11.9.2020

Medizin: Aufarbeitung erwünscht?

 

Beim Aufräumen in die Hände gefallen: „Wissenschaft ohne Menschlichkeit – Medizinische und eugenische Irrwege unter Diktatur, Bürokratie und Krieg“ von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke; erschienen im Verlag Lambert Schneider in Heidelberg 1949. Ein rund 300-seitiger Hammer, gerade in seiner Detailliertheit – es sind unter anderem zahlreiche Stationstagebücher aus der NS-Zeit, die bei den Nürnberger Prozessen eine wesentliche Rolle spielten, zitiert und analysiert. „Nur schonungslose Bloßlegung aller Tatsachen und der aufrichtige Versuch zur Ermittlung der Wahrheit kann es der Ärzteschaft und dem deutschen Volke möglich machen, die Schlußfolgerungen zu ziehen und den richtigen Weg für die Zukunft zu finden“, heißt es dazu im Vorwort der „Arbeitsgemeinschaft der westdeutschen Ärztekammern“.

 

Die Ärzteschaft hatte damals festgestellt: „…daß nur ein verschwindend geringer Teil der Standesangehörigen die Gebote der Menschlichkeit und der ärztlichen Sitte verletzt hat. Diese wenigen Personen waren entweder SS-Ärzte und hohe Staatsbeamte oder Sanitätsoffiziere, die dem Diktat der politischen Führung mehr gehorchten als dem ärztlichen Gewissen.“ Bereits am 18. Oktober 1947 formulierten die Ärzte in einer öffentlichen Entschließung zur „Auslese“ dieser Ärzte: „Daß sie mit Macht über Leben und Tod begabt wurden, zählt zum Schuldkonto der Diktatur, die überall die zerstörerischen Kräfte um sich scharte.“

 

„Es ist deshalb zu fordern, daß überall dort, wo die Forschung zu eingreifenden neuen Untersuchungsmethoden schreiten will, das private Interesse des Forschers (etwa der Prioritätswunsch) in den Hintergrund tritt, und daß die Forschungsabsicht vor einem urteilskräftigen Rat von Fachleuten, der seinerseits der Öffentlichkeit verantwortlich ist, erläutert wird und deren Zustimmung bedarf, ehe sie im Selbstversuch oder an Versuchspersonen zur Ausführung gelangt. Der Prozeß hat ferner den unheilvollen Einfluß von Institutionen und Bürokratien auf die ärztliche Tätigkeit gezeigt, weil diese in keinerlei ursprünglicher Beziehung zum Verhältnis Arzt und Kranken standen.“ Es bleibe deshalb die Grundforderung nach der unangetasteten Selbstverantwortung des Arztes. Er habe „von niemandem Weisungen, Richtlinien oder Befehle zu empfangen“, sondern nur seinem Berufsethos zu folgen. Diese Revision sei nach den Erfahrungen „unerläßlich“ und stelle außerdem „den einzigen Dank“ dar, „den man den Toten der vergangenen Schreckensjahre abstatten kann“. An der aktuellen Situation gemessen zeigt sich: Die Mahnung der Ärzteschaft wird nicht die Bohne beherzigt. Was ist die Aufarbeitung der NS-Diktatur den Herrschenden tatsächlich wert?

 

Eine weitere Vorrede zum Buch beklagt ein Desinteresse der Öffentlichkeit bereits 1949. Das sei beängstigend. „Jene, die Einbildungskraft übersteigenden historischen Ereignisse, die eben noch die Szene tödlich beherrschten, sinken ungeprüft, gleichsam ohne Echo in den ebenso unersättlichen Abgrund der Vergangenheit.“ Trotzdem hofften die Autoren mit ihrer Publikation, dass „mancher unter den Millionen der Zeitgenossen und Leidensgefährten trotz des lähmenden und vernichtenden Gefühls nur noch ‚Objekt der Geschichte‘ zu sein, soviel historisches Bewußtsein bewahrt hat, daß er die Geschichte als Zusammenhang begreift“ und „die Konsequenz ihrer Abfolge“ aufspürt. Letztlich zeigten die Dokumente „dem, der sehen will, zur Genüge, daß ein bedenklicher Grad von mitmenschlicher Fühllosigkeit und von selbstverlorenem Egoismus gerade unter dem Deckmantel exakter, objektiver Forschung in der Medizin erreicht wurde, und daß es nur noch eines bestimmten Maßes von äußerer Zumutung bedurfte, damit das Verhängnis, kaum irgendwo wirkungsvoll aufgehalten, seinen Lauf nehmen konnte.“ Allein „wissendere Menschlichkeit“ verhindere die Vermehrung des „zeitgenössischen Schuldkontos“. 

 

Ein Kapitel befasst sich übrigens mit „Virusforschung“ und vielfach tödlichen „Fleckfieber-Impfstoff-Versuchen“. Letztere wurden im „KL Buchenwald“ und im „KL Natzweiler“ durchgeführt. „Die Gründung einer Fleckfieber-Station in Buchenwald war zunächst zur Herstellung eines ‚SS-eigenen Impfstoffes‘ auf Befehl des Reichsarztes SS Grawitz erfolgt.“ Zuerst wurden dort aber bereits vorhandene Impfstoffe geprüft. Im Rahmen einer Impfstoff-Versuchsreihe 1942 besuchte auch Gerhard Rose, Chef der Abteilung für Tropenmedizin am Robert-Koch-Institut, das Versuchslager. Später sagte er dazu im Verhör, dass ihm ein leitender Arzt gesagt habe: „Der Grund für diese Versuche seien die unüberbrückbaren Meinungsverschiedenheiten der Fachleute über den Wert der verschiedenen Herstellungsverfahren.“ Rose habe sich zu dem Plan, die Versuche an zum Tode verurteilten Verbrechern durchzuführen, „impulsiv ablehnend“ geäußert: Das verstoße gegen die Impfverfahren. „Ich bemerkte noch unwillig, wenn dieses Verfahren Schule mache, könnten wir ja die ganze Immunitätslehre an den Scharfrichter abtreten und nächstens eine Scharfrichterschule am Institut aufmachen.“ Nach seinem Besuch im KL-Hospital relativierte er seine Bedenken: „…denn die Buchenwald-Versuche haben ja sehr wesentliches über das hinaus gebracht, was wir auf Grund der Versuche wußten.“ Im Prozess wurde außerdem nachgewiesen, dass Rose selbst eine weitere Versuchsreihe in Buchenwald veranlasste. Der gesamte Prozess mitsamt seinen Versuchen der Ausrede ist minutiös dokumentiert.

 

In der Nürnberger Urteilsbegründung stand dann: „Schließlich überwand er aber die Bedenken, die er hatte, und nahm wissentlich, aktiv und zustimmend an dem Programm teil. Er versucht seine Handlungen damit zu rechtfertigen, daß ein Staat rechtmäßig Versuche an solchen Personen anordnen kann … Der Gerichtshof entscheidet, daß der Angeklagte Rose ein Haupttäter und Mittäter war, anordnete, Vorschub leistete, seine Einwilligung gab…“  Gerhard Rose wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt – später folgten Haftreduzierung und Gewährung von Pensionsansprüchen als Beamter. „Zum Tode durch den Strang“ wurden laut Urteilsspruch vom 20. August 1947 sieben Personen verurteilt; darunter Karl Brandt (Begleitarzt Hitlers) und Karl Gebhardt (Chefarzt, Leibarzt Himmlers und Präsident des Deutschen Roten Kreuzes). 

 

Die leitende Idee des Nürnberger Gerichtsverfahrens in dieser Sache, das vom 9. Dezember 1946 bis zum 19. Juli 1947 dauerte, war übrigens: „die sozialen und ideologischen Prämissen hervortreten zu lassen, die zur Konstellation der Verschuldung hintrieben.“ In einer Göttinger Universitäts-Zeitung hieß es dazu 1947: „Einige von ihnen mögen sogar unbegreiflicherweise hemmungslos guten Glaubens gewesen zu sein, man könne durch Menschenversuche Entscheidungen herbeiführen, die Tausende von Todesgefahr retten könnten.“ Zur Nachlese: Das Prinzip eben dieses Gedankengangs pflanzte die öffentlich-rechtliche ARD im Oktober 2016 wieder in die Köpfe der Bevölkerung: beim Mitmach-TV „Terror – Ihr Urteil.“ Weiter aus der damaligen Uni-Zeitung: „Wichtiger als die Frage der Schuld ist auch hier die Untersuchung, wieso es möglich war, daß ein Regime, das ... eine solche Kooperation verbrecherischer Individuen zuließ, Deutschland beherrschen konnte. Nach unserer Überzeugung ist es die auch heute noch fortschreitende entpersönlichende Kollektivierung des Menschenlebens.“

 

Im Nachwort zum Buch finden sich weitere Anhaltspunkte zur Frage, wie das alles geschehen konnte: Die Diktatur „ist zwar untergegangen, aber es scheint nicht so zu sein, dass brutaler Gruppenegoismus, der sich aller staatlichen und technischen Machtmittel zu bedienen weiß, aus dem Zeitgeschehen verschwunden sei“. Die Verurteilten seien nicht alle abnormen Charakters, sondern vor der Diktatur sogar unbescholtene Bürger gewesen: „Daß sie den Zumutungen, die an sie herangetragen wurden, nicht widerstanden haben, mag einmal allzu menschlichen Schwächen zuzurechnen sein, aber ebenso auch dem Stil, in dem sie dachten und den Gepflogenheiten, in denen sie wissenschaftlich erzogen worden waren.“ Der Grund der Widerstandslosigkeit sei auch in der „Personalunion von Arzt, Forscher und Soldat“ zu sehen, die zu einer Verschiebung der „Wertgehalte“ geführt hatten. Die involvierten Ärzte hätten sich insofern „abdrängen“ lassen. Und: „Es waren nicht zuletzt materielle Drohungen aus dem bürokratischen Hinterhalt, die manchen der Ärzte bei seinen Entscheidungen gegen das Gewissen leiteten!“ 

 

Um einer intrapsychischen Sicht noch Gehör zu verschaffen sei auf das dem Buch vorangestellte Zitat des Kultursoziologen Alfred Weber verwiesen: „Es tritt die Gefahr der persönlichen Aufspaltung ein, bei der – ist sie vollzogen – der Funktionär persönlich in seiner Funktion ein Teil des ‚Es‘ der Sache wird, die ihren eigenen, vom Persönlich-Menschlichen unabhängigen seelischen Grund in ihm einsenkt.“ Eine geläufige Selbstbeschwichtigung dabei: „Ich muß meine Aufgabe weiter vollziehen, ein anderer macht sie schlechter.“ Diese Grundlage der Persönlich-keitsauflösung nutze der Totalitarismus dann aus, „bis ein an sich gutmütiges, menschliches Wesen als ein zweites, ein Funktionärswesen, imstande ist, im Dienst des ‚Es‘ Dinge zu vollziehen, die von äußerster Unmenschlichkeit sind, und die es nur vollziehen kann, weil es nicht mehr ein, sondern zwei oder mehr Wesen darstellt.“ Wem jetzt die Apparatschiks in real-sozialistischen Staaten in den Sinn kommen, entspricht dem Wunsch der Autoren, „Geschichte als Zusammenhang“ zu begreifen. Es bleibt noch, die „Konsequenz ihrer Abfolge“ aufzuspüren.