12.1.2018

Trivialisierung mörderischer Gewalt

 

Telepolis brachte Ende Dezember einen eindringlichen Beitrag, der bis dato über 2.700 Kommentare nach sich zog. Unter dem Titel „Verschleierter Frauenmord: Das unwerte Leben der Mia aus Kandel“ lässt man sich auch nicht beeindrucken von der Ablenkungsrhetorik der deutungshoheitlichen Herrschaften: „Rassismus ist nie eine Lösung - egal für was. Aber Kulturrelativismus, also die Verherrlichung fremder Kulturen und die Negierung der mit dieser Kultur verbundenen Probleme, z. B. ein archaisches Frauenbild, das durchaus existenzgefährdend in die Praxis umgesetzt wird, auch nicht. Im Gegenteil.“ Das  Gefährdungspotenzial müsse endlich zur Kenntnis genommen werden. 

 

Das wird es immer noch nicht. Tagesschau.de zeigt auf, dass offensichtlich kein Vorfall gravierend genug sein kann, um nicht weiterhin mit gepflegter Vordringlichkeit am rechten Popanz zu basteln. Die Anhänglichkeit dieser Meinungsmacher an ihre stereotypisierte Gruppe – eine klassische Diskriminierung – trägt längst fanatische Züge. „Hass und Wider-sprüche in Kandel“ titelt man dort und meint damit nicht den Hass des Mörders. In Rechenschaft gezogen werden jene, die sagen „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber …“. Außerdem habe ein Betreuer erzählt: Abdul D. verhielt sich nicht auffällig. „Er sei zwar emotional gewesen, habe aber durchaus eingesehen, wenn er einen Fehler gemacht habe.“ Wie es um so manchen betreuenden Flüchtlingshelfer bestellt ist, zeigt ein anderer Fall.

 

Vor der Hattersheimer Asylunterkunft „Kastengrund“ hat am 2. Januar ein Syrer (Shiar A., 26) einen Afghanen (39) erstochen. Im Höchster Kreisblatt wird der Leser gleich im Vorspann auf die Idee gebracht, die Behörden könnten daran schuld sein. Des Weiteren versucht man zu eruieren, wie es zur Bluttat kommen konnte, „wo doch Täter wie Opfer aus Ländern kommen, in denen ein Menschenleben nicht viel gilt“. Im Brustton der Überzeugung dann: „Deswegen suchen ja Frauen und Männer Schutz und Frieden in Europa.“ Der anonymisierte Flüchtlingshelfer „Marvin Z.“ betreute Shiar A. in der Asylunterkunft. Ein schwieriger Mensch sei dieser schon gewesen, auch jähzornig. Nach einer „körperlichen Auseinandersetzung“ in Schwalbach wurde er nach Hattersheim verlegt. Er war dann „sehr niedergeschlagen gewesen, weil er vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eine Ausreiseverfügung zugestellt bekommen hatte“. Ende Dezember hätte Shiar A. nach Bulgarien ausreisen müssen, weil er von dort aus in die Bundesrepublik kam. Kurz zuvor habe er die Zusage für eine Stelle als Reinigungskraft bei einem Verkehrsunternehmen bekommen.

 

„Die Behörden ließen die abgelehnten Asylbewerber mit den Problemen einer Aus- oder Weiterreise gänzlich alleine“, kritisiert Marvin Z. – ohne zu erklären, warum nicht er ihm dabei behilflich war respektive warum er ihn nicht an einen der unzähligen Migrations-vereine vermittelte. Pädagogisch gesehen ein absolutes No-Go: Shiar A. kam mit den 360 Euro im Monat nicht aus und stand ab Mitte des Monats mittellos da: „Er hat das Geld irrational ausgegeben. Ich habe ihm öfters dann Geld gegeben (!), damit er sich etwas zum Essen kaufen konnte.“ Er sei auch schwarz mit dem Zug gefahren. „Selbst vor Fernfahrten schreckte er nicht zurück. Er wolle etwas von Deutschland sehen, habe ihm Shiar A. dann erklärt. Schließlich kaufte ihm Marvin Z. dann regelmäßig RMV-Monatskarten. Der junge Syrer sei starker Raucher gewesen, so habe er auch für Zigaretten viel Geld ausgegeben.“ Die „Kasernierung“ in der Unterkunft sei zwar kein Grund, um gewalttätig zu sein. „Es sei aber eine Erklärung, warum die Nerven bei manchen Asylbewerbern blank liegen.“ 

 

Der Beitrag hinterlässt insgesamt den Eindruck: weder die Redaktion noch der Flüchtlings-helfer begreifen die Tragweite eines Tötungsdeliktes. Es geht einzig darum, human dazustehen. Und selbst daran scheitert, wer seine Klientel nicht als Verantwortungssubjekt ernst nimmt, sondern als Opfer ihrer Triebe bestätigt. Bequem ist das allemal. Durch den Verzicht auf Grenzsetzung kann sich der zu Betreuende in seiner Forderungshaltung einrichten und der Betreuer schwierigen Auseinandersetzungen weiterhin ausweichen. Die weitreichendere Konsequenz solcher Berichte fürs Fotoalbum ist die Trivialisierung von Mord und Totschlag. Wo sich niemand verantwortlich sieht, kann es sich nur um zwar bedauernswerte, aber unvermeidbare Schicksalsschläge handeln. Ähnliches wird also wieder geschehen; mit desto steigender Tendenz, je öfter die kindsköpfige Behauptung kursiert, ohne Ausreiseaufforderung der Behörden würde bestimmt alles gut verlaufen. 

 

Wer sich mit harten Fakten konfrontieren lassen kann und sich für Fragen rund um Kandel an die Staatsanwaltschaft interessiert, wird beim Rheinneckarblog fündig


5.1.2018

Pfeiffer's politisch motivierte Mission

 

Da nun nach Veröffentlichung der Pfeiffer'schen Studie das Mantra von der angeblich erhöhten Anzeigebereitschaft der Opfer bei ausländischen Fremden heruntergebetet wird, sei an diesen Beitrag erinnert. Die weiter behauptete "zivilisierende Wirkung" von Frauen, mit der er für den Familiennachzug argumentiert, dürfte sicher nicht pauschal gemeint sein und dass Syrer, Iraker und Afghanen deutlich seltener im Kriminalitätsgeschehen auffielen wird wohl nicht nur jene erstaunen, die regelmäßig das Blaulicht Presseportal verfolgen: Wie die Bundesregierung gerade mitteilte, richten sich eingeleitete Terrorverfahren mehrheitlich unter anderen gegen Afghanen und Syrer. Siehe auch die Zahlen zur Polizeistatistik 2016. 

 

Nachtrag: Statistik in Bayern 2016: "Bei den Flüchtlingen gerieten vor allem Syrer, Afgha-nen, Iraker und Nigerianer unter Verdacht, die auch große Flüchtlingsgruppen bilden." Außerdem: Steigende unerlaubte Einreisen aus Dänemark und Skandinavien: "Bei den Personen handelte es sich insbesondere um Afghanen, Iraker und Syrer."  

 

Nachtrag vom 14.1.: "Pfeiffer, so ist festzuhalten, hat durch seine Arbeit eine eigene Kategorie in der Kriminalitätsstatistik geschaffen: die des ideologischen Intensivtäters."