10.1.2018

„Der Hype des Diskriminierungsbegriffs“

 

Wie die gegenwärtige Rhetorik nicht zu Befriedung, sondern zu Spaltung und Polarisierung führt, hat die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) anhand des Diskriminierungsbegriffs aufgezeigt. Wo es nämlich den Bürgerrechtsbewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts noch um das Erkämpfen elementarer Rechte ging, werde heute der Begriff trivialisiert und ausgeweitet. Wenn aber jede tatsächliche oder unterstellte Benachteiligung als Diskriminierung gebrandmarkt wird, dann habe das „außerordentlich weitreichende“ Konsequenzen. 

 

Die Reklamation von Betroffenheit führe einerseits zur Definitionsmacht über Opfer und Täter. Die Agenda der Minderheiten werde allen oktroyiert. Andererseits sei die Skandalisierung bereits in die Wortwahl eingebaut. „Deshalb kann man sich gegen den Diskriminierungsvorwurf in politisch korrekten Diskussionsräumen letztlich kaum wehren; man ist, wo immer man Vorbehalte äußert, stets in der Defensive und hat erst nach einleitenden Kotau-Formulierungen (‚Ich habe ja nichts gegen X, aber . . .‘) überhaupt Rederecht…Wird alle Zurücksetzung als Diskriminierung begriffen, so gibt es keinen Raum mehr für Nuancen und Missverständnisse, Aushandlungen und Ambivalenzen.“

 

Und auch keine Interaktion. Das scheint auch gar nicht beabsichtigt zu sein: Denn zumeist konzentriert man sich auf die geforderten Ansprüche materieller Art. Zur Zivilisierung der Gesellschaft trage die Diskriminierungsrhetorik ebenfalls nicht bei: „Viele Erfahrungen der letzten Jahrzehnte weisen eher auf ein gesteigertes Aggressionsniveau, eine Zunahme von Hass und Bösartigkeit hin.“ Im Zuge dessen würden Stigmatisierungen eher verschärft als geschwächt. „Das Ergebnis ist eine kognitive Grobschlächtigkeit, ein Raster der Vereinfachung, in dem immer schon klar ist, wie man sich selbst und das Handeln anderer einzuordnen hat.“ Praktisches Augenmaß und mehr Gelassenheit stehe an. Die NZZ plädiert dafür: „Verschiedenheit, ja, und Ungleichheit für alle!“