31.8.2019

Beobachtungen zum Kampf der Eliten…

 

…mit ihren „sozialen Codes“ sowie zur „Gesellschaft der Singularitäten“ lieferte kürzlich das Psychologie Magazin. Es gibt ganz sicher einige Leute, die sich über die Analyse streckenweise ärgern. Selbige Leute werden aber an anderen entlarvenden Stellen wieder befriedet. Sie werden sich dann beim Weiterlesen erneut ärgern, später aber erneut befriedet sein. Wer bis zum Schluss durchhält, der hat, mit ein wenig gutem Willen, ein Stückchen gesunde Distanz zur eigenen Filterblase hinzugewonnen. Eine der Folgerungen sei vorweggenommen: „Man weiß nicht, wie der Kampf der Eliten ausgehen wird.“ Traditionalisten und Kosmopoliten seien etwa gleich stark, „alle haben gute Argumente, aber auch ihre schwachen Seiten“. Hier geht's zum Artikel


20.7.2019

Kulturdimensionen als Orientierung

 

In den Niederlanden hat seit Ende der 1960er Jahre der Professor für Organisationsanthropologie Geert Hofstede (geb. 1928) Zusammenhänge zwischen nationalen Kulturen analysiert und eine Art Vergleichsinstrument dazu entwickelt. Im Ergebnis ermittelte er sechs Kulturdimensionen, die hier gelistet sind. Die Ausarbeitung bietet eine Orientierung dafür, wie sich nationale Kulturen verändern. Zur Kulturdimension „Machtdistanz“ etwa stellte Hofstede damals fest, dass in Deutschland eine ungleiche Machtverteilung (mit hohem Hierachiegefälle) weniger geduldet wird, als in südamerikanischen oder asiatischen Ländern. Ob das heute noch zutrifft? Eindeutig geändert haben sich die Kulturdimensionen „Maskulinität / Femininität“ und „Unsicherheits-vermeidung“. Damals hieß es: Deutschland und Großbritannien seien stärker maskulin als Schweden oder Dänemark. Man vergleiche hierzu dieses aktuelle Foto. Deutschland sei zudem eine Gesellschaft mit hoher Unsicherheitsvermeidung; heißt, Unbekanntes wird mithilfe von Analysen und Plänen vorhersehbar und kontrollierbar gemacht. „Ordnung und Recht stehen im Vordergrund, ebenso existiert eine hohe Regelorientierung.“ Wäre die Lage nicht ernst, könnte man angesichts der fahrlässigen „Zuwanderungspolitik“ geradezu laut herauslachen. 

 

Bezüglich der Kulturdimension „Individualismus / Kollektivismus“ tendiert die deutsche Gesellschaft inzwischen Richtung Russland, China und arabische Länder. Im vorigen Jahrhundert jedenfalls kennzeichnete Hofstede Deutschland mit einem Wert von 67 als Kultur, „in der das Individuum weit wichtiger zu sein scheint als der Gedanke an die Gruppe und das Kollektiv“, wie diese kritische Ausführung darstellt. Vergegenwärtigt man sich nicht zuletzt das öffentlich-rechtliche wie pädagogische Trimmen auf zulässige Einheitsmeinung, dann ist auch dieser Wert nicht mehr haltbar. Merkmale dieser Kulturdimension sind in kollektivistisch geprägten Gesellschaften: Kinder lernen, in der Wir-Form zu denken; Beziehung genießt Priorität vor der Aufgabe; Erziehungs- und Bildungsziel ist, zu lernen, wie man etwas macht; das Privatleben wird von der Gruppe beherrscht; Harmonie und Einigkeit in der Gesellschaft sind angestrebte Endziele. Individualistisch geprägte Gesellschaften sind hingegen charakterisiert wie folgt: Kinder lernen, in der Ich-Form zu denken; die Aufgabe genießt Priorität vor der Beziehung; Erziehungs- und Bildungsziel ist, zu lernen, wie man lernt; jeder hat das Recht auf eine Privatsphäre; individuelle Selbstverwirklichung ist ein angestrebtes Endziel.

 

Hier ist ein Interview mit Hofstede zu sehen. Die angestrengt konstruiert wirkende Kritik an seiner Arbeit kommt übrigens vornehmlich aus solchen Ecken, wo man üblicherweise schon bei Vernehmung des Begriffs „nationale Kulturen“ Zickzack im Quarree springt. Dass der Anthropo-loge Individuen die Einzigartigkeit abgesprochen hätte ist nur dann nachvollziehbar, wenn man ihm schon die Wahl der Aufgabe vorwirft, eine kulturvergleichende Orientierung zu bieten. 


18.6.2019

Deutschland: ein sonniger Blumengarten

 

Aha, es stehen also bald „Umwälzungen“ an. Das erfahren Leser dieser „Vermächtnis-Studie“ von „Die Zeit“, „infas“ und „WZB“, wenn sie sich bis Seite 14 vorarbeiten. Rudi Novotny schreibt dort über „Die sonderbare Gelassenheit der Deutschen“. Befragt wurden 2.070 Bürger. Die „zufriedenen Bewohner“ im „gelobten Land“ wüssten das mit den Umwälzungen. „Doch sie haben keine Angst, sie sind bereit für das Neue.“ Der Autor ist überrascht. Denn medial wird doch ständig was von Fremdenangst und verrohtem Umgang vermittelt. Aber die Studie zeigt: „AfD, Trump, Brexit, Flüchtlingskrise – die vergangenen drei Jahre mögen die Welt erschüttert haben. Aber nicht die Deutschen.“ Der erste Widerspruch im Text: „Gefragt, wo sie sich in zehn Jahren sehen, sagen über 90 Prozent: Da, wo ich heute stehe.“ Trotz baldiger Umwälzungen? 

 

„Sonne“, „Gesundheit“ und „Blumengarten“ charakterisieren das Leben der Befragten. Heimat ist selbstredend „kein Grenzzaun“. „Eine gemeinsame Religion spielt die geringste Rolle. Hätte die Heimat, wie sie in der Vermächtnis-Studie erscheint, eine Hymne, es wäre Lennons Imagine. Die Idylle ist also nicht zu klein zum Teilen.“ Interessante, im Einzelfall „sogar wichtige“ Fragen nach der Integrierbarkeit junger Männer aus „archaischen Gesellschaften“, seien „leider die falschen für dieses Land“. Die Vermächtnis-Studie fordere nämlich die Politik auf, sich vor allem um das „Wir-Gefühl“ zu kümmern – 85 % wünschten sich noch mehr davon. Obwohl nur ein Viertel der Befragten „viel Vertrauen in die Mitmenschen“ hat? Und obschon die Politik der letzten Jahre aus kaum was anderem besteht als aus Emotionalisierung?

 

Die irrwitzigen Schlussfolgerungen gipfeln schließlich in einer anarchokommunistischen Note: Infolge des Totalversagens bei der Digitalisierung sei festzustellen: „Die Deutschen haben sich emanzipiert. Von den Eliten in Politik und Wirtschaft, von deren Versprechungen. Sie glauben an sich. Aber nicht mehr an ihre Institutionen.“ Was Demokraten Sorge bereiten würde,  erkennt der Autor als „Idylle“, welche politisch Verantwortliche zu bewahren hätten. Ein kleiner Scherzkeks am Schluss: „Der erste Schritt dazu ist diese ungeschönte Bestandsaufnahme.“    


8.6.2019

Personenkult als diktatorisches Symptom

 

Vor 30 Jahren pflegte der Spiegel noch eine gesunde Distanz zum Personenkult, wie eine diesbezügliche Recherche zufällig hervorbrachte. Anno 1986 erschien dort ein Report über den rumänischen „roten Monarchen“, Staatschef Nicolae Ceausescu und sein Land. Mit Julius Cäsar, Alexander dem Großen und Napoleon wurde der machtbesessene Kommunist gleichgesetzt. Die Parteipresse verklärte ihn stets als den Klügsten und Weitsichtigsten. „Maler zeichnen ihn göttergleich vom Himmel herabsteigend, vor leuchtenden Horizonten, ein Messias. Zahllose Künstler haben ihm gehuldigt, haben die Zeugnisse ihrer Verehrung schwülstig auf Papier und Leinwand gebracht.“ Aus dem preisgekrönten Sonett eines Hofdichters: „Ich fühle mich hingerissen, ihn zu preisen und ihm die Schläfen zu küssen.“ 

 

Dieser Personenkult – jeder souveräne Regierungschef würde sich so was verbitten – sei „weit bizarrer als der Götzendienst, der Hitler, Stalin oder Mao je entgegengebracht wurde“; lediglich übertrumpft vom Nordkoreaner Kim Il Sung. Sein Herrschaftsstil orientiere sich „am Hofzere-moniell ägyptischer Gottkönige“. Viele Staatsbesuche hat er gemacht. Er fühlte sich nämlich „in der weiten Welt“ besser als daheim, wo die Bürger größte Opfer und Entbehrungen darbringen. Mit seiner eigenwilligen Außenpolitik habe Ceausescu Moskau getrotzt, erhielt aber gleichzeitig – kommunistisch vorbildlich – „das moskowitische System der Gulag-Zeit“ unverfälscht. Der autoritäre Staatsapparat hielt die „allmächtige Geheimpolizei“ an zum Bespitzeln jedes Andersdenkenden. Selbst Vorsitzende gesellschaftlicher Organisationen sind mit der Partei verflochten. „Bukarester Intellektuelle, die noch nicht restlos resigniert haben, versuchen das Phänomen der unangefochtenen Ceausescu-Herrschaft mit dem Volkscharakter zu erklären.“ Das einfache Volk passe sich eher an, als zu revoltieren. Hinzu kommt die Bindung der Bürger an ihn, indem er sie mit dem „Bewusstsein einer unverwechselbaren historischen Identität“ lockte.

 

Ceausescus Ehefrau Elena mischte kräftig mit in der politischen Familiendynastie. Die Trägerin des Titels „Dr. der makromolekularen Chemie“ galt im Land offiziell als „liebende Mutter der Nation“ und „Gelehrte von Weltruhm“, lässt sich bei Wikipedia nachlesen. Ihr Bild prangte auf Porzellantellern und Medaillen. Die provozierten Bürger sowie Funktionäre der Staatspolizei hatten trotzdem irgendwann die Nasen voll bis oben hin. Während der rumänischen Revolution wurde das Diktatorenpaar durch ein militärisches Sondergericht im Schnellverfahren am 25. Dezember 1989 zum Tode verurteilt und am selben Tag erschossen. Ceausescu habe noch „Tod den Verrätern, die Geschichte wird uns rächen“ gerufen und die Internationale gesungen. Ein gutes Jahr zuvor lobhudelte SED-Chef Erich Honecker den „werten Genossen“ Ceausescu und überreichte ihm den „Karl-Marx-Orden“ für seine ablehnende Haltung zur sowjetischen Peres-troika. Überhaupt sind punktuelle Parallelen zur aktuellen Zeit bestimmt rein zufälliger Natur.


18.4.2019

Kulturelle Legitimitäten

 

Diese Tage eignen sich für die Entlarvung der pseudogebildeten Kulturbanausen, die seit einigen Jahren in Presse und GEZ-Medien ihr unseliges Unwesen treiben dürfen. Es geht um die Disqualifikation tradierter Werte – natürlich nur jener der bösen Europäer. Die angestrengt konstruierten Gedankengänge dazu lassen sich beispielhaft beim Deutschlandfunk nachlesen.

 

Abwertung des Eigenen  

 

Ein „Vertretungsprofessor für Kunstwissenschaft“ schreibt über den „Mythos von der kulturellen Identität“ als der „Schaffung homogener Gebilde“ (Igitt!). Sogleich wird, logisch keineswegs zwingend, der Sprung zum „Nationalstolz“ vollzogen, der „rechtem Extremismus den Boden“ bereite. Und deshalb sei „der Mythos von der kulturellen Identität“ die „hässliche Fratze der Aufklärung“. Weitere Unterstellungen werden gesetzt; ohne Beleg, dass dies jemand in jüngster Zeit gefordert hat. Etwa: „Integration gelingt, wenn sich Fremde durch Assimilation als Fremde unkenntlich machen.“ Wer hat wann gefordert, dass sich Fremde unkenntlich machen sollen?  

 

Spätestens nach der Frage „Warum soll gerade Kunst von nationaler Bedeutung sein?“ könnten Leser ins Zweifeln geraten, ob Leute von solcher Verfasstheit überhaupt ansatzweise in der Lage sind, die Trauer über den Verlust der Pariser Notre-Dame nachzuempfinden und zu respektieren. Noch weniger spricht dafür nach Lektüre dieser Formulierung: „Die Idee, ein Kulturgut trüge die DNA eines Landes in sich, weil es Wesentliches von dem verkörpere, was das Land im Innersten zusammenhält, ist entweder eine erkenntnistheoretische Naivität – oder aber Ausdruck nationalistischen Denkens.“ Es geht noch einfallsreicher im Aufdrücken unverschämter Stempel: „Wertemonotheisten“ nämlich strebten letztlich „nach einer totalitären Gesellschaft … Die Einverleibung von Werten in den kollektiven Volkskörper ist ein Mittel des Rassismus.“ Und in der „Homogenität des Eigenen“ tue man so, „als gebe es weder Sexismus noch Kriminalität“ in der eigenen Gesellschaft. Wer hat das je geleugnet? 

 

Es grenzt an ein Wunder, dass selbiger Autor aus theologischem Aspekt genau richtig liegt: „Durch ihre Anpassung an den modernen Zeitgeist verspielt sie (die Katholische Kirche) ihr theologisches Zentrum. Sie verliert an Konturschärfe, wird beliebig und letztlich austauschbar. Die hässliche Fratze der modernen Gesellschaft offenbart sich nicht in den Institutionen des Glaubens.“ Es gebe Gründe, Glauben als Teil der Vernunft anzuerkennen. „Es ist ein ebenso alter wie hartnäckiger Irrtum zu meinen, Glaube und Vernunft schlössen einander aus. Das Gegenteil ist der Fall: Nur, wer an etwas glaubt, vermag der Vernunft einen Sinn zu verleihen … absolute Vernunft führt ebenso in die Katastrophe wie der ausschließliche Glaube im Terror endet.“

 

Wertschätzung kultureller Mehrheit

 

Vor zwei Jahren stach, im Gegensatz zum Kulturbanausentum, ein Beitrag in der Zeit hervor; gegen die „Verhöhnung“ der „westlichen Mehrheitskulturen“: Ernst genommen sei die UN-Erklärung über die Rechte von Minderheiten nämlich nur, wenn „kulturelle Mehrheiten ein solches Recht ebenfalls genießen“. Zudem befinde man sich nicht mehr „vor dem Zweiten Weltkrieg, als unbeschränkte nationale Souveränität nationalen Mehrheiten die Dominanz ihrer Kultur und Identität garantierte“. Unter dem heutigen Paradigma aber werde von Nationalstaaten erwartet, „sich universalistischen Prinzipien zu unterwerfen und nicht länger eine spezifische Kultur zu reflektieren“. Ein weiteres Argument: „Das Fehlen einer legitimen Grundlage für kulturelle Forderungen der Mehrheit vergiftet und polarisiert die öffentliche Debatte.“ Wenn sich kulturelle Mehrheiten bei Wahlen durchsetzen, gelte das gleich als „verdächtig und populistisch“, während man „Forderungen von Minderheiten als legitime Äußerungen eines Verlangens nach Erhalt der eigenen Kultur“ zugesteht. Die Lage berge das Risiko einer Radikalisierung: „Wenn aber jeder Versuch, nationale Traditionen zu verteidigen, auf den Vorwurf von Rassismus oder Populismus stößt, gibt es keine Möglichkeit, zwischen normativ legitimen und illegitimen Mehrheitsforderungen zu unterscheiden. Wo kulturelle Mehrheiten für ihre Forderungen keine Anerkennung finden“, neigten sie tatsächlich zu Populismus.  

 

Bezogen auf den UN-Bericht zu Minderheitenrechten bleibt festzuhalten: „Für kulturelle Mehrheiten gilt ebenso wie für Minderheiten, dass ihre Mitglieder ‚bestimmte ethnische, religiöse oder linguistische Merkmale besitzen, die sich vom Rest der Bevölkerung unterscheiden und die [...] von einer empfundenen Solidarität zeugen, die darauf gerichtet ist, ihre Kultur, Traditionen, Religion oder Sprache zu erhalten‘.“ Das gleiche gilt, in Referenz auf den UN-Bericht zu den Rechten eingeborener Völker, dass sie gesonnen sind, ihre „ethnische Identität zu schützen, zu entwickeln und an zukünftige Generationen weiterzugeben als Grundlage für ihre weitere Existenz als Völker in Übereinstimmung mit ihren eigenen kulturellen Mustern, sozialen Institutionen und ihrem eigenen Rechtssystem“. Der Professor für Migrationsforschung konstatiert schließlich: „Zugewanderte Minderheitsgruppen haben nach Kymlicka ihr Recht, innerhalb ihrer eigenen gesellschaftlichen Kultur zu leben, freiwillig aufgegeben.“ In der Praxis bedeute das etwa zur Pausensprache auf Schulhöfen, „dass der Wunsch einer Elternmehrheit, dass diese Sprache Deutsch sein solle, schwerer wiegt als das Argument türkischer Organisationen, dass dadurch ihre Sprache diskriminiert werde“. Zwei weitere Beispiele: „Ähnlich folgt aus der Tatsache, dass wir in Europa christliche Feiertage feiern, nicht automatisch, dass auch zugewanderte religiöse Minderheiten das Recht bekommen sollten, ihre Festtage als öffentliche Feiertage anerkannt zu bekommen. Auch ist es nicht von vornherein illegitim, öffentliche Äußerungen der Religiosität zugewanderter Gruppen (wie die Burka) einzuschränken, wenn die Mehrheit sie als unvereinbar mit ihren Kernwerten betrachtet – insbesondere in Institutionen wie Schulen und Gerichten.“

 

Als Leser mag man sich schließlich fragen, wie es überhaupt möglich wurde, dass die Absprache der moralischen Legitimität der Mehrheitsgruppe öffentliche Relevanz genießt. Denn: „Gewisse Ansprüche kultureller Mehrheiten als legitim anzuerkennen würde der sozialen Realität und dem intuitiven Rechtsgefühl der meisten Menschen besser gerecht werden.“ Leserbriefe zum Artikel: „Es überrascht, auch solche Texte in der Zeit zu lesen. Leider ist es aber so, dass gerade die Linke in Deutschland keine kulturell berechtigten Interessen der Mehrheit kennt, wähnt man doch im Durchschnittsdeutschen wenn nicht gleich den ewigen Nazi so doch mindestens einen verblödeten und latent rassistischen Dummkopf, der ins Umerziehungslager muss.“ – „Respekt! Hier wird sicher der Daumen in eine Wunde gelegt, die große Teile unserer Gesellschaft schmerzt. Das darf nun nicht zu vorschnellem Applaus von der einen oder anderen Seite führen: Das Grundgesetz reicht als normative Kraft vollkommen aus: Minderheiten genießen Schutz, Mehrheiten aber gleichermaßen.“ – „Endlich mal ein Beitrag, in dem über das Spannungsfeld zwischen Minderheitenschutz und Mehrheitsrechten auf eine vernünftige Weise geredet wird. Dass Mehrheiten keine berechtigten Interessen haben können, leuchtet mir nicht ein. Darüber reden zu wollen, sollte noch keinen Nazi Verdacht hervorrufen.“ Das Grundgesetz helfe allerdings nicht, wenn es um das gesellschaftliche Klima geht. Im 18. Jahrhundert war übrigens die Sprache zum Thema erfrischend klar und eindeutig: „Kultur beruht nicht auf der Nachahmung fremder Regeln, sondern auf der Entfaltung der eigenen Art.“ (Justus Möser, 1720 – 1794, deutscher Jurist, Staatsmann, Literat und Historiker)


7.3.2019

Entsorgung der Älteren via Diversity

 

Einer der „bestbezahlten und angesehensten Spitzenleute“ der Schweizer Wirtschaft, nämlich Swiss Re-Chef Christian Mumenthaler aus der Rückversicherer-Branche, untersagt Angestellten den Gebrauch der Worte „Heirat“, „Mann“ und „Frau“. Denn damit könnten rein traditionelle Familienmuster identifiziert und in der Folge Minderheiten ausgeschlossen sein. Aus dem Index: To avoid (zu vermeiden): „General use of the gendered pronouns ‚he/she‘ or family relation identifiers such as ‚mother‘, ‚father‘, ’sister‘, ‚brother‘, ‚aunt and uncle‘, unless it is known that this word is preferred by a particular individual/audience and will not exclude anyone.“

 

„Das ist lediglich die Spitze, wie interne Unterlagen zeigen“, berichtet „Inside Paradeplatz“ weiter: „Die Swiss Re-Führung hat einen ganzen Katalog von erlaubten und untersagten Begriffen für ihre 10.000 Angestellten rund um den Globus zusammengestellt.“ Ein anderes Beispiel für inkorrekten Sprachgebrauch: „Using the word ‚marriage‘ without first considering whether the word and the context are or should be inclusive of same-sex relationships / partner-ships.“ Die Mitarbeiterschaft erhält auch praktischen Unterricht zum korrekten Sprechen. Pietäts-gründe jucken die Sprachdiktatoren nicht. Die Vorgaben über unerwünschte Formulierungen gelten explizit auch für Beileidsbekundungen im Todesfall eines Familienmitglieds! Loyale Mitläufer werden belohnt: „Es gibt den ‚Embassy status‘, eine Art Zertifikat beim ‚Creating a safe and inclusive working environment for all our LGBTI+ employees‘.“ 

 

„Mister Diversity and Inclusion“ lässt sich das Ganze eine Stange Geld kosten. „Wie viel, das will die Firma nicht sagen … Die Swiss Re hat ganze Heerscharen von Leuten, die sich um nichts Anderes kümmern als um die Belange der internen Lesben, Schwulen, Transgender, Nicht-Verheirateten … Bei vielen Betroffenen kommt die große Diversity and Inclusion-Offensive der Swiss Re offenbar gut an. Im Intranet hagelt es seitenlange Begeisterungsstürme … Weniger zu reden geben die 50+ der Swiss Re, die ihren Job verlieren, nachdem sie junge Inder eingearbeitet haben. Sie landen im Rahmen eines großen Auslagerungsprogramms von Backoffice-Arbeiten nach Bangalore auf der Straße – und danach oft auf dem Arbeitsamt.“ Aha. 

 

Leserkommentare dazu: „Der Kampf um das größte Irrenhaus der Welt geht offenbar in die Endphase.“ – „Ist Swiss Re zu einer Sekte verkommen?“ – „Wirklich geschützt werden müssten die älteren Arbeitnehmer.“ Die Antwort darauf: „Etwas böse: Sie sind ein Auslaufmodell.“ Aha.


16.2.2019

Jetzt erst mal: Vorfrühling

 

Auch mal interessant zu wissen: Die Phänologie (= Jahreszeitenforschung) befasst sich mit den Beobachtungen aus der Natur und lässt sich bis ins Jahr 812 zurückverfolgen: „Experten des kaiserlichen Hofes in Japan untersuchten die Eintrittsdaten der jährlichen Kirschblüte in Kyoto.“ Der phänologische Kalender kennt zehn Jahreszeiten; darunter Vorfrühling, Erstfrühling (auch Hochfrühling oder Mittfrühling) und Vollfrühling. Die sogenannten Bauernregeln fußen teilweise auf phänologischen Wahrnehmungen. Für Februar finden sich etwa folgende traditionelle Weisheiten: „Wenn im Februar die Mücken geigen, müssen sie im Märzen schweigen.“ – „Im Februar müssen die Stürme fackeln, dass dem Ochsen die Hörner wackeln.“ – „Ist’s im Februar zu warm, friert man zu Ostern bis in den Darm.“ Das will man dann ja auch wieder nicht.   


9.2.2019

Studentischer Irrsinn mündet im Palimpsest

 

Beizeiten zur Wiedervorlage für künftige Geschichtsschreiber: Das Gedicht „Avenidas“ von Eugen Gomringer ist seit Dezember auf der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule „überschrieben“. Nach monatelangen bescheuerten Debatten über absurde Vorwürfe von „Sexismus“ und „patriarchaler Kunsttradition“ seitens irrlichternder Gestalten habe man aber mit Hilfe von „politisierter Konzeptkunst“ nicht Schluss gemacht mit dem alten Gedicht, sondern nur eine neue Schicht gebildet: „Aus dem Gedicht davor ist ein Gedicht dahinter geworden“ – „Es ist also gar nicht richtig ausgelöscht. Nur ein bisschen“, schlussfolgert die FAZ: „Ärgerlich ist daran aber vor allem die nervtötende Angst vor Eindeutigkeit. Noch dazu wird aus der Scheu, Kante zu zeigen, eine vermeintlich künstlerische Tugend gemacht, die den uneingestandenen Irrtum institutionalisiert: Alle fünf Jahre soll das ‚Palimpsest‘ ... erneuert werden. Das passt in die verquere Diskussion, in der die Freude an der Schönheit des Lebens mit Sexismus verwechselt und ein groteskes Missverstehen von Poesie für Emanzipation gehalten wird.“ 

 

„31.575 Euro und 59 Cent hat die Alice Salomon Hochschule dafür bezahlt“, so Tagesspiegel: „Eine Fassadensanierung sei aufgrund von Rissen im Putz ohnehin notwendig gewesen.“ Ein Leserkommentar dazu: „Ich dachte, die Fassade sei für 31.575 Taler saniert worden. Wie können dann noch alte Buchstaben durchscheinen? Hat man um diese Buchstaben drum herum saniert?“ Wie auch immer, der neue Text der Lyrikerin Barbara Köhler auf der Hochschulfassade lautet nun (in Großbuchstaben): „Sie bewundern sie/bezweifeln sie entscheiden:/sie wird oder werden gross/oder klein geschrieben so/stehen sie vor ihnen/in ihrer Sprache/wünschen sie ihnen/bon dia good luck.“ Das ist jetzt Dichtkunst, an der niemand mehr Anstoß finden kann. Und hier nochmal das Gedicht von Eugen Gomringer: „Alleen/Alleen und Blumen/Blumen/Blumen und Frauen/Alleen/Alleen und Frauen/Alleen und Blumen und Frauen und/ein Bewunderer.“

 

Gomringer (94), der gerade sein Archiv der Schweizerischen Nationalbibliothek übergeben hat, konnte die ganze Debatte nicht verstehen, wie er bei einer Diskussion im Berliner Max-Liebermann-Haus im März letzten Jahres sagte. Der in Deutschland lebende bolivianisch-schweizerische Dichter saß die meiste Zeit über „in fassungslosem Schweigen“ der Prorektorin der Hochschule sowie der Vorsitzenden des Asta  unter dem Pseudonym „Frau Roth“ (!) gegenüber, wie die Süddeutsche berichtete: „‘Parolen sind zu vermeiden, das ist der Rahmen, den das Grundgesetz vorgibt oder so.‘ Gomringers Gedicht interpretierte ‚Frau Roth‘ aus ‚sozialarbeiterischer Perspektive‘ und fand folgerichtig in ihm einen versteckten Sexismus, vornehmlich in der Gestalt des im Schlussvers auftretenden ‚Admirador‘. Außerdem sei Avenidas voller Akkusative, welche Frauen und Blumen zu Objekten machten. In Wahrheit handelt es sich um reine Nominative, aber was bedeutet das schon, wenn man sich einmal auf eine diskriminierende Lesart festgelegt hat.“ 

 

Für „süddeutsche“ Angewohnheiten zur Abwechslung mal nicht schlecht, diese Beobachtungen; bis auf die vermutete Folgerichtigkeit der sozialarbeiterischen Perspektive. Folgerichtig wäre gewesen, den paranoiden Aktivistinnen, die sich wie einst die traditionell hemmungslosen Nazis (Sebastian Haffner) anschicken das Kulturleben zu überwachen, therapeutische Hilfe anzuempfehlen. Tatsächlich ist die Grenze zum Fanatismus bereits erreicht, wie ein Farbanschlag auf eine Hausfassade in Bielefeld zeigt, wo „Avenidas“ seit einiger Zeit aufgemalt ist. Die zuvor erwähnte FAZ titelte den Beitrag: „Ende der Debatte?“ Davon ist hoffentlich nicht auszugehen. Es stünde dringend an zu erörtern, wie es soweit kommen konnte, dass sich eine Hochschulleitung von halbgebildeten Spinnerinnen in solche Untiefen treiben lässt.

 

Nachtrag vom 10.2.: Ein Leser bei Achgut dichtete dazu dieses: "Eine Uni/ Eine Uni und Gestörte / Gestörte / Gestörte und Asoziale / Eine Uni / Eine Uni und Asoziale / Eine Uni und Gestörte und Asoziale und / Ein Kopfschüttelnder." Und ein anderer schrieb: "Zu der eingangs des Artikels geforderten Wiedervorlage für künftige Geschichtsschreiber gehört eines noch unbedingt dazu, nämlich ein Beschluss des ASTA der Alice Salomon-Hochschule ... nachzulesen in der 'Berliner Zeitung' vom 16.9.2017 heißt es wörtlich: 'Das eingereichte Werk darf in keiner Hinsicht diskriminierend sein. Sexistische, rassistische, ableistische, lookistische, klassisistische, ageistische oder sonstige diskriminierende Bezüge werden nicht akzeptiert.' Künftige Generationen sollen wissen (und sich angemessen darüber amüsieren), was für jämmerliche kleinstkarierte Spießer*innen einst an Deutschlands Hochschulen den Ton angaben."

 

Nachtrag vom 11.2.: Für die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik betreibt die Bundesregierung eine Schwerpunktsetzung, die sie im Inland vermissen lässt, nämlich "Einschränkungen von Freiräumen für Meinung, Wissenschaft und Künste". Und woher kommt wohl nur die "abnehmende Begeisterung für den europäischen Gedanken"? Grübel, grübel...  


2.2.2019

„Erwachendes Gewissen“

 

Ein interessantes Video steht hier im Netz. Es geht um eine Story von Phil Humor zum Gemälde von William Holman Hunt: „Erwachendes Gewissen“ (1853). Man mag sich auf das Hier und Heute bezogen gerne vorstellen, dass all jene ebenso zu Bewusstheit gelangen, die sich vom unglückseligen Mainstream mittreiben lassen wie ferngesteuerte Marionetten. Erfahrungsgemäß kann sie ja keine noch so abwegige Nachricht über eingetretene Konsequenzen politischer Fahrlässigkeit zur Umkehr bewegen. Die Story zum erwachenden Gewissen zeigt aber auf, dass noch was gehen könnte: dass ihnen nämlich die Selbsterkenntnis (Voraussetzung für die Aus-bildung des Gewissens) widerfährt wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

 

Das jedenfalls erlebt Catherine im heimeligen Wohnzimmer bei ihrem Mann: Ein plötzlicher Stimmungsumschwung ohne erkennbaren Anlass, der sie fortzieht aus dem „behutsamen Gefängnis“. „Das Annehmliche vermochte ihr das Leben als anhimmelnd, als üppig erscheinen zu lassen und dieser Schein bekam einen Riss.“ Ihr Mann scheint hilflos darüber was zu tun sei, um das Unheilvolle, das er spürt, zu verhindern. „Soll er sie frei geben, wenn sie nicht bei ihm sein will? … Da draußen ist etwas, was stärker ist, als seine Macht.“ Doch sein Verstand reicht nicht in die Dimension, wohin es sie zieht. Selbst der Kater ist irritiert. Catherine aber ist bereit, horcht mit allen Sinnen. „Wie eine Gerufene steht sie auf, fragt, doch zu viel Lärm ist um sie.“ Und dann sind die Würfel gefallen. „Jetzt hat sie verstanden.“ Jetzt ist „Zusammenklang, das sich Zusammenfinden ... resultiert in Daseinsfülle, die vor ihrem geistig Auge plastisch, greifbar, überdeutlich, wichtige Informationen erkennbar macht für sie. Es ist schön, ihr zuzuhören. Meine Gedanken beim Sehen zu erkennen, wie’s gemeint ist. Ich bin nicht unverständig. Verstehen. Sie ist erleichtert; dichter an sich, als sie es je war.“ Sie wird handlungsfähig und ist frei. 


2.1.2019

Weitermachen!

 

Jetzt ist mir am Neujahrstag noch ein Gemälde begegnet: „Die Verleumdung des Apelles“ von Sandro Botticelli (1445 – 1510). Es „basiert auf einem verlorenen Gemälde des altgriechischen Malers Apelles“, erfährt man in dieser Interpretation, und enthält wesentliche Aspekte, die hier und heute gesellschaftspolitisch aufs Tapet gehören.

 

In der Mitte des Bildes schleift die personifizierte Verleumdung den betenden Apelles an den Haaren vor den Thron des Königs. Sein Konkurrent, der Maler Antiphilos, hatte zuvor Apelles der Beteiligung an einer Verschwörung gegen den König beschuldigt. Die Verleumdung hält eine Fackel in der Hand – die Darstellung der Angelegenheit in einem falschen Licht respektive die Verbreitung von Lügen geschieht also in Lichtgeschwindigkeit. „Ihr Haar wird von der personifizierten Schurkerei mit weißen Bändern arrangiert, während das Böse ihren Kopf mit Rosen schmückt. Beide Symbole der Reinheit und Unschuld werden durch diese Darstellung untergraben“; neudeutsch: instrumentalisiert. Während rechts im Bild zwei schöne Gestalten – die Dummheit und die Anmaßung – Verleumdungen in die Eselsohren von König Midas flüstern (heutzutage kann das natürlich auch eine Frau sein), streckt dieser seinen Arm zu einem Mann in einem schwarzen, heruntergekommenen Kapuzenmantel (einem Vertreter des Schwarzen Blocks nicht unähnlich) aus. Der Kapuzenmann stellt den Hass dar. Er verstellt dem König durch seine Körpergröße den Blick auf die brutale und verlogene Szenerie in der Bildmitte. 

 

Ganz links steht die personifizierte „nackte Wahrheit“. „Sie ist voller Empörung und zeigt gen Himmel, als Zeichen dafür, dass das letzte Gericht von Gott kommt. Ihre schöne Figur wird einer alten Frau in schwarzem Gewand gegenübergestellt, die für Bestrafung steht und die Wahrheit mit Verachtung betrachtet.“ In einer anderen Interpretation heißt es dazu: „Während die nackte Wahrheit, des Malers schönste Aktfigur, beschwörend die rechte Hand hebt und sich vom Geschehen abwendet, blickt die als alte Frau dargestellte Reue zu ihr zurück. Barfuß wollte sie gerade nach rechts schreiten.“ Bei Bilderreisen ist die Sache noch ein Stück weit anders konnotiert: „Die Geschichte endet mit der Rehabilitierung Apelles und der Bestrafung Antiphilos. Botticelli stellt, wie vermutlich auch Apelles selbst, den Moment vor der Rehabilitierung dar: der verleumdete Maler Apelles wird vor den rechts stehenden Thron von König Ptolemäus I. geschleppt, links steht die als alte Frau dargestellte Reue und die Wahrheit in Gestalt der nackten Venus. Sie sind als Gegengewicht zu den Personifikationen von Unwissenheit und Misstrauen zu verstehen, die den König flankieren.“

 

Eine einprägende Art, sich gegen Falschdarstellung zu wehren. Dringlichste Aufgabe im neuen Jahr wird für alternative Medien im Netz weiterhin sein, die unsympathischen Gestalten rund um den Königsthron zu demaskieren und bestenfalls vom Hof zu jagen. Es ist derzeit noch ein weithin undankbarer Auftrag. Das Gros der Bürger verbringt nämlich seine Zeit „nicht hier und heute und in der errechenbaren Zukunft“, sondern in belanglosen Jenseitswelten, wie es Aldous Huxley in seinem „Wiedersehen mit der Schönen neuen Welt“ formulierte. Die Leute sind daher dankbar um die massenmediale Vorspiegelung einer konstruierten Welt samt ihrer eselsohrigen Financiers, die sie nicht dazu veranlasst, aus dem gemütlichen Ohrensessel in der guten Stube aufzustehen. Aktuell werden alternative Medien diese in jeder Hinsicht wohlsaturierte Masse nicht erreichen können. Es ist trotzdem angezeigt weitere Wege zu suchen, um das unvermeidlich erscheinende Drama historischen Ausmaßes zu verhindern. Die logische und erfahrungstechnische Vorausberechnung spricht gegen diese verbleibende Möglichkeit. Weil Logik und Erfahrung aber längst nicht alles ist, was die Welt zu bieten hat, kann sich doch noch Unvorhergesehenes ereignen; irgendwann, irgendwas. Solange niemand das Gegenteil beweist, muss das als Ansporn vorerst genügen. An dieser Stelle soll ein Physiker das letzte Wort haben: „Wunder geschehen plötzlich. Sie lassen sich nicht herbeiwünschen, sondern kommen ungerufen, meist in den unwahrscheinlichsten Augenblicken und widerfahren denen, die am wenigsten damit gerechnet haben.“ (Georg Christoph Lichtenberg)