Im Nachgang zu Ostern bietet sich ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe zur Reflexion an: "Käme er, man würde ihn zum zweiten Male kreuzigen." Der Satz fiel in einem Gespräch mit seinem engen Vertrauten Johann Peter Eckermann am 12. März 1828.


Zum 576. Geburtstag von Sandro Botticelli am 1. März darf man sich erinnern: Die nackte Wahrheit hat die schönste Silhouette. Eine Interpretation zur: "Verleumdung des Apelles". 


Einen Stützpunkt finden: mit Henry David Thoreau (Autor und Philosoph - 1817 bis 1862)


13.2.2021

Toxische Kommunikation

 

Die Zeit fragte im Juni 2017: „Kann man warten, ohne zu wissen, worauf?“ Die „Warte-Wissenschaft“ wisse das. Im Ostblock war man das ungewisse Warten gewohnt: „In langen Schlangen vor Geschäften aller Art harrte man aus, oft ohne zu wissen, ob es … überhaupt etwas zu kaufen gab.“ Das aber wusste man zumindest vorher. Man war sich sozusagen der Ungewissheit gewiss. Einen richtig fiesen Dreh bekommt die Angelegenheit, wenn mit Hoffnungen gespielt und so selbst ein sich Einrichten in der Ungewissheit verunmöglicht wird. In Flirt-Beziehungen etwa nennt man so was „Benching“ (= auf die lange Bank schieben). Es „ist eine dieser miesen Hinhaltetaktiken, die uns das Leben schwer machen. Denn statt sich zu entscheiden, ob mehr aus dem Date werden kann, wird man hingehalten. Man wird sozusagen eine Option von vielen, wird weiterhin mit Nachrichten und ab und zu Dates warmgehalten - aber eben alles unverbindlich.“ Die Täter handeln zwar nicht immer in voller Absicht, ziehen aber stets mindestens einen interpsychischen Gewinn daraus.

 

Zum Beispiel: Schuldgefühle beim Anderen auszulösen als „eines der Hauptmittel emotionaler Erpressung“, erläutert das Psychologie-Magazin: „In der passiven Variante soll der andere dann meist Schuld daran sein, dass der emotionale Erpresser Sorgen ... hat, einen Asthmaanfall oder die ganze Nacht nicht schlafen konnte. Dem anderen wird subtil suggeriert, was er doch für ein grausamer und kaltherziger Sadist sei.“ Der Trick dabei: „Die Doppelbindung funktioniert immer nach dem Muster, dass so getan wird, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten zwischen denen man sich entscheiden muss … Doch es gibt immer dritte Möglichkeiten, Zwischentöne, Graustufen. In der Welt der emotionalen Erpresser hingegen gibt es nur: entweder – oder.“ Auch „hochemotionale Inszenierungen“ gehörten „zum festen Repertoire der emotionalen Erpresser“. Ein erster Schritt hin zum Ausstieg aus dieser destruktiven Falle: Dem „schwer zu fassenden, diffusen Gefühl“,  das Opfer dieser doppelbödigen Double-Bind-Kommunikation dann auch als Einengung erleben, sollte man ruhig trauen: „Hier stimmt was nicht!“ Der eigenen Wahrnehmung zu trauen, dass hier was nicht stimmig ist: dazu rät auch eine Psychotherapeutin im Video und zeichnet nach, woher die Eigenzweifel rühren. In etwa: Bei Double-Bind wird zur selben Sache heute etwas komplett Gegensätzliches wie morgen gesagt, Offensichtliches genau anders herum verbalisiert oder ständig das Verhalten gewechselt, so dass sich das Gegenüber auf nichts verlassen kann. In Fällen von zielgerichteter Absicht finde diese Strategie vor allem dann Anwendung, „wenn man Menschen brechen“ oder sie „kirre“ machen will.  

 

Es steht jedem frei, diesbezügliche respektive ähnliche Vergleiche zur gegenwärtigen politischen Rhetorik und deren medialer Vermittlung anzustellen. Zum Beispiel herauszuschälen, ob die Bundeskanzlerin tatsächlich gerade eigene Fehler eingesteht oder ob sie sich letztlich nicht selbst vielmehr recht gibt. Oder zu analysieren, ob die aktuell aufgemachten Konfliktlinien des Bundespräsidenten überhaupt stimmig und relevant sind oder ob es ihm nicht vielmehr in der Hauptsache um seinen Nebensatz geht, einem „Fünftel“ der Bevölkerung, das sich „schon jetzt überfordert fühle“, eins auszuwischen. Angesichts der unzähligen existenziellen Notlagen legt solche Formulierung ebenso ein eiskalt zynisches Nachtreten nahe. Apropos: Man darf gespannt sein, ob Friseure tatsächlich am 1. März öffnen dürfen oder ob die Erlaubnis bis dahin mutiert.

 

Hinweis: Wer der Meinung ist, die aktuelle Konfliktlinie verlaufe eher zwischen Konformismus und Autonomie, der findet das in: „Konformismus als Pathologie der Anpassung“ vom 1.9.2018.


6.2.2021

Trägheit untergräbt Selbstwerdung

 

Im Kreis Harburg wird gerade gesucht: „Erzieherin / Erzieher - Den neuen Corona-Alltag in der Kita gestalten … Hygieneregeln und neue Freiheiten unter Coronabedingungen.“ Man solle „gerade in Zeiten der Pandemie ein Umfeld“ gestalten, „das Kindern eine optimale Entwicklung ermöglicht“. Ein plakatives Beispiel für das Steckenbleiben in der Heteronomie (Fremdbe- stimmtheit): Hier „ist das Gute das, was die Mehrheit ihrer Mitmenschen einer Autorität folgend tut. Der Einzelne glaubt dann, dass eine Regel existiere, weil sie gut sei. Das Vorhandensein der Regel und ihr moralischer Wert werden nicht hinterfragt, sondern hingenommen ... Das erklärt, warum viele Menschen und Gesellschaften aufgrund bestimmter Regeln sogar gegen ihre eigenen Interessen handeln können“. Die Regel wird nicht auf ihre Motivation hin überprüft, wie es in der Autonomie der Fall wäre. „Das Einzige, was überprüft wird, ist das Ergebnis des Verhaltens … Keine Absichten, keine Kontexte, keine Gründe werden in die Bewertung einbezogen. Das Einzige, was gesehen wird, ist, inwieweit eine Norm befolgt wird.“ Wären alle Glieder der Gesellschaft so aufgestellt, dann könnte man wohl alles mit ihr machen.

 

Wesentliche Ursache für das Verharren in der Heteronomie dürfte aus dem Inertia-Effekt (= Trägheitseffekt) resultieren: „Das psychologische Phänomen, dass einmal getroffene Entscheidungen von Menschen auch gegen widersprechende Informationen weitgehend immun bleiben. Dabei wird der Wert von Informationen, die der präferierten Alternative oder Hypothese entsprechen, überschätzt, während der Wert entgegengerichteter Informationen unterschätzt wird.“ Wenig mehr dazu steht im Beitrag „Zur Tragik von Trägheit“ vom 27.4.2019.

 

Die Trägheit befördert wiederum den Unwillen zur Opferbereitschaft. Die aber wäre angesichts der herrschenden Umstände nötig, um menschenrechtliche Standards zu verteidigen. Ein Psychotherapeut machte sich dazu Gedanken und räumte erst mal die negativ konnotierten Missverständnisse und neurotisierenden Überlagerungen bezüglich der Opferbereitschaft beiseite. Tatsächlich sei nämlich Opfer „eine Höchstform des Selbstausdrucks, der Selbsthergabe und Selbsthingabe. Opferbereitschaft ist Wille zu solcher Höchstform.“ Das ermögliche dann, „eigene Gefühle und Wünsche … gegenüber besitzergreifenden Beziehungspersonen und Instanzen ohne Schuldgefühle und Ängste durchzusetzen“. Insbesondere auch: „Ängste und Schuldgefühle nicht als Richtschnur für Gewissensentscheidungen zu machen, jene vielmehr mit dem Alleinsein als Preis für Selbstwerdung und als Durchgangsphase in einem seinshaften Standhalteglauben zu überwinden.“ Demnach bedeute opferfähig werden gleich selbstfähig werden; „d.h. die Aufgabe der Individuation leisten, … indem man sich besser abgrenzt, d.h. sich vom konformistischen Erwartungsdruck der andern unterscheidet, sich im Anderssein gegen Widerstände behauptet, zumal gegen selbstanmaßende Instanzen“. Man werde letztlich von Selbsttäuschungen frei und stärke das autonome Selbstwertgefühl: „Ich kann etwas aus mir machen; ich kann meine Welt verändern.“ Ist nicht vielmehr dies Ziel wahrhaftiger Pädagogik? 

 

Der Aufsatz ist in Gänze lesenswert. Zum „Wahrhaftig-Werden“ kann man ergänzend gerne eine Kunstbetrachtung zum „Erwachen des Gewissens“ von William Holman Hunt anschauen.


2.1.2021

Integrität stärken!

 

Leider finde ich den Film im Internet nicht, da mir der Titel unbekannt ist. Es geht, wie mir ein Bekannter – fast schon ein wenig traumatisiert davon – erzählte, um einen Typ, der einen Toten entsorgen will und hierfür um Unterstützung in der Nachbarschaft wirbt. Höflich, im schicken Anzug, zwischen den Zeilen um Diskretion bittend. Und die meisten der braven Bürger sind ob dessen seriösen Erscheinungsbildes gleich beeindruckt und sofort hilfsbereit. Ohne irgendeiner Nachfrage, etwa ob er denn den Toten umgebracht hat. Die Nachbarn wollen es gar nicht wissen. Sie helfen einfach dabei, einen Toten zu entsorgen. Weil eine seriös scheinende Type sie darum fragt in einer Weise, als sei das ganz normal. Vielleicht spielt auch ein faszinierter Hauch von abenteuerlicher Komplizenschaft eine Rolle im sonst wenig angeregten Innenleben der Leute.

    

Etwas plakativ wohl, der Film, eine Analyse der psychischen Vorgänge in solch grotesken Situationen könnte jedenfalls zum besseren Verstehen des vergangenen und kommenden Corona-Jahres beitragen. Die augenscheinlichste Parallele liegt in der Weigerung, inhaltliche Verarbeitung von Sachverhalten und Detailfragen zu leisten, ja überhaupt zuzulassen. Die Menge springt einfach auf jeden öffentlich vorbeirauschenden Zug auf. Erstaunlich respektive geradezu tragisch ist, dass den Konsequenzen selbst dann nicht ausreichend Aufmerksamkeit zuteilwird, wenn sie erheblich negative Wirkungen auf die nächste Generation, also auf das Leben der eigenen Kinder, zeitigen werden. Vertrauen und Loyalität gebührt demnach letztgültig irgend-welchen fremden Menschen an den Schalthebeln der Macht. Das Motiv der Vielen, sich stets auf die Seite der scheinbar Stärkeren zu schlagen, speist sich letztlich aus der Angst ums Alleinsein und ins gesellschaftliche Abseits gedrängt zu werden. Weil die große Masse diesen Preis nicht zu zahlen bereit ist, profitieren egoistische Taktierer von ständig zunehmenden Machtzuwächsen. Man lässt sie alles machen, verlangt keine Leistungsnachweise oder Maßhaltung und selbst bei offenkundigen Widersprüchen oder Vergehen geht man großzügig darüber hinweg. Der Fantasie sind stetig weniger Grenzen gesetzt bei der Spekulation über die Frage, wie weit das Gros der Bürger, das alles für bare Münze nimmt und ungeprüft zulässt, noch mitgeht. Was interessierte Kreise auf solchem Nährboden alles anpflanzen könnten ist historisch hinreichend bekannt. 

 

Ein Geschehenlassen – ob durch aktive Mithilfe wie im Film oder passiv als Ergebnis von Fahrlässigkeit – entbindet indessen nicht von Verantwortung und Schuld. Unbekümmert damit weiterleben mag jenen gelingen, die nicht wirklich bei sich sind. Aus der Kognitionswissenschaft betrachtet: „Mit Gedankenlosigkeit oder Mindlessness bezeichnet man … eine Art passiv zu denken, bei der man auf alles, was an Reizen von innen oder von außen kommt, unreflektiert reagiert und nicht aktiv überlegt, ob das auch richtig oder vollständig ist … Man fragt nicht nach oder hinterfragt nicht für sich … Wir reagieren also widerstandslos auf Reize statt aktiv Entscheidungen zu treffen, was wir denken, weshalb dieser Zustand auch ‚inaktiver geistiger Zustand‘ genannt wird … Eine programmierte Maschine quasi, die auf Autopilot steht.“ Genau hier, in der Entmenschlichung, liegt der Schrecken begraben. Das sollte Anlass genug sein, sich vom Heer der Gedankenlosen zu distanzieren. Andernfalls bezahlt man nämlich auch einen Preis: den der persönlichen Integrität. Es könnte ein Vorsatz fürs neue Jahr sein zu reflektieren, ob diese nicht doch mehr wert ist, als die Zugehörigkeit zu einer Schar aus korrumpierbaren, wertbefreiten Autopiloten. Was hat man überhaupt von solchen Kontakten? 

 

Wie man die persönliche Integrität stärken kann erfährt man in diesem Erklärvideo.

 

Ergänzung vom 3.1.: Der negative Einschlag im Beitrag ist kürzlich erlebten schlechten zwischenmenschlichen Erfahrungen geschuldet. Schadensbegrenzung, auch um etwas versöhnlicher ins neue Jahr zu gehen, bietet diese heutige Predigt (ab Minute 21:44).