14.11.2018

Akademisch diskutierte Konfliktlinien

 

Wie man inzwischen im akademischen Umfeld „die neuen Kulturkämpfe“ interpretiert, zeigt sich in einem „Call for Papers“ der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) für eine Tagung im März 2019 an der Uni Potsdam: Während ab den 1990er Jahren ethnische Konflikte im Vordergrund standen, spielten sich die Kulturkämpfe heute „im Herzen demokratischer Gesellschaften“ ab und stellten politische Errungenschaften in Frage – welche genau und von wem, geht aus dem Papier nicht hervor. Man sollte auch nicht davon ausgehen, dass sich die zugewanderten ethnischen Konflikte in Flüchtlingsunterkünften erledigt hätten, nur weil sie die Medien kaum noch thematisieren. Noch 2015 zitierte Spiegel Online Rainer Wendt von der Deutschen Polizeigewerkschaft: „Es schließen sich Gruppen nach Ethnien, nach Religion oder Clan-Strukturen zusammen und gehen mit Messern und selbst gebastelten Waffen aufeinander los.“  

 

Die DVPW meint sodann, dass neue „Antagonismen von Kosmopolitismus und Kommunitarismus“ die Volksparteien auseinanderreißen. Ob man tatsächlich, wie es der politmediale Komplex stets nahe legt, die kosmopolitischen Weltbürger widersinnigerweise dort verortet, wo konsequente Parteinahme für Vertreter frauenverachtender Machokulturen gepflegt und die Verteidigung der emanzipierten Gesellschaft als rückständig diffamiert wird, ist im Papier nicht näher ausgeführt.

 

Die lancierte Feststellung, dass mittlerweile wieder die Legitimität des „Systems“ offen angezweifelt wird, „ob in Form seiner zentralen politisch-rechtlichen Institutionen oder der freien Presse“, bleibt insofern unverantwortlich nebulös, als dass es den – wieder nicht konkret benannten – Zweiflern mehrheitlich nur um die Absetzung von Verantwortungsträgern geht, die das „System“ und die „freie Presse“ für egoistische Macht- und Karriereinteressen missbrauchen – die Verteidigung der Legitimität des Systems und der Presse steht somit tatsächlich auf deren Agenda.

 

Anzuerkennen ist sicherlich, dass man über die „Dichotomien wie liberal/antiliberal oder autoritär/demokratisch“ hinausgelangen und die Instrumentalisierung von „Kultur“ in gesellschaftlichen Debatten untersuchen will. Bezogen auf das sozialwissenschaftliche Kulturverständnis sei man inzwischen von der Obsoletheit des Huntington’schen „Clash of Civilizations“ überzeugt. Es stünden sich heute idealtypisch zwei Positionen gegenüber: „Die erste betreibt eine expansive Ästhetisierung der Lebensstile, weshalb Kultur zur Hyperkultur wird, in der ‚potenziell alles […] zur Kultur und zum Element äußerst mobiler Märkte der Valorisierung werden kann‘. Demgegenüber sieht die zweite Auffassung in der Kultur kein ‚unendliches Spiel der Differenzen‘ auf einem offenen Markt, sondern einen Antagonismus zwischen Innen und Außen, zwischen Wertvollem und Wertlosen, der sich insbesondere gegen das Bestreben richtet, kulturellen Pluralismus nach dem Muster der ‚Biodiversität‘ zu verstehen.“ Identitätspolitische Bewegungen hingegen opponierten mit Authentizitätsmythen und invariantem Kulturessenzialismus sowohl gegen Kulturrelativismus als auch gegen Fluidität und Dynamik von Kulturen.


18.4.2018

Echo: Kampf gegen Rechts gescheitert?

 

Antisemitisch, frauenfeindlich, homophob und gewaltverherrlichend: Mit rechtsextremen, neonazistischen Texten kann man im bunten Deutschland einen Musikpreis gewinnen. Rechtsanwalt Gerhard Strate meint im Cicero zur Auszeichnung der Rapper Kollegah und Farid Bang mit dem „Echo“ der deutschen Musikindustrie: „Bis heute konsumieren besonders Jugendliche in Massen den Hass, den hauptsächlich islamistisch geprägte Rapper in die Welt speien.“ Der deutsche Konvertit Felix Blume (Künstlername Kollegah) bekam bereits 2016 den „Echo“ mit „Blüten deutscher Lyrik“ wie: „Nutte, Zeit, dass du Putzlappen befeuchtest.“ Man solle mal fragen, „warum es so weit gekommen ist, dass im Land der Dichter und Denker Derartiges als Kunstform gilt“.

 

Alexander Kissler fragt, ebenfalls im Cicero: „Warum aber macht sich die Jury des ‚Echo‘ mit diesen Haltungen gemein?“ Und weshalb freut sich die Bertelsmann Music Group über die „außergewöhnliche Veröffentlichung“ und ist „stolz“, mit dieser Künstlergeneration zusammenarbeiten zu dürfen – trotz Texten wie: „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen / Ich tick‘ Rauschgift in Massen, ficke Bauchtaschenrapper (…) / ich ficke deine schwangere Frau / Danach fick‘ ich deine Ma, die Flüchtlingsschlampe.“? Kissler dazu: „Der Hass ist Geschäftsmodell, der Gegner heißt Toleranz. Vielfalt wird verachtet, Respekt deutet auf Schwäche.“

 

Immerhin regt sich Widerstand in der Musikszene. Der Präsident des Deutschen Kulturrats, Christian Höppner, will sich aus dem Beirat des Musikpreises zurückzuziehen. Marius Müller-Westernhagen, der laut Spiegel eine neue Stufe der Verrohung sieht, will alle seine Echo-Trophäen zurückgeben. Ebenso verfahren unter anderen: der Dirigent Enoch zu Guttenberg mit Andreas Reiner vom Orchester Klangverwaltung, der Pianist Igor Levit, der Musiker und Grafiker Klaus Voormann und das Notos Quartett aus Berlin. Der Sänger Peter Maffay forderte die Verantwortlichen zum Rücktritt auf und Echo-Beirat-Sprecher Wolfgang Börnsen will ein neues Wertesystem. Campino von den Toten Hosen bezog ebenfalls Stellung gegen die Rapper und BAP-Sänger Wolfgang Niedecken ist geschockt.

 

Nachtrag: Der propagierte Hass zeigt Wirkung: "Jude von Arabisch sprechendem Mann mit Gürtel verprügelt ... In Berlin hat sich die Zahl der bei der Polizei gemeldeten antisemitisch motivierten Taten seit 2013 verdoppelt." Tagesspiegel

 

Reaktionen zur Echo-Verleihung aus dem Bundestag: an dieser Stelle nachzulesen.

 

Nachtrag vom 19.4.: "Plattenfirma stoppt Zusammenarbeit mit Farid Bang und Kollegah." AußerdemDer österreichische Schlagersänger Charly Brunner: "Ich gebe meinen Echo nicht zurück! Weil der Preis damals noch eine Bedeutung hatte."

 

Nachtrag vom 20.4.: "Etwa 80 Jahre nach einem der grössten Massenmorde in Europa werden zwei Rapper, die gewaltverherrlichende und antisemitische Texte absondern, mit der Verleihung des wichtigsten deutschen Musikpreises geehrt. Ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag in Israel! Ausgerechnet in Deutschland." 

 

Nachtrag vom 21.4.: "Dirigent Thielemann und Staatskapelle geben Echo zurück." Außerdem: Wie der Tagesspiegel erfuhr, hat die Staatsschutz-Abteilung des Landeskriminalamts in der Woche vor der Veranstaltung als bisher einzige Behörde einen Indizierungsantrag bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien für das als antisemitisch kritisierte Album 'Jung, brutal gutaussehend 3' gestellt." Das Verfahren läuft. "Von beiden Musikern sind bereits Alben als jugendgefährdend eingestuft worden." Antragsberechtigt sind unter anderen die Jugendbehörden der Länder und das Bundesfamilienministerium.

 

Nachtrag vom 22.4.: Laut Beitrag in der Welt wird die Debatte nicht fair geführt. Beim Genre HipHop sei nämlich nicht alles so gemeint, wie es getextet ist.

 

Nachtrag vom 23.4.: Auch Daniel Barenboim gibt seine Echo-Awards zurück. Ebenso distanziert sich die Sächsische Staatskapelle Dresden vom Echo. Hingegen meint der Schauspieler Moritz Bleibtreu, die Debatte sei aufgebauscht, absurd.

 

Nachtrag vom 25.4.: Der Echo wird abgeschafft und durch neuen Preis ersetzt.


24.3.2018

Brot als Kulturerbe

 

Die Bewusstheit darüber peppt den Alltagstrott etwas auf: Die deutsche Brotkultur mit ihrer weltweit größten Vielfalt steht seit 2014 im bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Hier gibt es ein sechsminütiges Video dazu zu sehen. Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks hat sogar eigens eine Hymne dazu produziert. Ein Museum für Brotkultur gibt es auch: und zwar seit 1955 in Ulm. Es geht dort um Zusammenhänge zwischen der Entwicklung der Menschheitsgeschichte, der Wirtschaft, der Kunst und des Glaubens. Brot gibt es schon seit mehr als 6.000 Jahren. Genaueres über die Geschichte des Grundnahrungsmittels ist bei brotausstellung.de zu erfahren.   


19.3.2018

Rhetorisches Rätsel des Tages

 

Die neue Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), mag den Begriff "Leitkultur" nicht sonderlich: "Wir müssen uns vielmehr konkret darüber verständigen, was Gleichberechtigung von Mann und Frau, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und Gewaltlosigkeit als Grundfesten unseres Zusammenlebens bedeutet." Wurde das nicht schon während der Niederschrift des Grundgesetzes ausdiskutiert und hat man sich hierzulande nicht stets daran orientiert, wenigstens bis September 2015? Und wenn man sich dann in den mutmaßlich eigens dafür einzurichtenden Arbeitskreisen darüber verständigt hat, dass etwa Gewaltlosigkeit für das Zusammenleben Gewaltlosigkeit bedeutet, welche Konsequenzen werden daraus folgen? Es bleibt spannend! 


14.3.2018

Vom „Trans“ zum „Hyper“

 

„Immer mehr Deutsche verlassen das Land“, titelt die Welt. Die Zuschrift eines ausgewanderten Lesers verdeutlicht einmal mehr die Tragweite der Geschehnisse seit 2015: „Was seit ein paar Jahren in D passiert ist für mich vollkommen unfassbar. Für mich findet da eine bewusste Zerstörung unseres Landes, unserer Kultur und unserer Lebensweise statt. Von den Politikern der etablierten Parteien betrieben, und dazu auch noch vollkommen ohne Not. Bis vor wenigen Jahren war das Lebensgefühl in D unbeschwert. Diese Unbeschwertheit und Leichtigkeit ist vorbei, wohl für immer. Ich habe das Gefühl, dass meine Heimat zerstört wird. Nicht von einem äußeren Feind, sondern von den Politikern des eigenen Landes. Und die Bürger wählen sie immer noch. Ich kann es einfach nicht verstehen. Das macht mich nicht nur unendlich traurig sondern auch über alle Massen wütend. Ich fühle mich so hilflos und alleine in meinem Entsetzen darüber, was man mit unserem Land macht. Und so furchtbar ohnmächtig. Es ist entsetzlich.“

 

Um trotzdem einen Ansatz zu finden den politischen Irrsinn zu verstehen, zumindest einen von mehreren Aspekten, muss man den Blick ins akademische Umfeld werfen. Von dort kommt das ideologische Futter für die Politik und die entsprechend indoktrinierte nachgeschobene Generation. Immer wieder ging es auch um den gekaperten Kulturbegriff. So liest man etwa in der Zeitschrift für internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik vom Dezember 2006 unter der Überschrift „Meine Kultur mache ich selbst“: Das Konzept der Transkulturalität – hier geht’s zu den relevanten Definitionen – bleibe kulturbezogen. Eine Eingangsfrage dazu erscheint noch vernünftig: „Was ist mit jenen Menschen, die nicht zu transkulturellen Transformationsleistungen befähigt sind, keine ‚Transkulturalitäts-kompetenz‘ haben und keine transkulturellen Identitäten ausbilden (können)? In anderen Worten: Ist das Konzept der Transkulturalität und damit einer transkulturellen Pädagogik nicht ein elitäres (bildungsbürgerlich-kosmopolitisches) neues Herrschafts-instrument, gut gemeint, aber die Realität der sozialen Ungleichheiten negierend?“

 

Folgend allerdings heißt es zur Bedeutung des Konzepts der Hyperkulturalität, das über die Transkulturalität hinausgeht: „Die Kultur platzt gleichsam aus allen Nähten, ja aus allen Begrenzungen oder Fugen. Sie wird ent-grenzt, ent-schränkt, ent-näht zu einer Hyperkultur … Alles ist mit allem verknotet oder vernetzt … Charakteristisch für heute ist der Horizontzerfall. Es verschwinden die sinn- und identitätsstiftenden Zusammenhänge.“ Hyperkulturalität kenne die Grenzüberschreitung nicht. „Hyperkulturell ist das abstandslose Nebeneinander unterschiedlicher kultureller Formen … Wo heterogene Inhalte abstandslos nebeneinander liegen, erübrigt sich das Trans … Die Kulturen, zwischen denen ein Inter oder ein Trans stattfände, werden … zur Hyper-Kultur.“ Das Hyper kennzeichne das Wesen der Globalisierung, wo es zur „Verschmelzung der Nationen und Völker“, zur „Vermischung und Kreuzung der Kulturen“ komme. Der Autor bezieht sich dabei auf eine Konzeption von Friedrich Nietzsche, der den „eigentlichen Wert und Sinn der jetzigen Kultur“ eben darin gesehen habe. Die Konklusion: „Dies hat dann auch eine ‚Verrnichtung der Nationen‘ (! Nietzsche) zur Folge - welch eine wohltuende und befreiende Perspektive mit (noch) ungeahnten Folgen für (die noch nationalstaatliche) Politik und (die noch inter-und transkulturelle) Pädagogik: Die ‚Durchrassung und Durchmischung‘ (Stoiber) der Nationen, Ethnien, Kulturen und Religionen wird zum visionären und dann realen emanzipatorischen Modell der Zukunft!“

 

Der Beitrag in dieser Zeitschrift ist geschmückt mit einem Zitat des noch aktiven britischen Ethnologen Nigel Barley: „Der wahre Schlüssel der Zukunft liegt darin, dass Grundbegriffe wie Kultur aufhören zu existieren.“ Autor des Beitrags ist Hartmut Griese: bis heute emeritierter Professor am Institut für Soziologie der Leibniz Uni Hannover sowie Leiter des Instituts für erziehungswissenschaftliche Fortbildung.