12.5.2018

Pflege: Wo bleibt die Ü84-Debatte?

 

Heute ist Internationaler Tag der Pflege. „Gesundheit ist ein Menschenrecht“, lautet das Motto. Darauf hinzuweisen und insbesondere privaten wie professionellen Pflegekräften für ihre schwierige und verantwortungsvolle Arbeit zu danken ist sicherlich das Mindeste.

 

Pragmatismus ist angesagt, wenn es um die Zukunftsfähigkeit der Pflege gehen soll. Bisher aber herrscht – wie hierzulande auch sonst überall – Ideologie. Hier: „Ambulant vor stationär“ als alternativlose Seligpreisung. Wie immer, wenn das Wort „Menschenrecht“ fällt, wird nicht nachgefragt, sondern der betroffenen Mehrheit von einer Minderheit – in diesem Fall neben Profiteuren im ambulanten Sektor auch eine gut vernetzte Behindertenlobby – etwas vorgesetzt. 

 

Wer sich mal unter pflegebedürftigen und behinderten Menschen umgehört hat, denen es nicht gut genug geht, um sich öffentliches Gehör zu verschaffen und politisch einzubringen, stellt fest: Der Wunsch, in einer gut geführten stationären Einrichtung weiterzuleben, steht jenem der ambulanten Versorgung in nichts nach. Es ist unter anderem eine Frage der Voraussetzungen und des individuellen Charakters: Will man lieber in einer Gemeinschaft wohnen oder ganz autonom mit Hilfe von Assistenten? 

 

Die jüngsten Pflegestärkungsgesetze haben dennoch den Grundsatz „ambulant vor stationär“ in bares Geld gegossen. Pflegende Angehörige respektive ambulante Unterstützungsvereine etwa können, je nach Pflegegrad der Betroffenen und je nach detektivischer Begabung bei der Antragstellung von Kombinationsleistungen, teils mehrere hundert Euro mehr jeden Monat erhalten. Laut Auflistung des Bundesgesundheitsministeriums haben sich die Ausgaben der Pflegeversicherung für Geldleistungen in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Dass das System „Schlupflöcher“ für Kriminelle bietet, ist unter anderem hier, dort oder an dieser Stelle dokumentiert.

 

Es ist gut, dass es heute die Wahlfreiheit gibt, bei Bedarf als Betroffener selbstbestimmt in der eigenen Wohnung zu bleiben. Um das zu erreichen, war es vielleicht sogar notwendig, den ambulanten Sektor derart zu pushen. Doch wo ein Grundsatz zum Mantra wird, auf dem sich Pflegepolitiker meditativ ausruhen und im Schein der Menschenrechts-Correctness sonnen, wird der realistische Bedarf übersehen. Die Vernachlässigung des stationären Sektors wird – neben dem ungelösten Problem des Pflegekräftemangels – zu einer zusätzlichen gravierenden Versorgungslücke führen. Ein Investor führt aus:

 

„Der wachsende Anteil bedürftiger Menschen in Deutschland wird ohne eine ausreichende Anzahl an zeitgemäßen stationären Pflegeangeboten weder menschenwürdig noch wohnortnah oder familienentlastend (!) betreut werden können. Doch statt den Ausbau zu fördern, findet genau das Gegenteil statt: Mit ihrer Regulierungswut sowie der Stärkung der ambulanten Pflege im Zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSGII) hat die Bundesregierung ein Umfeld geschaffen, das den dringend benötigten Ausbau der professionellen Pflegeangebote verzögert und hemmt … Politik stellt die Weichen bewusst gegen den Ausbau der stationären Pflege und damit gegen die Schaffung von Betreuungsangeboten, die sich bedürftige Menschen und ihre Angehörigen wünschen.“   

 

Trotz, dass demografisch bedingt der wachsenden Anzahl bedürftiger Menschen eine rückläufige Anzahl pflegender Angehöriger gegenüber steht, seien Heimschließungen bei kleineren Einrichtungen vorprogrammiert. Die rechtliche Zersplitterung in ein Bundesheimgesetz plus 16 Landesheimgesetze sei ebenso problematisch wie kaum erfüllbare bauliche Anforderungen. Die würden in der Branche als „Frontalangriff auf die professionelle Pflegeheimbranche“ verstanden. Damit behindere der Gesetzgeber konsequent „Investitionen in den Ausbau der stationären Pflege“, heißt es weiter in der Broschüre, in der man auch für eine Ausweitung gemischter Wohn- und Serviceangebote plädiert. Man brauche dringend eine „Ü84-Debatte“.

 

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland wird auf vier Millionen im Jahr 2040 steigen (von 2,5 Millionen Menschen im Jahr 2012).