12.4.2018

Religionsdiskurs zum Abgewöhnen

 

Ein gut gemeinter Pro-Kontra-Beitrag bei idea anlässlich eines kritisierten Besuchs lutherischer Bischöfe bei der vom Verfassungsschutz beobachteten Islamischen Gemeinde Nürnberg zeigt auf, dass die grundlegenden Kriterien für einen sachlichen Dialog gar nicht mehr beachtet werden.

 

Zu Wort kommt vorerst der Politikwissenschaftler Johannes Kandel: Die Kirche verhalte sich gegenüber dem Islam naiv und sei nicht gut genug unterrichtet. Das „führt dann zur Auswahl der falschen Partner und zu inhaltlichen Fehlentscheidungen“. Denn der Islam „erhebe nicht nur einen religiösen Wahrheitsanspruch, sondern zugleich einen politisch-ideologischen Herrschaftsanspruch“. Für interreligiösen Dialog sei es unabdingbar, über Ziele, Inhalte und Methoden der Partner unterrichtet zu sein. „Dazu gebe es viele öffentlich zugängliche Quellen und Experten, darunter auch die Mitarbeiter des Verfassungsschutzes.“ 

 

Der Beitrag des evangelischen Regionalbischofs Stefan Nitsche wird sodann überschrieben: „Kontra: Keine Gespräche mit Muslimen zu führen, das wäre naiv.“ Nitsche vertrete die „Gegenmeinung“. Islamische Theologen, „die im Geist der Aufklärung an einer theologisch lauteren Darstellung des Islam“ arbeiten, ermöglichten, „aus der Mitte der eigenen Glaubensüberzeugung heraus in unserer Gesellschaft anzukommen“. Man solle dazu beitragen, „dass dieses innerislamische Suchen gelingt“. Notwendig sei außerdem eine klar formulierte Erwartung im Blick auf unverhandelbare Werte der Gesellschaft. „Auf dieser Grundlage müsse man mit allen reden.“

 

Eine Gegenüberstellung, die gar keine ist. Denn die beiden reden nicht über dieselbe Sache. Ebenso wenig wie Kandel Gespräche mit Muslimen in Abrede stellt, äußert sich Nitsche über den Bedarf an besserer Unterrichtung. Man geht schlichtweg nicht aufeinander ein.

 

Auch ein Leserkommentar stellt klar: „Niemand hat etwas dagegen, sich ‚auf Gespräche mit Muslimen einzulassen‘. Der Regionalbischof geht aber nicht auf die Tatsache ein, dass er eine islamistische Gemeinde besucht hat und die als Gesprächspartner anerkannt hat, obwohl dort eine Razzia stattgefunden hatte und die bekannten Vorwürfe vorliegen. Seine Wortmeldung zeigt doch, dass er nicht mal allseits bekannte Tatsachen anerkennt. Das ist, denke ich, nicht naiv, sondern gefährlich.“


4.4.2018

Expandierender Populismus

 

Ganz ungewohnt: Bei einer Veranstaltung am 19. April in München zum Thema „Populismus“ geht es mal nicht um die üblichen Beschimpfungen gegen kritische europäische und US-amerikanische Bürger, sondern um „Populismus in seinen verschiedenen Ausprägungen in afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Ländern“. Wie selbstverständlich wird dennoch transportiert, Populismus müsse „bewältigt“ werden – ohne Definition des Begriffs, zumindest im Ankündigungstext. Das würde auch ausufern. Im Internet finden sich Tausende von Beiträgen zum Populismus mit teils stark voneinander abweichenden Erklärungen. Lohnenswert festzuhalten bleibt als rühmliche Ausnahme vom aggressionsdominierten Blickwinkel ein Satz in der Frankfurter Rundschau: „Zur Wahrheit gehört, dass der Populismus eine Geschichte hat, die nicht in dunkle, unaufgeklärte Gebiete führt, sondern ins helle Herz des europäischen Denkens.“ 

   

Welchen Zweck der ständige Gebrauch des Populismusbegriffs verfolgt, brachte der Cicero auf den Punkt: „Bemerkenswert ist, dass im derzeitigen Diskussionsklima Menschen, die … eine vom Mainstream abweichende Positionierung einnehmen, sogleich als Populisten … gebrandmarkt werden. Eine offene demokratische Auseinandersetzung sieht sicherlich anders aus.“ Außerdem agiere auch die Bundesregierung populistisch: „Während der Flüchtlingskrise 2015 ließ etwa die Bundesregierung verkünden, dass die Migranten in ihrer großen Mehrheit eine Bereicherung für Deutschland seien. Dies war zweifellos eine populistische Verkürzung der Problematik, um das eigene Handeln zu legitimieren. Alle Zahlen sprechen gegen die damalige Einschätzung.“ Der Populismus-Vorwurf diene vor allem der Delegitimierung des politischen Gegners und „kann somit auch als Herrschaftsinstrument der etablierten Parteien eingeordnet werden“.


5.2.2018

Perspektivische Abschottung

 

„Abschotten“ ist bekanntlich die diffamierend gemeinte Zuschreibung für Länder oder Personen, die sich dem deutschen Flüchtlingsdiktat nicht unterordnen. Derweil kann täglich via den üblichen Medien verfolgt werden, in welchem Maße die hiesigen Meinungsmacher selbst abgeschottet sind und mit ihren stigmatisierenden Zuschreibungen kommunikativen Austausch sowie auch sensible Diplomatie bereits im Keim ersticken. 

 

In einem älteren Buch zur Gesprächsrhetorik heißt so was „Perspektivenabschottung“: „das Beharren auf der eigenen Sicht auf einen Sachverhalt entgegen allen Einwänden“. Charakteristisch dafür ist eine verhärtete, in sich abgeschlossene Sehweise, meist in Verbindung mit Stereotypen und Vorurteilsstrukturen; „es ist die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, andere Standpunkte auch nur probeweise in Betracht zu ziehen oder gar einzunehmen“. Gegenbelege, welche die eigene Sichtweise auch nur relativieren könnten, werden ignoriert bis hin zur Verblendung. Die perspektivisch abgeschottete Person beurteilt ein Interaktionsereignis ausschließlich im Rahmen von fest verankerten Denkschemata, die dann auch den Leitsatz bestimmen, unter dem das Ereignis interpretiert wird. Bereits geringe Hinweise genügen, um das Denkmodell zu aktivieren. Was in der aktuellen Situation nicht vorhanden ist, wird mit entsprechenden Informationen einfach aufgefüllt.

 

Ein aktuelles Beispiel ist gerade in der Frankfurter Neuen Presse (FNP) zu besichtigen. Dort heißt es gleich im Vorspann: „Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt reagiert auf die Warnung vor sexuellen Angriffen auf dem Campus der Goethe-Uni mit spöttischer Kritik.“ Der Spott wird ihm aufgrund folgender Äußerung angedichtet: „Polizeialltag in der Zuwanderungsgesellschaft, so war der Titel des Vortrages, den ich an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main halten sollte. Bekanntlich wurde dies nach Protesten einiger Krawallmacher und von rund 60 Dozenten verhindert. Jetzt hat die Lebenswirklichkeit die Uni eingeholt und ich bin alles andere als froh darüber.“ Die weitere unsinnige Zuschreibung der FNP: Die Herkunft des Triebtäters nehme Wendt nun zum Anlass, gegen seine „universitären Kritiker“ zu „polemisieren“: „Wenn jetzt das Augenmerk auf der Suche nach einen Nordafrikaner liegt, ist das kein Racial Profiling, nur damit das schon mal klar ist, liebe Professorinnen und Professoren!“ Es wird wohl vollkommen gleichgültig sein, was der Gewerkschafter sagt: auch wenn es ganz normale Sätze sind, wird er sich von dieser abgeschotteten Seite immer negative Zuschreibungen einfangen.

 

Perspektivische Abschottung könne im Übrigen in der politischen Rolle „hochgradig effektiv“ sein: man lässt sich auf nichts ein und boxt ausschließlich die eigene Sicht durch. „Perspektivische Abschottung ist dann mit einem hohen Durchsetzungspotential verbunden, allerdings oft auch zu dem Preis, dass man sich als Interaktionspartner ‚unmöglich‘ macht.“ Wenn solche unmöglichen Interaktionspartner im öffentlichen Meinungskarussell die Mehrheit stellen, dann herrscht ganz offensichtlich Narrenfreiheit. Auf Aussagen mit Anspruch auf Verbindlichkeit wird man in solchen Interaktionsmustern vergeblich hoffen. Politik im ernsthaften Sinne ist damit ebenfalls obsolet. 


31.1.2018

Abspringen!

 

Wie aus zahlreichen Leserzuschriften unter mehreren Medienbeiträgen im Netz ersichtlich ist, scheint die Angst davor, nach kritischen Äußerungen Repressalien in Beruf und Gesellschaft zu erleiden, durchaus verbreitet zu sein. Dass die Unterstellungs- und Beschuldigungskultur im öffentlichen Umgang solch einen Siegeszug einfahren konnte, dürfte einer modernen und aufgeklärten Gesellschaft eigentlich gänzlich unwürdig sein. Um zu verstehen, wer diese irrlichternde Fahrt antreibt, darf man gerne noch einmal die „Masken der Niedertracht“ (2002) von Marie-France Hirigoyen zur Hand nehmen. Das Buch sorgte seinerzeit in Frankreich für eine heftige Diskussion. Es ist zwar fokussiert auf längerfristige Beziehungen in Familien oder am Arbeitsplatz, zeichnet aber einen Persönlichkeitstypus nach, der auch in anderen Zusammenhängen relevant sein könnte. 

 

Hirigoyen beschreibt ganz unverblümt Personen, die verbale Gewalt anwenden und dabei hinterhältig und skrupellos agieren. Das diene dazu, „ihr eigenes Ego zu erhöhen und ihre Gier nach Anerkennung“ zu befriedigen. Hochaktuell wirkt diese Beobachtung: „Unter dem Vorwand von Toleranz“ werde man nachsichtig bezüglich einer „pervertierten Form des Umgangs miteinander“, wozu böswillige Andeutungen und Lügen ebenso gehörten wie eine Situation auf den Kopf zu stellen. Die Aggressionen der Angreifer zeigten sich in feindseligen Machenschaften gegenüber „Prügelknaben“. „Der oder die Angreifer ‚kommen groß raus‘, indem sie die anderen herabsetzen“ und gleichzeitig dem anderen die Verantwortung zuschieben für das, was nicht klappt. 

 

Das häufige Motiv: in Hass umgewandelte Missgunst. Zerstörerisch werde der Prozess durch Häufigkeit und Wiederholung. Die Täter seien erfolgreich, weil sie mit ihren Machenschaften geduldet werden. Daher sei „das einzige Mittel, die Ausbreitung des perversen Prozesses einzudämmen“ die Weigerung des Umfeldes, mitzuspielen. Die Autorin meint: „Ein perverses Individuum ist beständig pervers; es ist fixiert auf diese Form der Beziehung zum anderen und stellt sich in keinem Augenblick in Frage … Diese Personen können nicht anders leben.“ Wenn es stimmen sollte, dass man bei diesen Charakteren „nicht auf Einsicht und Besserung hoffen“ kann, dann müssen es die Verzagten sein, die von diesem Zug abspringen. Am besten alle auf einmal.   


18.1.2018

Intoleranz an Unis

 

Anlässlich des erneuten Ausschlusses von Rainer Wendt seitens der Goethe-Universität sagte der Polizeigewerkschafter der Frankfurter Neuen Presse: „Natürlich ist es schlimm, dass Meinungsvielfalt und Austausch gerade an der Uni, wo sie ja eigentlich hingehören, mit Gewalt unterdrückt werden.“ Ex-Staatssekretär Heiner Flassbeck hat kürzlich im Cicero aufgezeigt, was es einzufordern gilt: „Die Selbstverwaltung der Universitäten und Freiheit von Forschung und Lehre muss da massiv eingeschränkt werden, wo die Gefahr besteht, dass sich geistige Monopole bilden, die nichts anderes im Sinn haben, als alle anderen Gedanken und Ideen auszuschließen … Gelingt das nicht, muss der Staat selbst neue wissenschaftliche Institute schaffen, die den hergebrachten erstarrten Universitäten im akademischen Bereich und in der Öffentlichkeit Paroli bieten können.“ Die Frage der Personalauswahl ist damit freilich noch nicht beantwortet.

 

Nachtrag vom 20.1.: Wie die Protagonisten "argumentieren" ist dort nachlesbar.


10.1.2018

„Der Hype des Diskriminierungsbegriffs“

 

Wie die gegenwärtige Rhetorik nicht zu Befriedung, sondern zu Spaltung und Polarisierung führt, hat die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) anhand des Diskriminierungsbegriffs aufgezeigt. Wo es nämlich den Bürgerrechtsbewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts noch um das Erkämpfen elementarer Rechte ging, werde heute der Begriff trivialisiert und ausgeweitet. Wenn aber jede tatsächliche oder unterstellte Benachteiligung als Diskriminierung gebrandmarkt wird, dann habe das „außerordentlich weitreichende“ Konsequenzen. 

 

Die Reklamation von Betroffenheit führe einerseits zur Definitionsmacht über Opfer und Täter. Die Agenda der Minderheiten werde allen oktroyiert. Andererseits sei die Skandalisierung bereits in die Wortwahl eingebaut. „Deshalb kann man sich gegen den Diskriminierungsvorwurf in politisch korrekten Diskussionsräumen letztlich kaum wehren; man ist, wo immer man Vorbehalte äußert, stets in der Defensive und hat erst nach einleitenden Kotau-Formulierungen (‚Ich habe ja nichts gegen X, aber . . .‘) überhaupt Rederecht…Wird alle Zurücksetzung als Diskriminierung begriffen, so gibt es keinen Raum mehr für Nuancen und Missverständnisse, Aushandlungen und Ambivalenzen.“

 

Und auch keine Interaktion. Das scheint auch gar nicht beabsichtigt zu sein: Denn zumeist konzentriert man sich auf die geforderten Ansprüche materieller Art. Zur Zivilisierung der Gesellschaft trage die Diskriminierungsrhetorik ebenfalls nicht bei: „Viele Erfahrungen der letzten Jahrzehnte weisen eher auf ein gesteigertes Aggressionsniveau, eine Zunahme von Hass und Bösartigkeit hin.“ Im Zuge dessen würden Stigmatisierungen eher verschärft als geschwächt. „Das Ergebnis ist eine kognitive Grobschlächtigkeit, ein Raster der Vereinfachung, in dem immer schon klar ist, wie man sich selbst und das Handeln anderer einzuordnen hat.“ Praktisches Augenmaß und mehr Gelassenheit stehe an. Die NZZ plädiert dafür: „Verschiedenheit, ja, und Ungleichheit für alle!“