29.3.2018

Jeder Tag fängt neu an

 

Nie vergessen: den schwebenden Engel im Güstrower Dom. Seine Ausdrucksstärke trotz der geschlossenen Augen ist ergreifend. Der Ausdruck zeugt von Schmerz, Trauer und Bestürzung und gewinnt gegen jeden Versuch der Ablenkung oder erleichternden Beschönigung. Den Kopf trägt der Schwebende dennoch hoch erhoben. Er kann das Wissen darüber aushalten, was sich Menschen gegenseitig antun. Und er nimmt sich die Freiheit, sein Leiden darüber offen zu zeigen – eine wenig willkommene Geste in oberflächlichen Zeiten, will man doch lieber unbeschwert sein und nicht so tief angerührt werden. Leidgeprägter Ausdruck und stille Mahnung stören den Zeitgeist.

 

Das galt auch 1937, als der Engel – ein Mahnmal für die Toten des 1. Weltkriegs – von den Nazis als „entartete Kunst“ diffamiert, konfisziert und für Zwecke der Wehrwirtschaft eingeschmolzen wurde, wie es in diesem Radiofeature vom Kölner Domradio heißt. Sein Schöpfer, der Bildhauer Ernst Barlach, sei über die „Hass- und Hetzkampagnen“ 1938 als gebrochener Mann gestorben. Seine Freunde aber konnten das Gipsmodell retten und, vermutlich 1939, einen Zweitguss anfertigen lassen – gut versteckt bis zum Kriegsende. Deutschlandfunkkultur weiter zu den Vorgängen: Der Drittguss des Engels sollte 1952 in den Güstrower Dom zurückkehren. Aber: „Die Freiheit der Kunst hatte es auch unter der SED-Diktatur schwer.“ Bei einer Barlach-Ausstellung gerieten dessen Werke ins Visier staatlicher Kritik. „Waren sie von den Nazis als bolschewistisch und undeutsch verfemt worden, so hieß es jetzt, sie seien formalistisch oder dekadent.“ Erst Bertolt Brechts Einsatz für das Meisterwerk der „Lebenskraft ohne Brutalität“ beendete diesen Humbug.

 

Wer mit dem Schwebenden eine Zeit lang dessen Leid geteilt hat, mag sich vielleicht wegen seiner unbeugsamen, nach vorne gerichteten Haltung fragen, warum eigentlich die Leute nicht endlich genug davon haben, sich garstig zu verhalten. Hat es sich rückblickend vom Lebensende her betrachtet wirklich gelohnt? Schwärmerei zwar, aber theoretisch nicht beweisbar falsch: Jeder kann jeden Tag aufstehen und gänzlich neue Wege beschreiten. Auch das ist eine Osterbotschaft. 


28.3.2018

Immer anders, als man denkt

 

Wer sich mit Kurs auf Ostern mit dem Thema Glaube und Vernunft befassen will, bekommt interessante Anregungen dazu beim eineinhalbstündigen Interview mit dem Philosophen Holm Tetens in der Bucerius Law School. „Wenn wir die freie Wahl hätten, uns die Lebensbedingungen, die strukturellen Bedingungen des menschlichen Lebens auszusuchen, auszuwählen, würden wir die bestimmt nicht wählen“, ist er mit Blick auf die realen Zustände überzeugt. Die heutige wissenschaftlich-technische Zivilisation pflege aber grundsätzlich ebenfalls ein Glaubensbekenntnis. Dieses beruhe auf zwei nicht beweisbaren Prinzipien. Eines davon: „Nur“ die Wissenschaften könnten einen angemessenen Zugang zur Wirklichkeit eröffnen und Religion oder Philosophie seien zweitrangig respektive verfehlten die Wirklichkeit. Das „könnte“ zwar so sein, aber ist es wirklich so? 

 

Zu den „Glücksversprechen“ der ausschließlich technikorientierten Globalisierung meint der Philosoph: „Es kommt immer anders, als man denkt, und es kommt immer ambivalent.“  Es sei eine Wahnidee des Menschen, sich selbst erlösen zu wollen, also im Grunde genommen die Rolle Gottes einzunehmen. Und mit Blick auf die Politik: „Alle großen Bewegungen, die versucht haben, die Menschheit zu erlösen – nehmen wir aus jüngster Zeit den Kommunismus und Faschismus –, haben jedenfalls das glatte Gegenteil von dem bewirkt, was sie versprochen haben. Und in gewisser Weise müssen wir befürchten, dass das Glücksversprechen der Globalisierung der wissenschaftlich-technischen Zivilisation ein ganz ähnliches Schicksal erleiden wird.“ Der Gottesgedanke biete sich deshalb als ernsthafter, alternativer Kandidat an.

 

Früher übrigens vorwiegend atheistisch unterwegs, sagte Holm Tetens in einem Interview mit Herder Korrespondenz Anfang letzten Jahres: „Ich glaube jedenfalls, dass ich bei allen dogmatischen Differenzen im Detail und auch in manchen Grundlagen jedenfalls in vielen Dingen vom Christentum nicht weit entfernt bin.“ 


29.1.2018

Gegen das Vergessen? Wohl eher dafür. 

 

Kürzlich hieß es bei Audiatur: Europa verarbeite die Holocaust-Schuld, indem es Muslime idealisiert und Israel dämonisiert. Von einer „Lüge“ des amtierenden Außenminister ist die Rede, von seiner „verstörenden antijüdischen Karriere“ sowie von anderen belegbaren Beispielen. „Der wahre Nationalsozialismus“ werde von Israels Feinden im Nahen Osten und ihren weltweiten Anhängern verwirklicht mit dem Ziel, den jüdischen Staat im Namen der „Menschenrechte“ und des „Antirassismus“ zu vernichten. Aber: „Wenn Führungspolitiker und angeblich aufgeklärte europäische Demokratien dieselben antisemitischen Lügen übernehmen wie nahöstliche Despoten und Terroristen, dann sollte das allen anständigen Europäern Sorge bereiten, die echte Menschenrechte und Frieden befürworten.“ So viel auch im Nachgang zum Holocaust-Gedenktag. 

 

Die Aufarbeitung des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte scheint indessen gar nicht von vorrangigem Interesse zu sein. Im ewigen Anti-Rechts-Kampf zeigt sich vielmehr, dass es hauptsächlich um die Bekämpfung aktueller politischer Gegner geht – Geschichtsklitte-rung als Folge interessiert entweder nicht oder ist sogar willkommen. Befasst man sich hingegen mit christlichen Widerstandskämpfern, stößt man zum Beispiel auf eine Predigt von Clemens August Graf von Galen vom 20. Juli 1941. Es ist unschwer herauszulesen, dass es sich um einen streng konservativen, nationalbewussten Geistlichen gehandelt hat. Wegen seiner Sprache würde er heute zweifellos als Pegida-Mitläufer oder Neonazi verunglimpft. 

 

„Sicherlich habe von Galen bis 1936 die Realitäten verkannt“, liest man in einem biografiekritischen Artikel beim Spiegel (2005), „mit dem Rassenwahn der Nazis wiederum wollte er sich nie gemein machen: Offen attackierte er in seinen Predigten die Ideologien.“ Außerdem brachte er durch öffentliche Empörung die Euthanasie zumindest eine Zeit lang ins Stocken. Unumstritten ist: Von Galen stand auf der Abschussliste der Nazischergen. Als „übler Hetzredner“ wurde er nur deshalb nicht verhaftet, weil das NS-Regime die katholische Bevölkerung bei der Stange halten wollte.

 

Von Galens Predigten sind ein Stück Zeitgeschichte, die aufzeigen, was die Nazidiktatur beinhaltete: Ordenshäuser hat die Gestapo willkürlich beschlagnahmt und zu Gunsten der Gauleitung enteignet. Die Ordensleute wollte man „ohne Rechtsgrund, ohne Untersuchung, Verteidigungsmöglichkeit und Gerichtsurteil wie Freiwild aus dem Lande hetzen“. Das zerstöre die Rechtssicherheit, untergrabe das Rechtsbewusstsein und vernichte das Vertrauen auf die Staatsführung. „Mit allen dafür Verantwortlichen ist mir keine Gemeinschaft im Denken und Fühlen mehr möglich!“ Mit Waffen könne man die Sache nicht bekämpfen: „Wir sind in diesem Augenblick nicht Hammer, sondern Amboss“, so der Priester: „Fragt den Schmiedemeister und lasst es euch von ihm sagen: Was auf dem Amboss geschmiedet wird, erhält seine Form nicht nur vom Hammer, sondern auch vom Amboss. Der Amboss kann nicht und braucht auch nicht zurückzuschlagen, er muss nur fest, nur hart sein! Wenn er hinreichend zäh, fest, hart ist, dann hält meistens der Amboss länger als der Hammer. Wie heftig der Hammer auch zuschlägt, der Amboss steht in ruhiger Festigkeit da.“ 

 

Von Galen wusste um die Abhängigkeit jedes Einzelnen von Personen und Dienststellen, welche die Unabhängigkeit der Gesinnung gefährdet. „Wir sehen und erfahren jetzt deutlich, was hinter den neuen Lehren steht, die man uns seit einigen Jahren aufdrängt, denen zuliebe man die Religion aus den Schulen verbannt hat, unsere Vereine unterdrückt hat, jetzt katholische Kindergärten zerstören will: abgrundtiefer Hass gegen das Christentum, das man ausrotten möchte.“ Über die Jugend sagte er: „Was wird ihnen vorgetragen und aufgedrängt … ? Lasst euch doch, christliche Eltern, die Bücher zeigen, besonders die Geschichtsbücher der höheren Schulen! Ihr werdet entsetzt sein, mit welcher Unbekümmertheit um die geschichtliche Wahrheit dort versucht wird, die unerfahrenen Kinder mit Misstrauen gegen Christentum und Kirche, ja mit Hass gegen den christlichen Glauben zu erfüllen! In den bevorzugten staatlichen Lehranstalten, den Hitlerschulen und den neuen Lehranstalten für künftige Lehrer und Lehrerinnen, wird jeder christliche Einfluss, ja jede wirklich religiöse Betätigung grundsätzlich ausgeschlossen.“ In welchem Teil Deutschlands diese Propaganda nach dem Krieg fortgesetzt wurde, ist hinlänglich bekannt.

 

Von künstlerischer Seite erhielt von Galen nennenswerte Unterstützung. Die Schriftstellerin Ricarda Huch (1864–1947) etwa schrieb ihm: „Erfahren zu müssen, dass unserem Volk das Rechtsgefühl zu fehlen scheint, war wohl das bitterste, was die letzten Jahre uns gebracht hat. Die dadurch verdüsterte Stimmung erhellte sich, als Sie, Hochverehrter Herr Bischof, dem triumphierenden Unrecht sich entgegenstellten … Das Bewusstsein, den Forderungen des Gewissens genug getan zu haben, ist mehr wert als Beifall der Menschen.“ 

 

Die Predigt im Wortlaut ist dort zu finden. Auch wenn man sich am Konservatismus und Patriotismus von Galens stößt, wird durch seine Person deutlich, dass diese Einstellungen allein kein Indiz für nazistische oder rassistische Bestrebungen sind, wie es Parteipolitiker und Aktivisten der Menschheit einbläuen wollen. Laut Zeitzeuge Sebastian Haffner hat die NS-Diktatur vor allem charakter- und humorlose „absolute Emporkömmlinge“ angezogen, die „keine traditionellen Hemmungen kennen“ und denen Deutschland „völlig gleichgültig“ sei. Nazis hätten sich zu Deutschland verhalten wie zu einem eroberten Land: „Noch nie hat eine herrschende Schicht so rücksichtslos ihre Landsleute kommandiert und so zynisch deren Wünsche, deren Bedürfnisse und deren Glück ignoriert.“ Wer nicht vergessen will, der setzt eine sachorientierte Aufarbeitung an diesen oder auch an jenen Punkten an. 

 

Nachtrag: Siehe auch zu aktuellen Schließungsplänen von katholischen Schulen in Hamburg: Weinende Lehrer, verzweifelte Eltern und verunsicherte Schüler: "Um Himmels willen - was ist in der katholischen Kirche los? Und wo ist der Erzbischof, in der schlimmsten Krise seit Bestehen seines Bistums?" Quelle: NDR 

 

Nachtrag vom 12.2.: "Die katholische Kirche will in Hamburg acht Schulen schließen. Wie das Erzbistum dabei vorgeht, hat viele Gläubige im Norden erschüttert. Nun wenden sie sich an den Papst", so der Spiegel, und zwar mit dieser Petition.

 

Weitere christliche Widerstandskämpfer sind im Übrigen auf dieser Seite aufgelistet.