12.10.2018

Stolz als Gradmesser

 

Man kann ja vom Freiherrn von Knigge (18. Jahrhundert) halten, was man will, seine Definition von Stolz ist jedenfalls recht interessant: „Ein Gefühl der Unfähigkeit, niederträchtig zu handeln.“ Dieser Stolz erzwinge „selbst von dem mächtigen Bösewicht den Tribut der Bewunderung, den er wider Willen dem unterdrückten Weisen zollen muss“. Stolz, wie er heutzutage vielfach daher kommt, identifizierte der Freiherr hingegen als Hochmut. Dieser brüste sich „mit Vorzügen, die er nicht hat, bildet sich auf Dinge etwas ein, die gar keinen Wert haben“. Er mache grob, steif und ungesellig, ja sei gar pöbelhaft, „da er mehrenteils von Mangel an Lebensart und ungeschickten Manieren begleitet wird“. 

 

Ein hochmütiger Künstler zum Beispiel werde, „wenn niemand ihn bewundert, eher auf die Geschmacklosigkeit der ganzen Welt schimpfen, als auf den natürlichen Gedanken geraten, dass es wohl mit seiner Kunst nicht so ganz richtig aussehn müsse“. Hochmut sei „übrigens fast immer mit Dummheit gepaart, also durch keine vernünftigen Gründe zu bessern und keiner bescheidenen Behandlung wert“. Es bleibe daher nur, „Übermut gegen Übermut zu setzen, oder zu scheinen, als bemerkte man ein hochmütiges Betragen gar nicht; oder Leute, die sich aufblasen, gar keiner Achtsamkeit zu würdigen, sie anzusehn, als wie man auf einen leeren Platz hinblicke, selbst wenn man ihrer bedarf; denn wahrhaftig! - ich habe das oft erfahren - je mehr man nachgibt, desto mehr fordern, desto übermütiger werden sie, bezahlt man sie aber mit gleicher Münze, so weiß ihre Dummheit nicht, wie sie das Ding nehmen soll, und spannt gewöhnlich andre Saiten auf“.

 

Im Entzug der Aufmerksamkeit, insbesondere betreffend hochmütige Prominente an entscheidungsrelevanten Schaltstellen, könnte also schon mal ein Lösungsansatz zu finden sein. Einige Reflexionen wert wäre die eigene Beziehung zu Stolz und jener des Umfeldes, die wesentlich die gesellschaftliche Mentalität sowie den Umgang miteinander prägen und verändern, wie man es etwa verstärkt seit September 2015 beobachten kann, wenn der Eindruck von Stolz an äußere, nicht selbst beeinflussbare Umstände andockt und daraus die eigene – ehrbare oder nicht ehrbare – Identität konstruiert wird. Der krasse Gegensatz dazu war in der christlich geprägten Welt zu orten, als die „Sieben Todsünden“ noch nicht „systematisch stimuliert“ wurden.  Die Bundeszentrale für politische Bildung traute sich 2014 zu fragen: Sind diese „heute noch relevant“? Es ließe sich daran zumindest der gesellschaftliche Wandel von Werten und Moralvorstellungen nachvollziehen.

 

Die Konfrontation mit den „Großen Sieben“ –  Hochmut (später auch mit Stolz übersetzt), Habgier, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit (mit Denkfaulheit und Gleichgültigkeit) – biete auch Nichtgläubigen erhellende, manchmal verstörende Einsichten in die eigene Psyche. Umfassender betrachtet schreibt Heiko Ernst von „Transformationsprozessen der Sünden in nützliche Interessen“: „Was einmal als unmissverständlich sündhaft galt, als böse, unmoralisch, gott- und menschenfeindlich, ist zu großen Teilen dramatisch umgewertet worden. Aus einigen Todsünden wurden nach und nach Tugenden, zumindest aber akzeptierte Verhaltensweisen oder gar Zivilisationsimpulse.“ Diese potenziell zivilisierende Kraft formulierte John Maynard Keynes so: „Es ist sicher besser, ein Mensch übt tyrannisch Herrschaft über sein Bankkonto aus als über seine Mitbürger.“ Schade, dass es nie dabei geblieben ist. Der Autor identifiziert die heutige Lage: „Moral im 21. Jahrhundert ist eine veränderliche Größe, eine Konvention, ein Konstrukt – eine pragmatische Verhandlungsmoral. Gerade deshalb stellt sich die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen für seine Handlungen in unverminderter, neuer Schärfe … Wer Schuld für seine schlechten Taten nicht anerkennen will, kann auch die guten nicht für sich reklamieren.“ 


6.10.2018

„Weniger ist mehr“

 

Das – vermutlich pommersche – Sprichwort „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“ bleibt ja nebulös, solange das „Weiterkommen“ undefiniert bleibt. In Bezug auf was kommt man weiter? In der Festigung einer maßlosen Anspruchshaltung, die zum Beispiel den zugewanderten Leuten eingepflanzt wird? Heuchlerischerweise instrumentalisieren dafür vor allem linke Kreise den Begriff „menschenwürdig“ und outen damit ihre tief sitzende Haltung, Menschenwürde habe nur, wer ständig fordert und, relativ zu den existenziellen Notwendigkeiten, im Überfluss besitzt. Das steht nicht nur der Menschenrechtsidee diametral entgegen, sondern verkennt darüber hinaus die kreative Reife jener, die auf minimalistischem Wege eine zufriedene Selbstgenügsamkeit genießen und ihr Umfeld nicht mit unverschämten Forderungen belasten. Es gibt keinen wichtigeren Aspekt zur Förderung einer friedlichen Gesellschaft als die Pflege von Bescheidenheit; auch im Hinblick auf das rücksichtslose Ausleben egoistischer Triebe oder dem Expansions-bestreben von Staaten und Ideologien. Wer sich mit dem Thema beschäftigen will, bekommt beim Nachtcafé Anregungen dazu aus verschiedenen Blickwinkeln.  


29.9.2018

Einstimmung auf den Herbst

 

"Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah! Die Luft ist still, als atmete man kaum, und dennoch fallen raschelnd, fern und nah, die schönsten Früchte ab von jedem Baum. O stört sie nicht, die Feier der Natur! Dies ist die Lese, die sie selber hält; denn heute löst sich von den Zweigen nur, was vor dem milden Strahl der Sonne fällt."

 

Friedrich Hebbel (1813 - 1863): mehr bei "Lyrik für Alle" sowie bei Teil 2


25.8.2018

Die Machthaber störende Unbeirrbarkeit

 

Kürzlich wieder in die Hände gefallen: „Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens“ des deutsch-jüdischen Autors Jakob Wassermann (1873 – 1934). Beeindruckend, was er nach-träglich zu dem feinsinnig aufbereiteten, bis heute umstrittenen Fall des Findlings schrieb: „Die Idee des ‚Caspar Hauser‘ war, zu zeigen, wie Menschen aller Grade der Entwicklung des Gemüts und des Geistes, vom rohesten bis zum verfeinertsten Typus, der zwecksüchtige Streber wie der philosophische Kopf, der servile Augendiener wie der Apostel der Humanität, der bezahlte Scherge wie der besserungssüchtige Pädagoge, das sinnlich erglühte Weib wie der edle Repräsentant der irdischen Gerechtigkeit, wie sie alle vollkommen stumpf und vollkommen hilflos dem Phänomen der Unschuld gegenüberstehen, wie sie nicht zu fassen vermögen, dass etwas dergleichen überhaupt auf Erden wandelt, wie sie ihm ihre unreinen oder durch den Willen getrübten Absichten unterschieben, es zum Werkzeug ihrer Ränke und Prinzipien machen, dieses oder jenes Gesetz mit ihm erhärten, dies oder jenes Geschehnis an ihm darlegen wollen, aber nie es selbst gewahren, das einzige, einmalige, herrliche Bild der Gottheit, sondern das Holde, Zarte, Traumhafte seines Wesens besudeln, sich vordringlich und schänderisch an ihm vergreifen und schließlich morden.“ Es ist sicher kein Zufall, dass gerade auch die Bücher solch brillant analytischer Gesellschaftskritiker und Schreibkünstler der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Ihre Wachheit und psychologische Auffassungsgabe hat sie immunisiert gegen jegliche Heuchelei; man konnte ihnen nichts vormachen, sie sind nicht manipulierbar, sondern unbeirrbar gewesen. Dass man heute das diktatorische Unterdrückungsmittel des Bücherverbots ausreichend aufgearbeitet hat, steht außer Frage. Auf einem anderen Blatt steht, welche Konsequenzen aktuell daraus gezogen werden. 


18.8.2018

Man kann es vorausahnen

 

Die Katholische Uni Eichstätt-Ingolstadt hat sich mit „Vorahnungen des Totalitarismus“ befasst. Interessant ist insbesondere der Abschnitt über Fedor Dostojewski: „Das von Dostojewski in den Teufeln konzipierte ‚Paradies‘ ist vor allem eine nivellierte Gesellschaft, ein Reich des Egalitarismus“. Gleichheit sei dort von Sklaverei nicht zu trennen. Das neue System treffe Vorkehrungen gegen jeden möglichen Verstoß: „Jedes Mitglied der Gesellschaft beaufsichtigt jedes andere und ist zur Anzeige verpflichtet. Jedes gehört allen und alle jedem. Die Gleichheit - und das ist das Neue - dehnt sich auch auf die menschliche Seele aus und zieht eine allgemeine Niveausenkung der Kultur nach sich.“ Man brauche nämlich keine höher Begabten in der gemeinen Bevölkerung. „Die höher Begabten haben immer die Macht an sich gerissen und sind Despoten gewesen [...], die werden vertrieben.“ Gewisse Personen freilich dürfen Macht an sich reißen und Despoten werden: „In einer merkwürdigen Ambivalenz zum Grundsatz der Gleichheit sind nicht alle gleich gleich (Orwell   Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher als die anderen).“ 

 

Die Zerlegung der Menschheit in zwei ungleiche Teile sei halt unumgänglich. „Ein Zehntel erhält die Freiheit der Persönlichkeit und das unbeschränkte Recht über die übrigen neun Zehntel. Diese aber müssen ihre Persönlichkeit verlieren und sich in eine Art von Herde verwandeln und bei unbegrenztem Gehorsam durch eine Reihe von Wiedergeburten die ursprüngliche Unschuld, gewissermaßen das ursprüngliche Paradies wiedererlangen, obwohl sie übrigens auch arbeiten müssen. Die vom Verfasser vorgeschlagenen Maßregeln, um neun Zehnteln der Menschheit den Willen zu nehmen und dieselben vermittels einer umbildenden Erziehung ganzer Generationen in eine Herde zu verwandeln, sind sehr interessant, auf naturwissenschaftliche Tatsachen gegründet und streng logisch.“

 

Metaphysische Begründung für die Versklavung der Massen durch die neuen Herren: Für die Mehrheit sei Freiheit eine schwere Bürde. Somit geschehe die Unterjochung der Massen zu ihrem Besten. „Überhaupt werde den einfachen Menschen ein naives Glück beschert. Sie wären zwar gezwungen zu arbeiten, würden aber in der Freizeit singen und tanzen. – Oh, wir werden ihnen auch die Sünde erlauben, denn sie sind ja schwach und ohnmächtig, und sie werden uns wie Kinder dafür lieben, dass wir ihnen erlauben zu sündigen [...] Sie werden sich uns freudig und gern unterwerfen.“ Krönung der teuflischen Utopie vom Neuen Men-schen: „Dann wird man die Geschichte in zwei Teile teilen: vom Gorilla zur Vernichtung Gottes [...] und von der Vernichtung Gottes zur  ‚physischen Umgestaltung des Menschen‘.“

 

Die Autoren resümieren: „Ein exzeptionelles Verdienst Dostojewskis besteht darin, dass er mit unvergleichbarer Schärfe die extrem kulturfeindlichen Konsequenzen des kommunistischen Antiindividualismus aufzeigte und die geistige Armut, die Plebejisierung der Kultur und den Bildersturm unter diesem System voraussagte. Nicht nur bestätigte die Realität seine Prognose, sie übertraf sie sogar. Die kommunistische Diktatur konnte keine herausragenden Personen ertragen.“ Vorausgesehen habe er auch die frappierende Ungleichheit in der Gleichheit: die Macht- und Rechtlosigkeit der großen Masse und die unbeschränkte Macht einer neuen Klasse sowie die ideologische Rechtfertigung dieser Ungleichheit – „angeblich schenken die Machthaber der unreifen Masse ein glückliches Dasein und befreien sie von der schweren Bürde der Verantwortung“.

 

Dostojewskis „Dämonen“ (auch als Böse Geister, Die Teufel oder Die Besessenen übersetzt) gibt's im Netz als Hörbuch. Man braucht aber viel Zeit dafür. Teil 1 steht hier, Teil 2 dort und Teil 3 an dieser Stelle. Eine Biografie des Autors steht hier.


21.7.2018

Worum ging es der Aufklärung?

 

„Aufklärung bedeutet nämlich zuallererst: selbst denken; sich nicht auf Autoritäten zu verlassen und der eigenen Vernunft die führende Rolle zuzusprechen.“ Die Aufklärer damals wehrten sich gegen das Zensurregiment von Staat und Kirche, wie dieses Video zeigt. Orientierungspunkte: der Verstand im Sinne von „Ernüchterung des Denkens“ und Freiheit. Im Blickfeld hatte man auch die Tugend und das Glück. Wissen bringe erst Menschen in die Lage, einen Staat zu führen. Nachdem die erste Enzyklopädie im Entstehen war, hoffte man: „Gelobt sei die Zeit, in der sie alle begriffen haben, dass ihre Sicherheit darin besteht, über gebildete Menschen zu gebieten.“ Das hat sich wohl überwiegend als Illusion entpuppt.    


31.5.2018

„Auf´s falsche Pferd gesetzt?“

 

Rund um das Pferd gibt es gleich eine ganze Reihe von Redensarten, die sich trefflich auf das angerichtete politische Chaos übertragen lassen. Früher war ja das Pferd auch als Kampftier benutzt worden: „Der Zusammenhang mit Kampf und gesellschaftlichem Rang (Adel) wurde durch die Bezeichnung Ross (Streitross) hervorgehoben.“ Letztlich gerierte sich daraus der Spruch vom „besten Pferd im Stall“. Doch wenn in „einem ganzen Stall voll“ von Leuten, die oftmals „aus demselben Stall stammen“, die „Pferde durchgehen“, dann sollte man doch schon mal „den Stall ausmisten“. Wer es nachdenklicher haben möchte, kann sich an diesem Blog orientieren: Sind wir bereit den Preis zu zahlen für Entscheidungen, die wir nicht revidiert haben? „Wie steht es mit einer Entscheidung, sich von Menschen zu trennen, wenn man im Nachhinein festgestellt hat, dass man sich geirrt hat? Eventuell hatte man ja sogar falsche Informationen oder wurde sogar belogen? … Können Sie falsche Entscheidungen revidieren? … Haben Sie die Einsicht, auf falsche Ratgeber gehört zu haben? … Selbstverständlich können Sie aus falschem Stolz ein Network weitermachen, das Ihnen nicht gefällt, weil sie auf die Verlockungen (teilweise Lügen) von Menschen hereingefallen sind … Aber wie schlafen Sie nachts und was empfinden Sie? … Wir sollten Dinge ändern, wenn wir wissen, dass sie nicht richtig sind, statt sie zu tolerieren und unsere Schmerzgrenze nach oben zu schrauben.“


19.5.2018

Gewissenlose Bevormundung

 

Nochmal zur Truman Show: Man hatte sich zuvor verschiedene Filmschlüsse überlegt, sagte der Regisseur Peter Weir 2006 im Interview: Sollte Truman vielleicht lieber bewusst seine Existenz vor den Kameras fortführen, weil er Geschmack daran gefunden hat? So wie der Film nun endet, müsse der Zuschauer selbst den Faden weiterspinnen, wie sein Leben weitergehen könnte. Den „Wahnsinn“ im Film sieht Weir, der auch generell „sehr gestörte“ Realitätsbezüge konstatiert, in folgendem Aspekt: „Christof, der Chef der Show, hat im Laufe der Jahre eine richtige Zuneigung zu Truman entwickelt, fühlt sich fast als Vater und Beschützer. Der Horror liegt darin, dass man den Helden nicht irgendwie bedroht, sondern einem Surrogat von Leben ausliefert, ohne die Spur eines schlechten Gewissens zu haben.“ Man hat es ja schließlich gut gemeint – mit der Bevormundung.


18.5.2018

„Und falls wir uns nicht mehr sehen sollten…“

 

Gestern wieder mal gesehen: Die Truman Show. Ein grandioses Plädoyer für die Freiheit. „Du hast Angst … Du kannst nicht weggehen, Truman“, versucht der fürsorglich tuende Übervater sein Mündel in der künstlich geschaffenen, wohlbehüteten Welt zu halten. Doch jenes, während die ganze Welt mit fiebert, leistet sich den humorvollen Befreiungsschlag. Wer nochmal den Jubel darüber miterleben will: Hier steht das Ende des Films im Netz.


20.4.2018

Emanzipation vom eigenen Stolz

 

Immer wieder interessant: Die Beschäftigung mit den Klugen von dazumal, zum Beispiel mit Sokrates. Schon damals wollte man gemeinhin solche Leute nicht haben, die selbstver-ständliches Wissen immerzu erschüttern, damit man sich nicht allzu bequem darin einrichten kann. Vielen seiner Mitbürger war er lästig: Sie waren durch ihn bloßgestellt mit ihrem scheinbaren Wissen. Er selbst aber war frei zu sagen: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Aufgrund der Beunruhigung in der Bevölkerung wurde Sokrates, dessen Motivation es war die Menschen für eine gute Lebensführung zu ermahnen, schließlich vor Gericht gestellt. Die unsachliche Anklage: „Sokrates versündigt sich durch Ableugnung der vom Staate anerkannten Götter sowie durch Einführung neuer göttlicher Wesen. Auch vergeht er sich an der Jugend, indem er sie verführt. Der Antrag geht auf Todesstrafe.“ Bevor er durch den Schierlingsbecher aus dem Leben schied, sagte Xanthippe zu ihm: „Du stirbst ungerechter-weise.“ Sokrates‘ fragende Antwort: „Wäre es dir lieber, ich stürbe gerechterweise?“ Sokrates‘ Verteidigungsrede in mehreren Kapiteln ist beim Projekt Gutenberg dokumentiert. Die Verleumdungskultur, zumeist betrieben von Seiten jener, die sich leicht und ständig auf den Schlips getreten fühlen, wurde offenbar nie überwunden. Man mag sich fragen, warum es die Menschheit nicht schafft, sich endlich in ihrem oberflächlichen Stolz zu bescheiden und damit zu emanzipieren. Die heute gepflegte maßlose Rücksichtnahme auf ausgesuchte Personengruppen führt ganz sicher nicht dorthin.


14.4.2018

Die Welt vergessen…

 

…und unbeschwert sein, einfach nur mithilfe eines gar lieblich klingenden Glöckchens. In Japan kommt man auf solche bescheidene, dafür umso wirksamere Ideen. Wer am Wochenende sieben Minuten Zeit übrig hat: hier gibt es die kleine Geschichte zum Anhören.


7.4.2018

Frühling als existenzielle Freude

 

Zum Frühling gibt es ein weltbekanntes Gemälde aus der Renaissance: „La Primavera“ von Sandro Botticelli. Es ist eine „Allegorie der erotischen Liebe“, wie man beim Mahagoni Magazin nachlesen kann. „Die höfische Gesellschaft, für die Botticelli dieses Gemälde schuf, begriff ihr Dasein als einen ewigen Frühling“ – was, am Rande bemerkt, einer Parallele zur heutigen Zeit durchaus standhält. Rechts im Bild steht die Nymphe Chloris, die nach ihrer Vermählung mit dem Westwind Zephyr zur Frühlingsgöttin Flora wird; die Einzige im Bild, die ansatzweise lächelt. Denn das Ganze sei kein ausgelassener Tanz mit Juchzen und Springen, sondern „vielmehr eine zutiefst innerliche, geradezu existentielle Freude: Eine, die auch im Genuss von ihrem Gegenteil weiß und in ihrem tiefsten Begriff nicht allein den Überschwang des Augenblicks widergibt, sondern den ganzen Menschen mit seinen Anlagen“ und Möglichkeiten umfasst. Der italische Dichter Ovid ließ Flora Folgendes sagen, während diese Frühlingsrosen aus dem Munde haucht: „Es war Frühling, ich irrte umher: Zephyrus erblickte mich, ich ging weg. Er folgte, ich fliehe, jener war stärker … Stets genieße ich den Frühling, stets ist üppig blühend die Jahres[zeit], die Bäume haben Laub und Nahrung stets der Erdboden.“ Den fruchtbaren Garten „füllte mein Gatte mit edlen Blumen an und sagte: ‚Habe du, o Göttin, die Entscheidung über die Blumen.‘ Oft wollte ich die Farben ordnen und zählen, aber ich konnte [es] nicht: die Menge war größer als die Zahl.“ Quelle Wer sich für die zahlreichen Interpretationen des Gemäldes interessiert: Kunstdirekt.  


6.3.2018

Wenn Toleranz zu Ignoranz führt

 

Das „Psychologie Magazin“ bringt gerade einen Beitrag zur Ignoranz und selektiven Wahrnehmung: Manchmal nimmt „man tatsächlich nur noch bestimmte Dinge wahr“ und muss „auf die anderen buchstäblich mit der Nase gestoßen werden“. Besonders schwierig sei das bei sozialen Sichtweisen. Denn der bequeme Trend mit immer Gleichem konfrontiert zu werden ist „Schonkost für die Seele“. Der Schwenk in die Zeit nach 1968 zeige, dass „man gegenüber immer mehr Phänomenen, Menschen und Lebensansätzen Offenheit und Toleranz entwickeln sollte“. Das hört sich zwar toll an, aber: „Oft genug haben wir eine Variante derselben gelernt, bei der wir uns selbst vergessen haben und ein Gefühl dafür verloren ging, wann der Bogen überspannt war.“ Man „durfte und sollte“ schimpfen auf alle „reaktionären Spießer“, die nicht mitspielen wollten. Weil: alles Multi und Bunte ist gut. „Dabei übersah man, dass man sich im Zuge der pluralen Begeisterung oft Verhaltenswiesen einkaufte und nun gut finde musste, die man in der eigenen Familie nie und nimmer akzeptiert hätte.“ Trotzdem wurde alles durchgewunken, um „nur ja nicht intolerant zu wirken, das war kurz vor Rassist oder Nazi“. Es gebe aber eine direkte Linie von Toleranz zu Ignoranz. Denn: „Wer alles gut findet, verliert seine Identität.“ Das betreffe vor allem junge Leute, die noch in der Entwicklung sind und durch diese Art der Bevormundung keinen eigenen Kompass finden. Aber auch insgesamt sei die heutige Offenheit für alles und jedes, auch wenn Sachverhalte im Widerspruch stehen, schwer zu verarbeiten. Dann helfe Ignoranz auch; im Sinne von Selektion, die letztlich zu mehr Ich-Stärke führt. Der Rat des Autors: „So lasst uns denn die Scheuklappen aufsetzen, wenn wir merken, dass es nötig ist, aber gleichzeitig im Hinterkopf behalten, dass wir sie auch wieder ablegen können.“ 


3.2.2018

Zwischentöne pflegen

 

Feinsinnigkeit und Kreativität gehen im Zuge der gegenwärtigen Formen des öffentlichen Umgangs miteinander unter; ob das nun beabsichtigt ist oder nicht. Man sollte daher, nicht zuletzt um ein Gegengewicht aufrechtzuerhalten, seine feinen Antennen hegen und pflegen: zum Beispiel mittels Musik, der „uralten emotionalen Signalgeberin“. Vielfältige Vorteile davon stehen in diesem informativen Interview. Wer kreativ sein will, der kann sich auch kurzerhand selbst ein kleines Musikinstrument bauen. Eine Anleitung dazu gibt es hier


20.1.2018

Gegenwärtige Präsenz

 

Mit Blick auf Zukunft und Vergänglichkeit und auch generell wäre es angesagt, wertvolle Momente der Gegenwart ganz bewusst zu erleben. Anregungen dazu bietet zum Beispiel ein japanischer Philosoph im Interview mit dem philosophie Magazin: „Das Bewusstsein für die Vergänglichkeit der Zeit ist vielmehr ein Antrieb, die flüchtige Zeit zu genießen.“