22.9.2018

„Das verspielte Außerhalb“

 

Leider wenig bekannt: Die Fabeln des jüdischen Philosophen Günther Anders (1902 – 1992, eig. Günther Stern). Er verkehrte mit Hanns Eisler, Bertolt Brecht oder den Brüdern Mann und war acht Jahre lang mit Hannah Arendt verheiratet. Es gab einige Überschneidungen mit den Achtundsechzigern – umso erstaunlicher das Stück, das sich im „Blick vom Turm“ findet. „Das verspielte Außerhalb“ heißt es und geht so: 

 

„Als im Jahre 2058, ein halbes Jahrhundert nach der Gründung des Weltstaates, der Schüler in der ‚Geschichte des 20. Jahrhunderts‘ den Satz las: ‚In jenen Augenblicken, in denen hier oder dort der Druck der Diktaturen unerträglich wurde, gab es stets Flüchtlingsmassen‘, da fragte er – denn daß die Welt eine und diese hermetisch verschlossen war, das war ihm bereits absolut selbstverständlich: ‚Flüchtlingsmassen? Was heißt denn das? Wohin konnte man denn flüchten? Gab es denn ein Außerhalb?‘ – Und rief, als ihm diese Fragen beantwortet worden waren, voll Verachtung, und so, als wäre die Misere, in die er hineingeboren worden war, ein Grund zum Stolzsein oder sogar sein persönliches Verdienst: ‚Was die so Druck genannt hatten!‘ – Woraus zu lernen ist, daß wir es uns dreimal überlegen sollten, ehe wir einen Weltstaat gründen. Denn wo es nur eines gibt, da gibt es keine Reste mehr. Also auch keine restierenden Zufluchtstätten.“ 

 

In diesem Sinne hat die vielfach mainstream-hörige Lehrer- und Medienlandschaft bei der Erziehung der ihnen Anvertrauten zu stolzen, entindividualisierten Weltbürgern bereits bestmögliche Arbeit abgeliefert. Das romantisierte Kollektiv wird trotzdem nicht eintreffen. Die ignorierte, vielfach zugewanderte Gewaltbereitschaft wird über kurz oder lang sämtliche Ressourcen beanspruchen.


8.9.2018

Ist der Ruf erst ruiniert…

 

Beim Psychologie Magazin findet sich ein hübscher Artikel zur Narrenfreiheit. „Sie kommt all jenen zu, die aus irgendwelchen Gründen befreit zu sein scheinen, von den Normen und Konventionen des Alltags“; die insoweit ungestraft die eigene Meinung sagen können wie sie die soziale Degradierung hinnehmen. Der Narr ist scheinbar oft tölpelhaft, hat aber auch einen unverstellten Blick von außen, der stets geschätzt wurde. „In dieser Rolle ist er der einzige, der der hohen Gesellschaft, inklusive dem Herrscher die Meinung sagen darf. Der Hofnarr hatte ursprünglich diese Funktion eines sozialen Korrektivs, nicht des Unterhalters, auf den man besonders deshalb gut hören konnte, weil er ja ein Narr war, von dem niemand was annehmen musste.“

 

Die Attribute „harmlos“, „lästig“ oder nicht ernst zu nehmend reichen aber für eine Charakterisierung eines Narren nicht aus. Der Autor rechnet manchen von ihnen, wie man herauslesen kann, auch ein sattes Selbstbewusstsein zu: Er überschreitet Grenzen und macht „deutlich, dass er erkennbar anders ist und sein will“. Der Standortvorteil des Narren: „Sie haben sich nur an dem Platz im Leben eingerichtet, von dem aus man nicht tiefer sinken kann … Mit ihnen will niemand konkurrieren, um den Posten reißt sich keiner … Von allen sozialen Zwängen und Vorgaben befreit, aber dafür auch der Möglichkeit des sozialen Aufstiegs beraubt verkündet der Narr seine Sicht auf das Geschehen.“ Seine Rolle ist die des Nichtfestgelegtseins. 

 

Stets ist er ein stummer Mahner. „Aber das ist es eben auch: Der Narr ist nicht einfach gescheitert, verbittert, gefallen, frustriert, er provoziert uns gerade dadurch, dass er in vielen Fällen eine Frohnatur ist und mit Leichtigkeit und Unbedarftheit durchs Leben läuft.“ Viele täten das auch gern – ohne den Preis des sozialen Abstiegs zu zahlen und damit Anerkennung zu verlieren. Aufmerksamkeit immerhin bekommt der Narr schon. „Er ist raus aus der Nummer, die immer auch etwas aufreibend ist, nämlich, sich im Mainstream über Wasser zu halten. Man muss sich seinen Ruf nicht nur erarbeiten, sondern auch aufrecht erhalten. Wer von hier aus abrutscht, fällt tief.“ Was ist närrischer: Der simulierende Anerkannte oder der selbstgenügsame Narr? 

 

Als Grenzübertreter und damit Kenner mehrerer Welten könnte der Narr in natürlicher Weise auch Brückenbauer und „Überwinder der Polarität“ sein. Wo er Missstände anprangert und durch Spiegelung einer Projektion anbietet diese zu erkennen und zurückzunehmen, wäre da eine Brücke hin zu einer neuen Perspektive. „Nicht nur an die niederen Seiten erinnert uns die Narrenfreiheit, auch daran, dass es neben der Entscheidung für eine der beiden Seiten immer auch einen dritten, über- oder untergeordneten Standpunkt gibt.“ Die Botschaft des Autors: „Die Gesellschaft braucht ihre Narren, die ihr die Grenzen ihres Schubladendenkens vor Augen führen.“ Man solle zwar nicht durchgehend auf Konventionen pfeifen, sich aber zu einer „verrückten“ Weisheit einladen lassen. 

 

Siehe auch: Die Bedeutung des „Narren“ wandelte sich im Lauf der Jahrhunderte. 


1.9.2018

Konformismus als „Pathologie der Anpassung“

 

Wer sich anstatt der Kategorien links – rechts mit dem Phänomen des Konformismus befasst, der kommt vermutlich weiter bei der Suche nach einer Erklärung für die gegenwärtige Spaltung der Gesellschaft. Denn „Konformismus verträgt sich mit jeder Ideologie“, stellte Arno Gruen in seiner Analyse „Der Wahnsinn der Normalität“ fest. 

 

Allgemein wird Konformismus definiert als „Haltung, die stets um Anpassung der persönlichen Einstellungen an bestehende Verhältnisse bemüht ist“. Detaillierter heißt es bei Housepsych.com: „Der soziale Konformismus des Individuums (ist) eine sklavische Akzeptanz und gedankenlose Nachfolge von in einer bestimmten Gesellschaft vorherrschenden Weltanschauungen, sozialen Standards, Massenstereo-typen, autoritären Überzeugungen, Sitten und Einstellungen. Das Individuum versucht nicht gegen vorherrschende Tendenzen zu gehen, auch ohne sie innerlich zu akzeptieren ... zeigt keinen Wunsch, seine eigenen Ansichten auszudrücken. Sozialer Konformismus bezieht sich daher auf Verweigerung persönlicher Verantwortung für Handlungen, gedankenlose Unterwerfung und unbewusste Nachverfolgung öffent-licher Einstellungen, der Forderungen der Partei, Religionsgemeinschaft, des Staats.“ 

 

Das Phänomen werde verstärkt bei komplizierten Aufgabenstellungen und bei ungenügender Information über zu bewältigende Aufgaben. Der Grad des Konformismus und damit auch des Gehorsams hänge von der Gruppengröße ab und betreffe besonders unentschlossene Personen mit geringem Selbstwertgefühl. Interessant auch die Formulierung: „Das Subjekt neigt eher zum Konformismus, wenn er mit dem Rest des Kollektivs sprechen muss, als wenn er seine Position schriftlich niederlegt.“ Zu unterscheiden ist der „äußere Konformismus“ – das Individuum stimmt nur äußerlich, aber nicht innerlich den Meinungen der Gruppe zu – vom  „inneren Konformismus“, bei dem die Meinung der Gruppe assimiliert wird. Gerade bei letzterem Typus bestehe hohes Maß an Beeinflussbarkeit. Wenn die Assimilation unzureichend reflektiert vonstatten gegangen ist, könnte man auch von einer „Pathologie der Anpassung als Folge der Preisgabe des Selbst“ sprechen (Gruen).

 

Der Vorteil von Gruppenkonformismus zeige sich im starken Zusammenhalt insbesondere in Krisensituationen. Nachteile: „Das Individuum verliert die Fähigkeit, unabhängige Entschei-dungen zu treffen und unter unbekannten Bedingungen navigieren zu können; es trägt zur Bildung totalitärer Staaten … bei; verursacht ... Vorurteile gegen die Minderheit; verringert die Fähigkeit, einen wesentlichen Beitrag zur wissenschaftlichen und kulturellen Entwicklung zu leisten, da die kreative Idee und Originalität des Denkens entwurzelt wird.“ Im Beitrag klingt an: Die Gegenüberstellung Konformismus – Nonkonformismus hält einer detaillierteren Analyse nicht stand, weil die Verhaltensmuster viele gemeinsame Merkmale offenbaren. Deutlich wird das beim „gegensätzlichen Konformismus“, der zwar als unabhängiges Verhalten gegenüber einem Gruppenangriff resistent ist, wenn die Individuen aber einer Gegengruppe angehören, sich wiederum dort anpassen. 

 

Die Autoren meinen: „Das Gegenteil des Konzepts des Konformismus ist Unabhäng-igkeit des Individuums, die Autonomie seiner Einstellungen und Verhaltensreaktionen von der Gesellschaft, der Widerstand gegen Massenwirkung … Besonderes Augenmerk sollte auf ... den politischen Konformismus gelegt werden, der eine Form der Anpassung darstellt und durch passive Anerkennung der bestehenden Grundlagen, das Fehlen einer eigenen politischen Position, gedankenloses Kopieren jeglicher politischer Verhaltensstereotype gekennzeichnet ist, die in diesem politischen System herrschen.“ Für politische Regime sei konformistisches Verhalten typisch: “Das Ergebnis dieses Bewusstseins und adaptiven Verhaltensmodells ist der Verlust der eigenen Einzigartigkeit, Identität und Individualität. Durch die gewohnheitsmäßige Anpassung im beruflichen Bereich, in der Tätigkeit der Parteien, im Wahllokal wird die Fähigkeit des Individuums, unabhängige Entscheidungen zu treffen, deformiert, kreatives Denken wird gestört. Ergebnis - Menschen sind daran gewöhnt, gedankenlos Funktionen auszuführen und Sklaven zu werden. Politischer Konformismus und Anpassungshaltung zerstören somit die entstehende Demokratie und sind ein Indikator für den Mangel an politischer Kultur unter Politikern und Bürgern.“  


29.8.2018

Fortgehen als Protest

 

Eine gähnende Leere täte sich vor dem schreibenden Rudel auf, sollte ihm sein Stigmati-sierungssubjekt – der Bürger, der angesichts neu hinzugekommener barbarischer Gewalt unduldsam zu werden beginnt – abhandenkommen. Das Haus mit den gezinkten Dame- und Bube-Karten könnte im Moment eines „Massenexodus“ der „deutschen Intelligenz“ unmittelbar zusammenbrechen, bedauerte auch der Zeitzeuge Sebastian Haffner in seiner Vermutung, dass „die Emigration, zumindest in den ersten Jahren des Hitlerregimes, nicht nur eine Flucht vor den Nazis war, sondern das einzig reale Mittel des Kampfes gegen sie“. Leider hätten die Länder, in welche die Emigranten gingen, deren Warnungen vor einer „Barbarisierung Deutschlands“ vielfach als „hysterisches Geschwätz“ abgetan, schreibt der Autor weiter in seinem „Germany: Jekyll & Hyde“. Heute wäre das vermutlich anders. Charakterstärke zum Verzicht zugunsten der eigenen Ehrbarkeit war ein Hauptmotiv der Auswanderer. Viele hätten „eine glänzende Karriere machen können“, zogen es aber vor „ins Exil zu gehen, statt auf Hitlers Befehl mit der Verfolgung von Juden und Christen in Danzig zu beginnen, Wahlergebnisse zu fälschen, politische Gegner in Acht und Bann zu tun“. Thomas Mann etwa habe „beim ersten Akt der Barbarei dem Land seiner Geburt und seines Ruhmes still den Rücken“ zugekehrt. Und er blieb dabei – trotz „schmeichelnder Einladungen“ des Deutschen Kultursenats zurückzukehren.

 

Emigration sei nach 1933 weit verbreitet gewesen: „Der größere und bessere Teil der deutschen Schriftsteller, bedeutende Wissenschaftler“ sowie Kulturvertreter verließen Deutschland, „weil sie nichts mehr mit diesem Land zu tun haben wollten … weil sie spürten, dass im totalitären System, in dem sie gefangen waren, alles, selbst die harmloseste unpolitische Handlung, so hingestellt werden konnte, dass sie dem großen kollektiven Verbrechen dient“. Dem Vorwurf, die Emigranten hätten besser in Deutschland selbst gegen die Nazis gekämpft, setzt Haffner im Hinblick auf die „Kampfbedingungen“ entgegen: „Was die innerdeutsche Situation betrifft, so müssen wir erkennen, dass alle Möglichkeiten des Widerstands, der Opposition und sogar des politischen Denkens systematisch unterbunden werden, so dass das einzige, was alle Rebellen gegen die Nazis erwartet, der Märtyrertod unter Ausschluss der Öffentlichkeit ist … Wer in Deutschland lebt und arbeitet, ist heute zum Rädchen einer Maschine geworden, die ihn unwiderstehlich zwingt, sich denen anzupassen, welche am Ruder sind, und die ihn, falls er Widerstand leistet, einfach in Stücke reißt … Die einzig wirksame Form des Protestes und Widerstands ist, fortzugehen.“ 


7.8.2018

Mega-Gehalt in Behindertenwerkstatt

 

Wie man es mit seiner Moral vereinbaren kann, als Chefin einer Behindertenwerkstatt jährlich Bezüge von 376.000 Euro einzustreichen, während Angestellte nur Taschen-geld bekommen, ist mir ein Rätsel. Zum Fall in Duisburg schreibt die WAZ: „Bei ihrer Anstellung Mitte 2009 wurde mit der Werkstatt-Chefin ein Festgehalt von 85.000 Euro vereinbart. 2017 bezog sie laut Gutachten eine Gesamtvergütung von mehr als 376.000 Euro, bestehend unter anderem aus 200.000 Euro Gehalt und 100.000 Euro für eine nicht nachzuweisende Altersversorgung.“ Der Durchschnitts-wert der Geschäftsführer-Vergütung in Behindertenwerkstätten betrage knapp 130.000 Euro jährlich. Für die Gehaltszuwächse ab 2013 liege kein Aufsichtsratsbeschluss vor. „Die Änderungsvereinbarungen des Geschäftsführervertrages wurden vom damaligen, Anfang 2018 überraschend zurückgetretenen Aufsichtsratsvorsitzenden und Ex-Stadtdirektor Reinhold Spaniel (SPD) und der Geschäftsführerin Roselyne Rogg unterzeichnet.“ Der Oberbürgermeister kündigte „schonungslose Aufklärung“ an. Das hätte schon 2011 angestanden, wie aus diesem Artikel zu „Betrug und Vorteilsnahme“ in der Behindertenwerkstatt hervorgeht. Erhellend auch der Beitrag zur Versorgung von SPD-Funktionären und deren Familienmitgliedern in städtischen Gesellschaften.

 

Nachtrag vom 8.8.: "Die Geschäftsführerin der Werkstatt für Menschen mit Behinderung, Roselyne Rogg, ist fristlos entlassen worden ... Rogg selbst hatte noch am Dienstag öffentlich erklärt, dass sie ihren Verdienst für angemessen hält. Der Aufsichtsrat der wfbm habe von Roggs massiven Gehaltserhöhungen nichts gewusst." 

 

Nachtrag vom 10.8.: Duisburger Wfbm: "veritabler Verwaltungsskandal". Die geschasste Rogg: OB Sören Link sei über die Gehaltsverhandlungen informiert gewesen. "Diese Aussage birgt gewissen politischen Sprengstoff, sollte sich am Ende das städtische Gutachten als zutreffend erweisen." Deshalb bezog Link umgehend Stellung: "Spaniel war zu keinem Zeitpunkt Vertreter des OB im Aufsichtsrat der Wfbm, was Frau Rogg bekannt ist ... Zu keinem Zeitpunkt sei ein Gehalt in der heute zur Rede stehenden Dimension" mit ihm abgesprochen gewesen - und er hätte niemals zugestimmt. Die unterstellende Überschrift von RP Online ist im Übrigen bemerkens-wert: "Was wusste der OB?" Man sollte beobachten, ob Sören Link aufgrund seines zwischenzeitlichen Auftritts bei den tagesthemen nun geschadet werden soll.

 

Nachtrag vom 13.8.: Eltern von Wfbm-Mitarbeitern: "Nach außen hui, nach innen pfui", so ein Vater zur Vorgehensweise von Roselyne Rogg. "Wie die Werkstatt vermarktet und nach außen dargestellt wurde, sei immer wichtiger gewesen als dass intern etwas für die Mitarbeiter getan werde ... Andere schildern, dass oft nur ein Gruppenleiter für acht behinderte Menschen zuständig ist. Muss jemand auf die Toilette begleitet werden, seien sich die anderen selbst überlassen." Auch an der Kommunikation hapere es. Während externe Gäste von Verbänden und Politik eingeladen wurden, hätten Mitarbeiter keine persönliche Einladung zum Sommerfest erhalten. Nichtbehinderte Angestellte: "Rogg habe ein strenges Regiment geführt, kaum jemand habe sich getraut, inhaltliche Kritik zu äußern." 

 

Nachtrag vom 15.8.: "Die Staatsanwaltschaft Duisburg hat im Zusammenhang mit der Gehaltsaffäre um Roselyne Rogg Ermittlungen aufgenommen ... Zudem hat sich die Bezirksregierung Düsseldorf eingeschaltet. Die Behörde hat ... Unterlagen angefordert, um zu prüfen, ob die Stadt Duisburg rechtens gehandelt hat ... Der damalige Aufsichtsratschef Reinhold Spaniel schweigt bis heute zu den Vorgängen."


28.7.2018

Abkühlung…

 

…wenigstens gedanklicher Art bietet diese Reise ins ewige Eis mit „Sehnsuchtsziel Antarktis“. Dort liegt der kälteste Ort der Welt mit einer kürzlich gemessenen Rekord-temperatur von fast minus 100 Grad. Das will man ja auch wieder nicht. Zur Unterscheidung von Arktis und Antarktis: „Die Arktis (am Nordpol) ist kein Kontinent, sondern ein von Kontinenten umgebenes Meer, das Nordpolarmeer … Die Antarktis (am Südpol) umfasst sowohl ozeanische wie auch kontinentale Gebiete und besitzt daher eine Festlandmasse (Antarktika).“ Gegenüberstellung


14.7.2018

Nostalgisch ins Wochenende…

 

… via „Der große Preis“ vom Oktober 1987; mit Wim Thoelke († 1995), Ephraim Kishon (†2005) und anderen. Die ungezwungene, dennoch prägnant sachliche Atmosphäre, in der man sich gegenseitig ernst nimmt und verbindliche Regeln einhält, ist im Vergleich zu heutigen niveaulosen Albernheiten die reinste Wohltat. Ein Leser dazu: „Große Fernsehunterhaltung aus den wunderbaren 80ern; nicht allein aus nostalgischen Gründen, sondern weil hier Allgemeinbildung und Wissensvermittlung, Unterhaltung und Show gekonnt miteinander kombiniert wurden. Letztlich kam auch stets Geld für die Behinderten in unserer Gesellschaft zusammen. Einzigartig!“


12.7.2018

Begrenzte Maßstäbe: „Jenseits der Vorstellung“

 

Es gibt schon eine Erklärung dafür, warum die Dinge hierzulande so laufen. Man sehe sich zum Beispiel den Missbrauchsfall eines heute Neunjährigen an. Er war mehrfachen Vergewaltigungen ausgesetzt sowie für sexuelle Übergriffe im Darknet angeboten. Trotz Warnungen der Lehrerin, des Schulleiters und der Polizei hat das verantwortliche Jugendamt nichts unternommen: „Es habe keine Gespräche mit dem Jungen oder der Schule geführt und keine Kontrollen veranlasst.“ Nach zwischen-zeitlicher Inobhutnahme schickte das Amt den Jungen zurück zur Mutter. Man hat ihr vertraut: sie schützt das Kind. „Es war jenseits der Vorstellung, dass die Mutter so etwas tut“, sagt ein Mitarbeiter des Jugendamts. Aus diesem Grund also, aus der begrenzten Vorstellungs- und Erfahrungswelt behördlicher Mitarbeiter heraus und weil sie diese zur Grundlage ihres Handelns machen, ging das Martyrium des Kindes noch weiter. Es gingen zwar etliche Klagen gegen das Amt ein. Zu prüfen wäre auch die Einstellungspraxis in Behörden mit solch folgenreicher Entscheidungsrelevanz.

 

Was spielt dabei eine Rolle? Hätte im obigen Fall ein Mitarbeiter mit mehr Realitäts-sinn und der Fähigkeit, andere als nur die eigene Perspektive einzunehmen, mit moralischen Vorwürfen zu kämpfen gehabt, wenn er einer Mutter so etwas zutraut und in der Folge auf Kontrollen bestanden hätte? Welchen Stellenwert nehmen dort politisch korrekte Einstellungen ein? Profilanforderungen an Bewerber sind in der Regel weit interpretierbar formuliert: Auf „Flexibilität, Standfestigkeit, Belastbarkeit sowie eine gut ausgeprägte soziale Kompetenz“ legt man etwa im Kreisjugendamt in Reutlingen wert. Die Hamburger Kinder- und Jugendhilfe sucht gerade „eine/n Dipl. Sozialpädagog*in als Projektbegleitung“, um „die Mitarbeiter*innen bei den Aufgaben der Einrichtung“ zu coachen. Zum Profil gehöre: Erfahrung im Aufbau neuer Projekte und Kenntnisse des Interkulturell Systemischen Ansatzes. Ob man mit diesen schwammigen, teils ideologisch begründeten Voraussetzungen die soziale respektive zwischenmenschliche Zukunft in diesem Land meistern kann – das betrifft auch weitere Behörden im ordnungspolitischen Bereich – scheint fraglich. Dass aber die Gesellschaft zunehmend mit Vorfällen konfrontiert ist, welche noch jenseits der Vorstellung vieler zivilisationshabituierter Bürger liegen, wird bald nicht mehr zu leugnen sein. Man wird hier aufgrund der aberzogenen Ernsthaftigkeit wie ein Ochse vor dem Berg stehen. Schwer vorstellbar, dass die Lage beizeiten ohne pragmatische Hilfe aus dem Ausland auch nur ansatzweise in den Griff zu bekommen ist.    


2.6.2018

Zu heiß?

 

Gut zu wissen: In diesem Video sind Tipps gegen Hitze unter ärztlicher Lupe.


17.3.2018

Andere mitnehmen

 

Elitäre Zirkelbildung mit arrogantem Anstrich ist zunehmend auch auf der mittigen bis rechten Seite des Meinungsspektrums zu beobachten; ob es nun um protestierende Erklärungen geht, deren Unterzeichnung nur einem erlauchten Kreis gestattet ist, oder um die Unkultur der Bezeugung von Missachtung betreffend der Nichtbeantwortung im E-Mail-Verkehr. Solch unsympathische, exkludierende Umgangsweisen sind freilich nicht verboten. Es stellt sich nur die Frage, wie die Bevölkerung von diesen Charakteren für eine breite Protestbewegung gegen die schädliche Politik motiviert werden soll. Gar nicht, ist die Antwort. Das Gros der Leute legt weder Wert auf Prominenz noch wollen sie nach der Verwertbarkeit ihrer Person beurteilt und anschließend mittig oder rechts liegen gelassen werden. Sie wollen, falls sich ein Gedanke relevanten Engagements regt, so an- und mitgenommen werden, wie sie sind: mit ihren Schwächen und Stärken, ohne perfektionistischen Anspruch; in einem Umfeld, in dem man sich wohl fühlen kann, weil man nicht misstrauisch beäugt wird oder unausgesprochene Tests bestehen muss. Nur darauf könnte etwas wachsen. 


10.3.2018

Ceremoniel im theatrum politicum

 

Man sollte die Zeremonialwissenschaft wieder einführen. Die FAZ berichtete 1998 über „die Schauseite des Staatsgeheimnisses“ als Grundmuster im europäischen Absolutismus: Die Zeremonialwissenschaft gab es ab dem späten 17. Jahrhundert nur wenige Jahrzehnte lang. „Die Lehren vom ‚Ceremoniel‘ beschrieben die hochabsolutistische Symbiose von Herrschaft und Repräsentation.“ Es ging um Akte öffentlicher Politik. Diese wurden ästhetisch überhöht und damit den „äußerlichen Sinnen“ eingeprägt. Als Teil des theatrum politicum absolutistisch-barocker Darbietung von Herrschaft war das „Ceremoniel“ Inszenierung, Absicherung und Rechtfertigung zugleich. Ziel: „Die Gesellschaft sollte festgehalten werden in ihren ständischen Zuordnungen, in ihren Abschottungen nach Rechten, Denk- und Lebensweisen. Vor allem aber war den unteren Schichten zu imponieren, waren die unkontrollierten Affekte des Pöbels zu bedenken, waren dessen Sinne durch ästhetische Demonstration zu ‚kützeln‘ … ein göttlicher Kosmos auf Erden.“

 

Die Zeremoniallehren für den höfischen Adel handelten von einer Aura, die sich gegen alles Erklären sperrte. „Denn nicht nur sollte, der Ratio des Absolutismus folgend, alle fürstliche Politik im Verborgenen geschehen, ihre höfische Inszenierung sollte auch nicht durch Räsonieren, durch den Blick hinter die Kulissen entzaubert werden.“ Ab dem frühen 18. Jahrhundert geriet dann die Disziplin in den Gegenwind des Naturrechts. Seit den Vertragslehren und der Depersonalisierung staatlicher Herrschaft war die Zeremonial-wissenschaft obsolet geworden. Heute sind bekanntlich beide Gründe für den Wegfall der Disziplin in der politischen Praxis revidiert beziehungsweise gelten vor allem theoretisch.  

 

Unerwähnt in der FAZ-Rezension bleibt ein Wegbereiter der Frühaufklärung, nämlich der eigensinnige Philosoph und Jurist Christian Thomasius (1655 – 1728). Der schrieb über das decorum politicum* als einem Phänomen des Zivilisationsprozesses im Sinne fortgeschrittener Dekadenz. „Die Zunahme der Gebote des decorum politicum indiziert also den Verfall menschlicher Sozialität.“ Die „Ehrbarkeit der Patriarchen“ sei zwar noch vernünftig, aber das pervertierte politische decorum speise sich aus Hass und Misstrauen. Alsdann identifizierte Thomasius auch das Zeremoniell und übte durch „biblizistische Einkleidung fulminante Kritik am überbordenden Zeremo-nienwesen der barocken Ständegesellschaft“. Die Kritik konkretisierte sich in Über-steigerung privatpolitisch motivierter bürgerlich-höfischer Interaktionsformen und gipfelte in der Aufdeckung der Selbstinszenierung als Mittel der Staatsraison: „Derowegen ist kein Zweiffel / daß man getrachtet / durch angenehmes Aergernüß die Begierden der Unterthanen zu irritieren / damit sich dieselbigen zur Unterthänigkeit und blinden Gehorsam desto eher bequemten.“ Anknüpfungspunkt einer wiederein-geführten Zeremonialwissenschaft könnte zum Beispiel dieses Selfie sein.

 

* „Das decorum politicum spiegelt die ständische Gesellschaft, in der man mit Höhergestellten, Seinesgleichen und Niederen je anders umzugehen hat.“ Quelle


10.2.2018

„Alles sehr seltsam“

 

„Wen die Mädchen benennen, der kommt in den Kerker … Was für ein finsterer Unfug … Wenn sie jetzt als Heilige gilt, dann wird es nicht leicht sein, sie als Betrügerin zu entlarven – bei der Torheit in der Stadt. Ich habe doch keinen Beweis … Wohin der anklagende Finger auch zeigt, wir dürfen nicht zaudern, wir müssen ihm folgen … Ist denn der Ankläger immer heilig?“ Die „Hexenjagd“ von Arthur Miller, heute vor 13 Jahren gestorben, ist hervor-ragend vertont in diesem Hörspiel des WDR. Es ist ein eingängiges Beispiel dafür, wie es so manchen, von Eitelkeit getriebenen Charakteren gelingt, unter einem Vorwand – hier Glaube und Religion – mit schamlosen Lügen, irrwitzigen Beschuldigungen, moralischer Erpressung, richterlicher Willkür, herbei fantasierten Indizien und Gruppendruck eine wahnhafte Diffamierungskultur zu schaffen. Eine Zusammenfassung der Handlung steht an dieser Stelle. Arthur Miller bewegt sich mit seinem Stück sehr nah an realen Ereignissen Ende des 17. Jahrhunderts und stellte fest: „Das ist alles sehr seltsam.“


13.1.2018

Eisige Infos zum Wochenende

 

Die „Galileo Wissensreise“ hat einige Erscheinungen des Winters in seine Einzelteile zerlegt. Zum Beispiel den Schnee. Ob es stimmt, dass die Zunge an einer eiskalten Eisenstange festklebt, wird hier nachgeprüft. Und wie ein beeindruckendes Schloss aus über 100.000 „anmutigen“ Eiszapfen entsteht, kann dort bestaunt werden.


5.1.2018

Das Gefängnis als Weltattraktion

 

Friedrich Dürrenmatt (1921 – 1990) wäre heute 97 Jahre alt geworden. Weil es in Zeiten schleichender Niveauabsenkung besonders erholsam ist, sich mit Gedanken-spielen von Nachkriegsautoren zu befassen, kann dafür kein Grund zu nichtig sein. „Man muss den Gedanken aufgeben, dass man Leute belehren kann“ – der Mensch müsse sich schon selbst Klarheit verschaffen über die Fragwürdigkeiten seiner Existenz, meint er zum Beispiel in diesem Interview. Humorvoller kommt der Autor in seiner Rede über „Die Schweiz als Gefängnis“ herüber. Das Gefängnis sei nämlich eine Weltattraktion geworden: „Viele versuchen, Gefangene zu werden, was sie dürfen, wenn sie über die nötigen Mittel verfügen, die Freiheit ist schließlich etwas Kostbares, während die Unbemittelten womöglich im Gefängnis jene Sicherheit suchen könnten, die nur den freien Gefangenen zustehen…“ Es handelt sich um einen Ausschnitt aus einer Rede mit ernstem, gerade heute erinnerungswertem Hintergrund, wenn man die aktuelle Politik der Visegrád-Staaten verstehen will, anstatt sie unreflektiert zu verurteilen: Dürrenmatt hielt damit eine Laudatio auf Vaclav Havel zur Preisverleihung im November 1990. Aus ihr stammt übrigens seine viel zitierte Aussage: „Wo alle verantwortlich sind, ist niemand verantwortlich.“ Die ganze Rede, die auch lesenswert ist ohne persönliche Zustimmung zu jedem einzelnen Punkt, steht an dieser Stelle. Im Netz sind auch komplette Romanverfilmungen zu finden: etwa „Der Besuch der alten Dame“ von 1959 oder „Die Physiker“ von 1964.