6.12.2017

Bankrott für die Lesekompetenz 

 

Medien im Oktober: Deutschlands Viertklässler hätten sich in Mathematik, beim Zuhören und in Rechtschreibung verschlechtert. Weiter, laut Studie IQB-Bildungstrends, sei aber die Lesekompetenz 2016 auf ähnlichem Niveau geblieben wie 2011. Die muss wohl damals schon grottenschlecht gewesen sein, denn nun heißt es: Was die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) für 2016 offenbart, „ist eine Bankrotterklärung für viele deutsche Grundschulen“. „Jedes fünfte Kind kann hierzulande nicht richtig lesen.“ Andere Länder konnten die Leseleistung der Zehnjährigen verbessern. Deutschland aber falle trotz etlicher, jahrelanger, millionenschwerer, aber unwirksamer Förderprogramme zurück. „Woran liegt das?“ Antworten erschließen sich insbesondere aus den Leserkommentaren bei der FAZ: 

 

„Das ist eine politische Spielwiese wie keine andere. Nur die Leidtragenden sind zu jung um sich wehren zu können, gegen Lehrer, Eltern, Politiker. Auch haben vorgenannte Personen ja mit keinerlei Konsequenzen für ihr Versagen zu rechnen. Schuld sind immer die Anderen.“

 

„Der Bildungsverfall in D wird sich noch beschleunigen. Eine Ursache ist die ideologiever-seuchte Kuschelpädagogik, die mit Abschaffung der Noten in den ersten Klassen, Schreiben nach Gehör und allg. Anforderungsabsenkung dem Kind eine stressfreie Lernumgebung schaffen will, aber zugleich mit der Herausforderung jeden Lernanreiz vernichtet…In immer mehr Kitas und Schulklassen stellen bildungsferne Migrantenkinder mit mangelhaften Deutschkenntnissen die Mehrheit. Von wem sollen diese Kinder Deutsch lernen, wenn kaum noch deutsche Kinder da sind?…Die kognitive Entwicklung bleibt zurück, sodass auch die anderen Schulfächer leiden.“ Der weitere Abstieg Deutschlands sei also vorprogrammiert.

 

„Ich frage mich außerdem, warum die Pädagogik - eine zu Zeiten der Aufklärung entstande-ne Wissenschaft - es noch nicht einmal vermag, verbindliche und optimale Lernmethoden für grundlegenden Lehrstoff wie Lesen in den Kultusministerien durchzusetzen. Was für ein wissenschaftlicher Papiertiger ist denn diese Pädagogik, wenn sie nicht einmal die abstrusesten Lernmethoden wie ‚Schreiben nach Gehör‘ verhindern kann?!?“

 

„Was ich an Grundschulen erlebt habe, ist die Fortsetzung der Kita ‚mit anderen Mitteln‘. Und das führt dann dazu, dass die Klassenräume an Grundschulen mit Lärmschutzdecken ausgerüstet werden! Kein Kind, auch das aufmerksamste und lernwilligste, kann in solch einem Umfeld gute Ergebnisse erzielen. Ruhe, Ordnung, Disziplin, Gehorchen, Aufmerk-samkeit, Zuhören, Mitdenken, Rekapitulieren, waren früher Selbstverständlichkeiten, die Lehrkräfte auch durchsetzen konnte/durften! Heute sind das Un- oder gar Schimpfworte!“

 

Was dabei noch unter den Tisch fällt ist die ausufernde Gewalt an Schulen: etwa in Berlin, in Sachsen-Anhalt, in Bernburg oder in Ricklingen. Politiker, die sich um diesbezügliche und anderweitige Weitsichtigkeit keinen Deut bemühen, betrifft dies alles bekanntlich nicht.


14.10.2017

Die Würde der Tatsachenwahrheit verteidigen

 

In Ergänzung zum morgigen Wahlsonntag in Niedersachsen und in Österreich soll an dieser Stelle daran erinnert werden, dass die politische Philosophin Hannah Arendt heute 111 Jahre alt geworden wäre. Unter Bezugnahme auf ihr Essay von 1964 mit dem Titel „Wahrheit und Politik“ erkennt Boris Blaha bereits im November 2014 auch eine Arendt’sche Note im öffentlichen Umgang mit Flüchtlingen. Es geht um die Übertragung einer politischen Frage in den Bereich des Moralischen und um „spiegelbildliche Ausblendung von Faktizität“, die zur Entfernung von der Sache führt. Die Folgen: „Die moralisch-monologische Struktur einer gewaltsam auftretenden Gesinnungswahrheit verschließt sich gegenüber der Wirklichkeit und spaltet die Anwohnerschaft in Gut und Böse – der Riss geht mitten durch Familien und Nachbarschaften. Von einem auf den anderen Tag sprechen Menschen nicht mehr miteinander, die seit Jahren stabile Nachbarschaften gepflegt hatten – der daneben ist jetzt das feindliche Gegenüber.“ Die gemeinsame Welt versinkt im Abwärtsstrudel, wenn die Faktizität als solche durch ein „organisiertes, öffentliches Lügen vernichtet“ wird.

 

Die „Tatsachenwahrheit“ aber könne durch nichts „außer der glatten Lüge“ erschüttert werden; auch wenn sie stets gefährdet ist, in Meinungen transformiert und damit beliebig zu werden. Die Hartnäckigkeit der Tatsachenwahrheit „sorgt für eine gewisse Beständigkeit, für etwas, das durch den Gemeinsinn der Vielen, die einfach nur sagen, was ist, in der Zeit gehalten werden kann und damit eine Würde erlangt“. Es muss daher darum gehen, die mit der Politik verknüpfte Würde der Tatsachenwahrheit gegen Versuche einer lügenhaften Vernichtung zu verteidigen. Denn die „Kraft des Wirklichen“ stabilisiert den politischen Raum als solchen. Außerdem ist sie Grundlage jeden Meinungsstreits. „Während die philosophische Wahrheit vereinzelt, die Gesinnungswahrheit spaltet, versammelt die Tatsachenwahrheit. Wird diese für das Leben in einer gemeinsamen Welt elementare Bindung durch öffentliches, organisiertes Lügen durchtrennt, gerät man unweigerlich auf die schiefe Bahn und damit schnell ins Bodenlose. Man verliert genau jene Orientierung, die dann durch ein erfundenes Freund/Feind Schema imaginär erst wieder konstruiert werden muss.“ Eigentlich ist es für eine Bewertung der aktuellen Lage unabdingbar, die politische und mediale Kommunikation auch aus dieser Perspektive zu betrachten.  

 

Das WZB bietet eine ausführliche Analyse zur Demokratiekonzeption von Hannah Arendt.


5.10.2017

Emigration als Politikum

 

Eben erfahren: Wolfgang Mayer hat am 2. Oktober seine letzte Reise angetreten. Einen Nachruf gibt es hier zu lesen. Der engagierte DDR-Bürgerrechtler betrieb die Homepage „Flucht und Ausreise“ unter dem Motto: „Muss die Ausreisebewegung nicht auch als Bürgerrechtsbewegung gewertet werden?“ In Bezug auf Hitlerdeutschland hatte Sebastian Haffner (†1999) einen ähnlichen Blick auf jene, die einer Diktatur ihre Anwesenheit verweigern. Unter dem Titel „Wir Emigranten“ sagte er später dem Stern: „Wir haben, immerhin, das bessere politische Urteil bewiesen, wir haben Weltkenntnis erworben; wir haben ein unbefangenes Verhältnis zur Außenwelt bewahrt; wir haben nichts zu verbergen oder zu bereuen; wir haben gelernt, wie Deutschland von außen aussieht, und können besser erkennen, wann es wieder zu entgleisen anfängt, und rechtzeitiger die Bremse ziehen.“

 

Im Februar 2017 stand im Manager Magazin: Nach Angaben der Beratungsgesellschaft New World Wealth haben 2016 rund 4.000 Millionäre Deutschland den Rücken gekehrt. Die Anzahl sei binnen Kurzem sprunghaft gestiegen: 2015 wanderten etwa 1.000 Millionäre aus Deutschland aus, in den Jahren zuvor lag die Anzahl im niedrigen dreistelligen Bereich. „Nach Ansicht der Studienautoren ist die Abwanderung besonders reicher Menschen aus einem Land ein alarmierendes Zeichen.“ Der starke Anstieg der Auswanderung reicher Menschen aus Deutschland hänge mit zunehmenden Spannungen in der Gesellschaft zusammen, wie sie auch in anderen europäischen Ländern zu beobachten seien.


5.10.2017

Schulchaos: hektische Abordnungen

 

Heute ist Weltlehrertag. Die Unesco verkündet: Bis 2030 werden wegen Verrentungen und zusätzlichem Bedarf weltweit 68,8 Millionen neue Lehrkräfte benötigt. Der Weltbildungs-bericht 2017/2018 erscheint am 24. Oktober und zeige, dass in Industriestaaten der Druck auf Lehrkräfte steigt. Grund: Mehr Aufgaben. Wie sich das vor Ort darstellt, verdeutlicht eine deftige Pressemitteilung (PM) der Niedersächsischen Direktorenvereinigung (NDV): 

 

„Die NDV sieht die Situation an den niedersächsischen Gymnasien zu Beginn des neuen Schuljahres 2017/2018 mit größter Sorge. Viele Schulen stehen vor erheblichen Defiziten bei der Unterrichtsversorgung, insgesamt und fachspezifisch.“ Lehrkräfte wurden nicht ausreichend eingestellt und qualifizierte Bewerber von Mangelfächern wie Informatik abgewiesen, um „soziale Projekte (‚Helfende Hände‘ z.B.)“ zu finanzieren. „Diese eklatanten Mängel in der mittelfristigen Versorgungskalkulation der Gymnasien werden freilich noch übertroffen von der Situation an den niedersächsischen Grundschulen. Ihnen fehlen nahezu 10.000 Stunden“, heißt es in der PM vom 2. August 2017. Nach „hektischen Schnellschüssen“ und Aufschieben der Probleme „trotz innerministerieller Warnungen“ wurden dann „vor etwa zwei Wochen erste Abordnungen von Gymnasiallehrkräften an Grundschulen“ veranlasst. „Weitere Verfügungen erfolgten gestern und noch heute, einen Tag vor Beginn des neuen Schuljahrs, telefonisch.“ Ein schweres Versagen bei der Bedarfsplanung: „Mit einem hilflosen Mittel zur kurzfristigen Symptombekämpfung soll in letzter Minute der Schuljahresbeginn an den Grundschulen gesichert werden.“ Die Fürsorgepflicht sei nicht gewahrt, „überdies spielt bei solchen kürzestfristigen Notprogrammen die Frage nach pädagogischen und didaktischen Aspekten von Unterrichtsqualität offenbar gar keine Rolle mehr“. 

 

Völlig unzumutbar sei der Zeitpunkt der Abordnungen: Schulleitungen und Lehrkräfte müssen – während des anlaufenden Schulbetriebs – geeignete Personen finden, Unterricht verteilen und Stundenpläne schulübergreifend neu organisieren. Die ministerielle Behauptung, dass von den Abordnungen nur überversorgte Schulen betroffen sind, sei falsch: „In vielen Fällen werden Unterrichtsausfall und Stundenkürzungen am abgebenden Gymnasium in Kauf genommen: Neue Lücken entstehen, um alte zu schließen.“ Die Direktoren halten das für „völlig untauglich“ und resümieren: „Mit schweren Hypotheken gehen die niedersächsischen Schulen in das neue Schuljahr, ohne Aussicht, dass sich daran etwas ändert angesichts einer Schul- und Bildungspolitik, die man nur noch als chaotisch und ideenlos beschreiben kann.“ Konsequenzen zieht mal wieder niemand.  

 

Auch anderswo wird einfach in der Gegend herum gelogen. Die Zeit teilt mit: "Tatsächlich fällt mehr als doppelt so viel Unterricht aus, als Behörden und Bildungsminister behaupten." Nachgefragt in den 16 Kultusministerien bekomme man methodisch nicht vergleichbare Zahlen mit erstaunlich niedrigen Werten. "Die Zahlen werden also seit Jahren und Jahrzehnten nicht einheitlich erhoben" – und wohl nicht umfassend. "Das grenzt ange-sichts der herrschenden Verhältnisse an unterlassene Hilfeleistung für Schüler und Eltern." 

 

Nachtrag vom 14.10.: "An Grundschulen fehlen Tausende Lehrer" beim Spiegel.


6.6.2017

„Das demokratische Lebenselement“

 

„Wir“ wohin das Auge reicht, von links bis rechts und dazwischen. Individualisten oder auch nur jene, die Wert auf Eigenständigkeit legen, haben wohl die Nase schon längst bis in die hintersten Winkel der Kieferhöhlen voll von den zahlreichen „Analysen“ und Charakterisierungen in Print und im Netz, die mit ihrem ständig pauschalisierenden „Wir“ – …wir haben die Grenzen nicht kontrolliert…wir empfinden ja alle dies und das…wir verhalten uns so und so… – Personen in Mithaftung nehmen, die in verantwortlicher Position gänzlich anders entschieden hätten oder die ein völlig anderes Empfindungs- und Verhaltensrepertoire aufweisen als die Autoren solcher Texte.   

 

Die subtile Erziehung zu Unselbständigkeit bis hin zu Hörigkeit ist ein Aspekt davon. Ein anderer findet sich in dieser Buchbesprechung von Bernd Leineweber über Paolo Flores d’Arcais‘ Werk (2004): „Die Demokratie beim Wort nehmen - Der Souverän und der Dissident“. D’Arcais geht davon aus: Das Grundelement der Demokratie ist das Individuum. „Nur wenn jeder Einzelne seine und sei es noch so abweichende Meinung mit der Aussicht, die politische Öffentlichkeit zu erreichen, uneingeschränkt äußern könne und von der Mehrheit nicht nur geschützt, sondern ermutigt werde, seiner Meinung Ausdruck zu geben, sei eine Demokratie lebendig.“ Der Einzelne muss dafür meinungsfähig und gebildet, die Medien pluralistisch organisiert und die Unabhängigkeit der Justiz gewährleistet sein. Der Autor konkretisiert: Politische Partizipation setzt voraus, dass der Einzelne seine eigene Meinung höher bewertet als die von gesellschaftlichen Gruppen und Parteien – „von Mehrheiten eben, die zum Konformismus nötigen“. Die eigene, wenn auch abweichende Meinung, und gerade nicht die organisierte, ist das demokratische Lebenselement. 

 

Ein Demokrat mache aus, was Vaclav Havel mit „in der Wahrheit leben“ bezeichnete. Einer, der die Lügen der Parteipropaganda nicht mitmachen, sondern authentisch leben will. „Die Freiheit des Individuums existiert zuerst. Und im Sinne der Demokratie existiert das Volk juristisch und faktisch nicht mehr, wenn die Pluralität der unverwechselbaren Existenzen, die sie konstituieren, gefährdet ist“, meint der Autor: „Jede politische Ordnung, die diese Existenzen vereinheitlicht und unterwirft, öffnet sich bereits der Heteronomie des Totalita-rismus und verfällt ihm.“ D’Arcais hat damit einen Orientierungsfaden zur Verfügung gestellt: es erleichtert mit diesem zu erkennen, wer es wirklich ernst meint mit der Demokratie respektive wer sie verstanden hat und wer sie fördert und wer sie blockiert.  


29.5.2017

Identifizierbare Kulturen

 

„Im wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen, da ist in meinem Herzen die Liebe aufgegangen…“ – über dies „Lyrische Intermezzo“ von Heinrich Heine und der musikalischen Umsetzung durch den „meraviglioso Schumann“ oder andere deutsche Dichter und Komponisten finden sich mehrmals wöchentlich Beiträge in italienischen Lokalzeitungen; sei es aus Anlass von Konzerten, Ausstellungen oder Vorlesungen. Jenseits der Alpen scheint man die deutsche Kultur also durchaus zu kennen und zu schätzen.

 

Während meines herzallerliebsten Italienurlaubs – in Form von kreativer Selbstversorgung auch für schmalere Geldbeutel machbar – habe ich hier und da erzählt, dass im deutschen Parlament eine Integrationsministerin sitzt, die behauptet: „Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“ Neben Bemerkungen wie „non va bene“ bekam ich von einem Mittsiebziger, engagiert bei Facebook, die konkretere Auskunft, dass während seiner Ausbildungszeit anstatt von italienischer Geschichte vielmehr Kommunismus gelehrt worden sei und bereits damals auch in Italien damit begonnen wurde, Kultur und Tradition den Kampf anzusagen. Nicht zuletzt im Flughafen Ancona Falconara gibt es noch diesbezügliche Wehrhaftigkeit: Am Eingang zur Sicherheitskontrolle steht – wie mir ein Mitarbeiter erklärte seit 18 Jahren – ein relativ großes Relief mit Maria und dem Jesuskind. Wen das nicht interessiert, der geht achtlos vorüber, und wer die christliche Religion schätzt, der freut sich daran. Kein Diskriminierungsproblem weit und breit. 

 

Eine kleine Umfrage meinerseits unter weiteren Einheimischen, was ihnen zur deutschen Kultur einfällt, ergab folgende Details: Einem Jugendlichen im bezaubernden Santarcangelo fiel zunächst Bayern München und die Museumsinsel in Berlin ein, bei weiterem Nachdenken dann die Wertschätzung der antiken Philosophen, Literaten wie Goethe und die pragmatische Sprache. Zum Charakter bekam ich an meinem Standort Rimini – diese vielseitige Stadt lässt sich übrigens nur wirklich mittels Fahrrad erschließen – heraus: Die Deutschen seien generell präzise, treu im Sinne von redlich, ernsthaft und tolerant. Als negativer Aspekt wurde fehlende Flexibilität genannt: Italiener hätten da schon einen größeren Spielraum, um die Dinge neu zu justieren. In San Marino brauchte ich meine Frage gar nicht erst zu stellen. Nach meiner Richtigstellung gegenüber einem Sammarinesen, dass ich keine Französin bin, präsentierte mir dieser seine Deutschkenntnisse: „Wie spät ist es?“ 

 

Nebenan war ein kleines Café, das in Deutschland von den Zuträgern der rigiden Kulturrelativisten in Politik und Medien vermutlich längst rufgemordet wäre:  Der Besitzer empfängt ankommende Reisebusse mit dem Schwenken der jeweiligen Nationalfahne. Die aussteigenden Leute freuen und amüsieren sich über diese nette Geste. Wie absurd und destruktiv in solchem Umfeld die Sprücheklopferei von der angeblich notwendigen Überwindung des Nationalen wirken würde. Die positive Erkenntnis ist: Das Gros der Menschen lebt überhaupt nicht nach dem, was von den Politkanzeln herab gepredigt wird. Es erreicht sie gar nicht. Hier spielt das Leben, dort der falsche Film.  


2.1.2017

Klarheit ist Zukunft

 

Eine Gruppe namens „Hackback Movement“ hat am Silvesterabend die Website der Bilderberger gehackt, schreiben die DWN. Ihre gepostete Botschaft: Die sogenannten Eliten sollten ein Jahr lang „wirklich im Dienst der Menschheit tätig werden“. Ansonsten würde alles gehackt, was ihnen lieb und teuer sei – „vom Luxusauto bis zur Smartwatch der Escort-Freundin“. Michael Hartmann ist derweil der Meinung: „Es gibt keine mächtige globale Elite“, international betrachtet. Und folgert daraus: „Die Handlungsspielräume nationaler Politik sind weit größer, als seit Jahren mantraartig verkündet wird.“ Der Soziologe widersprach übrigens erfrischend deutlich dem bekanntesten der mürrisch-indifferenten Politikwissenschaftler. Deutschlandradio Kultur: „Herfried Münkler hält große Teile des Volkes für dumm. Hat er recht?“ Michael Hartmann: „Nein, das ist eine herablassende Haltung, die bei Teilen der Elite in letzter Zeit immer häufiger zu beobachten ist. Die Bevölkerung hat ein ganz gutes Gespür, wenn es um ihre eigene Lebenssituation geht.“ Personen mit klarer Kommunikation und weitgehender Unbestechlichkeit fallen umso mehr auf, je seltener sie werden. In ihren Händen liegt die Gestaltung der Zukunft; weil sich das andere Interaktionsmodell müde läuft, so lange, bis einfach niemand mehr darauf achtet.