11.1.2019

Wer übernimmt Hohenschönhausen?

 

Konjunkturritter aus der zweiten und dritten Reihe stürzen sich besonders gern drauf: Erfolgreich aus dem Amt gedrängte Personen sind nämlich heute exlex – da darf man sich dann faktenfrei dran abarbeiten und bekommt dafür noch einen Fleißpunkt im Opportunistenzeugnis. Michael Kellner, politischer Bundesgeschäftsführer der Grünen, hat jetzt dem geschassten Direktor der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, ein „falsches Geschichtsverständnis“ angedichtet: „Er steht exemplarisch für eine Haltung, die besagt, die DDR war letztlich so schlimm wie der Nationalsozialismus. Das ist falsch. Es gab bitteres Unrecht in der DDR, aber keinen Holocaust.“ Der bleibende Eindruck beim unbedarften Leser: Knabe habe die Auswüchse in der DDR mit dem Holocaust gleichgesetzt. Eine unverschämte Diffamie.

 

Damit man es nicht vergisst: Der Historiker hat auch seriös arbeitende Kollegen. Etwa Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED-Staat. In einer Buchrezension  schrieb er für Deutsch-landfunkkultur zum Thema: „Es ist das Verdienst von Hubertus Knabe, … im vorliegenden Buch die Akteure und ihr vergangenes und aktuelles Handeln detailliert zu beleuchten und geschichtspolitisch einzuordnen. Obschon der Titel des Buches ‚Die Täter sind unter uns‘ an den Nachkriegsfilm von Wolfgang Staudte ‚Die Mörder sind unter uns‘ erinnern soll, setzt Knabe die beiden Diktaturen keineswegs gleich, wie ihm oft unterstellt wird, sondern er verweist auf die Parallelität des Umgangs mit den Unterdrückern von gestern … die Opfer beider Diktaturen haben Anspruch auf denselben Schutz des Gesetzgebers. In den meisten osteuropäischen Ländern – auch solchen, die unter dem Nationalsozialismus besonders gelitten haben – ist dies längst Realität, nur in Deutschland sind die kommunistisch Verfolgten schutzlos.“ 

 

Kellner von den Grünen scheint das eher wenig bis gar nicht zu beschäftigen. Nach Knabes Weggang biete sich nämlich „die Chance, sich die Geschichte neu anzuschauen“. Bei den üblichen Medien hat er damit einen Stein im Brett. Ganz ähnlich hieß es Mitte Dezember in der Zeit: „Hubertus Knabe leitet nicht mehr die Stasi-Gedenkstätte – das ist eine Chance für einen neuen Blick auf die DDR.“ Rund fünf Wochen zuvor konnte man in selbiger Wochenzeitung Genaueres über diese neue Perspektive erfahren. Unter dem Titel „Erich währt am längsten“ wird für „einen lässigeren Blick“ auf die DDR geworben. Ob übrigens der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der durch die Autorin beider Zeit-Artikel, Jana Hensel, „als ein Protagonist der Aufarbeitungsszene“ zu Wort kommen durfte, nach diesem überregionalen medialen Push-up greifbare Chancen auf seinen angestrebten Posten hat, wird sich bald zeigen. In der marxistischen Jungen Welt las man dazu Ende Oktober

 

„Hubertus Knabe ist weg. Das heißt auch: In der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen ist ein Posten frei. Das erste Bewerbungsschreiben ist eingegangen und am Dienstag im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht worden. Abgeschickt hat es der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk.“ Der wolle „Grautöne“ in der Aufarbeitung. Verbalisiert: „Die SED und gerne auch die ganzen ‚Mitläufer‘ gehören mit in die Pfanne gehauen. Es sei eine ‚schreiende Ungerechtig-keit‘, schreibt Kowalczuk in der SZ, dass ‚eine Institution, das Ministerium für Staatssicherheit, zum Beelzebub erklärt wurde‘.“ Knabe habe „geschichtspädagogische Überwältigungsstrategie“ betrieben. „Eine Folge: ‚Chemnitz‘. Faschoaufmärsche in Sachsen, weil bisher nicht richtig ‚aufgearbeitet‘ wurde? Hier will jemand nach oben.“ Jou, so oder so ähnlich wird's wohl laufen.

 

Bis zur Neubesetzung ist Jörg Arndt der Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.

 

Nachtrag vom 15.1.: "FDP-Antrag für U-Ausschuss zu Knabe könnte CDU spalten"

 

Nachtrag vom 16.1.: Bei Achgut erschien eine Gegenrede zu meinem Beitrag. Vorerst festzu-halten bleiben zwei Dinge: Erstens die Frage: Weshalb sollte – laut Kowalczuk – „die Krise in Hohenschönhausen Anlass sein für eine Neuorientierung in der Aufarbeitungslandschaft“, obwohl die Gedenkstätte eine „Erfolgsgeschichte“ verzeichnete, auch Besucher aus dem Ausland anzog und letzten April den „fünfmillionsten Besucher“ empfing? Zweitens: Die DDR-Bürgerrechtsbewegung war und ist keineswegs homogen. Dass hier auch welche aus diversen Motiven heraus über Bande spielen, selbst wenn sie ansonsten sehr gut im Beruf sind, mag in manchen Fällen überraschend sein. Ähnlich scheint es Unionsfraktions-Vize Arnold Vaatz gegangen zu sein (s. die siebte Antwort im Interview). Wie auch immer: Der Lauf der Dinge wird zeigen, wer mit seiner Einschätzung näher an der Realität gelegen ist. Es wird nachberichtet.

(Der Begriff "Konjunkturritter" bezog sich übrigens erkennbar auf den grünen Geschäftsführer.)