15.12.2018

Spaemann: Stets Haltung bewahrt

 

Es sei hier noch an den Philosophen Robert Spaemann erinnert, der am 10.Dezember seine letzte Reise angetreten hat. Der katholisch engagierte Denker hat sich nie schubladisieren lassen: „Sein Vertrauen in die Vernunft und in die Kraft des besseren Arguments war seine Stärke auch dort, wo andere sich schon längst ans Lagerdenken und ans Kalkül der political oder ecclesiastical correctness gewöhnt haben“, stellt ein Theologe in seinem Nachruf außerdem erfrischend deutlich fest: „So ist es verständlich, dass Spaemann unter Theologen nur wenige Freunde hatte. Schon damals erzählte er mir, was heute die Spatzen von den Dächern pfeifen, dass ein Moraltheologe, der die Lehre von ‚Humanae vitae‘ annehme, in Deutschland aufgrund der theologischen Seilschaften keine Chance habe, auf einen Lehrstuhl zu gelangen.“ Die kaum wundersame Vermehrung von feigen Theologen in relevanten Ämtern treibt unter anderen der Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Woelki voran, der – unter Kungelei mit dem Land NRW – einen unliebsamen Professor für die Uni Bonn verhinderte; obwohl dieser, nämlich Joachim Negel, ein „ausgesprochen guter systematischer Theologe“ sei, wie Georg Essen meint. Wer Spaemann nochmal in einem (moderaten) Streitgespräch erleben möchte, der wird dort fündig.  


1.12.2018

Eine unaufdringliche Einladung…

 

…für die morgen beginnende Adventszeit ist das in England bekannte Gemälde von William Holman Hunt (1827 – 1910) „The Light of the World“. Christus steht mit einer Laterne vor einer geschlossenen Tür und klopft an. Auf die Vorhaltung hin, er habe das Wichtigste vergessen, nämlich die Türklinke, sagte der Maler: „Es kann außen keine Klinke geben. Die Tür kann nur von innen, von uns geöffnet werden. Er klopft an. Öffnen müssen wir.“ Hier gibt es ein Video zum Kunstwerk, das in drei Versionen in der Kapelle am Oxford Keble College, in der Manchester Art Gallery und in der Londoner St. Paul Cathedral hängt. Im Zweiten Weltkrieg hatte man das kostbare Gemälde an einen sicheren Ort gebracht, um es vor Bombenangriffen zu schützen. Beim Malen der ersten Fassung sei Hunt noch Agnostiker gewesen. Durch die Auseinandersetzung damit habe er dann zum Glauben gefunden.


24.11.2018

Vorbilder zur Stärkung der Widerstandskraft

 

Man muss aus sich nicht „einen Gerechten“ zur Stabilisierung des Selbstbildes und zur „Feststellung prinzipieller Unbelangbarkeit“ machen. Das zumindest geht aus der lesenswerten Analyse von Christian Gremmels über den Theologen Dietrich Bonhoeffer unter dem Titel „Mut zur Verantwortung“ hervor. „Da ‚Vergebung‘ gesellschaftlich zu einem knappen Gut geworden ist, hat die ‚Kunst, es nicht gewesen zu sein‘ (O. Marquard) Konjunktur. Mit dieser Fähigkeit, es immer nicht gewesen zu sein, befinden wir uns in äußerster Entfernung zu Dietrich Bonhoeffer.“  Wer sich aber eingestehen kann, es gewesen zu sein und Schuld eingesteht, werde zum Vorbild und erhalte die schöpferische „Macht der Beschämung“. Sie zeige uns, „dass es über das hinaus, was wir für möglich halten, noch andere Möglichkeiten gibt“. 

 

In punkto Vorbild habe Bonhoeffer (der das Wort selbst nicht benutzt habe) keinesfalls ein Modell gemeint, das man nur zu übernehmen hätte, um seinerseits vorbildhaft zu sein. Die fremdbestimmte „kopistische Nachahmung“ verpflichtend vorbildhafter Personen sei mit dem Willen zu Autonomie und Mündigkeit unvereinbar. „Produktiv wird das Verhältnis zum Vorbild, wird dieses durch schöpferische Nachbildung bestimmt; so bestimmt, dass am Vorbild Möglichkeiten meiner selbst zu entdecken sind, die mir bisher fremd und entzogen waren. Das Vorbild steht dann nicht mehr für die Einschränkung subjektiver Freiheit, vielmehr kommt es der Erweiterungen seiner Möglichkeiten zugute. In diesem Sinn besitzt das Vorbild einen appellativen Charakter, es fordert dazu auf, Verantwortung für den eigenen Lebensweg selbst zu übernehmen.“ Also zum Beispiel nicht tatenlos abzuwarten und stumpf zuzuschauen. 

 

Angemahnt werden im Beitrag auch Konsequenzen in der Didaktik der Vorbild-Vermittlung; zum Beispiel beim Thema „Kirche und Nationalsozialismus“. Bonhoeffer sei als Widerstandsfigur hoch zu schätzen. „Aber jenseits dieses Erziehungserfolges, so der Sozialpsychologe Harald Welzer, ‚deuten einige neuere Befunde an, dass Schülerinnen und Schüler in Bezug auf Nationalsozialismus und Holocaust vor allem eines lernen: Wie man bei diesem Thema die richtigen politisch korrekten Worte findet, welchen Ausdruck von Betroffenheit man zu zeigen hat [...]. Kurz: Sie lernen den Code der Vergangenheitsbewältigung, was ja vielleicht etwas anderes als Vergangenheitsbewältigung ist. Sie lernen, wie man sich dem katastrophalen Ergebnis einer Entwicklung gegenüber zu verhalten hat, kaum aber, wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist.“ Angesagt wäre, sich aus der Fixierung auf das „fertige“ Vorbild zu lösen und zu fragen, wie etwa Bonhoeffer wurde, was er geworden ist. Damit erschöpfe sich die Funktion von Vorbildern nicht in Handlungsanweisungen, sondern bekräftige unsere Entscheidungen: „Vorbilder der Ermutigung zum Standhalten, als Kraft zur Verweigerung, wo diese nötig ist; als Unterstützung bei der Abwehr jener flutenden Resignation und Ohnmacht, doch nichts tun zu können – Vorbilder als Bilder gegen die Resignation des misslingenden Lebens.“ In diesem Sinne habe Bonhoeffer die entscheidenden Aufgaben nie um taktischer Vorteile willen verschwiegen, noch sei er ihnen ausgewichen.


5.9.2018

„Chinas christenfeindliche Politik“

 

Für Minderheiten scheint sich die Bundeskanzlerin nur im eigenen Land zu interessieren. Jedenfalls war nach ihrer China-Reise im Mai nichts über die sich zuspitzende Christenverfolgung dort oder ein Aufruf zur Einhaltung der Religionsfreiheit zu vernehmen. Übergriffe auf Kirchen in „Chinas christlichem Kernland“ gibt es seit mehreren Monaten. Pro Medienmagazin: Polizisten vertreiben Gläubige in Hauskirchengemeinden, christliche Motive müssen abgehängt werden. Das Hilfswerk für verfolgte Christen Open Doors: „In jedem Gottesdienst sind demnach die Nationalhymne zu singen und die Flagge zu hissen. Außerdem sollen die Geistlichen persönliche Daten ihrer Mitglieder vorlegen.“ Unter 18-Jährigen ist die Teilnahme an Gottesdiensten untersagt. „Das Regime will sie vom christlichen Glauben fernhalten, um sie zu treuen Kommunisten zu erziehen und außerdem das schnelle Wachstum der Kirche bremsen.“ Es handle sich um ein „ehrgeiziges neues Bemühen der offiziell atheistischen regierenden Kommunistischen Partei, die Praxis des Glaubens im Land zu diktieren – und in einigen Fällen zu verdrängen“. Präsident Xi Jinping wolle seine Macht konsolidieren, indem er das Christentum zurückdränge. Experten sprechen von „systematischer Unterdrückung des Christentums im Land“. Mit einem Plan zur „Sinisierung“ aller Religionen im Land sollen sich diese mit „Loyalität zur Kommunistischen Partei“ durchdringen. Trotz früherer härtester Verfolgung gehen Schätzungen davon aus, dass die Anzahl der chinesischen Christen in den nächsten Jahrzehnten zur weltgrößten christlichen Bevölkerung anwächst. Derzeit lebten im Land etwa 67 Millionen Christen bei 1,3 Milliarden Einwohnern.

 

Nachtrag: Siehe auch: "Irans vergessene verfolgte christliche Minderheit - Christen im Iran befinden sich in einer ernsten Notlage, die in den Medien kaum wahrgenommen wird ... dass ein Gericht in Boushehr mehrere christliche Konvertiten und zehn weitere Iraner zu je einem Jahr Gefängnis verurteilt hatte, weil sie 'sich zugunsten des Christentums gegen die Islamische Republik eingesetzt hatten'. Das Urteil fiel nur wenige Wochen nachdem der iranische Präsident Hassan Rouhani, der im Westen oft als reformgesinnter Moderater dargestellt wird, geschworen hatte, dass 'Christen die gleichen Rechte haben wie andere' ... Die US-Regierung von Präsident Donald Trump stufte die IRGC (Islamische Revolutionsgarden) im Oktober 2017 als terroristische Organisation ein. Die 125.000 Mitglieder starke IRGC ist seit langem bekannt für ihr brutales Vorgehen gegen Christen und Demokratiebewegungen, die sich dem Mullah-Regime entgegen stellen. Europa hat es bisher abgelehnt, die IRGC für ihre eklatanten Menschenrechtsverletzungen zu sanktionieren."


4.8.2018

EKD auf weiteren Abwegen

 

Auch ich bin erschrocken, als ich folgende Aussage des EKD-Ratsvorsitzenden im Rahmen seiner Traueransprache für die ermordete Sophia gelesen hatte: „Sophia hat ganz aus dem Vertrauen gelebt. Sie hat andere Menschen nicht als potentielle Gefahr, sondern zuallererst als Menschen gesehen, die als gute Geschöpfe Gottes fähig sind zur Mitmenschlichkeit und die selbst Mitmenschlichkeit verdienen. Vielleicht wäre sie noch am Leben, wenn sie aus dem Misstrauen heraus gelebt hätte. Aber wäre das das bessere Leben gewesen?“ Die Trauerrede allerdings wird mit den Angehörigen von Sophia abgesprochen gewesen sein. Das ist dann zu respektieren. Weniger hingegen die Verantwortungslosigkeit, die sich aus der Veröffentlichung der als erstrebenswert gepredigten „Offenheit gegenüber allen Menschen“ ergibt. Das korreliert nicht mit der geänderten Sicherheitslage und führt nicht nur die bewährte Kindererziehung – „steige nicht zu Fremden ins Auto“ – ad absurdum, sondern auch die Warnungen der Polizei und Opferschützer nach „einer Reihe von teils brutalen Überfällen auf Joggerinnen in ganz Deutschland“. Wenn die Pflege eines gesunden Misstrauens so schlecht sein soll, dann stünden konsequenterweise auch der Rat vom Abstand einer Armlänge zu Fremden, die geforderte „starke Präsenz von Beamten in Uniform“, der Einsatz von Videoanlagen, bessere Ausleuchtung von Örtlichkeiten und weitere Sicherheitsmaßnahmen in Frage, bis hin zu Betonblöcken rund um Weihnachtsmärkte. Tja, Herr Bedford-Strohm, das verschärfte Misstrauen ist vor allem durch das Agieren Ihrer Partei eingezogen, deren Positionen Sie so engagiert in die Kirchen tragen. 


30.7.2018

„Märchen über das Christentum“

 

Selbst wenn man nicht mit allen Thesen von Manfred Lütz übereinstimmt: für seine Klarstellung zur Hexenverfolgung bei „phoenix persönlich“ ist ihm zu danken: Auch Atheisten sollten nicht nur „die Märchen über das Christentum“ kennen. Denn die Hexenverfolgung hat die weltliche Justiz durchgeführt, bis diese von Kirchenleuten beendet worden ist, so Lütz, der sich darüber wundert: Die Gerüchte über das Christentum, die von Diktatoren des 20. Jahrhunderts, „den Hitlers und Honeckers“, in die Welt gesetzt wurden, sind heute noch in den Köpfen der Leute: „Alles andere, was Hitler und Honecker so gesagt haben, das glaubt man ja nicht mehr. Aber das, was über das Christentum vermittelt wurde, das denken Menschen immer noch.“ Welchen Stellenwert der feindselige Traum der Nazis und SED-Parteigänger samt fanatischer Nachzügler, das Christentum auszurotten, auch heute noch bei der gegenwärtigen Migrationspolitik einnimmt, etwa durch Überfrachtung einer anderen Religion, wäre interessant zu eruieren. Die Süddeutsche Zeitung jedenfalls indoktriniert ihre Leserschaft immer noch mit geschichts-klitternden Halbwahrheiten, die falsche Eindrücke vermitteln. In einem primitiv durchsichtigen Beitrag wird heuchlerisch fragend unterstellt: „Warum also tut sich Deutschland so schwer damit, Einwanderung und Fremdheit zu akzeptieren?“ Wollte man die pauschale Stigmatisierung mal hinnehmen, käme jeder, der auch nur halbwegs klar denken kann, bei der Ursachenforschung auf Erfahrungswerte wie diesen oder jenen. Nicht so die Süddeutsche. Die macht als einen der Gründe für ihre These Folgendes aus: „Die Tatsache etwa, dass Deutschland … Nicht-Christen in der NS-Zeit entweder zur Flucht zwang oder ermordete und damit jene Reinheit erst herstellte, die heute als angebliches Ur-Ideal des deutschen Volkes noch in den Köpfen herumspukt.“ Zum Vergleich lese man gerne den Bericht der Karl-Leisner-Jugend: „Über das Ziel, die Kirche zu vernichten, war man sich in der nationalsozialistischen Führung einig.“ Der Zeitzeuge Sebastian Haffner hielt den „zynischen Nihilismus“ als markantes Merkmal der Naziführer fest: „Es ist banal zu sagen, dass die Naziführer keine Religion … und keine traditionellen Hemmungen kennen.“ So viel zum angeblichen Ur-Ideal, das in den süddeutschen Köpfen herumspukt. 

 

Dass sich die Verschwörungstheorie, Hexenprozesse hätten in ihrer großen Masse vor geistlichen Inquisitionsgerichten stattgefunden, besonders hartnäckig hält, ist bereits seit 2016 auf dieser Seite ausgeführt und richtig gestellt. Man aktualisiere im Text interessehalber die Jahreszahl und ersetze "Hexen" durch "Rechtspopulisten", zum Beispiel dort: "Stadträte mussten Hexenjagden zumindest dulden. Mitarbeit von Untertanen war unerlässlich; also Denunzianten und Zeugen, die den vermeintlichen schlechten Ruf der Angeklagten und ihr verdächtiges Verhalten bestätigten ... Bei allen großen europäischen Verfolgungen finden sich in diesem Bereich herausragende Förderer und Nutznießer der Hexenprozesse, getrieben von ausgeprägtem Sendungsbewusstsein, Geltungssucht und dem Drang, ihre in Hexenprozessen gemachten Erfahrungen publizistisch zu verbreiten und im Nachhinein zu legitimieren ... Die Prozesse wurden außerdem von der adeligen Herrschaft als egoistisches Machtstreben instrumentalisiert und absichtlich inszeniert."  

 

Nachtrag: In Deutschland nimmt der Anteil von Christen an der Bevölkerung immer weiter ab. Angesichts der drohenden 50-Prozent-Marke solle man über mögliche Folgen des anhaltenden Glaubensschwunds diskutieren." Mit keinem Wort allerdings erwähnt Pro Medienmagazin, dass der Grund für die Flucht aus der Kirche an deren unglaubwürdigen Führungsleuten und ihrer No-borders-Gefolgschaft liegen könnte. 


23.7.2018

Kraftwort zum Wochenstart

 

Der US-Theologe Ronald Rolheiser mochte zuerst Bambus in seinem Garten überhaupt nicht. Er hackte ihn ab. Danach wuchs er aber zweimal so kräftig nach wie er vorher war. Er fällte ihn wieder, grub diesmal noch tiefer, doch der Bambus wuchs wieder und zwar noch stärker. „Dann grub er ein tiefes Loch, schüttete Gift hinein, Kies und Zement darauf. Nach einem Jahr wuchs der stärkste, dickste und fetteste Bambus durch den Beton und er beschloss, es einfach sein zu lassen. Bei dieser speziellen Bambussorte wird durch das Abschneiden das Wurzelwerk stärker. So hat er den Bambus mit jedem Fällen stärker gemacht. Sie sind wie dieser Bambus. Vielleicht wurden sie abgesägt, vielleicht vergiftet, vielleicht unter Kies und Zement begraben.“ Doch heute sind Sie noch mutiger und stärker, als sie es je waren, weil Sie wie dieser Bambus sind.                                                              Quelle: Hour of Power


11.7.2018

Theologische Kritik

 

Hin und wieder melden sich doch mal Theologen zu Wort, die aus dem kirchlichen Mainstream ausscheren. Aktuell ein Theologieprofessor gegenüber idea: "Die evangelischen Kirchen dienen sich häufig dem Zeitgeist an und verspielen so ihre Zukunft" - wenn sie sich "als Moralagentur höherer Ordnung inszeniert und den Eindruck erweckt, als sei das Evangelium ein sozial-politisches Programm". Zur Aufnahmepflicht ohne Grenzen: "Es gebe jedoch kein unbegrenztes Helfen. Grenzenlosigkeit bedeute die Außerkraftsetzung von Regeln. Ohne Begrenzung sei keine Integration möglich. Auch theologisch sei die Forderung der Grenzenlosigkeit falsch. Jesu Christi Aussagen zur Nächsten- und Feindesliebe bezögen sich auf die individuelle Alltagsethik und nicht auf globale Prozesse des 21. Jahrhunderts." Der Umfang von Hilfe sei eine Frage der Vernunft. Relevante Beiträge zum Thema finden sich auch hier, dort und an dieser Stelle. 

 

Nachtrag: "Theologieprofessor: Ein Gottesdienst pro Monat reicht." Begründung: Veränderungen in der Gesellschaft - die Woche beginne halt heute mit dem Montag.

 

Nachtrag vom 22.7.: "Mehr als 600.000 Kirchenaustritte im Jahr 2017."



29.3.2018

Jeder Tag fängt neu an

 

Nie vergessen: den schwebenden Engel im Güstrower Dom. Seine Ausdrucksstärke trotz der geschlossenen Augen ist ergreifend. Der Ausdruck zeugt von Schmerz, Trauer und Bestürzung und gewinnt gegen jeden Versuch der Ablenkung oder erleichternden Beschönigung. Den Kopf trägt der Schwebende dennoch hoch erhoben. Er kann das Wissen darüber aushalten, was sich Menschen gegenseitig antun. Und er nimmt sich die Freiheit, sein Leiden darüber offen zu zeigen – eine wenig willkommene Geste in oberflächlichen Zeiten, will man doch lieber unbeschwert sein und nicht so tief angerührt werden. Leidgeprägter Ausdruck stört den Zeitgeist.

 

Das galt auch 1937, als der Engel – ein Mahnmal für die Toten des 1. Weltkriegs – von den Nazis als „entartete Kunst“ konfisziert und für Zwecke der Wehrwirtschaft eingeschmolzen wurde, wie es in diesem Radiofeature heißt. Sein Schöpfer, der Bildhauer Ernst Barlach, sei über die „Hass- und Hetzkampagnen“ 1938 als gebrochener Mann gestorben. Seine Freunde aber konnten das Gipsmodell retten und, vermutlich 1939, einen Zweitguss anfertigen lassen – gut versteckt bis zum Kriegsende. Deutschlandfunkkultur weiter zu den Vorgängen: Der Drittguss des Engels sollte 1952 in den Güstrower Dom zurückkehren. Aber: „Die Freiheit der Kunst hatte es auch unter der SED-Diktatur schwer.“ Bei einer Barlach-Ausstellung gerieten dessen Werke ins Visier staatlicher Kritik. „Waren sie von den Nazis als bolschewistisch und undeutsch verfemt worden, so hieß es jetzt, sie seien formalistisch oder dekadent.“ Erst Bertolt Brechts Einsatz für das Meisterwerk der „Lebenskraft ohne Brutalität“ beendete diesen Humbug. Wer mit dem Schwebenden eine Zeit lang dessen Leid geteilt hat, mag sich vielleicht wegen seiner unbeugsamen, nach vorne gerichteten Haltung fragen, warum eigentlich die Leute nicht endlich genug davon haben, sich garstig zu verhalten. Hat es sich rückblickend vom Lebensende her betrachtet wirklich gelohnt? Schwärmerei zwar, aber theoretisch nicht beweisbar falsch: Jeder kann jeden Tag aufstehen und gänzlich neue Wege beschreiten. Auch das ist eine Osterbotschaft. 


28.3.2018

Immer anders, als man denkt

 

Wer sich mit Kurs auf Ostern mit dem Thema Glaube und Vernunft befassen will, bekommt Anregungen dazu beim eineinhalbstündigen Interview mit dem Philosophen Holm Tetens. „Wenn wir die freie Wahl hätten, uns die Lebensbedingungen, die strukturellen Bedingungen des menschlichen Lebens auszusuchen, auszuwählen, würden wir die bestimmt nicht wählen“, ist er mit Blick auf die realen Zustände überzeugt. Die heutige wissenschaftlich-technische Zivilisation pflege ebenfalls ein Glaubensbekenntnis. Dieses beruhe auf zwei nicht beweisbaren Prinzipien: „Nur“ die Wissenschaften könnten Zugang zur Wirklichkeit eröffnen und Religion verfehle die Wirklichkeit. Das „könnte“ zwar so sein, aber ist es wirklich so? Zu den „Glücksversprechen“ der ausschließlich technikorientierten Globalisierung meint der Philosoph: „Es kommt immer anders, als man denkt, und es kommt immer ambivalent.“  Es sei eine Wahnidee des Menschen, sich selbst erlösen zu wollen, also im Grunde genommen die Rolle Gottes einzunehmen. Und mit Blick auf die Politik: „Alle großen Bewegungen, die versucht haben, die Menschheit zu erlösen – nehmen wir aus jüngster Zeit den Kommunismus und Faschismus –, haben jedenfalls das glatte Gegenteil von dem bewirkt, was sie versprochen haben. Und in gewisser Weise müssen wir befürchten, dass das Glücksversprechen der Globalisierung der wissenschaftlich-technischen Zivilisation ein ganz ähnliches Schicksal erleiden wird.“ Der Gottesgedanke biete sich deshalb als ernsthafter, alternativer Kandidat an. Früher übrigens vorwiegend atheistisch unterwegs, sagte Holm Tetens in einem Interview mit Herder Korrespondenz Anfang letzten Jahres: „Ich glaube jedenfalls, dass ich bei allen dogmatischen Differenzen im Detail und auch in manchen Grundlagen jedenfalls in vielen Dingen vom Christentum nicht weit entfernt bin.“ 


29.1.2018

Gegen das Vergessen? Wohl eher dafür. 

 

Kürzlich hieß es bei Audiatur: Europa verarbeite die Holocaust-Schuld, indem es Muslime idealisiert und Israel dämonisiert. Von einer „Lüge“ des amtierenden Außenminister ist die Rede, von seiner „verstörenden antijüdischen Karriere“ sowie von anderen belegbaren Beispielen. „Der wahre Nationalsozialismus“ werde von Israels Feinden im Nahen Osten und ihren Anhängern verwirklicht mit dem Ziel, den jüdischen Staat im Namen der „Menschenrechte“ und des „Antirassismus“ zu vernichten. Aber: „Wenn Führungspolitiker und angeblich aufgeklärte europäische Demokratien dieselben antisemitischen Lügen übernehmen wie nahöstliche Despoten, dann sollte das allen anständigen Europäern Sorge bereiten, die echte Menschenrechte und Frieden befürworten.“ So viel auch im Nachgang zum Holocaust-Gedenktag. Die Aufarbeitung des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte scheint indessen gar nicht von vorrangigem Interesse zu sein. Im ewigen Anti-Rechts-Kampf zeigt sich vielmehr, dass es hauptsächlich um die Bekämpfung aktueller politischer Gegner geht – Geschichtsklitterung als Folge interessiert entweder nicht oder ist sogar willkommen. Befasst man sich hingegen mit christlichen Widerstandskämpfern, stößt man zum Beispiel auf eine Predigt von Clemens August Graf von Galen vom 20. Juli 1941. Es ist unschwer herauszulesen, dass es sich um einen streng konservativen, nationalbewussten Geistlichen gehandelt hat. Wegen seiner Sprache würde er heute zweifellos als Pegida-Mitläufer oder Neonazi verunglimpft. 

 

„Sicherlich habe von Galen bis 1936 die Realitäten verkannt“, liest man in einem Artikel beim Spiegel (2005), „mit dem Rassenwahn der Nazis wiederum wollte er sich nie gemein machen: Offen attackierte er in seinen Predigten die Ideologien.“ Außerdem brachte er durch öffentliche Empörung die Euthanasie zumindest eine Zeit lang ins Stocken. Unumstritten ist: Von Galen stand auf der Abschussliste der Nazischergen. Als „übler Hetzredner“ wurde er nur deshalb nicht verhaftet, weil das NS-Regime die katholische Bevölkerung bei der Stange halten wollte. Von Galens Predigten sind ein Stück Zeitgeschichte, die aufzeigen, was die Nazidiktatur beinhaltete: Ordenshäuser hat die Gestapo willkürlich beschlagnahmt, zu Gunsten der Gauleitung enteignet. Ordensleute wollte man „ohne Rechtsgrund, ohne Untersuchung, Verteidigungsmöglichkeit und Gerichtsurteil wie Freiwild aus dem Lande hetzen“. Das untergrabe das Rechtsbewusstsein und vernichte das Vertrauen auf die Staatsführung. „Mit allen dafür Verantwortlichen ist mir keine Gemeinschaft im Denken und Fühlen mehr möglich!“ Mit Waffen könne man die Sache nicht bekämpfen: „Wir sind in diesem Augenblick nicht Hammer, sondern Amboss“, so der Priester: „Fragt den Schmiedemeister und lasst es euch von ihm sagen: Was auf dem Amboss geschmiedet wird, erhält seine Form nicht nur vom Hammer, sondern auch vom Amboss. Der Amboss kann nicht und braucht auch nicht zurückzuschlagen, er muss nur fest, nur hart sein! Wenn er hinreichend zäh, fest, hart ist, dann hält meistens der Amboss länger als der Hammer. Wie heftig der Hammer auch zuschlägt, der Amboss steht in ruhiger Festigkeit da.“ 

 

Von Galen wusste um die Abhängigkeit jedes Einzelnen von Personen und Dienststellen, welche die Unabhängigkeit der Gesinnung gefährdet. „Wir sehen und erfahren jetzt deutlich, was hinter den neuen Lehren steht, die man uns seit einigen Jahren aufdrängt, denen zuliebe man die Religion aus den Schulen verbannt hat, unsere Vereine unterdrückt hat, jetzt katholische Kinder-gärten zerstören will: abgrundtiefer Hass gegen das Christentum, das man ausrotten möchte.“ Über die Jugend sagte er: „Was wird ihnen vorgetragen und aufgedrängt … ? Lasst euch doch, christliche Eltern, die Bücher zeigen, besonders die Geschichtsbücher der höheren Schulen! Ihr werdet entsetzt sein, mit welcher Unbekümmertheit um die geschichtliche Wahrheit dort versucht wird, die unerfahrenen Kinder mit Misstrauen gegen Christentum und Kirche, ja mit Hass gegen den christlichen Glauben zu erfüllen! In den bevorzugten staatlichen Lehranstalten, den Hitlerschulen und den neuen Lehranstalten für künftige Lehrer, wird jeder christliche Einfluss, ja jede wirklich religiöse Betätigung grundsätzlich ausgeschlossen.“ In welchem Teil Deutschlands diese Propaganda nach dem Krieg fortgesetzt wurde, ist hinlänglich bekannt.

 

Von künstlerischer Seite erhielt von Galen nennenswerte Unterstützung. Die Schriftstellerin Ricarda Huch (1864–1947) etwa schrieb ihm: „Erfahren zu müssen, dass unserem Volk das Rechtsgefühl zu fehlen scheint, war wohl das bitterste, was die letzten Jahre uns gebracht hat. Die dadurch verdüsterte Stimmung erhellte sich, als Sie, Hochverehrter Herr Bischof, dem triumphierenden Unrecht sich entgegenstellten … Das Bewusstsein, den Forderungen des Gewissens genug getan zu haben, ist mehr wert als Beifall der Menschen.“ Die Predigt im Wortlaut ist dort zu finden. Auch wenn man sich am Konservatismus und Patriotismus von Galens stößt, wird durch ihn deutlich, dass diese Einstellungen allein kein Indiz für nazistische oder rassistische Bestrebungen sind, wie es Politiker und Aktivisten der Menschheit einbläuen. Laut Zeitzeuge Sebastian Haffner hat die NS-Diktatur vor allem charakterlose „absolute Emporkömmlinge“ angezogen, die „keine traditionellen Hemmungen kennen“ und denen Deutschland „völlig gleichgültig“ sei. Nazis hätten sich zu Deutschland verhalten wie zu einem eroberten Land: „Noch nie hat eine herrschende Schicht so rücksichtslos ihre Landsleute kommandiert und so zynisch deren Wünsche, deren Bedürfnisse und deren Glück ignoriert.“ Wer nicht vergessen will, der setzt eine sachliche Aufarbeitung an diesen oder jenen Punkten an. 

 

Nachtrag: Siehe auch zu aktuellen Schließungsplänen von katholischen Schulen in Hamburg: Weinende Lehrer, verzweifelte Eltern und verunsicherte Schüler: "Um Himmels willen - was ist in der katholischen Kirche los? Und wo ist der Erzbischof, in der schlimmsten Krise seit Bestehen seines Bistums?" Quelle: NDR 

 

Nachtrag vom 12.2.: "Die katholische Kirche will in Hamburg acht Schulen schließen. Wie das Erzbistum dabei vorgeht, hat viele Gläubige im Norden erschüttert. Nun wenden sie sich an den Papst", so der Spiegel, und zwar mit dieser Petition.

 

Weitere christliche Widerstandskämpfer sind im Übrigen auf dieser Seite aufgelistet. 


6.1.2018

Dreikönigstag

 

Wer sich am Dreikönigstag auch mit einer wissenschaftlichen Begleiterscheinung beschäftigen will, der wird bei Youtube fündig: Der seinerzeit beliebte "Weltraumprofessor aus Mannheim", Heinz Haber (1913 - 1990), behandelt in seiner Kinder-Wissenschaftssendung 1979 die astronomische Geschichte des Sterns von Bethlehem.