25.7.2020

Auf dem Weg zum Termitenstaat mit Nachtrag

 

Aus dem Dritten Sektor heraus wird erneut dazu eingeladen, die „post-pandemische  Wirklich-keit“ – falls es die jemals geben wird – zu gestalten und über einen „neuen  Gesellschaftsvertrag“ in der „neuen Wirklichkeit“ zu diskutieren. Eingeladen zum Workshop Anfang August sind nicht nur junge Studierende aus Deutschland, Norwegen und Polen, sondern explizit auch „#gamechanger“. Wenn auch der Begriff schon länger in anderen Kontexten herumschwirrt, so mutet er im Zuge der folgenreichen Corona-Krise doch wenig ernsthaft an. Das Zusammenleben ist demnach ein Spiel und der Änderung der Spielregeln nimmt sich jetzt die akademische Sphäre aktionistisch an – freilich ohne die arbeitende Bevölkerung, die für so was gar keine Zeit hat, nach ihrem Einverständnis zu fragen. Im Einladungstext wird über die „Epidemie-Situation“ festgestellt: Eine Veränderung der Kräfteverhältnisse und des sozialen Verhaltens, der Relationen und Interaktionen. „Im Rahmen unseres Workshops wollen wir nachgehen, wo wir uns -  als Zivilisation (unterschiedlich definiert) - befinden und wohin wir gehen. Uns interessiert eine Reflexion und Projektion dessen, wie wir  in der Welt nach der Pandemie leben wollen und können. Man kann nicht übersehen: wir leben in einer unvorhersehbaren VUCA-Welt, in der sich die strategische Planung an ihrer Funktion in der sozialen Wirklichkeit verliert.“ Soziale Transformation für eine funktionsfähige Gesellschaft sei unbedingt nötig, der Wandel aber nur entweder durch Gestaltung oder durch Katastrophe möglich.

 

Interessant wird es durch den Einbezug der Proxemik. Den Begriff führte der Anthropologe Edward T. Hall (1914 – 2009) im Rahmen seines Raum-Distanz-Konzeptes ein, das interkulturelle Kommunikation untersucht und angemessenes soziales Handeln definiert. Weiteres fasst in diesem Fall Wikipedia ganz gut zusammen: Proxemik „beschreibt die kulturabhängig verschieden großen räumlichen Abstände, die Menschen zulassen bzw. gegen ‚Eindringlinge‘ auf verschiedene Weisen zu schützen versuchen. Die Räume, die von Individuen unbewusst unterschieden werden, werden Distanzzonen genannt. Man unterscheidet die intime, die persönliche, die soziale und die öffentliche Distanzzone. Diese können sich etwa mit steigender Vertrautheit zwischen Personen verändern. Je nach Kultur haben diese Zonen jeweils unterschiedliche Ausmaße. Bei Nordeuropäern etwa beginnt die intime oder private räumliche Zone eher bei weiterer Körperdistanz als bei Südeuropäern. Die Distanz zu unterschreiten kann ein ebenso schwerwiegender Fehler sein wie sie zu weit auszudehnen.“ Kurios, nebenbei, dass man plötzlich wieder auf kulturelle Unterschiede hinweisen darf, ohne dass ein Rassismus-Geschrei vom Zaun bricht. Vielleicht kommt’s ja noch.

 

Eine literarisch angereicherte Erklärung zur Proxemik findet sich auf dieser Website. In Henry D. Thoreaus „Walden“ etwa werden beim Lesen die sonst nur flüchtig empfundenen Geruchs- und Wärmezonen bewusst: „Wenn wir bloß schwatzhaft und laute Schwätzer sind, dann können wir es uns leisten, recht nahe beisammen zu stehen, Seite an Seite, und des anderen Atem spüren; wenn wir aber zurückhaltend und gedankenvoll sprechen, möchten wir weiter voneinander entfernt sein, damit alle animalische Wärme und Feuchtigkeit verdunsten können.“ An einer anderen Stelle heißt es beim Autor (1817 – 1862), der zwei Jahre lang asketisch im Wald lebte: „Ich will lieber einen Kürbis, den ich für mich allein habe, als gedrängt auf Samtkissen sitzen.“ Hall bewunderte auch Franz Kafkas Bewusstsein „von der kommunikativen Bedeutung der Architektur“, da er mehrfach „bedrückende kinästhetische Räume“ beschrieb, zum Beispiel im Stück „Der Prozess“: „[Er drängte] sich an K., und zwar so dicht, dass K. seinen Fauteuil zurückschieben musste, um sich bewegen zu können.“ Die Grenze unseres Körpers beginne und ende also nicht bei der Haut. „Wir sind vielmehr umgeben von ... „Raumblasen“.

 

Beim angekündigten Workshop soll die Frage erörtert werden, ob das Raum-Distanz-Konzept von Edward Hall in der „neuen Wirklichkeit“ noch aktuell ist: „Oder müssen wir unsere intime, persönliche, soziale und öffentliche Distanz neu definieren? … Wir suchen nach möglichen Wegen, die sozialen Räume, die wir alle unter den neuen Bedingen nutzen werden, neu zu organisieren.“ Tatsächlich ist das nicht erst seit Corona, sondern bereits seit der Migrationskrise im Gange – man erinnere sich an Henriette Rekers „unverschämten“ (FAZ) Vorschlag, mindestens „eine Armlänge Abstand“ zu Fremden zu halten. Die aktuellen Corona-Abstandsregeln ergänzen diesen Vorschlag rein zufälligerweise ganz gut. In einen größeren Kontext eingebettet erinnert die Durchorganisation zwischenmenschlicher Kontakte zunehmend an Aldous Huxleys „Wiedersehen mit der schönen neuen Welt“. Der „Alptraum totaler Organisation“ stünde unmittelbar vor unserer Tür, schrieb er schon 1957. Die genetische Normung sei zwar noch nicht möglich, verfeinert wurden aber Methoden zur „gewaltlosen Manipulation der Umwelt und der Gedanken und Gefühle“. Die postnatale Kontrolle setze für die Durchsetzung erwünschten Verhaltens nun weniger auf Bestrafung als vielmehr auf „die wirksameren Mittel des Belohnens und wissenschaftlichen Manipulierens“.

 

Gut möglich, dass Huxley die Corona-Krise als eine der „unpersönlichen Kräfte“ identifiziert hätte, „über welche wir fast keine Gewalt haben, uns dem Nachtmahr der ‚Schönen neuen Welt‘ entgegenzutreiben“. Wie sich künftig die Belohnung erwünschten Verhaltens konkretisieren könnte, zeigt sich am Beispiel Impfung. Erteilte zwar die Bundesregierung einer Zwangsimpfung eine klare Absage, arbeiten ihre bezuschussten Medien parallel etwa wie tag24: „Oha! So viele Leute wollen sich nicht gegen Corona impfen lassen - Je stärker die Verschwörungsmentalität ausgeprägt ist, desto größer ist der Widerstand gegen Schutzmaßnahmen wie die Warn-App oder Impfungen, wie das interdisziplinäre Forscherteam herausfand. Überdies war die Gruppe mit Tendenz zu Verschwörungstheorien auch weniger mit dem Krisenmanagement der Bundesregierung zufrieden … Die gleichen Zusammenhänge ergäben sich auch mit Blick auf das Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und die Printmedien.“ Die Belohnung als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu gelten wird demnach erhalten, wer Politik und Medien mit ihren intellektuell unseriösen Pauschalisierungen und Stigmatisierungen kritiklos freie Bahn lässt. Es wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch eintreten, dass Sauna- und Dampfbäder oder andere öffentliche Gemeinschaftseinrichtungen nur betreten darf, wer einen Immunitätsnachweis vorlegt. Mit dem Masernschutzgesetz hat man entsprechende Vorarbeit geleistet; man vergleiche dazu den Beitrag „Massiv ausgeweitete Impfnachweise“ vom 18.11.2019 auf dieser Seite.

 

Was den Widerstand der Bevölkerung gegen die Entwicklung hin zu einem „Termitenstaat“ betrifft zeigt sich Huxley unter Bezug auf Erich Fromm pessimistisch; nicht nur angesichts des mit Rundfunk und Fernsehen aufgewachsenen Publikums, das es nicht gern hat, „wenn man von ihm verlangt, sich zu konzentrieren oder eine längere geistige Anstrengung zu machen“, sondern auch, weil die meisten der vollkommen angepassten Menschen „normal nur in Beziehung auf eine zutiefst anormale Gesellschaft“ sind und noch immer „die Illusion der Individualität“ hegen. „Tatsächlich aber sind sie in hohem Grad entindividualisiert worden. Ihre Konformität entwickelt sich zu einer gewissen Uniformität. Aber ‚Uniformität und Freiheit sind unvereinbar‘.“ Jedes Einzelwesen sei verschieden gestaltet: „Körperlich und geistig ist jeder von uns einzigartig. Jede Kultur, die … den Einzelmenschen zu normen sucht, begeht einen Frevel an der biologischen Natur des Menschen“, rekurriert der Autor auch auf die Menschenrechtsidee der individuellen Entfaltung. Die habe ausgedient, wenn die neue „Sozialethik“ Fuß greift, in der es vorrangig um Einordnung, Anpassung, sozialgerichtetes Verhalten oder Gruppenloyalität geht; bei der also die „Rechte des Kollektivs den Vorrang haben vor dem, was das 18. Jahrhundert die Menschenrechte nannte“. Der „ideale Mensch“ von heute pflege „dynamische Konformität“, „intensive Treue zur Gruppe, ein unermüdliches Verlangen, sich unterzuordnen, dazuzugehören.“ 

 

Das betrifft im Übrigen auch alternative Medien im Netz aus dem rechtskonservativen Kreis. Deren Widerstand ist nur ein scheinbarer. Wo nämlich aus ursprünglichen Aufklärungs-plattformen reine Foren zur Befriedigung der ideologisch festgefahrenen, aber zahlungsbereiten Leserschaft werden, arbeitet man dem dargestellten Menschenbild geradezu in die Hände. Es ist wie gehabt: Der freiheitlich orientierte Mensch, der notfalls auch alleine gut klar kommt, war von jeher Hasssubjekt jeglicher kollektiver Bestrebungen mit ihrem „beseelenden Fanatismus“. Huxley hält es für dringend geboten die Frage zu beantworten, wie man angesichts der „sich beschleunigenden Überorganisierung“ und der propagandistischen Massenkommunikation „die Integrität des menschlichen Individuums bewahren und seinen Wert immer wieder geltend machen“ kann. Er plädiert für einen „Kurs in der Mitte, zwischen den Extremen des Laissez-faire einerseits und totaler Reglementierung andererseits“. Seine Befürchtung aber ist: „Es scheint keinen stichhaltigen Grund zu geben, dass eine durch und durch wissenschaftliche Diktatur je gestürzt werden sollte … Vielleicht sind die Mächte, die heute die Freiheit bedrohen, zu stark, als dass ihnen sehr lange Widerstand geleistet werden könnte. Es ist dennoch unsere Pflicht, alles, was in unseren Kräften steht, zu tun, um ihnen Widerstand zu leisten.“  

 

Das passende Lied zum Text findet sich übrigens dort.

 

Nachtrag zum erwähnten tag24-Artikel: Kritischer zum Thema die DWN: "Wissenschaftler, deren Aufgabe es eigentlich ist, neutral Phänomene zu bewerten, sprechen im Zusammenhang mit der weitverbreiteten Skepsis gegenüber rasch entwickelten Corona-Impfstoffen nun von 'Verschwörungsmentalitäten' bei der Hälfte der Bundesbürger" - ganz im Sinne der Entscheider. Die "Verschwörungstheorie" nimmt als nächste Holzhammer-Parole ihren Marsch auch durch die Institutionen auf, wie diese Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt.  

 

Nachtrag vom 29.7.: Antwort der Bundesregierung: "Die Genomforschung könnte wichtige Erkenntnisse liefern, warum eine Covid-19-Infektion zu so unterschiedlichen Krankheitsverläufen führen kann." Die Bundesregierung ist " im Januar dieses Jahres der '1 + Million Genomes'-Initiative der EU" beigetreten. "Die 21 Unterzeichnerstaaten haben sich zum Ziel gesetzt, die Genome von mindestens einer Million Menschen in der EU zu analysieren und die Ergebnisse der Gesundheitsforschung zugänglich zu machen. Die Bundesregierung bezeichnet in ihrer Antwort 'die Unterstützung der individualisierten Medizin, der ganzheitlichen Diagnostik, der Entwicklung passender Therapien, der Erforschung von Krankheitsursachen und der Arbeiten an einem europäischen Gesundheitsdatenraum' als die ausschlaggebenden Gründe, um der Initiative beizutreten. Durch die große Datenmenge steige die Spezifität und Belastbarkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse." Quelle: HiB Und zur Medizininformatik: "Die Verknüpfung von Biologie, Informatik, Data Sciences und Medizin bietet ein großes Potential für das Verständnis komplexer Zusammenhänge in Zellen, Organen und Organismen ... Die hier gewonnenen Erkenntnisse könnten eine wichtige Grundlage für Innovationen in der Biotechnologie und Medizin bilden." Quelle: HiB Siehe auch: "5G und Nano-Roboter: Neue Technologien zur Kontrolle der Menschheit." Quelle: DWN - 5G = neuer Mobilfunkstandard