18.2.2019

Dekadente Banalitäten

 

Als Bescheidenheit noch eine Tugend war, wäre es den Leuten wohl selbst peinlich gewesen, ständig Extrawurst zu spielen und Sonderwünsche einzufordern. Heute ist das Volkssport. Zum Beispiel beim Essen. Schon 2014 fragte ein Koch nach dem Grund für den „unfassbar rasanten Anstieg an Lebensmittelunverträglichkeiten“ (Ernstfälle ausgenommen). Aktuell beklagen Gastronomen die „Flut an Sonderwünschen“. Auch in der Schweiz pflegt man „grassierende Gschnäderfräßigkeit“: „Nicht zu vergessen die lieben Freunde, die plötzlich an einer Nahrungs-mittel-Intoleranz leiden. Letzte Weihnachten waren sie noch gesund, jetzt sind sie unverträglich. Laut Statistik sagt heute schon jeder Fünfte in der Schweiz, dass er gewisse Sachen nicht essen könne, ohne gleich eine geschwollene Zunge, geblähte Därme oder brennende Fußsohlen zu bekommen.“ Man muss sich ernsthaft fragen, ob solche Leute, die sich um dekadente Banalitäten anstatt um die zunehmende Gefahrenlage im Land sorgen, überhaupt demokratiefähig sind. 

 

Siehe auch hier, dort, hier, dort, hier, dort oder dort.


28.1.2019

Überrumpelnder Pluralismus

 

Die im Psychologie Magazin vorgestellten Einstellungspole laden dazu ein, sich selbst sowie seine Gesprächspartner respektive das derzeitige politische Umfeld innerpsychisch zu verorten. In der Analyse ist eine Tendenz erkennbar, wer den „regressiven politischen Bewegungen, die im Moment überall stark vertreten sind“, zugerechnet wird. Angesichts der ständigen Produktion von Feindbildern seitens des Mainstream sowohl in innen- wie außenpolitischen Bezügen ist aber ein „Hass“ wohl gerade dort anzunehmen; ebenso mehr Argwohn als Aufrichtigkeit und eine suggerierte Offenheit, die „aber überrumpeln will“. Immerhin wird den Grünen ein überrumpelnder Pluralismus zugeschrieben: „Aus der Vielheit der Stimmen werden nämlich all jene ausgeschlossen, denen das Bunte inzwischen zu bunt geworden ist … Ein häufiger Widerspruch der Pluralisten besteht darin, dass sie in den eigenen Kreisen oft verachten und bekämpfen, was sie zugleich in fremden Kreisen als bunt und interessant bewerten.“ Wie aber soll man sich auf universelle Werte einigen, „wenn der Pluralismus sich dafür stark macht, jede Sichtweise zu würdigen, also auch all jene, die mit einem Universalismus der Werte nun überhaupt nichts anfangen können“? Ein flach interpretierter Pluralismus führe dazu, „dass irgendwie jeder recht hat, was zu einer regelrechten Erosion der Werte führt, die in einem Werterelativismus anfängt, schnell in einen Wertenihilismus einmündet“.


19.1.2019

Darsteller statt Person

 

Sehr eindrücklich, was ein Berliner Schüler über die „gebeugte Jugend in Zeiten der totalen Toleranz“ auf Publicomag schreibt. Zum Beispiel: „Die meisten Deutschen in Kreuzberg sind wahnsinnig bescheuert: antiautoritär erzogen, Leistung ist für sie ein Fremdwort, aber Mami ist sich sicher, dass aus ihnen etwas wird – irgendwas mit Malen oder vielleicht Musik“ oder mit Medien, mag hinzugefügt werden. Man lebt halt in der sich linksliberal wähnenden Wagenburg so vor sich hin, ohne Verbindlichkeit und höheren Sinn; hüpft mal auf der einen oder anderen Demonstration herum, ohne sich eine eigene Haltung zu deren Zweck erarbeitet zu haben; springt auf vorbeifahrende Züge auf, aus denen lustig heraus gewunken wird. Ziel der Fahrt: uninteressant. Es geht nicht mehr darum, Person zu sein, sondern eine Darstellerrolle im Theater zu spielen. Dass dies im Grunde ein Rückschritt in die „altrömische Tradition“ ist, lässt sich aus diesem Vortrag des kürzlich verstorbenen Philosophen Robert Spaemann zum Thema „Was macht Personen zu Personen?“ heraushören. Mit Bezug auf Derek Parfit könnte man übrigens auch ganz bewusst jeden Morgen neu anfangen. Es gebe nämlich „keine Kontinuität der Person über den Schlaf hinaus“: „Schlafende sind keine Personen, und wer aufwacht, ist deshalb nicht dieselbe Person, die zuvor einschlief. Jeder Schlaf beendet die Existenz einer Person.“ Was bleibt sind nur Gedächtnisinhalte der aufwachenden  Person von ihrer Vorgängerin.