17.3.2018

Andere mitnehmen

 

Elitäre Zirkelbildung mit arrogantem Anstrich ist zunehmend auch auf der mittigen bis rechten Seite des Meinungsspektrums zu beobachten; ob es nun um protestierende Erklärungen geht, deren Unterzeichnung nur einem erlauchten Kreis gestattet ist, oder um die Unkultur der Bezeugung von Missachtung betreffend der Nichtbeantwortung im E-Mail-Verkehr. Solch unsympathische, exkludierende Umgangsweisen sind freilich nicht verboten. Es stellt sich nur die Frage, wie die Bevölkerung von diesen Charakteren für eine breite Protestbewegung gegen die schädliche Politik motiviert werden soll. Gar nicht, ist die Antwort. Das Gros der Leute legt weder Wert auf Prominenz noch wollen sie nach der Verwertbarkeit ihrer Person beurteilt und anschließend mittig oder rechts liegen gelassen werden. Sie wollen, falls sich ein Gedanke relevanten Engagements regt, so an- und mitgenommen werden, wie sie sind: mit ihren Schwächen und Stärken, ohne perfektionistischen Anspruch; in einem Umfeld, in dem man sich wohl fühlen kann, weil man nicht misstrauisch beäugt wird oder unausgesprochene Tests bestehen muss. Nur darauf könnte etwas wachsen. Entsprechende Ansprechpartner auf Augenhöhe sind wohl rar. 


10.3.2018

Ceremoniel im theatrum politicum

 

Man sollte die Zeremonialwissenschaft wieder einführen. Die FAZ berichtete 1998 über „die Schauseite des Staatsgeheimnisses“ als Grundmuster im europäischen Absolutismus: 

 

Die Zeremonialwissenschaft gab es ab dem späten 17. Jahrhundert nur wenige Jahrzehnte lang. „Die Lehren vom ‚Ceremoniel‘ beschrieben die hochabsolutistische Symbiose von Herrschaft und Repräsentation.“ Es ging um Akte öffentlicher Politik. Diese wurden ästhetisch überhöht und damit den „äußerlichen Sinnen“ eingeprägt. Als Teil des theatrum politicum absolutistisch-barocker Darbietung von Herrschaft war das „Ceremoniel“ Inszenierung, Absicherung und Rechtfertigung zugleich. Ziel: „Die Gesellschaft sollte festgehalten werden in ihren ständischen Zuordnungen, in ihren Abschottungen nach Rechten, Denk- und Lebensweisen. Vor allem aber war den unteren Schichten zu imponieren, waren die unkontrollierten Affekte des Pöbels zu bedenken, waren dessen Sinne durch ästhetische Demonstration zu ‚kützeln‘ … ein göttlicher Kosmos auf Erden.“

 

Die Zeremoniallehren für den höfischen Adel handelten von einer Aura, die sich gegen alles Erklären sperrte. „Denn nicht nur sollte, der Ratio des Absolutismus folgend, alle fürstliche Politik im Verborgenen geschehen, ihre höfische Inszenierung sollte auch nicht durch Räsonieren, durch den Blick hinter die Kulissen entzaubert werden.“ Ab dem frühen 18. Jahrhundert geriet dann die Disziplin in den Gegenwind des Naturrechts. Seit den Vertragslehren und der Depersonalisierung staatlicher Herrschaft war die Zeremonial-wissenschaft obsolet geworden. Heute sind bekanntlich beide Gründe für den Wegfall der Disziplin in der politischen Praxis revidiert beziehungsweise gelten vor allem theoretisch.  

 

Unerwähnt in der FAZ-Rezension bleibt ein Wegbereiter der Frühaufklärung, nämlich der eigensinnige Philosoph und Jurist Christian Thomasius (1655 – 1728). Der schrieb über das decorum politicum* als einem Phänomen des Zivilisationsprozesses im Sinne fortgeschrittener Dekadenz. „Die Zunahme der Gebote des decorum politicum indiziert also den Verfall menschlicher Sozialität.“ Die „Ehrbarkeit der Patriarchen“ sei zwar noch vernünftig, aber das pervertierte politische decorum speise sich aus Hass und Misstrauen. Alsdann identifizierte Thomasius auch das Zeremoniell und übte durch „biblizistische Einkleidung eine fulminante Kritik am überbordenden Zeremonienwesen der barocken Ständegesellschaft“. Die Kritik konkretisierte sich in der Übersteigerung privatpolitisch motivierter bürgerlich-höfischer Interaktionsformen und gipfelte in der Aufdeckung der Selbstinszenierung als Mittel der Staatsraison: „Derowegen ist kein Zweiffel / daß man getrachtet / durch angenehmes Aergernüß die Begierden der Unterthanen zu irritieren / damit sich dieselbigen zur Unterthänigkeit und blinden Gehorsam desto eher bequemten.“      

Aktueller Anknüpfungspunkt einer wiedereingeführten Zeremonialwissenschaft in der Epoche des Internet könnte zum Beispiel dieses Selfie sein.

 

* „Das decorum politicum spiegelt die ständische Gesellschaft, in der man mit Höhergestellten, Seinesgleichen und Niederen je anders umzugehen hat.“ Quelle


10.2.2018

„Alles sehr seltsam“

 

„Wen die Mädchen benennen, der kommt in den Kerker … Was für ein finsterer Unfug … Wenn sie jetzt als Heilige gilt, dann wird es nicht leicht sein, sie als Betrügerin zu entlarven – bei der Torheit in der Stadt. Ich habe doch keinen Beweis … Wohin der anklagende Finger auch zeigt, wir dürfen nicht zaudern, wir müssen ihm folgen … Ist denn der Ankläger immer heilig?“ Die „Hexenjagd“ von Arthur Miller, heute vor 13 Jahren gestorben, ist hervor-ragend vertont in diesem Hörspiel des WDR. Es ist ein eingängiges Beispiel dafür, wie es so manchen, von Eitelkeit getriebenen Charakteren gelingt, unter einem Vorwand – hier Glaube und Religion – mit schamlosen Lügen, irrwitzigen Beschuldigungen, moralischer Erpressung, richterlicher Willkür, herbei fantasierten Indizien und Gruppendruck eine wahnhafte Diffamierungskultur zu schaffen. Eine Zusammenfassung der Handlung steht an dieser Stelle. Arthur Miller bewegt sich mit seinem Stück sehr nah an realen Ereignissen Ende des 17. Jahrhunderts und stellte einmal fest: „Das ist alles sehr seltsam.“


13.1.2018

Eisige Infos zum Wochenende

 

Die „Galileo Wissensreise“ hat einige Erscheinungen des Winters in seine Einzelteile zerlegt. Zum Beispiel den Schnee. Ob es stimmt, dass die Zunge an einer eiskalten Eisenstange festklebt, wird hier nachgeprüft. Und wie ein beeindruckendes Schloss aus über 100.000 „anmutigen“ Eiszapfen entsteht, kann dort bestaunt werden.


5.1.2018

Das Gefängnis als Weltattraktion

 

Der Schriftsteller und Maler Friedrich Dürrenmatt (5.1.1921 – 14.12.1990) wäre heute 97 Jahre alt geworden. Weil es in Zeiten schleichender Niveauabsenkung besonders erholsam ist sich mit den Gedankenspielen von Nachkriegsautoren zu befassen, kann dafür kein Grund zu nichtig sein. „Man muss den Gedanken aufgeben, dass man Leute belehren kann“ – der Mensch müsse sich schon selbst Klarheit verschaffen über die Fragwürdigkeiten seiner Existenz, meint er zum Beispiel in diesem Interview. Humorvoller kommt der Autor in seiner Rede über „Die Schweiz als Gefängnis“ herüber. Das Gefängnis sei nämlich eine Weltattraktion geworden: „Viele versuchen, Gefangene zu werden, was sie dürfen, wenn sie über die nötigen Mittel verfügen, die Freiheit ist schließlich etwas Kostbares, während die Unbemittelten womöglich im Gefängnis jene Sicherheit suchen könnten, die nur den freien Gefangenen zustehen…“ Es handelt sich um einen Ausschnitt aus einer Rede mit ernstem, gerade heute erinnerungswertem Hintergrund, wenn man die aktuelle Politik der Visegrád-Staaten verstehen will, anstatt sie unreflektiert zu verurteilen: Dürrenmatt hielt damit eine Laudatio auf Vaclav Havel zur Preisverleihung im November 1990. Aus ihr stammt übrigens seine viel zitierte Aussage: „Wo alle verantwortlich sind, ist niemand verantwortlich.“ Die ganze Rede, die auch lesenswert ist ohne persönliche Zustimmung zu jedem einzelnen Punkt, steht an dieser Stelle. Im Netz sind auch komplette Romanverfilmungen zu finden: etwa „Der Besuch der alten Dame“ von 1959 oder „Die Physiker“ von 1964.