20.4.2018

Emanzipation vom eigenen Stolz

 

Immer wieder interessant: Die Beschäftigung mit den Klugen von dazumal, zum Beispiel mit Sokrates. Schon damals wollte man gemeinhin solche Leute nicht haben, die selbstver-ständliches Wissen immerzu erschüttern, damit man sich nicht allzu bequem darin einrichten kann. Vielen seiner Mitbürger war er lästig: Sie waren durch ihn bloßgestellt mit ihrem scheinbaren Wissen. Er selbst aber war frei zu sagen: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

 

Aufgrund der Beunruhigung in der Bevölkerung wurde Sokrates, dessen Motivation es war die Menschen für eine gute Lebensführung zu ermahnen, schließlich vor Gericht gestellt. Die unsachliche Anklage: „Sokrates versündigt sich durch Ableugnung der vom Staate anerkannten Götter sowie durch Einführung neuer göttlicher Wesen. Auch vergeht er sich an der Jugend, indem er sie verführt. Der Antrag geht auf Todesstrafe.“ Bevor er durch den Schierlingsbecher aus dem Leben schied, sagte Xanthippe zu ihm: „Du stirbst ungerechter-weise.“ Sokrates‘ fragende Antwort: „Wäre es dir lieber, ich stürbe gerechterweise?“

 

Sokrates‘ Verteidigungsrede in mehreren Kapiteln ist beim Projekt Gutenberg dokumentiert. Die Verleumdungskultur, zumeist betrieben von Seiten jener, die sich leicht und ständig auf den Schlips getreten fühlen, wurde offenbar nie überwunden. Man mag sich fragen, warum es die Menschheit nicht schafft, sich endlich in ihrem oberflächlichen Stolz zu bescheiden und damit zu emanzipieren. Die heute gepflegte maßlose Rücksichtnahme auf ausgesuchte Personengruppen führt ganz sicher nicht dorthin.


14.4.2018

Die Welt vergessen…

 

…und unbeschwert sein, einfach nur mithilfe eines gar lieblich klingenden Glöckchens. In Japan kommt man auf solche bescheidene, dafür umso wirksamere Ideen. Wer am Wochenende sieben Minuten Zeit übrig hat: hier gibt es die kleine Geschichte zum Anhören.


7.4.2018

Frühling als existenzielle Freude

 

Zum Frühling gibt es ein weltbekanntes Gemälde aus der Renaissance: „La Primavera“ von Sandro Botticelli. Es ist eine „Allegorie der erotischen Liebe“, wie man beim Mahagoni Magazin nachlesen kann. „Die höfische Gesellschaft, für die Botticelli dieses Gemälde schuf, begriff ihr Dasein als einen ewigen Frühling“ – was, am Rande bemerkt, einer Parallele zur heutigen Zeit durchaus standhält.

 

Rechts im Bild steht die Nymphe Chloris, die nach ihrer Vermählung mit dem Westwind Zephyr zur Frühlingsgöttin Flora wird; die Einzige im Bild, die ansatzweise lächelt. Denn das Ganze sei kein ausgelassener Tanz mit Juchzen und Springen, sondern „vielmehr eine zutiefst innerliche, geradezu existentielle Freude: Eine, die auch im Genuss von ihrem Gegenteil weiß und in ihrem tiefsten Begriff nicht allein den Überschwang des Augenblicks widergibt, sondern den ganzen Menschen mit seinen Anlagen“ und Möglichkeiten umfasst.

 

Der italische Dichter Ovid ließ Flora Folgendes sagen, während diese Frühlingsrosen aus dem Munde haucht: „Es war Frühling, ich irrte umher: Zephyrus erblickte mich, ich ging weg. Er folgte, ich fliehe, jener war stärker … Stets genieße ich den Frühling, stets ist üppig blühend die Jahres[zeit], die Bäume haben Laub und Nahrung stets der Erdboden.“ Den fruchtbaren Garten „füllte mein Gatte mit edlen Blumen an und sagte: ‚Habe du, o Göttin, die Entscheidung über die Blumen.‘ Oft wollte ich die Farben ordnen und zählen, aber ich konnte [es] nicht: die Menge war größer als die Zahl.“ Quelle

 

Wer sich für die zahlreichen Interpretationen des Gemäldes interessiert: Kunstdirekt.  


6.3.2018

Wenn Toleranz zu Ignoranz führt

 

Das „Psychologie Magazin“ bringt gerade einen Beitrag zur Ignoranz und selektiven Wahrnehmung: Manchmal nimmt „man tatsächlich nur noch bestimmte Dinge wahr“ und muss „auf die anderen buchstäblich mit der Nase gestoßen werden“. Besonders schwierig sei das bei sozialen Sichtweisen. Denn der bequeme Trend mit immer Gleichem konfrontiert zu werden ist „Schonkost für die Seele“. 

 

Der Schwenk in die Zeit nach 1968 zeige, dass „man gegenüber immer mehr Phänomenen, Menschen und Lebensansätzen Offenheit und Toleranz entwickeln sollte“. Das hört sich zwar toll an, aber: „Oft genug haben wir eine Variante derselben gelernt, bei der wir uns selbst vergessen haben und ein Gefühl dafür verloren ging, wann der Bogen überspannt war.“ Man „durfte und sollte“ schimpfen auf alle „reaktionären Spießer“, die nicht mitspielen wollten. Weil: alles Multi und Bunte ist gut. „Dabei übersah man, dass man sich im Zuge der pluralen Begeisterung oft Verhaltenswiesen einkaufte und nun gut finde musste, die man in der eigenen Familie nie und nimmer akzeptiert hätte.“ 

 

Trotzdem wurde alles durchgewunken, um „nur ja nicht intolerant zu wirken, das war kurz vor Rassist oder Nazi“. Es gebe aber eine direkte Linie von Toleranz zu Ignoranz. Denn: „Wer alles gut findet, verliert seine Identität.“ Das betreffe vor allem junge Leute, die noch in der Entwicklung sind und durch diese Art der Bevormundung keinen eigenen Kompass finden. Aber auch insgesamt sei die heutige Offenheit für alles und jedes, auch wenn Sachverhalte im Widerspruch stehen, schwer zu verarbeiten. Dann helfe Ignoranz auch; im Sinne von Selektion, die letztlich zu mehr Ich-Stärke führt. Der Rat des Autors: „So lasst uns denn die Scheuklappen aufsetzen, wenn wir merken, dass es nötig ist, aber gleichzeitig im Hinterkopf behalten, dass wir sie auch wieder ablegen können.“ 

 

Unbedingt ausprobieren: den als „The Monkey Business Illusion“ bekannten Aufmerksamkeitstest zur Ausblendung von Fakten (Dauer: eine Minute und 41 Sekunden). 


3.2.2018

Zwischentöne pflegen

 

Feinsinnigkeit und Kreativität gehen im Zuge der gegenwärtigen Formen des öffentlichen Umgangs miteinander unter; ob das nun beabsichtigt ist oder nicht. Man sollte daher, nicht zuletzt um ein Gegengewicht aufrechtzuerhalten, seine feinen Antennen hegen und pflegen: zum Beispiel mittels Musik, der „uralten emotionalen Signalgeberin“. Vielfältige Vorteile davon stehen in diesem informativen Interview. Wer kreativ sein will, der kann sich auch kurzerhand selbst ein kleines Musikinstrument bauen. Eine Anleitung dazu gibt es hier


20.1.2018

Gegenwärtige Präsenz

 

Mit Blick auf Zukunft und Vergänglichkeit und auch generell wäre es angesagt, wertvolle Momente der Gegenwart ganz bewusst zu erleben. Anregungen dazu bietet zum Beispiel ein japanischer Philosoph im Interview mit dem philosophie Magazin: „Das Bewusstsein für die Vergänglichkeit der Zeit ist vielmehr ein Antrieb, die flüchtige Zeit zu genießen.“