Wie geht es euch?

 

Diese Unterseite ist für Beiträge von Jugendlichen reserviert, die in einem (maximal eine DIN A4-Seite umfassenden) Essay beschreiben wollen, wie es Ihnen heute geht, welche Sorgen sie umtreiben, wo sie optimistisch sind und was sich ändern könnte oder müsste. Es kann gerne Bezug genommen werden auf bereits eingestellte Beiträge. 


Den Anfang macht Michael Pfingsten:

14.1.2016

Aber bitte mit Smartphone!

 

Ein Essay von Michael Pfingsten aus Essen, 20 Jahre

 

„Die Welt liegt nicht in deinen Büchern und Landkarten. Sie liegt dort draußen“, sagte Gandalf zu Bilbo, während er zum Fenster nickte. Dasselbe könnte ich auch sagen in Hinblick auf den bequemen Bücher- und Landkartenersatz Smartphone und der heute herumlaufenden Smobies – Kombi aus Smartphone und Zombie.

 

Individualismus? Blödsinn

 

Es ist das Spezifische, was man westlichen individualistischen  Gesellschaften, gerade Deutschland, nachsagt: Da ist jeder anders, frei und kann machen, was er will. Wie eh und je ein schwammiges Vorurteil. „Anders“. Wenn die Generation Smartphone sich entscheiden müsste zwischen ihrem Wahlrecht oder ihrem Smartphone, würden, wenn sie ehrlich wären, fast alle ihr Wahlrecht abgeben. Zugegeben: ein Armutszeugnis. So sind die Leute gefügig, gehorsam und abgelenkt. 

 

„Frei“….ist der, 

 

der ohne Druck und Zwänge Entscheidungen treffen kann. Die Mündigkeit trifft es genau. Wenn ich nicht bei Facebook bin, so bin ich bestraft damit isoliert und gesellschaftlich ausgeschlossen zu sein. Wenn dies zwangläufig eintritt, kann ich nicht frei entscheiden, ob ich es will oder nicht: weil ich den Gruppenzwang spüre. Also ist man nicht Herr über sich selbst und kann nicht wie jeder gesunddenkende Mensch abwägen, sondern ich sehe mich genötigt das zu tun, was gesellschaftlich gefragt ist. So ungefähr formulierte es Richard Precht in einem Interview.  Mündigkeit ade. Freiheit ade. Häufig ist Individualismus und die Versprechen, die damit einhergehen, nur Fassade und Traumtänzerei. In Wirklichkeit marschieren die jungen Leute mit Louis Vuitton Tasche und Chicago Bulls Cap in Richtung Shopping Mall; Smartphone selbstverständlich in der Arschtasche.

 

Schule, Medien, Eltern

 

Die Ursachen dafür, dass viele Mitläufer der Generation Smartphone konformistisch, unpoltisch und unkritsch sind, hat viele Gründe. Ganz grob stoße ich sie hier nur an.

 

Die überfüllten Klassen in deutschen Schulen bringen keine individualistischen, kreativdenkenden, selbstkritischen Menschen hervor, sondern gewollte Sekretäre und Sekretärinnen, die das auswendig lernen, was im Lernplan steht; die sich den Stapel Wissen aneignen sollen, den der Lehrer vornuschelt; politisch abgesegnet, versteht sich. Nicht aber von Experten wie Lernforschern,  Hirnforschern, Kinderpsychologen.

 

Add on verbreiten die Medien „ihre Wahrheiten“, was sich gesellschaftlich bis hin zur elterlichen Erziehung und Wertevermittlung durchschlägt. Man muss gut aussehen und reich sein, sonst ist man ein Niemand. Konsumiere, dann bis du glücklich. Mache es so, wie verlangt, dann schwimmst du schnell oben auf. Ja- Sager und Ferngesteuerte; so empfinde ich die meisten jungen Leute. Das System ist genial: indem es den Leuten suggeriert frei zu sein, obwohl ihnen die Freiheit  im Verborgenen streitig gemacht wird. Im System aber wohnt die personifizierte Intransparenz.

 

"Abgefrühstückt"

 

Zu meiner Person und meinem Blick auf die heutigen Vorgänge kann ich nur mit Wut, Trauer und Scham entgegenwirken. Ich bin 20 Jahre alt, fühle mich  physisch wie meinungstechnisch alleine und wurde vor einigen Jahren auch krank. Wie so Vieles: schleichend, getarnt und mit aller Härte. Wer nicht konform ist, wird etikettiert als Konservatist und Fundamentalist. Man wird als ein Spinner und Verrückter abgefrühstückt. Man hat gesellschaftlich kaum Nährboden, weil die Spalten gering und Schlupflöcher wenig vorhanden sind. Vorbilder gibt es für mich nur wenige, aber kein direktes Umfeld, keine Freunde. Gleichgesinnte in höheren Altersschichten, wenn man so will. Ich will nicht warten, dass wer kommt. Ich will, dass man sich wieder öffnet für Politik, für Ideale wie Nächstenliebe, Solidarität, Selbstkritik, Freundlichkeit, Toleranz. Face to Face statt Facebook, Werte statt Konsum, Zweisamkeit statt Neid und Hass. Ich lasse mir von niemanden auf diesem Planeten den Mund verbieten. Meinungen sind da, um gehört zu werden. So wie jetzt auch.


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