7.9.2019

Unterhaltsamer Widerstand

 

Er hat es zwar meinem Geschmack nach übertrieben, prinzipiell aber hinterließ der antike Philosoph Diogenes (404 v. Chr. – 323 v. Chr.) seiner Nachwelt ein unterhaltsames wie effektives Konzept zum Widerstand gegen Autoritätshörigkeit. Gewehrt hat er sich etwa so: „Ein anderes Mal, während jemand eine Rede hielt, soll Diogenes abseits gestanden sein und beharrlich einen gesalzenen Fisch in die Höhe gehalten haben. Als sich immer mehr Menschen von dem Redner ab- und Diogenes zuwandten, meinte dieser, dass es wohl eine belanglose Rede sein müsse, wenn ein Pökelfisch mehr Interesse wecken könne als die gelehrte Philosophie.“ Diogenes war als „Aussteiger aus dem System“ ein Vertreter der kynischen Schule. Er lebte Autarkie auf Minimalstandard und machte sich damit weitgehend unabhängig. Wie es weiter in diesem Erklärvideo heißt, wollten Kyniker ihre Mitmenschen „durch Provokation dazu treiben, nachzudenken“. Sie waren der „Pfahl im Fleisch der Gesellschaft“. Zur Unterscheidung: Der heutige Zyniker kritisiere einfach nur destruktiv und selbstgefällig die bestehenden Verhältnisse, mache alles nieder und platt, ihm fehle aber das autarke Leben. Er mache sich nur lustig, ohne Konsequenzen zu ziehen. Hier gibt’s noch ein ausführlicheres Video zu Diogenes von Sinope.  



29.6.2019

Mentale Emanzipation

 

„Es gibt so große leere Worte, dass man darin ganze Völker gefangen halten kann.“ Zu dem Zitat des Lyrikers Stanislaw Jerzy Lec (1909-1966) im damals stalinistisch geprägten Polen schreibt Tangsworld: „Der Versuch, das Denken der Bevölkerung mit großen Reden und Worthülsen kontrollieren zu wollen, dürfte uns auch heute nicht fremd sein.“ Unübersehbar ist das der Fall. Das Drama hier und heute besteht in der Bereitschaft breiter Bevölkerungsschichten, dieses nicht hilfreiche Agieren hoch dotierter staatlicher Posteninhaber einfach hinzunehmen. Ein Freifahrtschein für die Operationsebene der Heteronomie (Fremdbestimmtheit). Hier steht dazu erläuternd: „Das Vorhandensein der Regel und ihr moralischer Wert werden nicht hinterfragt, sondern hingenommen … Das erklärt, warum viele Menschen und Gesellschaften aufgrund bestimmter Regeln sogar gegen ihre eigenen Interessen handeln können.“ 

 

Die Heranbildung von ureigenen Gewissensentscheidungen, der Autonomie, wird durch erdrückende, täglich eingehämmerte fragwürdige Moralvorgaben der Deutungselite untergraben. Aus pädagogischer Sicht heißt es dort: „Das anhaltende Nicht-Entscheiden-Dürfen bedeutet, dass Autonomie schlicht nicht geübt werden kann. Hinzu kommt, dass selbständig getroffene Entscheidungen von den Erziehenden häufig entweder nicht beachtet oder als mangelhaft beurteilt werden.“ Um also Autonomie schmackhaft zu machen, bedarf es positiver Folgen für entsprechend handelnde Personen. Unglückseligerweise ist es gerade, wie in vormodernen Gesellschaften, ein markantes Symptom der Zeit, jene zu belohnen, die sich der Deutungselite gehorsam unterordnen und mit gesellschaftlicher Ächtung zu bestrafen, wer autonome Regungen zeigt. Der Wesenskern der Menschenrechtserklärung ist komplett gegenläufig. Hier wird vor allem die verantwortungsbewusste individuelle Entfaltung wertgeschätzt. Eine Bewegung, die ganz konkret und nicht ausufernd auf mentale Emanzipation setzt, ist längst überfällig. Auch hierzu gibt Lec den Ansporn: „Merkt es euch, der Preis, den man für die Freiheit zahlen muss, sinkt, wenn die Nachfrage steigt.“ Dort ist ein kurzes Video zum Autor zu sehen.


1.6.2019

Schiller zur geistigen Hygiene

 

Angesichts der dümmlichen Polit-Shows allerorten sollte man sich der geistigen Hygiene wegen ab und zu mit Lyrikern der einstigen Dichter- und Denkerzeit befassen. Friedrich Schiller (1759 – 1805) etwa ermöglicht, „dem Schmach der Materie“ zu entrücken, heißt es in dieser kurzweiligen Vorstellung des  Dramatikers. An dieser Stelle gibt es „Das Lied von der Glocke“ zu hören und dort das klein wenig gemeine Stück „Der Handschuh“ – aus heutiger Sicht eine Spitze auf die emanzipativ rückschrittliche Überheblichkeit narzisstischer „Feministinnen“. Was nicht fehlen darf: Die unterhaltsame Rezension von Marcel Reich-Ranicki (1986) über Schillers „Räuber“. Zur historischen Einordnung des 18. Jahrhunderts steht hier eine Auflistung


27.4.2019

Zur Tragik von Trägheit

 

Wer weiß, wie viele kleine und große Kriege schon ausgebrochen sind allein aus Trägheit heraus, politische oder private, individuelle Strategien zu ändern. Es gibt einige Fachbegriffe, die zu erklären versuchen, warum das „Heraustreten aus dem eigenen Blickwinkel … den meisten Menschen zu anstrengend“ ist, wie es dort zum Umgang mit kognitiven Dissonanzen heißt. Beim Inertia-Effekt, punktgenau auch Trägheitseffekt genannt (von lat. und engl. inertia = Trägheit), rekurriert man auf die „naive Statistik“, die durch „Anpassung von subjektiven Wahrscheinlich-keiten“ zustande kommt, schreibt das Stangl-Lexikon für Psychologie und Pädagogik. Stets geht es um das „psychologische Phänomen, dass einmal getroffene Entscheidungen von Menschen auch gegen widersprechende Informationen weitgehend immun bleiben“. 

 

Eine hoch interessante und auch auf gesellschaftspolitische Vorgänge übertragbare Ausführung gab es 2011 von Professorin Barbara Blum. In ihrem Beitrag zum 35. Strafverteidigertag in Berlin zu möglichen „Auswirkungen der Ermittlungsakte auf die Informationsverarbeitung und die Entscheidungsbildung im Strafverfahren“ kam zum Beispiel das Pappenheimer-Syndrom zur Sprache: „jenes wirkmächtige Gestaltungs- oder Behauptungselement des Vorurteils, das sich über den Verdacht bis ins Urteil erhält.“ Ein Verdacht stützt sich zwar auf Fakten, die aber sind „umgeben von einem Weichbild des Informellen: von Vermutungen, Erfahrungen, Ahnungen, vom Hörensagen, Besserwissen und Immerschongewussthaben ... Schnell entlade sich ‚dieses Gemisch in eine Überzeugung, die (…) schließlich zu einem Urteil‘ führe, ‚bei dem die festgestellten Tatsachen nur rhetorische Folie‘ seien … Das Phänomen des ‚Pappenheimer-Syndroms‘ ist allgegenwärtig und grundsätzlich überall zu finden.“ Vermutlich ahnte die Professorin dazumal nicht, dass diese kriminalpsychologischen Beschreibungen einmal zur Grundlage medialer und öffentlich-rechtlicher Berichterstattung avancieren. 

 

Wissenswert sind Blums Erläuterungen zur „Eindrucksbildung“, zum „Denken in Schemata“ und zum „Einfluss durch sprachliche Codierung“. Im Vortrag wird auch der „Perseveranz- bzw. Inertiaeffekt“ intensiver betrachtet: Im Rahmen struktureller Informationsverarbeitung müsse man mit dem Eintreten eines solchen Effektes rechnen – und zwar bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Richterschaft. Bestimmte Wörter könnten diverse Schlussfolgerungen und Bewertungen eines beschriebenen Verhaltens suggerieren. „Durch das Nutzen bestimmter Wortklassen (z.B. seitens der Polizei in der Ermittlungsakte oder seitens der Staatsanwaltschaft in der Anklage-schrift) können gleiche Sachverhalte entweder ‚verharmlost‘ … oder ‚verbösert‘ … werden.“ Schließlich war beim Strafverteidigertag ebenfalls die „Theorie der kognitiven Dissonanz“ in Diskussion. Was dabei bleibt ist die Leugnung aller „von der ‚Wahrhypothese‘ abweichenden Informationen und Auffassungen“; ein „hypothesengeleitetes Denken“, das zur „systematischen Einengung des kognitiven Feldes“ führt. Lösungsorientiert hieß es, muss zuerst, bevor die Leute gegenargumentativ erreichbar werden, „die Barriere der subjektiven Sicherheit erschüttert werden“. Dafür werden ganz von allein die fahrlässig hingenommenen Verwerfungen führen, die sich über kurz oder länger nicht weiter ignorieren lassen: aktuell etwa die schon in Kinderköpfen verankerte Frauenverachtung oder die neuen Gefahren auf hiesigen Straßen

 

Die Deutsche Gesellschaft für Kriminalistik präsentierte übrigens weitere Differenzierungen zur kognitiven Dissonanztheorie. Demnach stört die „Verarbeitung inkonsistenter Informationen“  das Wohlempfinden und die Erwartung. Es wäre der Tragik ihr Gipfel, wenn der Zusammen-bruch eines durch die europäische Aufklärung gereiften Landes noch nicht mal auf ideologischen Verblendungen beruhte, sondern allein darauf, dass die Bundeskanzlerin eine „Verarbeitung inkonsistenter Informationen“ vermeidet, weil es ihr Wohlbefinden ein wenig stören könnte.  


13.4.2019

Hauptsache: Sozialprestige 

 

Kritische Beobachter reiben sich schon länger verwundert die Augen über das Gebaren von Funktionsträgern aus der Vereins- und Bildungslandschaft, die sich mit den immer selben Parolen der politmedialen Deutungshoheit andienen und damit die Spaltung der Gesellschaft massiv befördern. Aktuell wird das wieder deutlich im „Gemeinsamen Wort der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland“ mit dem Titel „Vertrauen in die Demokratie stärken“. Von Respekt, demokratischer Sittlichkeit sowie von „Regeln des Anstands und der Fairness“ ist darin die Rede. Aber gleichzeitig wird wieder vor dem Erstarken politischer Kräfte gewarnt – man hat unausgesprochen zu wissen, wer damit gemeint ist – und diesen pauschal „autoritäres Denken“ unterstellt oder dass sie etablierte Strukturen angreifen wollten. „Populistische Bewegungen … wenden sich gegen … Bindung an das Recht und an internationale Verträge“ ist geradezu eine Fake New, weil man dort, ganz im Gegenteil, auf die Einhaltung des internationalen Rechts pocht. Gegen eine ähnliche Anschuldigung musste sich im August 2016 sogar der grüne Boris Palmer wehren. Wie nun die Kirchen mit diesen ewig selben plattitüdenartigen Unterstellungen „Gemeinsinn einüben“ wollen bleibt solange rätselhaft, als man davon ausgeht, dass sie das tatsächlich wollen. 

 

Näherliegend erscheint angesichts der politischen Hörigkeit das Streben nach Sozialprestige, um innerpsychische Leerstellen aufzufüllen. Wie es sich heutzutage damit verhält, erläutert gerade das Psychologie Magazin: Weil universelle Statussymbole verschwinden, klotzt und protzt man jetzt mit kulturellem, anstatt mit materiellem Kapital. „Wichtiger als eine teure Marke zu tragen, sind bestimmte Stil- und Wertvorstellungen.“ Auch das Auto ist für viele eher „peinlich und antiquiert“, wenn es als Statussymbol herhalten soll. Einer mit „dickem Schlitten“ werde schon mal als „Drecksack“ identifiziert. Je nach Community. Denn Lebensansätze variieren inzwischen stark. „Ansehen gibt es nur noch in und von der eigenen Community.“ Deswegen wird „unklar, wer eigentlich unten und wer oben“ oder wer Vorbild ist. Was zählt ist „auffallen, koste es, was es wolle“. Vielfach nach der Devise: „Sein, statt Haben.“ Wo es aber nur noch darum geht, „in allen Welten eine gute Figur zu machen, um bewundert zu werden, sein Ansehen zu steigern“, wo Ansehen letztlich zur Quantität wird, scheinen die „doch noch alle verbindenden Werte immer seltener zu werden“. Eigentlich ein original kirchliches Widerstandsthema. 


30.3.2019

„Je stumpfer die Zeit, umso mächtiger die Presse“

 

Kleiner Trost fürs Wochenende: Søren Kierkegaard (1813 – 1855) hatte Mitleid „mit jedem Einzelnen, der sich gegen diese Masse stellt“ und damit ein „Martyrium“ auf sich nimmt. Die gemeinte Masse ist das „anonyme Phantom, das sich keiner Verantwortung zu stellen hat“; vor-nehmlich erzeugt von Meinungsmachern: „Die Presse trägt letztlich dazu bei, die Einzelnen in der Gesellschaft zum Herdenvieh zu machen.“ Es drohe eine „Diktatur des man“ – man denkt, man redet, man meint…, die individuelle Besonderheit nivelliert und den einen zum „Abklatsch“ des anderen macht. „Keiner wagt, er selbst zu sein. Keiner wagt, aus der Reihe zu tanzen.“ Eine Biografin: „Ein solcher Mensch wagt niemals, etwas zuerst zu tun. Er schaut erst umher, bis er sieht, wie die Anderen es machen.“ Weil das Publikum als Masse die gefährlichste aller Mächte ist, setzte der Philosoph als „Korrektiv zu dieser Massengesellschaft“ die konkrete Existenz des Einzelnen als Schwerpunkt seiner Philosophie... Die sehenswerte Doku steht dort im Netz.

 

Bei Interesse siehe auch „Kierkegaard: Selbstdenkende Subjektivitäten“ – Beitrag vom 5.5.2013.

 

Ein wichtiger Leserhinweis bezieht sich auf John Stuart Mill: "On Liberty / Über die Freiheit": 

"Gleich anderen Tyranneien wurde anfangs – und im Allgemeinen heute noch – die Tyrannei der Mehrheit hauptsächlich insofern gefürchtet, als sie sich der behördlichen Maßnahmen bediente. Aber nachdenkliche Leute bemerkten, dass, wenn die Gesellschaft selbst der Tyrann ist – die Gesellschaft als Gesamtheit der Einzelwesen, die sie zu sammensetzen, genommen –, die Mittel der Tyrannei nicht auf die Maßnahmen beschränkt sind, die sie mit Hilfe ihrer politischen Beauftragten verwirklichen kann. Die Gesellschaft kann ihre eigenen Erlasse ausführen und tut es auch; und wenn sie unvernünftige Befehle statt richtiger erlässt oder sich überhaupt in Dinge mischt, die sie nichts angehen, dann übt sie eine soziale Tyrannei aus, fürchterlicher als viele andere Arten politischer Bedrückung. Denn obwohl sie gewöhnlich durch so strenge Strafen nicht aufrechterhalten wird, lässt sie doch weniger Möglichkeiten zu entwischen, da sie viel tiefer in das private Leben eindringt und die Seele selbst versklavt. Schutz gegen die Tyrannei der Behörde ist daher nicht genug, es braucht auch Schutz gegen die Tyrannei des vorherrschenden Meinens und Empfindens, gegen die Tendenz der Gesellschaft, durch andere Mittel als zivile Strafen ihre eigenen Ideen und Praktiken als Lebensregeln denen aufzuerlegen, die eine abweichende Meinung haben, die Entwicklung in Fesseln zu schlagen, wenn möglich die Bildung jeder Individualität, die nicht mit ihrem eigenen Kurs harmoniert, zu verhindern und alle Charaktere zu zwingen, sich nach ihrem eigenen Modell zu formen. Es gibt eine Grenze für die rechtmäßige Einmischung öffentlicher Meinung in die persönliche Unabhängigkeit, und diese Grenze zu finden und gegen Übergriffe zu schützen, ist für eine gute Verfassung der menschlichen Angelegenheiten ebenso unerlässlich wie Schutz gegen politische Willkür."



18.2.2019

Dekadente Banalitäten

 

Als Bescheidenheit noch eine Tugend war, wäre es den Leuten wohl selbst peinlich gewesen, ständig Extrawurst zu spielen und Sonderwünsche einzufordern. Heute ist das Volkssport. Zum Beispiel beim Essen. Schon 2014 fragte ein Koch nach dem Grund für den „unfassbar rasanten Anstieg an Lebensmittelunverträglichkeiten“ (Ernstfälle ausgenommen). Aktuell beklagen Gastronomen die „Flut an Sonderwünschen“. Auch in der Schweiz pflegt man „grassierende Gschnäderfräßigkeit“: „Nicht zu vergessen die lieben Freunde, die plötzlich an einer Nahrungs-mittel-Intoleranz leiden. Letzte Weihnachten waren sie noch gesund, jetzt sind sie unverträglich. Laut Statistik sagt heute schon jeder Fünfte in der Schweiz, dass er gewisse Sachen nicht essen könne, ohne gleich eine geschwollene Zunge, geblähte Därme oder brennende Fußsohlen zu bekommen.“ Man muss sich ernsthaft fragen, ob solche Leute, die sich um dekadente Banalitäten anstatt um die zunehmende Gefahrenlage im Land sorgen, überhaupt demokratiefähig sind. 

 

Siehe auch hier, dort, hier, dort, hier, dort oder dort.


28.1.2019

Überrumpelnder Pluralismus

 

Die im Psychologie Magazin vorgestellten Einstellungspole laden dazu ein, sich selbst sowie seine Gesprächspartner respektive das derzeitige politische Umfeld innerpsychisch zu verorten. In der Analyse ist eine Tendenz erkennbar, wer den „regressiven politischen Bewegungen, die im Moment überall stark vertreten sind“, zugerechnet wird. Angesichts der ständigen Produktion von Feindbildern seitens des Mainstream sowohl in innen- wie außenpolitischen Bezügen ist aber ein „Hass“ wohl gerade dort anzunehmen; ebenso mehr Argwohn als Aufrichtigkeit und eine suggerierte Offenheit, die „aber überrumpeln will“. Immerhin wird den Grünen ein überrumpelnder Pluralismus zugeschrieben: „Aus der Vielheit der Stimmen werden nämlich all jene ausgeschlossen, denen das Bunte inzwischen zu bunt geworden ist … Ein häufiger Widerspruch der Pluralisten besteht darin, dass sie in den eigenen Kreisen oft verachten und bekämpfen, was sie zugleich in fremden Kreisen als bunt und interessant bewerten.“ Wie aber soll man sich auf universelle Werte einigen, „wenn der Pluralismus sich dafür stark macht, jede Sichtweise zu würdigen, also auch all jene, die mit einem Universalismus der Werte nun überhaupt nichts anfangen können“? Ein flach interpretierter Pluralismus führe dazu, „dass irgendwie jeder recht hat, was zu einer regelrechten Erosion der Werte führt, die in einem Werterelativismus anfängt, schnell in einen Wertenihilismus einmündet“.


19.1.2019

Darsteller statt Person

 

Sehr eindrücklich, was ein Berliner Schüler über die „gebeugte Jugend in Zeiten der totalen Toleranz“ auf Publicomag schreibt. Zum Beispiel: „Die meisten Deutschen in Kreuzberg sind wahnsinnig bescheuert: antiautoritär erzogen, Leistung ist für sie ein Fremdwort, aber Mami ist sich sicher, dass aus ihnen etwas wird – irgendwas mit Malen oder vielleicht Musik“ oder mit Medien, mag hinzugefügt werden. Man lebt halt in der sich linksliberal wähnenden Wagenburg so vor sich hin, ohne Verbindlichkeit und höheren Sinn; hüpft mal auf der einen oder anderen Demonstration herum, ohne sich eine eigene Haltung zu deren Zweck erarbeitet zu haben; springt auf vorbeifahrende Züge auf, aus denen lustig heraus gewunken wird. Ziel der Fahrt: uninteressant. Es geht nicht mehr darum, Person zu sein, sondern eine Darstellerrolle im Theater zu spielen. Dass dies im Grunde ein Rückschritt in die „altrömische Tradition“ ist, lässt sich aus diesem Vortrag des kürzlich verstorbenen Philosophen Robert Spaemann zum Thema „Was macht Personen zu Personen?“ heraushören. Mit Bezug auf Derek Parfit könnte man übrigens auch ganz bewusst jeden Morgen neu anfangen. Es gebe nämlich „keine Kontinuität der Person über den Schlaf hinaus“: „Schlafende sind keine Personen, und wer aufwacht, ist deshalb nicht dieselbe Person, die zuvor einschlief. Jeder Schlaf beendet die Existenz einer Person.“ Was bleibt sind nur Gedächtnisinhalte der aufwachenden  Person von ihrer Vorgängerin.