5.12.2020

Hickhack um Remdesivir

 

Für medizinische Laien ist freilich nicht wirklich beurteilbar, inwiefern eine Medikamentengabe bei Covid-19 hilfreich sein kann. Klar ist: Sollte sie es sein, dann hätte die Impfstoffkampagne weit weniger Gewicht, weil die Krankheit dann behandelbar wäre. Aktuell aber raunt es quer durch die etablierte Presse: „Noch kein Covid-19-Medikament“ oder „Kein einziges Mittel hilft“. Der Vorgang rund um das Medikament Remdesivir ist jedenfalls dokumentationswürdig: 

 

Ende April titelte die tz: „Corona: Münchner Risikopatient dank eines neuen Medikaments geheilt – ‚Habe mein Leben zurück‘.“ Der „Risikopatient“: „Ich hatte 40 Grad Fieber und starken Husten. Meine Lungen taten weh, ich hatte Angst - ein Stück weit Panik.“ Die tz weiter: „Allerdings hatte er Glück, im Krankenhaus Rechts der Isar zu landen. Dort wird unter der Leitung von Dr. Christoph Spinner (35) im Rahmen einer Studie des amerikanischen Pharma-Unternehmen Gilead, an dem noch nicht zugelassenen Ebola-Medikament Remdesivir geforscht … Remdesivir ist sogar von der Weltgesundheitsorganisation WHO als das vielversprechendste Medikament eingestuft worden … Fünf Tage lang wurde ihm Remdesivir täglich eine halbe Stunde lang intravenös verabreicht … Husten und Fieber verschwanden bei Puckett nach vier Tagen. Am 7. April konnte der Münchner das Krankenhaus Rechts der Isar gesund verlassen.“ Chefarzt Clemens Wendtner im Schwabinger Krankenhaus setze ebenfalls große Hoffnungen in das Medikament. Im Spiegel-Interview sagte Wendtner, die ersten (gesund entlassenen) Corona-Patienten besäßen immer noch Antikörper gegen das neue Coronavirus. „Die verwendeten Tests, die wir in Zusammenarbeit mit der Bundeswehr einsetzen, liefern im Vergleich zu den in Massenscreenings eingesetzten noch sicherere Ergebnisse. Corona-Patienten bleiben demnach mindestens drei Monate immun, wahrscheinlich auch deutlich darüber hinaus.“ Seltsam, dass diese gute Nachricht hernach unterging. Bemerkenswert auch vor diesem Hintergrund: „Führende Wissenschaftler und gesundheitliche Institutionen, wie etwa das Robert-Koch-Institut, sprechen der Bevölkerung entweder keine oder nur eine begrenzte Immunität“ zu. Wendtner weiter: „Im Moment wissen wir noch nicht sicher, wie effektiv Remdesivir bei Corona-Infek-tionen ist, aber die Tendenz bei uns geht stark in Richtung einer positiven Wirkung. Die Studie aus China ist wertlos, weil zu wenige Patienten mitgemacht haben und sie vorzeitig abgebrochen wurde. Durch eine unglückliche Panne bei der Weltgesundheitsorganisation wurden die Daten dann bekannt und lieferten Spielraum für Interpretationen.“ Offen ließ der Arzt trotzdem, ob sich Remdesivir noch als „Flop“ herausstellt – trotz positiver Studien auch aus dem Ausland.

 

Anfang Juli hat dann die EU-Kommission Remdesivir bedingt zugelassen und unterzeichnete einen Vertrag mit dem Pharmaunternehmen Gilead über den Kauf von 500.000 Remdesivir-Dosen. „Remdesivir ist derzeit die einzige zugelassene Behandlungsmethode gegen Covid-19-Symptome“, heißt es hier aktuell unter der Überschrift „Deutschland will WHO-Empfehlung zu Remdesivir nicht folgen“ weiter: „Am 20. November gab die Weltgesundheitsorganisation eine Empfehlung gegen den Einsatz von Remdesivir bei Krankenhauspatienten heraus. Diese gelte unabhängig vom Schweregrad der Erkrankung, da es derzeit keinen Beweis dafür gebe, dass Remdesivir die Überlebenschancen und andere Behandlungsergebnisse bei derartigen Patientinnen und Patienten verbessert.“ Urplötzlich. Grund genug für die Einstellung der Medikamentengabe und dem Stopp sämtlicher Tests, ohne dass Sicherheitsbedenken greifen? Sollte man nicht alles versuchen, wenn es ums Überleben geht? Aus Berlin konterte man: „Die WHO-Studie ist vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte und der Europäischen Arzneimittelagentur sorgfältig geprüft worden. Beide Institutionen kommen zu dem Schluss, dass Remdesivir weiterhin zugelassen bleibt.“ In Nordamerika sieht man das ähnlich: „Wir nehmen derzeit keine unmittelbaren Änderungen am Status von Remdesivir in Kanada vor. Remdesivir wird weiterhin als Behandlungsoption für Menschen mit schwerem Covid-19-Krankheitsverlauf zur Verfügung stehen“, so Health Canada in einer Erklärung.  

 

Die offizielle Verlautbarung des Robert Koch Instituts mit Stand vom 30.11.2020 steht hier. Da die Widersprüche in dieser existenziell wichtigen Sache doch ziemlich auffällig sind, sammelte  MDR diverse Interpretationen. Etwa: „Wir sind eigentlich ganz nah bei der WHO. Die WHO hat eine ganz schwache Empfehlung gegen das Remdesivir ausgesprochen. Das ist ein bisschen untergangen.“ Oder: Die WHO rate ja nicht vom Einsatz ab, sondern sie rate nicht zum Einsatz. „Ein kleiner, aber wichtiger Unterschied. Die WHO warnt damit nämlich nicht vor dem Mittel, sondern sagt lediglich: Das Mittel hilft nicht gut genug, dass wir es empfehlen können.“ Aha. 

 

Nachtrag: Langfristige respektive dauerhafte Immunität biete angeblich nur der Impfstoff. 

 

Nachtrag vom 10.12.: "Angesichts der jüngsten Impfstoff-Euphorie konnte man fast den Eindruck gewinnen, dass die Suche nach Medikamenten zur Behandlung von bereits an Covid-19 schwer erkrankten Menschen auf der Prioriätenliste von Forschern und Politikern eher weiter unten rangierte." Die laufe aber immer noch auf Hochtouren. "Am Mittwochabend überraschte das in Planegg-Martinsried bei München ansässige Biopharma-Unternehmen Formycon mit der Nachricht, ein vom Unternehmen entwickelter Sars-CoV-2-Blocker mit dem Namen FYB207 könne die Infektion von Zellen vollständig verhindern. 'Dadurch haben auch Patienten, die schwer an Covid-19 erkrankt und hospitalisiert sind, eine Behandlungsmöglichkeit'."

 

Nachtrag vom 12.12.: "Gefährliche Förderlücke? - Impfstoffentwickler werden mit Staatsgeld überschüttet. Doch auf absehbare Zeit wird es auch Medikamente gegen Covid-19 brauchen. Deren Entwickler fühlen sich im Stich gelassen." Siehe auch: "Medikament statt Impfung gegen Corona: Wissenschaftler sprechen von 'Durchbruch' - Ein mögliches Corona-Medikament könnte Infektionsgeschehen stark eindämmen ... In Amerika wurde ein Grippemittel entdeckt, welches die Virusübertragung stoppen soll ... Einnahme von 'Molnupiravir' innerhalb von 24 Stunden die Übertragungsfähigkeiten des Coronavirus komplett blockieren könne. Damit sei es das erste 'oral verfügbare Medikament' ... sei ein 'starker Kandidat' zur Eindämmung des Virus und habe die Möglichkeit 'das Spiel zu verändern' ... wären Covid-19-Patienten bereits 24 Stunden nach der Einnahme von 'MK-4482/EIDD-2801' bereits nicht mehr infektiös."

 

Nachtrag vom 21.12.: Weist Medikament Ivermectin immense Wirksamkeit gegen Corona auf?

 

Nachtrag vom 28.12.: "Neuer Antikörper-Cocktail könnte sofort gegen Covid-19 schützen ... Impfungen haben ... auch einen entscheidenden Nachteil: Es dauert meist einige Zeit, bis sie wirken, manchmal werden gar mehrere Impfungen benötigt, um vollen Impfschutz aufzubauen. Doch bei einem möglichen neuen Corona-Medikament, das vom University College London ... mit dem Pharmaunternehmen AstraZeneca entwickelt wurde, soll das anders sein ... Antikörper, die im Labor hergestellt wurden ... könnten Menschen, die dem Coronavirus direkt ausgesetzt waren, davor schützen, Covid-19 zu entwickeln ... Die Antikörper gegen Corona könnten bereits im März oder April zugelassen werden ... Pflegeheimen. Dort könnte man beispielsweise auch größere Corona-Ausbrüche mit Hilfe des Medikaments unter Kontrolle bringen." Siehe dazu: "Bemerkenswertes Corona-Medikament im Test: ... stünde ein Mittel zur Verfügung, das bei Einnahme augenblicklich immun gegen Covid-19 macht." Auch die Bild schreibt was hierzu. CDU-Fraktionschef: "Berlin solle sich für die Entwicklung eines Medikaments für Corona-Patienten einsetzen. Mit dem nun zur Verfügung stehenden Impfstoff könnten endlich Menschen gegen eine Corona-Infektion geschützt werden. Es sei jedoch noch nicht möglich, bereits Erkrankte mit einem Medikament zu heilen. Deshalb müsse Berlin mit seinem wissenschaftlichen Know-how die Entwicklung eines wirksamen Medikaments voranbringen." Und zur Prophylaxe: "Fraunhofer-Institut: Extrakt aus Glandorf wirkt gegen Coronavirus." 

 

Nachtrag vom 19.1.2021"In Deutschland werden schwer erkrankte Corona-Patienten regelmäßig mit dem Virustatikum Remdesivir behandelt ... Demnach verfügt Deutschland über rund 90.000 sogenannte Durchstechflaschen mit dem Arzneimittel Veklury. Unter diesem Markennamen wird Remdesivir vertrieben."     

 

Fortsetzung zur Medikamentenentwicklung: "Prioritäten hinter der Kulisse" vom 9.1.2021.    


20.11.2020

Gesundheit als Luxusgut

 

Vordergründig geht's um Gesundheit. Hintergründig blendet die Politik massive „Kollateral-schäden“ aus und arbeitet gleichzeitig darauf hin, das sich das Gros der Bevölkerung Gesundheit kaum noch leisten kann. N-tv titelt es als Frage: „Steigt Krankenkassen-Zusatzbeitrag massiv?“ Bei der Bild schon deutlicher: „AOK warnt vor Beitrags-Hammer.“ Es geht quasi um eine Verdopplung des Zusatzbeitrags. Ohne Gegensteuern drohe ein Anstieg des Zusatzbeitrags von 1,3 Prozent auf 2,5 Prozent. „Der von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn versprochene höhere Bundeszuschuss von einmalig fünf Milliarden Euro reiche bei weitem nicht aus, um die für 2021 vorhergesagte Finanzlücke von über 16 Milliarden Euro in der gesetzlichen Kranken-versicherung zu decken, sagte Litsch (AOK-Chef). ‚Die Koalition will das Milliardenloch zu mehr als zwei Dritteln mit dem Geld der Beitragszahler stopfen‘.“ Etliche Geringverdiener, die ohnehin schon nur schwer über die Runden kommen, wird das wohl krank machen.

 

Der Bundesrat hat übrigens den von der Bundesregierung für 2021 vorgelegten Finanzierungs-plan für Corona-Ausgaben abgelehnt: „Die geplante einmalige Erhöhung des Bundeszuschusses um fünf Milliarden Euro entspreche nicht annähernd der Finanzierungsverantwortung des Bundes … Bei einem zu erwartenden Defizit von mehr als 16 Milliarden Euro würden milliardenschwere gesamtgesellschaftliche Kosten allein den Beitragszahlern der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) aufgebürdet … Der Bundesrat sieht ferner durch das geplante Abschmelzen von Rücklagen der Krankenkassen die finanzielle Stabilität der GKV gefährdet.“ Die Bundesregierung konterte: „Der Bundeshaushalt könne nicht noch stärker belastet werden, während viele Krankenkassen über hohe Finanzreserven verfügten.“ Die ganze Unterrichtung zum „Gesundheitsversorgungs- und Pflegeverbesserungsgesetz –GPVG“ mit „Stellungnahme des Bundesrates und Gegenäußerung der Bundesregierung“ steht dort zur Ansicht.

 

Im Rahmen einer Anhörung im Gesundheitsausschuss im Bundestag am 16. November rügten die Krankenkassen den Eingriff in ihre Haushaltsautonomie:  „Der zusätzliche Eingriff in die Rücklagen der Kassen sei inakzeptabel“ – aus den Finanzreserven der Krankenkassen sollen einmalig acht Milliarden Euro in den Gesundheitsfonds überführt werden. Zynisch: „Mit dem zusätzlichen Geld sollen die Beiträge weitgehend stabil gehalten werden.“ Die AOK dazu: Das ist eine „Entmündigung der Selbstverwaltung“. „Die AOK rechnete vor, dass ein Großteil der Ausgabensteigerungen nicht durch die Pandemie, sondern durch Gesetze verursacht sei. Ähnlich kritisch äußerte sich der Dachverband der Betriebskrankenkassen (BKK).“ In einem weiteren parlamentarischen Dokument geht es um die „Belastung der gesetzlichen Krankenversicherung durch die Corona-Pandemie“. Auch ein Rechenbeispiel geht daraus hervor – für den Fall einer Erhöhung des Zusatzbeitragssatzes um 0,2 Prozentpunkte: „Für eine Arbeitnehmerin oder einen Arbeitnehmer mit einem Einkommen von beispielsweise monatlich 3.000 Euro entspricht dies einer Beitragsmehrbelastung von rund 36 Euro jährlich.“ Was das bei einem Anstieg von – wie angedroht – 1,2 Prozent macht, kann sich jeder analog seines Einkommens selbst ausrechnen. 

 

Nachtrag vom 25.11.: Gesundheitsausschuss im  Bundestag beschließt Gesundheitsversorgungs-

und Pflegeverbesserungsgesetz der Bundesregierung mit einigen Änderungen. "Für den Entwurf, der am Donnerstag im Plenum verabschiedet werden soll, votierten am Mittwoch die Fraktionen von Union und SPD, Linke und FDP stimmten dagegen, AfD und Grüne enthielten sich. Die Vorlage beinhaltet ein ganzes Bündel an Regelungen. So soll die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) 2021 einen einmaligen zusätzlichen Bundeszuschuss in Höhe von fünf Milliarden Euro erhalten. Zudem sollen aus den Finanzreserven der Krankenkassen einmalig acht Milliarden Euro in den Gesundheitsfonds überführt werden. Mit dem zusätzlichen Geld sollen die Beiträge stabil gehalten werden. Die Bundesregierung plant 2021 mit einem Anstieg der Zusatzbeiträge in der GKV im Schnitt um 0,2 Prozentpunkte. Ferner sind 20.000 zusätzliche Stellen für Pflegehilfskräfte in der stationären Altenpflege geplant..."


13.11.2020

Landrat zeigt Arzt an

 

Wie man es gerade braucht: „In der Krise könnten Regeln außer Kraft gesetzt werden“, schreibt die Berliner Zeitung und zitiert Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: „Wenn (...) wegen Isolation und Quarantänemaßnahmen so viele dann gar nicht mehr da sind, im Krankenhaus, in der Arztpraxis, in der Pflegeeinrichtung, dass die Versorgung zusammenbricht, muss man schauen, was ist neben der bestmöglichen Lösung die zweitbeste.“ Dann könne es nötig sein, dass die Kontaktpersonen mit täglichen Tests und FFP2-Masken weiter arbeiten. Das geht dann also. Erst Mitte September erstattete ein Landrat im Kreis Deggendorf Anzeige gegen einen Internisten, der trotz Corona-typischer Symptome Patienten behandelt hätte. „Nach Erkenntnissen der Gesundheitsbehörden“ soll er „symptomatisch“ gewesen sein. „Bis zum Vorliegen des positiven Corona-Tests habe er jedoch den Praxisbetrieb nicht eingestellt, sondern, so zitiert ihn Landrat Bernreiter, offenbar zum Schutz der Patientinnen und Patienten, im Praxisbetrieb ‚eine FFP2-Maske verwendet‘.“ Der Test war dann positiv – was kein Nachweis über eine Infektion im Sinne des Infektionsschutzgesetzes bedeutet – und der Arzt schloss daraufhin die Praxis. Fünf seiner Patienten wurden ebenfalls positiv auf Corona getestet. „Sie hatten, so fanden die Gesundheitsbehörden bei ihren Nachforschungen heraus, mit circa 275 weiteren Personen Kontakt, die umgehend ebenfalls unter Quarantäne gestellt werden mussten. Darunter befinden sich neben Lehrkräften auch circa 130 Schüler.“ Dass sich die fünf positiv Getesteten auch woanders angesteckt haben könnten, wird nicht mal in Betracht gezogen. Die Bewohner eines Altenheims, die der Arzt ebenfalls betreute, erhielten sämtlich negative Testbescheide. „Sollte der Arzt wirklich, wie bislang nur als Verdacht im Raum steht, fahrlässig gehandelt haben, so werden auch berufsrechtliche Konsequenzen auf ihn zukommen.“ Drei Tage später wies der Arzt alle Anschuldigungen zurück. Die Staatsanwaltschaft Deggendorf ermittelt trotzdem und zwar „wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung“. „Sollte sich der Vorwurf bestätigen, könnte dem Arzt eine Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren drohen.“ Man fragt sich, wer unter solchen Umständen überhaupt noch Mediziner werden will.


7.11.2020

Corona und Künstliche Intelligenz

 

Die aktuelle, auch nur innenpolitische Lage kann man gar nicht mehr umfänglich genug erfassen, ohne das Mitdenken von globalen und IT-technischen Vorstößen. Das verdeutlicht einmal mehr der „Bericht der Enquete-Kommission Künstliche Intelligenz – Gesellschaftliche Verantwortung und wirtschaftliche, soziale und ökologische Potenziale“, der eben erschien.

 

KI-Systeme (KI = Künstliche Intelligenz) sollen zur Lösung globaler Herausforderungen und „wesentlicher Zukunftsfragen der Gesellschaft beitragen“.  „Der Rahmen dafür kann und muss politisch gesetzt werden“, heißt es im Bericht. Die Kommission referiert auch über ihren Beitrag rund um Corona. So findet sie zum Beispiel ganz prima: „Auch andere Datenquellen erwiesen sich als äußerst hilfreich, etwa der Zugriff auf weltweite Ticketdaten von Fluggesellschaften, mit deren Hilfe sich ermitteln lässt, wohin und wann Einwohner in nächster Zeit reisen. Dies hat es ermöglicht, eine korrekte Vorhersage über die Verbreitung des Corona-Virus in den ersten Tagen nach dem Auftreten zu treffen.“ Von KI-Anwendungen verspricht man sich „ein hohes Potenzial zur Eindämmung und Beherrschung von Pandemien“. Einsatzgebiete: Ausbruchsvor-hersagen, Visualisierungen, Ansteckungsverfolgung, Viruserkennung, molekularbiologische Untersuchungen, Genomsequenzierung, Krankenhausmanagement, intelligente Robotik im klinischen und pflegerischen Bereich sowie automatisierte Teststationen für breite Datenakquise. 

 

Konkreter: Verfeinertes Tracking von Infektionen und Rekonstruktion der viralen Ausbreitung mittels Kontakt-, Mobilitäts- und genomischer Pathogendaten, in der Phylogeographie: Zusammenfassung und Analyse von Sequenzdiversität (Erreger) mit räumlichen Ausbreitungs-modellen und Mobilitätsnetzwerken (Wirt), Erkennen von für die Eindämmung relevanten Eigenschaften (z.B. Risikopotenzial von Orten, Personen, Konstellationen und Verhaltensweisen) mit Hilfe von Merkmalsselektion und Mustererkennung sowie Clinical Risk Assessment basierend auf Pathogen- und Patientendaten zur Vorhersage weiterer Wellen und Bedarfsplanung von Intensivbetten und Personal. „KI kann zudem beim sogenannten Crowd Sensing unterstützen, das die Erfassung relevanter Gesundheitsparameter, Kontaktverfolgung auf der Basis des DP-3T-Standards und Kommunikationsmöglichkeiten unter Wahrung von Privatsphäre und Datenschutz vereint.“ Weitere Anwendungsbeispiele von KI-Systemen sieht man unter anderem bei der Bilderkennung von histopathologischen Befunden, bei der Diagnose vor PCR-Tests, bei gensequenzierten Daten und bei der Vorhersage von Proteinstrukturen und Identifizierung von Epitopen. „Zudem kann das individuelle Erkrankungsrisiko unter Heranziehung multipler Parameter durch KI-Unterstützung ermittelt werden. KI kann auch dabei helfen, Medikamente und Impfstoffe vor einem Test am Menschen zu prüfen – etwa auf toxische Reaktionen – und so die Zulassung beschleunigen und Probandinnen und Probanden schützen.“ 

 

Das Netzwerk für Bioinformatik-Infrastruktur forscht ebenfalls aktiv an Anwendungen für die Covid19-Bekämpfung. Dort setzt man etwa KI-Methoden bei der Strukturvorhersage von viralen Proteinen und RNA ein, um die Impfstoffentwicklung voranzubringen. Ziel ist unter anderem ein digitales Zentralregister für Infektionskrankheiten, das tagesaktuelle Fallzahlen und anonymisierte Informationen aus Kliniken, niedergelassenen Praxen und Gesundheitsämtern kombiniert. „Damit stünde eine verlässliche Datenbasis für KI-Modelle und die Epidemiologie bereit.“ Finanzielle Unterstützung bei dieser Forschung sollen auch Datenwissenschaftler, zum Beispiel aus der „Deutschen Covid19 Omics Initiative(Anm.: diese wird eventuell noch eine größere Rolle spielen), erhalten. „In Anbetracht der konstanten Gefahr, dass in einer globalisier-ten Gesellschaft jederzeit Pandemien auftreten können, erscheint es sinnvoll, zur Wahrung des Vorsorgeprinzips eine Datenbasis auch bzgl. gewöhnlicher Erkältungskrankheiten oder der saisonalen Grippe zu erheben und mittels KI auszuwerten. So ließen sich bereits auf Basis dieser Erkrankungen viele allgemeine Daten beispielsweise über die Rolle verschiedener Kontaktnetz-werke des öffentlichen Lebens für die Verbreitung von Erkrankungen in Abhängigkeit von epidemiologischen und biologischen Eigenschaften ihres Erregers erheben, die dann im Falle einer Pandemie die Datenbasis der Infektion ergänzen könnten.“ Die Kommission spricht sich dazu für die Entwicklung von Konzepten aus, „wie mit den personenbezogenen, hochaufgelösten Daten verantwortlich umgegangen werden kann, damit sie unter höchsten Sicherheitsansprüchen geschützt sind, aber gleichzeitig die wissenschaftliche Auswertung gewährleistet ist.“ Angesichts der aktuellen Begeisterung etlicher Aktivisten aus dem politisch korrekten Milieu für das totalitäre Vorgehen Chinas sei auch dies zitiert: „Klar ist aber auch, dass der europäische Weg bei der Nutzung von KI zur Pandemiebekämpfung und -vorbeugung nicht dem autoritären Weg anderer Staaten gleichen kann, der tief in die Privatsphäre und individuelle Freiheit der Menschen eingreift.“ Das bleibt zu hoffen, denn mit den Vorhaben wäre das ein Leichtes. 


31.10.2020

Globale Gesundheitspolitik

 

Im Atlantic Talk Podcast ging es vorgestern um das Thema „Global Health Security...“ Zu Gast war die Soziologin Ilona Kickbusch. Die „Expertin für globale Gesundheitsfragen“ berät NGOs, Unternehmen, Regierungen, Gesundheitsexperten zahlreicher Staaten sowie den Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Tedros Adhanom Ghebreyesus persönlich. Man kann sich das Interview zwischen einem stramm politisch korrekten Moderator und einer international vernetzten Fachfrau durchaus mal anhören – sowohl um festzustellen, wie globale Akteure aufgestellt sind, als auch zur eventuellen Erweiterung der eigenen Meinungsbildung. 

 

Im Podcast erfährt man von Kickbusch, dass derzeit ein Komitee untersucht, ob die WHO mehr Kompetenzen und damit Durchschlagkraft erhalten soll; also beispielsweise Erlasse von sich geben kann. Ein entsprechender Vorstoß im Jahr 2005 sei am Widerstand der großen Mitgliedsländer gescheitert. Dem aktuellen Komitee stehe der Leiter des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, vor. Man ahnt, wo hinein die Verhandlungen diesmal münden. Bemerkenswert ist an späterer Stelle die China-Begeisterung des Moderators: „Chinas autoritäre Führung hat die Pandemie mit rigiden Methoden ja extrem gut in den Griff gekriegt.“ Das „totalitäre Überwachungssystem“, die „Zwangsquarantäne, auch Zwangsimpfung“ habe die Zahlen glaubhaft (?) nach unten gedrückt „und die Zivilbevölkerung in China freut sich“, denn das öffentliche Leben funktioniere wieder. Hingegen in Europa „maulen“ die Leute über Masken oder Warn-Apps, in den USA würden sich „Covid-Gegner“ bewaffnen. Der Moderator folgert daraus: „Die Frage drängt sich auf, ob autoritäre Systeme nicht erfolgreicher sind im Umgang mit der Pandemie.“ Kickbusch ließ sich auf diese Spur allerdings nicht ein. Es käme vor allem darauf an früh zu handeln. „Diejenigen, die erfolgreich waren, waren nicht unbedingt die, die am autoritärsten waren, sondern die, die am schnellsten agiert haben.“ Den westlichen Demokratien sei die Erfahrung im Umgang mit Infektionskrankheiten verloren gegangen. Der Gegensatz bestehe nicht bei den Polen autoritär oder demokratisch, sondern zwischen einem „extremen Individualismus“ und dem Verständnis, gemeinschaftlich in einer Sache vorzugehen. 

 

Als nächstes ging es um die Regulierung sozialer Medien im Netz. Die WHO spreche „sehr regelmäßig“ mit Google, Facebook, Twitter und Co.; sie sei „proaktiv auf soziale Plattformen zugegangen“ mit dem Ergebnis, dass bei den Google-Suchergebnissen rund um Corona die Infos der WHO ganz oben gesetzt sind. Microsoft habe als erste große Tech-Firma bei den Vereinten Nationen ein Büro eingerichtet sowie einen Botschafter in New York und in Brüssel implementiert. Auch Bioterrorismus nehme zunehmend Platz in der Global Health-Debatte ein. Kickbusch: „Man ist besorgt, dass bestimmte Viren, bestimmte Stoffe, auch genetisch veränderte Produkte, eben in den Labors hergestellt werden“ und etwa auch durch Unfälle aus diesen Labors herauskommen können. Historisch seien in Kriegen auch bewusste Ansteckungen vorgekommen. In Europa solle man sich schon Gedanken dazu machen, wie gesellschaftliche Bereiche vom Gesundheitssystem bis hin zu Schulen „auf solche möglichen Vorkommnisse“ vorbereitet werden können. Jedenfalls sei dieses Virus nicht das letzte Virus, „mit dem wir uns auseinandersetzen müssen“. Weitere besprochene Themen: Antibiotika-Resistenzen und private versus öffentliche Gesundheitsversorgung. Sollte das Coronavirus im Übrigen außer Kontrolle geraten, dann müssten wir auf eine „ganz neue Weise“ damit leben müssen – mit „sehr viel mehr Restriktionen“ und persönlicher Vorsicht. Es würde „eine ganz große Bürde“ sein. Individuelle Entscheidungsfreiheit darüber, welchen Preis Einzelpersonen für eine derartige Einschränkung der Lebensqualität bezahlen möchten respektive wie sie mit Lebensrisiken umgehen, war nicht zur Diskussion gestellt. Was zähle ist das Kollektiv. Wie in China. Man kann das so sehen, es impliziert auch soziale Verantwortung. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte mit ihrem Fokus auf individuelle Entfaltung müsste man dann aber konsequenterweise abschaffen.   


17.10.2020

Das zynische Spiel mit der Gesundheit

 

Es fehlt nicht mehr viel an Grotesken rund um den Masken-Kult, um an solcherart irrwitzige Zustände auf dem Planeten Pinta anzudocken. Dorthin verschlug es Stanislaw Lem während seiner fiktiven „Dreizehnten Reise“; publiziert in den Sterntagebüchern. Wir tauchen kurz ein: 

 

Auf Pinta steht alles unter Wasser, weil trockene Stellen einfach „scheußlich“ sind. „Durch die Straßen wateten die Einwohner; sie hielten die Köpfe unter Wasser, tauchten jedoch alle Augenblicke auf, um Atem zu holen.“ Man gluckst dort lieber als zu sprechen und huldigt ansonsten den „himmelragenden Fischdenkmälern“. Sinn und Ziel jedes Lebens ist: zunehmend fischiger zu werden. „Flosse an Flosse bekämpfen wir Wassermänner die Dürre!“, lautet ein Leitspruch, oder: „Hoch lebe die wässrige Freiheit!“ Bei Kulturveranstaltungen wird man unaufhörlich mit Duschen berieselt. Der Autor konnte sich „des eigenartigen Eindrucks nicht erwehren, dass sich dabei alle ziemlich unbehaglich fühlten“. Wer im Übrigen dabei erwischt wird, dass er im dunklen Zuschauerraum heimlich durch ein Schilfrohr atmet, wird sofort abgeführt und in die „Trockenzelle“ gesteckt. Ebenso jemand, der sich in der wässrigen Umgebung verschluckt und impulsiv ausruft: „Krepieren kann man dabei!“ Literaten auf Pinta schreiben über „Glucksen zu zweit“, die Presse beschäftigt sich mit der Zukunftsfähigkeit von eher leisem Glucksen und als ein Redakteur von „Die Stimme des Fisches“ ausversehen postuliert: „Im Wasser ist es nass“, verschwindet er zwei Tage später spurlos. Man habe nämlich alles vom Standpunkt der Fische aus zu betrachten. „Für die Fische ist das Wasser nicht nass, folglich könne es darin nicht nass sein.“ Für den Fall, dass jemand auf Pinta auf die Idee kommt an dieser Lebensart zu zweifeln, obwohl Lektoren täglich über Unterwasserfreiheiten dozieren, ist vorgesorgt: An allen öffentlichen Stellen sind Flüsteranlagen angebracht, „die den Anwesenden die richtigen Empfindungen“ vorsagen. Größte Plage auf Pinta: der Rheumatismus. „Man dürfe aber keinesfalls äußern, dass es sich um eine Krankheit handle, es seien vielmehr Anzeichen ideologisch falschen Widerstandes des Organismus gegen die Fischwerdung.“ Vorerst soweit aus dieser Fiktion. Später wird ergänzt, wie es zu diesem Irrsinn kam.    

 

Wir sehen uns nun im aktuellen medizinischen Populismus um: Die etablierte, bezuschusste Presse, vom Google-Partner Spiegel bis hin zur Süddeutschen, überschlägt sich täglich mit „Rekorden an Neuinfektionen“; obwohl letztere unlängst selbst titelte: „Positiv getestet, aber nicht ansteckend.“ Wider besseres Wissens verbreiten diese „Journalisten“ also Fake News und täuschen bewusst die Öffentlichkeit, wenn sie von „Infizierten“ respektive „Neuinfektionen“ schreiben, anstatt von „positiv getesteten Personen“, die vielleicht eine Covid 19-Erkrankung schon vor Monaten mit leichter Symptomatik abgeschlossen haben. Trotz mehrfacher wissenschaftlicher Kritik daran brüllen besagte Medien stur und ungehindert einfach weiter ins ewig selbe Panikhorn, ohne jemals die Spitzen der Politik zur Rechenschaft zu ziehen. Warum?   

 

Während bei der Presse noch handfeste geldwerte Gründe vorliegen könnten, wird es spätestens beim Masken-Kult richtig skurril: Der bayerische Ministerpräsident preist die „Maske als Instrument der Freiheit“, der Tagesspiegel titelt empört: „Manche nehmen zum Niesen die Maske ab“ – die Empfehlung in die Armbeuge zu niesen, um nicht das, was der Körper gerade loswurde, unmittelbar wieder einzuatmen, wird also inzwischen als abnormes Verhalten stigmatisiert und die entsprechende Person ist selbstredend schuld daran, wenn der Stadtteil zum Corona-Hotspot wird. Noch im Mai hieß es: „Man sollte lieber nicht in die Maske niesen. Denn die Maske wird davon feucht, weil sich alle Viren und Tröpfchen sammeln. Das … erhöht die Virenlast in der Maske. Wenn es möglich ist, die Maske abnehmen und in die Armbeuge niesen … Eine durchfeuchtete Maske erfüllt ihren Zweck nicht mehr.“ Solche Folgen sind heuer out von interest. Zwischenmenschlich besonders abstoßend: die inzwischen gestoppte „Mittelfinger-Masken-Kampagne“ des offiziellen Berliner Reiseportals, das trotz Corona Geld dafür hätte erübrigen können, das Motiv mit der hasserfüllt dreinblickenden Seniorin mit erhobenem Stinkefinger in Richtung „Maskenverweigerer“ in diversen Zeitungen zu publizieren und außerdem zu plakatieren. Bemerkenswert, mit welcher Verve sich das tiefrot regierte Berlin für autoritäre Maßregelung auf unterstem Niveau einsetzt. 

 

Bizarr auch eine „absurd anmutende Versuchsanordnung“ im spanischen Profi-Handball. Die Profis der ersten Liga durften „erstmals nur mit Mund-und-Nasenschutz auflaufen“: „Die Masken rutschten den Spielern während der Partie wild im Gesicht herum; der eine trug sie unter der Nase, der andere am Kinn. Einem weiteren Spieler rutschte das vom Atmen durchweichte Stückchen Stoff, nach einem beherzten Zugriff des Abwehrspielers, ganz vom Gesicht und musste nach dem Angriff wieder hinter den Ohren befestigt werden … Viele Spieler hätten unter der Maske schwere Atemprobleme gehabt. ‚Denen wurde schlecht, die waren kurz vorm Kollabieren. Ist ja logisch, wenn du die ganze Zeit deinen eigenes Kohlendioxid einatmest‘.“ Die Spieler hatten freilich trotzdem engen Körperkontakt – „diesmal eben mit verrutschtem, durchnässtem und auch klebrigem Mund-und-Nasenschutz“. Einer sagte: „Leute, die so etwas entscheiden, das derart an der Realität vorbeigeht, sind einfach nur Idioten.“ Der hiesige Geschäftsführer der Handball-Bundesliga meint: „In Deutschland ist ein ähnliches Szenario kaum denkbar … Eher würde man den Spielbetrieb einstellen, als die Spieler mit Maskenschutz auf die Platte zu schicken.“ Das Statement vom Corona-Koordinator bei der SG Flensburg-Handewitt: Er könne sich „gar nicht vorstellen, darunter Luft zu bekommen“. 

 

Man wird sehen, ob der Masken-Kult auch hierzulande Oberhand über den Sport gewinnt. Was heute gesprochen wird, kann schließlich morgen wieder überfällig sein. So, wie auch Gesetze und Bestimmungen urplötzlich nicht mehr gelten, ohne dass sie auf parlamentarischem Wege aufgehoben sind. Der Datenschutz etwa zählt dazu und die Schweigepflicht der Ärzte. Auf letztere beruft sich das Gros der Mediziner – korrekterweise – bei der Ausstellung eines Attests zur Befreiung der Maskenpflicht für Lungenkranke; die allerdings haben in die Röhre zu gucken, denn Gerichte urteilen nunmehr: „Attest gegen Maskenpflicht nur mit Diagnose.“ Konsequenter-weise, freilich höchst fragwürdig, müsste also die Bestimmung über ärztliche Schweigepflicht abgeschafft werden. Das wird aber niemand tun. Denn Konsequenzen sind heuer out of interest. 

 

Ein „besonders zynisches Manöver der Bundeskanzlerin“ identifizierte der Freitag in Bezug auf Schuldverschiebung: „Diese jungen Menschen, die endlich ihre Freunde wiedersehen wollen, werden nun als Gefährder markiert … Zusammenfassend gibt es also drei Mechanismen, derer sich die Bundesregierung bedient und die die Zusammenstellung der neuen Regeln erklären: Die Sichtbarmachung der vermeintlichen Bedrohung, ihre Präsenz in alltäglichen Situationen und die Schuldverschiebung, indem bestimmte Bevölkerungsgruppen als Verursacher der Entwicklung und verantwortlich für politisches Handeln markiert werden. Alle Mechanismen werden sehr wirksam durch die Maskenpflicht bedient – nicht ohne Grund gehört auch eine Ausweitung der Maskenpflicht auf öffentliche Räume zu den beschlossenen Verschärfungen.“ Die Maske wird übrigens nicht das Ende der Fahnenstange sein. Schon kommt man jetzt um die Ecke mit der Frage:  „Schutzbrillen für alle?“ Die Studienlage sei zwar eindeutig: „Die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit Sars-CoV-2 über die Augenoberfläche sei unwahrscheinlich … Allerdings empfiehlt die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft als Fachgesellschaft für Augenheilkunde bei engem Kontakt mit Covid-19-Patienten das Tragen einer Schutzbrille, die die Augen umschließt. Der Grund dafür: Es seien nach wie vor nicht alle Fragen rund um die Coronavirus-Ansteckungsgefahren wissenschaftlich geklärt.“ Im Zweifel also aufsetzen, so die implizite Logik des Merkur, auch wenn ein Nachweis fehlt. Der wird sicherlich demnächst nachgeliefert. Mehr Infos rund um den Masken-Kult gibt es hier.

 

Mit der passenden inneren Einstellung könnte es einfach sein, aus dem irrsinnigen Schlamassel herauszukommen. Auf Seiten der Entscheider wäre es: die selbstkritische Verweigerungshaltung zu überwinden und zuzugeben, dass man sich im Ausmaß der Coronapolitik verrannt hat respektive Einzelinteressen zeitweise Vorrang gegeben hat. Das wäre eine Stärke und entspräche der „Liebe zur Weisheit“, die selbstkritische Eingeständnisse niemals mit Beschämung gleichsetzt und daher mit Leichtigkeit aushält. Eventuelle politische Postenverschiebung bliebe an anderer Stelle zu diskutieren. Auf Seiten der Bevölkerung wäre es: Lust auf Eigenständigkeit zu wecken, um notfalls auch unabhängig eines Gruppen- und Meinungskollektivs bestehen zu können. Einfach alles mitzumachen, nur um dazu zu gehören, wird immer zu einem Restgefühl an Unbehaglichkeit führen. Die entstehende Ambivalenz zwischen potenziell präziser Wahrnehmung einerseits und ängstlicher Anpassung andererseits wird sich auswirken. Jedenfalls erstaunlich, welch hohen Preis viele für eine fragwürdige Gruppenzugehörigkeit bezahlen.

 

Auf Pinta hat man beides nicht geschafft. Wir wohnen nochmal der irrwitzigen Reise von Stanislaw Lem bei. Er traf nämlich irgendwann auf einen strafversetzten Uniprofessor, der in seiner Vorlesung ketzerisch erklärt hatte: Das Wasser ist zwar wirklich unerlässlich für das Leben, „aber in anderem Sinne, als dies allgemein praktiziert werde“. Der Professor dann über die Geschichte des Planeten Pinta: „Einst hatten den Planeten heiße Winde geplagt, und die Gelehrten wiesen nach, dass ihm die Verwandlung in eine öde Wüste bevorstünde. Sie arbeiteten deshalb einen großen Bewässerungsplan aus. Damit er durchgeführt werden konnte, mussten entsprechende Institutionen und übergeordnete Büros eingerichtet werden. Später, als das Netz der Kanäle und Reservoirs angelegt war, wollten sich die Büros nicht auflösen, sie blieben weiter tätig und setzten die Bewässerung Pintas fort. So kam es dazu, dass das, was beherrscht werden sollte, uns beherrschte, erzählte der Professor. Niemand wollte sich das jedoch eingestehen, und der nächste Schritt, der sich mit zwingender Notwendigkeit daraus ergab, war die Feststellung, es sei eben alles so, wie es sein müsse.“ 

 

Damit ist die Geschichte aber immer noch nicht zu Ende. Plötzlich hatte nämlich jemand den „Großen Hechter“ mit einem Handtuch gesehen und es ging das Gerücht um, es werde bald Trockenheit angeordnet. Doch kurz vor der teils schon eingeleiteten Änderung wurde zwar das Glucksen als gesundheitsschädlich verboten, die nur kurz angekratzte Ideologie aber umso vehementer verteidigt. Bedeutete: ab sofort ausschließlich Unterwasseratmung, die, weil besonders fischhaft, mit Rücksicht auf das öffentliche Wohl eingeführt werde. Im ersten Schritt sollten sich alle Bürger eine Weile länger unter Wasser aufhalten als am Vortag. „Zur Erleichterung werde der allgemeine Wasserpegel auf elf Stiele (Längenmaß) erhöht.“ Die Leute mussten dann im Stehen schlafen. Dann begannen die Übungen im Unterwasseratmen. „Nach einigen Tagen wurde durch gnädigen Erlass des Ermesineus der Bitte aller Bürger stattgegeben und der Wasserpegel um einen weiteren halben Stiel erhöht. Alle liefen nun auf Zehenspitzen, kleinere Personen verschwanden.“ Das Unterwasseratmen gelang aber niemandem. So schlich sich die Praxis ein, „immer wieder an die Oberfläche zu hüpfen, um Luft zu schnappen … alle gaben sich nun den Anschein, als täten sie es selber nicht und sähen auch nicht, wie andere dies taten. Die Presse berichtete von gewaltigen Fortschritten im Unterwasseratmen im ganzen Land.“ Schwimmen konnten die Pinter, obwohl im Wasser aufgewachsen, übrigens nicht.


11.9.2020

Medizin: Aufarbeitung erwünscht?

 

Beim Aufräumen in die Hände gefallen: „Wissenschaft ohne Menschlichkeit – Medizinische und eugenische Irrwege unter Diktatur, Bürokratie und Krieg“ von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke; erschienen im Verlag Lambert Schneider in Heidelberg 1949. Ein rund 300-seitiger Hammer, gerade in seiner Detailliertheit – es sind unter anderem zahlreiche Stationstagebücher aus der NS-Zeit, die bei den Nürnberger Prozessen eine wesentliche Rolle spielten, zitiert und analysiert. „Nur schonungslose Bloßlegung aller Tatsachen und der aufrichtige Versuch zur Ermittlung der Wahrheit kann es der Ärzteschaft und dem deutschen Volke möglich machen, die Schlußfolgerungen zu ziehen und den richtigen Weg für die Zukunft zu finden“, heißt es dazu im Vorwort der „Arbeitsgemeinschaft der westdeutschen Ärztekammern“.

 

Die Ärzteschaft hatte damals festgestellt: „…daß nur ein verschwindend geringer Teil der Standesangehörigen die Gebote der Menschlichkeit und der ärztlichen Sitte verletzt hat. Diese wenigen Personen waren entweder SS-Ärzte und hohe Staatsbeamte oder Sanitätsoffiziere, die dem Diktat der politischen Führung mehr gehorchten als dem ärztlichen Gewissen.“ Bereits am 18. Oktober 1947 formulierten die Ärzte in einer öffentlichen Entschließung zur „Auslese“ dieser Ärzte: „Daß sie mit Macht über Leben und Tod begabt wurden, zählt zum Schuldkonto der Diktatur, die überall die zerstörerischen Kräfte um sich scharte.“

 

„Es ist deshalb zu fordern, daß überall dort, wo die Forschung zu eingreifenden neuen Untersuchungsmethoden schreiten will, das private Interesse des Forschers (etwa der Prioritätswunsch) in den Hintergrund tritt, und daß die Forschungsabsicht vor einem urteilskräftigen Rat von Fachleuten, der seinerseits der Öffentlichkeit verantwortlich ist, erläutert wird und deren Zustimmung bedarf, ehe sie im Selbstversuch oder an Versuchspersonen zur Ausführung gelangt. Der Prozeß hat ferner den unheilvollen Einfluß von Institutionen und Bürokratien auf die ärztliche Tätigkeit gezeigt, weil diese in keinerlei ursprünglicher Beziehung zum Verhältnis Arzt und Kranken standen.“ Es bleibe deshalb die Grundforderung nach der unangetasteten Selbstverantwortung des Arztes. Er habe „von niemandem Weisungen, Richtlinien oder Befehle zu empfangen“, sondern nur seinem Berufsethos zu folgen. Diese Revision sei nach den Erfahrungen „unerläßlich“ und stelle außerdem „den einzigen Dank“ dar, „den man den Toten der vergangenen Schreckensjahre abstatten kann“. An der aktuellen Situation gemessen zeigt sich: Die Mahnung der Ärzteschaft wird nicht die Bohne beherzigt. Was ist die Aufarbeitung der NS-Diktatur den Herrschenden tatsächlich wert?

 

Eine weitere Vorrede zum Buch beklagt ein Desinteresse der Öffentlichkeit bereits 1949. Das sei beängstigend. „Jene, die Einbildungskraft übersteigenden historischen Ereignisse, die eben noch die Szene tödlich beherrschten, sinken ungeprüft, gleichsam ohne Echo in den ebenso unersättlichen Abgrund der Vergangenheit.“ Trotzdem hofften die Autoren mit ihrer Publikation, dass „mancher unter den Millionen der Zeitgenossen und Leidensgefährten trotz des lähmenden und vernichtenden Gefühls nur noch ‚Objekt der Geschichte‘ zu sein, soviel historisches Bewußtsein bewahrt hat, daß er die Geschichte als Zusammenhang begreift“ und „die Konsequenz ihrer Abfolge“ aufspürt. Letztlich zeigten die Dokumente „dem, der sehen will, zur Genüge, daß ein bedenklicher Grad von mitmenschlicher Fühllosigkeit und von selbstverlorenem Egoismus gerade unter dem Deckmantel exakter, objektiver Forschung in der Medizin erreicht wurde, und daß es nur noch eines bestimmten Maßes von äußerer Zumutung bedurfte, damit das Verhängnis, kaum irgendwo wirkungsvoll aufgehalten, seinen Lauf nehmen konnte.“ Allein „wissendere Menschlichkeit“ verhindere die Vermehrung des „zeitgenössischen Schuldkontos“. 

 

Ein Kapitel befasst sich übrigens mit „Virusforschung“ und vielfach tödlichen „Fleckfieber-Impfstoff-Versuchen“. Letztere wurden im „KL Buchenwald“ und im „KL Natzweiler“ durchgeführt. „Die Gründung einer Fleckfieber-Station in Buchenwald war zunächst zur Herstellung eines ‚SS-eigenen Impfstoffes‘ auf Befehl des Reichsarztes SS Grawitz erfolgt.“ Zuerst wurden dort aber bereits vorhandene Impfstoffe geprüft. Im Rahmen einer Impfstoff-Versuchsreihe 1942 besuchte auch Gerhard Rose, Chef der Abteilung für Tropenmedizin am Robert-Koch-Institut, das Versuchslager. Später sagte er dazu im Verhör, dass ihm ein leitender Arzt gesagt habe: „Der Grund für diese Versuche seien die unüberbrückbaren Meinungsverschiedenheiten der Fachleute über den Wert der verschiedenen Herstellungsverfahren.“ Rose habe sich zu dem Plan, die Versuche an zum Tode verurteilten Verbrechern durchzuführen, „impulsiv ablehnend“ geäußert: Das verstoße gegen die Impfverfahren. „Ich bemerkte noch unwillig, wenn dieses Verfahren Schule mache, könnten wir ja die ganze Immunitätslehre an den Scharfrichter abtreten und nächstens eine Scharfrichterschule am Institut aufmachen.“ Nach seinem Besuch im KL-Hospital relativierte er seine Bedenken: „…denn die Buchenwald-Versuche haben ja sehr wesentliches über das hinaus gebracht, was wir auf Grund der Versuche wußten.“ Im Prozess wurde außerdem nachgewiesen, dass Rose selbst eine weitere Versuchsreihe in Buchenwald veranlasste. Der gesamte Prozess mitsamt seinen Versuchen der Ausrede ist minutiös dokumentiert.

 

In der Nürnberger Urteilsbegründung stand dann: „Schließlich überwand er aber die Bedenken, die er hatte, und nahm wissentlich, aktiv und zustimmend an dem Programm teil. Er versucht seine Handlungen damit zu rechtfertigen, daß ein Staat rechtmäßig Versuche an solchen Personen anordnen kann … Der Gerichtshof entscheidet, daß der Angeklagte Rose ein Haupttäter und Mittäter war, anordnete, Vorschub leistete, seine Einwilligung gab…“  Gerhard Rose wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt – später folgten Haftreduzierung und Gewährung von Pensionsansprüchen als Beamter. „Zum Tode durch den Strang“ wurden laut Urteilsspruch vom 20. August 1947 sieben Personen verurteilt; darunter Karl Brandt (Begleitarzt Hitlers) und Karl Gebhardt (Chefarzt, Leibarzt Himmlers und Präsident des Deutschen Roten Kreuzes). 

 

Die leitende Idee des Nürnberger Gerichtsverfahrens in dieser Sache, das vom 9. Dezember 1946 bis zum 19. Juli 1947 dauerte, war übrigens: „die sozialen und ideologischen Prämissen hervortreten zu lassen, die zur Konstellation der Verschuldung hintrieben.“ In einer Göttinger Universitäts-Zeitung hieß es dazu 1947: „Einige von ihnen mögen sogar unbegreiflicherweise hemmungslos guten Glaubens gewesen zu sein, man könne durch Menschenversuche Entscheidungen herbeiführen, die Tausende von Todesgefahr retten könnten.“ Zur Nachlese: Das Prinzip eben dieses Gedankengangs pflanzte die öffentlich-rechtliche ARD im Oktober 2016 wieder in die Köpfe der Bevölkerung: beim Mitmach-TV „Terror – Ihr Urteil.“ Weiter aus der damaligen Uni-Zeitung: „Wichtiger als die Frage der Schuld ist auch hier die Untersuchung, wieso es möglich war, daß ein Regime, das ... eine solche Kooperation verbrecherischer Individuen zuließ, Deutschland beherrschen konnte. Nach unserer Überzeugung ist es die auch heute noch fortschreitende entpersönlichende Kollektivierung des Menschenlebens.“

 

Im Nachwort zum Buch finden sich weitere Anhaltspunkte zur Frage, wie das alles geschehen konnte: Die Diktatur „ist zwar untergegangen, aber es scheint nicht so zu sein, dass brutaler Gruppenegoismus, der sich aller staatlichen und technischen Machtmittel zu bedienen weiß, aus dem Zeitgeschehen verschwunden sei“. Die Verurteilten seien nicht alle abnormen Charakters, sondern vor der Diktatur sogar unbescholtene Bürger gewesen: „Daß sie den Zumutungen, die an sie herangetragen wurden, nicht widerstanden haben, mag einmal allzu menschlichen Schwächen zuzurechnen sein, aber ebenso auch dem Stil, in dem sie dachten und den Gepflogenheiten, in denen sie wissenschaftlich erzogen worden waren.“ Der Grund der Widerstandslosigkeit sei auch in der „Personalunion von Arzt, Forscher und Soldat“ zu sehen, die zu einer Verschiebung der „Wertgehalte“ geführt hatten. Die involvierten Ärzte hätten sich insofern „abdrängen“ lassen. Und: „Es waren nicht zuletzt materielle Drohungen aus dem bürokratischen Hinterhalt, die manchen der Ärzte bei seinen Entscheidungen gegen das Gewissen leiteten!“ 

 

Um einer intrapsychischen Sicht noch Gehör zu verschaffen sei auf das dem Buch vorangestellte Zitat des Kultursoziologen Alfred Weber verwiesen: „Es tritt die Gefahr der persönlichen Aufspaltung ein, bei der – ist sie vollzogen – der Funktionär persönlich in seiner Funktion ein Teil des ‚Es‘ der Sache wird, die ihren eigenen, vom Persönlich-Menschlichen unabhängigen seelischen Grund in ihm einsenkt.“ Eine geläufige Selbstbeschwichtigung dabei: „Ich muß meine Aufgabe weiter vollziehen, ein anderer macht sie schlechter.“ Diese Grundlage der Persönlich-keitsauflösung nutze der Totalitarismus dann aus, „bis ein an sich gutmütiges, menschliches Wesen als ein zweites, ein Funktionärswesen, imstande ist, im Dienst des ‚Es‘ Dinge zu vollziehen, die von äußerster Unmenschlichkeit sind, und die es nur vollziehen kann, weil es nicht mehr ein, sondern zwei oder mehr Wesen darstellt.“ Wem jetzt die Apparatschiks in real-sozialistischen Staaten in den Sinn kommen, entspricht dem Wunsch der Autoren, „Geschichte als Zusammenhang“ zu begreifen. Es bleibt noch, die „Konsequenz ihrer Abfolge“ aufzuspüren.