23.4.2019

Google und der deutsche Größenwahn

 

Kaum ist die EU-Urheberrechtsreform samt Leistungsschutzrecht (LSR) für Presseverleger durchgepresst, liest man jetzt: „Für die Nutzung von digitalen Presseerzeugnissen solle Google rückwirkend 1,24 Milliarden Euro zahlen.“ (!) Fordern tut das die Verwertungsgesellschaft VG Media, die nach Annahme der Reform von einem „guten Tag für die Freiheit und Demokratie in der Europäischen Union“ sprach – trotz massenhafter Proteste vornehmlich junger Leute auf den Straßen in ganz Europa. Zukünftig soll Google für die Textanreißer im Internet, die Leser erst auf die Seiten der Zeitungen führen und ihnen damit Klick-Erlebnisse bescheren, pauschale Lizenzsummen „zwischen 3,44 Milliarden (2019) und 8,5 Milliarden Euro (2024) pro Jahr“ bezahlen. Der Internetriese hat sich bislang noch nicht dazu geäußert.

 

Die Analyse dazu bei GoogleWatchBlog: „Vor wenigen Tagen wurde die EU-Urheberrechts-reform endgültig beschlossen und wird innerhalb der kommenden zwei Jahre von allen EU-Staaten in Gesetze gegossen werden. Darauf möchten die Verwertungsgesellschaften, die der große Profiteur der gesamten Reform sind, aber nicht warten und haben Google gleich mal eine 9-stellige Rechnung in Milliardenhöhe gesendet. Je nach zukünftiger Auslegung der Gesetze ist Google News in Europa damit wohl endgültig Geschichte … Google wird keinen Cent für Überschriften zahlen.“ In Spanien wurde der Service „Google News“ (nicht die Google-Suche) tatsächlich 2014 eingestellt: als „Konsequenz aus dem neuen Leistungsschutzrecht des Landes“. 

 

Regierungsverantwortliche juckt das im glückseligen Einvernehmen mit den Presseverlegern, die sich erkenntlich bezüglich deren Renommee zeigen, nicht wirklich. Bundesjustizministerin und SPD-EU-Spitzenkandidatin Katarina Barley sagte gar kürzlich ins Mikro, man müsse „wohl darüber nachdenken, Google zu zerschlagen“. Man darf gespannt sein, wie Arnd Haller, der dienstälteste Jurist bei Google in Europa mit Sitz in Hamburg, daraufhin agieren wird. Ende März twitterte er: „Frage des Moderators an die 150 Juristen bei #akit19: Wer findet die UrhRReform im Kern richtig? Antwort: Niemand. Nicht ein Arm oben. Keiner. Auch kein Verlagsjuristenarm. #art13 #art11.“ Und Anfang April: „Arnd Haller hat Golem.de retweetet #golem beleuchtet kenntnisreich die zahlreichen #fakenews, Halbwahrheiten, Irreführungen, Verzerrungen und propagandistischen Beeinflussungen, die gezielt eingesetzt wurden, um ein #LSR einzuführen. Sehr lesenswert. Vor allem: bedenkenswert.“ An dieser Stelle gibt es ein super interessantes Interview mit ihm im Podcast.

 

Der „Fake-News-Algorithmus“ bei Youtube schlug übrigens bei der Live-Übertragung zum Brand der Notre Dame in Paris in den USA und in Südkorea dergestalt an, dass es sich dabei um eine „9-11-Verschwörungstheorie“ gehandelt habe, erfährt man in diesem Video. Das zeige nochmal die unpräzise Arbeit von Uploadfiltern auf, die nach der EU-Urheberrechtsreform gezwungenermaßen großflächig zum Einsatz kommen werden. Ein weiteres Beispiel aus der Praxis: „Kleiner Vorgeschmack auf die Uploadfilter der EU gefällig? Der Uploadfilter des Dokumentenportals Scribd hat nicht weniger als 32 verschiedene Ausfertigungen vom Mueller-Report nach dem Hochladen gelöscht. Der Algorithmus stufte das gemeinfreie Dokument jeweils als urheberrechtlich geschützt ein … Derartige Dokumente aus den USA sind aber allesamt gemeinfrei und unterliegen keinem Copyright.“ 

 

Nachtrag: Medienkrieg eröffnet? "Google weist Milliardenforderungen von Verlegern zurück ... spricht von 'haltlosen Gedankenspielen' ... Obwohl die einschlägige EU-Richtlinie noch nicht einmal im Amtsblatt veröffentlicht und noch lange nicht in nationales Recht umgesetzt sei, solle sie nun bereits angewandt werden, wunderte sich der EU-Abgeordnete Tiemo Wölken (SPD) über die Initiative der VG Media. Er sprach von einem 'interessanten Rechtsverständnis'. In Google-Unternehmenskreisen wird das hinter vorgehaltener Hand so gewertet, dass es der Verwertungsgesellschaft offenbar darum gehe, den Fall ad acta zu legen, bevor es zu einem möglicherweise negativen Urteil für die Verleger komme ... Die VG Media vertritt in dem Fall Verlage wie Axel Springer, Handelsblatt, Funke oder Dumont sowie diverse TV- und Radiosender ... Der Suchmaschinenbetreiber überlegt nun nach Informationen von heise online auch angesichts der Anschuldigungen der VG Media, sich nicht 'rechtskonform' zu verhalten, den Verlegern eine Art Gegenrechnung zu schicken. Diese sollen Hunderte Millionen Klicks über die Suchmaschine erhalten haben, die frei monetarisierbar gewesen seien."

 

Nachtrag vom 25.4.: Tja, da haben einige Zeitungen wohl ein paar Tage gebraucht, um zu verdauen, dass Google nicht einfach so springt, wie VG Media will. Leserkommentare dazu: "Mit Verlaub, wenn ich hier mal schreiben darf, was ich spontan dachte: VG Media hat nicht alle Tassen im Schrank." - "An der Stelle von Google würde ich alle von der VG Media repräsentierten Medien aus dem Index werfen und nur gegen Zahlung einer Gebühr in Höhe vom 10% vom Umsatz und Verzicht auf Forderung einer Gegenleistung wieder aufnehmen." - "VG Media hat die Welt nicht verstanden - Von wegen, Google schadet den Verlegern! Das Gegenteil des Vorwurfs ist der Fall: Google hilft, deren Inhalte zu verbreiten!" Die vorgeblich kapitalismuskritische taz übrigens jammert: "Google lässt Verlage auflaufen."


25.3.2019

Anfrage im Google-Pressebereich

 

Dear Ladies and Gentlemen,

 

tuesday is the final vote on the copyright reform in European Parliament.

 

I first want to inform you about a defamation campaign by some major newspapers in Germany against your subsidiary Youtube. Actually they produce several articles about violent acts on german streets and headline them in a way, that the readers may think, it would be the platform Youtube to blame for this.

 

I didn’t know, that Youtube now is not only responsible for online contents, but also for offline violence by hooligans on german streets. Did you know?

 

I have another question to your team:

 

Will you stop your helpful service „Google News“ in Europe, if the EU parliamentarians vote for the onlineright demanded by the newspaper publishers within the copyright reform?  

 

It would be very nice to inform me about this.

 

Best regards, ...

 

https://www.welt.de/vermischtes/article190763659/Frankfurt-am-Main-Youtuber-rufen-zum-Flashmob-dann-fliegen-Steine.html 

 

https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/steine-fliegen-auf-polizei-gewalt-bei-fan-treffen-von-youtuber-in-frankfurt-16105515.html 

 

https://www.berliner-kurier.de/berlin/polizei-und-justiz/nach-massenpruegelei-am-alex-die-kranke-welt-der-youtube-schlaeger-32258230 

 

https://mein-mmo.de/youtube-beef-berlin/ 

 

https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/wie-videos-auf-youtube-zu-massenschlaegereien-fuehren-koennen-16102887.html