierung: ,,Ein Mensch, der sein ganzes Leben damit hinbringt, ein paar einfache Operationen zu vollziehen, deren Erfolg vielleicht immer derselbe oder wenigstens fast derselbe ist, hat keine Gelegenheit, seinen Verstand zu üben, oder seine Erfindungskraft anzustrengen, um Hilfsmittel gegen Schwierigkeiten aufzusuchen, die ihm niemals begegnen. Er verliert also natürlich die Fähigkeit zu solchen Übungen und wird am Ende so unwissend und dumm, als es nur immer ein menschliches Wesen werden kann.“ Karl Marx führt den Begriff der Entfremdung in die moderne Arbeitsauffassung ein, kurz darauf perfektioniert Henry Ford die Fließbandarbeit. Die Arbeit wird zur „reinen Operation“. Denken und Tun driften zunehmend auseinander. 

 

Schließlich wird Arbeit „in der Arbeitsgesellschaft zum Kern der sozialen Identität“. Der normative Überbau: „Was einer beruflich tut, entscheidet darüber, was einer ist.“ Erwerbsarbeit soll nicht nur als reines Mittel der Existenzsicherung, sondern als sinnstiftendes Lebenselement gesehen werden. Die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern beginnt sich aufzulösen. Doch „viele Arbeitnehmer müssen feststellen, dass das postmaterialistische Arbeitsethos verführerischer, heimtückischer und gnadenlos überfordernd wirkt“. Zum „Strukturwandel der Arbeitswelt im 20. Jahrhundert“ inklusive Technisierung und Digitalisierung geht es hier entlang.


27.3.2017

Unverschämte Anbieter 

 

Das hat vermutlich schon fast jeder erlebt: "Internetkunden erhalten nur selten von ihrem Anbieter die Übertragungsgeschwindigkeiten, die eigentlich in ihrem Vertrag vorgesehen sind." Die Bundesnetzagentur bestätigt dies nun laut Donaukurier nach einer Untersuchung. In diesem Fall kann man sogar einer Grünenpolitikerin zustimmen: "Wenn nicht einmal ein Viertel der Nutzer die vertraglich versprochene maximale Bandbreite erhält, dann grenzt das an systematischen Kundenbetrug", so Tabea Rößner. Ihre Forderungen: Festgelegte Mindestbandbreiten sowie Bußgelder und Schadensersatzzahlungen. 


25.3.2017

Zum Zeitgesetz

 

Ab Sonntag gilt wieder die Sommerzeit. Wer am Wochenende ein wenig über dieses Projekt schmökern möchte, findet das „Gesetz über die Zeitbestimmung“ vom 25. Juli 1978 (Umsetzung: 1980) im Bundesgesetzblatt ab Seite 1110, unterzeichnet von Bundespräsident Scheel, Bundeskanzler Schmidt und Bundesinnenminister Baum. Das Zeitgesetz von 1893 von Kaiser Wilhelm II wurde damit abgelöst. Kurzweilig: Die Lesungen zur Sache. Im Plenarprotokoll zur ersten Beratung liest man ab Seite 1745 zum Hauptmotiv: Der „Überlegungsstand der Bundesregierung geht dahin, dass bei Abwägung aller für und gegen die Einführung der Sommerzeit sprechenden Gesichtspunkte der Einführung vor allem aus europapolitischen Gründen der Vorzug zu geben ist“. Und im Plenarprotokoll zur zweiten und dritten Beratung erfährt man zum Beispiel ab Seite 8014 Folgendes von der damaligen Abgeordneten Dr. Liesel Hartenstein (SPD): „Das Hauptargument, das Frankreich 1976 als erstes Land bewogen hat, die Sommerzeit einzuführen, war bekanntlich die Hoffnung auf Energieeinsparung. Diese Hoffnung hat sich mittlerweile — man muss es leider sagen — verflüchtigt, als Seifenblase herausgestellt. Die französische Presse berichtete schon im letzten Jahr, dass der energieeinsparende Effekt praktisch gleich Null sei.“ Im historischen Vorfeld gab es bereits Phasen der Zeitumstellung: von 1916 bis 1918 sowie zwischen 1940 und 1949 mit unterschiedlichen Regelungen in einigen Landesteilen.