21.11.2020

Sozialer Sprengstoff?

 

Die exponierte Stigmatisierung der Alten ist ebenso unsinnig wie gefährlich. Der Hauptgrund für eine Zugehörigkeit zur Corona-Risikogruppe ist ein geschwächtes Immunsystem, das gegen neue Erreger nicht mehr zügig genug neue Antikörper produzieren kann. Die Alterung des Immun-systems setzt aber schon mit Ende der Pubertät ein. Man vergleiche dann mal die Leistungs-fähigkeit des Immunsystems von 40-jährigen Auto-Potatoes, wenn sie zusätzlich via Pommfritz und Cola aus Gewichtsgründen ihren Allerwertesten nicht mehr auf einen Fahrradsattel schwingen können, mit jener einer 80-jährigen agilen Person, die sich stets ernährungs- und bewegungsbewusst verhalten hat. Das Magazin Geo bestätigt die Korrelation mit Gesundheits-parametern: „Wer sich im Alter noch sehr fit fühlt und körperlich aktiv ist, hat oft im gesamten Körper noch eine gute Organfunktion – und das trifft dann meist auch auf das Immunsystem zu.“ Das Alter ist also nur einer von mehreren Gründen für schwere Covid 19-Verläufe. 

 

Die exponierte „Risikogruppe“ ist schon in der Bezeichnung als solche diskriminierend: Was in einer menschenrechtlich orientierten Gesellschaft zählt ist gerade die individuelle Ausstattung, die Einzelpersonen in ihrer Besonderheit unterscheidbar macht, anstatt sie in ominösen Menschengruppen verschwinden zu lassen – wie es in Kollektivsystemen üblich ist. Im Zuge von Corona geht man aber noch weiter: Die gesamte Gruppe verschwindet aus dem öffentlichen Bild, wenn es nach dem Willen der besorgten Politiker geht. Die Argumentation, Fernhalten diene nur dem eigenen Schutz, ist zwar nicht per se falsch, erinnert aber trotzdem an das umstrittene futuristische Schreckensszenario „2030 - Aufstand der Alten“ aus dem Jahr 2007. Sieht man mal von den dort eingewebten pubertären linken Klischees über die Reichen ab, dann kann es erhellend sein, sich diese dokumentarische Krimifiktion heute nochmals anzuschauen. 

 

Teil I findet sich hier, Teil II steht dort und Teil III an dieser Stelle. Es ging nicht nur darum, dass die Alten „wegen Verletzungsgefahr“ das Bett nicht mehr verlassen sollten. Dank Hightech sind Pflegebedürftige im Film „ähnlich wie Legebatterien in Hühnerställen“ rundumversorgt (Teil I ab Minute 24:17). Die zwischenmenschliche Stimmung ist in Teil II ab Minute 26:57 auf den Punkt gebracht: „Er glaubte, dass durch die vielen altenfeindlichen Gesetze und die einseitige Darstellung in den Medien die Stimmung in der Bevölkerung gegenüber Senioren so gereizt war; wie die Alten als menschlicher Ballast einer Gesellschaft betrachtet werden.“ Sozialer Sprengstoff. Junge Leute glaubten irgendwann: „Die Alten sind der Grund für die ganzen Missstände.“ Die Folge: Senioren werden „einfach zum Spaß“ auf offener Straße angegriffen. Die öffentlich-rechtliche ARD schürt übrigens solcherart Stimmung und findet das satirisch: „Corona rafft die Alten dahin. Das ist nur gerecht.“ Kaum jemand empört sich darüber. Am Schluss heißt es in Teil III: „Es ist noch nicht geschehen. Aber so, oder so ähnlich könnte es bald kommen.“ Gemäß der psychosozialen Erfahrung wird es, auch wenn die Angelegenheit subtiler daher kommt, real dazu führen, dass schlichter aufgestellte Gemüter die exponierte Fürsorglichkeit zum Anlass nehmen, ein entsprechendes Feindbild zu produzieren. Aus anderer Perspektive formuliert: All die kurzsichtig respektive aktionistisch Besorgten zündeln.   

 

Jenseits der Corona-Debatte zeigt sich schon jetzt immer häufiger, dass die Sorge um das Wohlergehen der Senioren die Realität jedenfalls nicht in Gänze abbildet. Unlängst urteilte das Landgericht Lüneburg: „Die latente Suizidgefahr und das hohe Alter eines Wohnungsmieters rechtfertigt für sich genommen nicht, eine Zwangsvollstreckung vorläufig einzustellen und damit eine Zwangsräumung zu stoppen … Das Alter sei allein keine tragfähige Grundlage.“ Nicht das erste Urteil dieser Art. Bezogen auf die Jurisprudenz ist die Lage aber noch durchaus gemischt. Die Persönlichkeitsrechte etwa von Pflegeheimbewohnern stärkte jüngst ein Verwaltungsgericht, wie der BIVA-Pflegeschutzbund berichtet: „Die Richter hoben die Isolierung einer Pflegeheim-bewohnerin mangels Ermächtigungsgrundlage auf und stellten gleichzeitig erstmals den Inhalt einer Corona-Schutzverordnung infrage.“ Es gibt weitere Akteure, die sich engagieren. Die Riffreporter etwa: „‘Risikogruppen schützen‘ läuft auf eine Isolation alter und kranker Menschen hinaus. Man verwehrt all diesen Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Die Betroffenen werden massiv in ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt.“ Das führe zu einer Zweiklassen-Gesellschaft und „stellt die Grundwerte unserer Gesellschaft fundamental infrage“. 

 

Hinweis 1: Die Bundesregierung hat aktuell vor, ein Förderprogramm aufzulegen, um 20.000 zusätzliche Stellen für stationäre Pflegehilfskräfte zu generieren. Inwiefern das hilfreich ist, dem seit Jahrzehnten bekannten Pflegenotstand zu begegnen, kann hier nicht eingeschätzt werden.

 

Hinweis 2: "2030 - Aufstand der Alten" (Teil I) postuliert: Alte in "Legebatterien" hätten keine Würde mehr. Das ist eine falsche linke Erzählung. Nichts und niemand kann einem anderen Menschen die Würde nehmen. Man kann nur nicht der Würde entsprechend behandelt sein.

 

Nachtrag vom 24.11.: "Mitten in der Innenstadt von Bochum ereignete sich ein schrecklicher Vorfall. Dabei gingen eine Gruppe Jugendlicher auf einen Freundeskreis aus Menschen mit Behinderungen los ... und verprügelten sie. Eine 26-jährige Frau wurde dabei schwer verletzt."

 

Nachtrag vom 25.11.: "FDP-Antrag zu finanzieller Ausbeutung Älterer abgelehnt."

 

Nachtrag vom 30.11.: "Pflegenotstand - Politisch verursacht – politisch unlösbar..." Außerdem: "Ein Rentner (81) trifft auf zwei Teenager (15, 16). Jetzt ist der Senior tot."


19.9.2020

Altersbild: „kulturell primitiv“

 

„An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“, heißt es treffend. Eine Frucht im Zuge der Corona-Maßnahmen ist besonders faulig, nämlich dass alte Menschen umso mehr aus dem öffentlichen Bild verschwinden, je intensiver ihnen Angst vor einer Virusansteckung eingeredet wird. Dabei ist es eine Binsenweisheit, dass betagte Menschen generell anfälliger für Erkrankungen sind und eine Infektion, mit welchem Virus auch immer, generell schwerer verlaufen kann. Das ist der natürliche Gang der Dinge. Wer schon früh sein Immunsystem auf Trab hielt, anstatt sich in Sterilität abzuschotten, wird übrigens auch im Alter besser gewappnet sein. Die plötzlich artikulierte Schutz-Rhetorik seitens Politikern, die sich nie auch nur einen effektiven Deut um das Wohlergehen alter Menschen während früherer Grippewellen oder in Bezug auf den Pflegenotstand geschert haben, übergeht jedenfalls komplett das Selbstbestimmungsrecht der betagten Mitbürger, das auch die eigene Entscheidungskompetenz darüber beinhaltet, inwiefern sie sich zugunsten der Lebensqualität potenziellen Gefahren aussetzen wollen. Man kann über diesen Aspekt streiten, wenn durch Übertragung weitere Menschen tangiert sein könnten. 

 

Eine klare Tendenz zu einem ausschließlich defizitorientierten Altersbild hingegen lässt sich schon jetzt erkennen. Ergänzt um die erschreckende Schamlosigkeit öffentlich-rechtlicher Fläze wird sich in den TV-hörigen Bevölkerungsteilen der Eindruck verfestigen, vor alten Menschen brauche man keinen Respekt zu haben. Das Oma-Umweltsau-Lied des WDR sorgt ebenfalls dafür wie der neuerliche Ausfall des Hofnarren Jan Böhmermann, der den „Opa“ zum Schimpfwort kürt: „Fick dich, Opa“ – an die Adresse von Innenminister Horst Seehofer. Man erinnere sich auch der „makabren ARD-Satire“: „Corona rafft die Alten dahin. Das ist nur gerecht.“ (!) Das sind die Gutmenschen von heute; die in ihrer Unreflektiertheit nicht begreifen, dass sie „die Opfer von morgen sind – es ist nur eine Frage der Zeit“. Verdrängung funktioniert hier umso leichter, als die Alten nicht mehr sichtbar sind. Stellenweise wird die Gefahr der schamloseren Diskriminierung schon gesehen. Der Mediziner Franz Allerberger etwa spricht sich „dagegen aus, alte Menschen vorsichtshalber wegzusperren“. Für mehr Eigenverantwortung statt „bevormundender Altersdiskriminierung“ plädiert auch der Alterswissenschaftler Franz Kolland: „Die Leute haben sich viel mehr eingeschränkt als notwendig gewesen wäre.“ Nötig sei mehr Differenzierung und eine Kompetenzvermittlung, damit ältere Menschen „selbst entscheiden können, was gut für sie ist“. Die einen körperlichen Abbau befördernden Folgen des Bewegungsmangels im Zuge der Abschottung thematisieren beide Fachleute.

 

Vor einem homogenen Altersbild warnt darüber hinaus der Altersforscher Hans-Werner Wahl: „Wir müssen sehr aufpassen, dass das heterogene, auch mit positiven Elementen versehene Altersbild nicht unter die Räder kommt in dem Sinne, dass diese riesige Gruppe von Menschen auf eine homogene Masse reduziert und einheitlich in eine Schublade gesteckt wird: in die der Verletzlichen, vom Tode Bedrohten, der zu Isolierenden … Das wäre kulturell primitiv. Leider ist das teilweise aber schon geschehen.“ Das chronologische Alter besitze nämlich „keine gute Aussagekraft“ im Hinblick auf kognitive Leistung und Krankheit: „Selbst bei den über 90-Jährigen leiden nur 30 bis 40 Prozent unter mehreren schweren Grunderkrankungen und Demenz. Natürlich sind diese sehr alten Menschen durch das Coronavirus stärker gefährdet. Aber grundlegend dürfen wir nicht davon ausgehen, dass das rein chronologische Alter das beste Kriterium ist, nachdem man vorgehen muss.“ Auch unter Jüngeren gebe es vulnerable Gruppen: „Auch wenn Ältere im Schnitt ein höheres Risiko haben, so darf es doch nicht dazu führen, sie alle einer Kategorie zuzuordnen.“ Negative Stereotype, wenn sie übernommen werden, veränderten das Selbstbild und die Motivation für ein facettenreiches Leben. „Was im Augenblick in Deutschland passiert, ist eine massenhafte Selbststigmatisierung älterer Menschen. Sie sagen sich: ‚Ich bin ja doch alt und verletzlich‘.“ Das habe auch physische Folgen: „Sie führen zu einer höheren Ausschüttung des Stresshormons Kortisol, können zu entzündlichen Prozessen führen und dadurch unter anderem kardiovaskuläre Erkrankungen befördern. Auch das Risiko einer Demenz steigt.“ Der dazu gekommene Zwang zur Unmotorik könne zudem schnell zu einem erheblichen Verlust an Muskelkraft führen.

 

Zusammen mit der „sozialen Unterdosierung“ im Zuge von „Social Distancing“ wird offenbar geradezu, ob gewollt oder nicht, darauf hingearbeitet, dass alte Leute dem defizitorientierten Bild auch tatsächlich entsprechen. Derweil machen sich Arroganz und Hochmut breit. Wahl weiter: „Jüngere spielen sich symbolisch gesehen als die selbst ernannten Eltern der Alten auf, die ihnen sagen, was sie zu tun und zu lassen haben. Dabei sind ältere Menschen doch diejenige Gruppe in unserem Gemeinwesen mit der größten Lebenserfahrung.“ Der so verstärkte Generationen-konflikt könne auf ein „gefährliches Terrain führen“; etwa zur Abwägung von lange gegen kurze Leben nach dem Motto: „Der alte Mensch hat doch sein Leben schon gelebt.“ Der Altersforscher rechnet mit einem künftigen „kulturellen Trauma“ überall dort, wo man bewusst bevorzugte Corona-Behandlung jüngerer Leute bei zu knappen medizinischen Ressourcen betrieben hat. Zu Deutschland meint er: „Gerade wir müssen angesichts unserer Vergangenheit bei der Bewertung von Leben sehr vorsichtig sein und die ethische Latte besonders hoch hängen.“ Wahl erwartet vom Bundesfamilienministerium: „Es muss ein überzeugender Ausgleich zwischen Schutzhaltung und einem absolut partnerschaftlichen Austausch mit älteren Menschen gefunden werden. Und dieser muss im öffentlichen Diskurs in der Krise deutlich hörbar sein.“  

 

Die existenziell wichtigen Erläuterungen des Altersforschers klingen optimistisch angesichts des Umstands, dass die ethische Latte aufgrund des kulturell primitiven Wirkens unreflektierter Karrieristen allein schon in öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten zunehmend tiefer hängt. Die ambivalente Auseinandersetzung mit dem Altersbild ist übrigens selbst schon alt. Sie findet sich auch in der Sammlung von Grimms gesammelten Hausmärchen. Die gespaltene Haltung zwischen fürsorglicher Empathie und schuldhafter Passivität in Situationen, wo es buchstäblich auf Leben und Tod ankommt, bringt „Die alte Bettelfrau“ kurz und knallhart auf den Punkt. Eine erfolgreiche Wendung nach Reflexion eigener potenzieller Betroffenheit ist in „Der alte Großvater und der Enkel“ gelungen. Das Bild des weisen Alten transportiert „Vogel Phoenix“.

 

Nachtrag: Böhmermann hat seinen charakterlich abartigen Tweet inzwischen gelöscht. "Das ZDF nahm Böhmermann in Schutz ... 'Der Tweet ist erkennbar spontan aus persönlicher Betroffenheit entstanden'." Kein Wort davon, dass auch Altersdiskriminierung damit Vorschub geleistet wurde. Leserkommentare: "Wie kann das ZDF solche Entgleisungen hofieren und keine Konsequenzen ziehen?" - "Wie wäre es denn mal mit einer wissenschaftlichen Studie, ob der zwangsfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk der ihm in der Demokratie zugewiesene Aufgaben noch nachkommt?" - "Die Reaktion des ZDF ist unfassbar. Alles andere als die sofortige Beendigung der Zusammenarbeit ist nach dieser Entgleisung nicht hinnehmbar." - "Der öffentliche rechtliche Rundfunk der sich gern als moralische Instanz aufspielt, ausgerechnet der stellt sich hin und verteidigt solch eine Äußerung. Überraschend ist das nicht, sondern ein Zeichen moralischen Verfalls in allen Teilen der Gesellschaft." - "Wieso bekommt dieser niveaulose Mensch immer noch eine solche Bühne?? Der gehört weder ins Fernsehen noch in die Medien." - "Ist das der selbe Sender, der sonst konsequent Hatespeech bekämpft?" - "Es ist schon erstaunlich, dass die Zwangsgebührenzahler so einen Hetzer bezahlen." - "Als nicht betroffener, erwachsener Mensch, zudem noch gewohnt in der Öffentlichkeit zu stehen und mit Medien umzugehen, sollte man eine ausreichende Selbstkontrolle besitzen. Im Übrigen: Straftaten aus dem Affekt sind dennoch strafbar. Wie sähe die Empörungswelle aus, wenn Böhmermann ein Rechter wäre?" - "Ich möchte nicht, dass Herr Böhmermann von meinen GEZ-Gebühren bezahlt wird." 

 

Nachtrag vom 20.9.: Zur bevorzugten Corona-Behandlung: Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin gab bereits Empfehlungen über die Zuteilung von Ressourcen in der Notfall- und der Intensivmedizin im Kontext der Covid-19-Pandemie heraus.

(Nachtrag vom 17.11.: "Die Trierer Juristin Nancy Poser hat Verfassungsklage gegen die sogenannte Triage von Covid-Patienten auf Intensivstationen eingelegt.")

 

Nachtrag vom 11.10.: Polen: "Wegen des erhöhten Infektionsgeschehens werde man ab Donnerstag wieder Senioren-Einkaufsstunden einführen ... Täglich sollen von 10 bis 12 Uhr in Geschäften, Apotheken und Drogerien nur Menschen über 60 Jahren bedient werden."


12.9.2020

Der „systemrelevante“ Mensch

 

Der österreichische Sender „Servus TV“ brachte erneut ein Interview mit dem Virologen und Infektionsepidemiologen Sucharit Bhakdi. Auf das artikulierte Unverständnis des Moderators in Bezug auf die Grünen, die seit Jahren gegen genmanipulierte Lebensmittel kämpfen und nun aber offenbar nichts gegen genbasierte Corona-Impfstoffe haben, sagte Bhakdi: „Das kann ich nicht verstehen und ich will’s nicht verstehen.“ Gerade das sollte man aber. Denn unser bis dato noch aufgeklärter Gesellschaftsvertrag mit der individuellen Würde und Einzigartigkeit jedes Menschen im Zentrum kann nur verteidigt werden, wenn die Absichten entscheidungsrelevanter Verantwortungsträger offen liegen. Wer seine Energie und Ressourcen ausschließlich in Details rund um die öffentliche Corona-Dramatisierung steckt, kann nurmehr Mitspieler sein.    

 

Es ist genug gesagt zur Sache, die Leute bewegen sich aber gedanklich respektive rhetorisch nicht vom Fleck, greifen immer nur Andersdenkende an. Die Allgemeinbevölkerung betreffend ist das nachvollziehbar angesichts der „Verengung der Welt“ der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Welche Agenda aber treiben Politik und außerparlamentarische Opposition an? Bei letzterer ist klar, was zumindest diejenige Rechtsaußen will, die sich unter die Querdenker mischen darf – weil man dort so tolerant ist: das Kaiserreich wollen sie zurück und alle Nase lang das Wort „Patrioten“ hinausposaunen. Das wird niemals wieder mehrheitsfähig. Die Bewegung büßt damit erhebliches Potenzial ein. Bei der Linken in Kungelei mit Linksaußen und weiteren staatlich geförderten Akteuren ist das Interessenkonglomerat schon komplizierter. Eine profitorientierte Melange aus den Bereichen der modernen Biotechnologie und des verstaubten Kommunismus ist bereits weiter unten im Artikel „Der ‚Neue Mensch‘ mal wieder“ erläutert.

 

Nach und nach werden weitere Zutaten in den Eintopf geworfen. Nach Präsentation des Lageberichts zur Drogenkriminalität etwa schwärmt man jetzt auf linken Online-Medien von der geplanten Entkriminalisierung für Cannabis-Konsumenten seitens der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU), und des Präsidenten des Bundeskriminalamtes (BKA), Holger Münch. Die in Bezug auf Pathogenese der Sucht ahnungslosen Schwärmer interessieren dabei ebenso wenig die Dramen in suchtbelasteten Familien wie sie wesentliche Hintergründe dieses Vorstoßes recherchieren oder zur Kenntnis geben. In einer Antwort der Bundesregierung vom Mai zum Thema „Anbau und Lieferung von Medizinalcannabis in Deutschland“ heißt es:

 

Die Cannabisagentur beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hatte zum Zwecke einer bedarfsgerechten Planung von Beginn an eine Option zur Abnahme einer eventuellen Mehrproduktion vorgesehen. „Der Jahresplanbedarf für die vergebenen13 Lose beträgt insgesamt 2.600 kg“ mit Option einer Erhöhung auf bis zu 2.860 kg. In einer weiteren Antwort vom August schreibt die Bundesregierung explizit von „Suchtstoffbedarf“ und dokumentiert die rasante Steigerungsrate: „Im Jahr 2015 lag die durch das INCB bestätigte Höchstmenge zur Einfuhr von Cannabis zu medizinischen und wissenschaftlichen Zwecken nach Deutschland bei 1.485 kg, im Jahr 2016 bei 1.500 kg und 2017 bei 10.380 kg. 2018 betrug die Menge 10.688 kg und stieg 2019 auf 20.774 kg.“ Und dieses Jahr: „Für das Jahr 2020 wurde vom INCB eine Gesamtmenge von 16.100 kg Cannabis … für den Import nach Deutschland bestätigt. Da ein Überschreiten dieses Wertes vor Ablauf des Jahres 2020 erwartet wird, hat das BfArM beim INCB bereits eine Erhöhung der Menge im Rahmen einer Nachschätzung des voraussichtlich zusätzlichen medizinischen und wissenschaftlichen Bedarfs für das Jahr 2020 über insgesamt 12.355 kg beantragt.“ Also: 28.455 kg – rund 27.000 kg mehr als noch 2015!

  

Wenn nicht jede analytische Suche nach Erklärungen als Verschwörungstheorie gelten würde, dann könnte man fast meinen, die Wohlfühldroge „Soma“ aus Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ sei bereits in Arbeit; man vergleiche gern „Auf dem Weg zum Termitenstaat“. Es gibt noch mehr, was sich prima ergänzt. Nicht zuletzt dürfen sich im Zuge der Biotechnologie die Gender-Fetischisten ihr Geschlecht vielleicht tatsächlich aussuchen und überhaupt spielt man dann fast überall Gott und demonstriert das womöglich noch mit einem sonntäglichen Sirenengeheul als Alternative zum Kirchgeläut. Die spürbar militärische Note muss schon am „Warntag“ kein Zufall gewesen sein. Sie korreliert jedenfalls bestens mit dem Kinderlied „Die Ameisen marschieren“ von „Little Baby Bum“. Das ist eine „unterhaltsame und lehrreiche Show für Kinder“, wie man bei Youtube dazu weiter liest: „YouTube Kids ist eine amerikanische Kindervideo-App, die von YouTube, einer Tochtergesellschaft von Google, entwickelt wurde.“ Schon im Oktober 2015 waren die Videos für Kleinkinder „das am schnellsten wachsende Genre auf Googles Bewegtbildportal“ mit „mehreren Milliarden Views mit Kids-Content im Monat“. Im Kontext darf man sich Googles ausgewählten Kooperationspartner „Spiegel“ vor Augen halten, der am auffälligsten jede öffentliche Corona-Erzählung mit Zähnen und Klauen verteidigt. Nach Googles plötzlicher Kehrtwende in Sachen Leistungsschutzrecht erscheinen die Artikel des Spiegel-Verlags, auch Bezahlinhalte, prominent in Google-Produkten. Nachtrag: Siehe auch: "Google investiert in Deutschland in journalistische Inhalte – Unabhängigkeit des Journalismus zunehmend in Gefahr? - Der US-Tech-Gigant will in den nächsten drei Jahren rund eine Milliarde Dollar in journalistische Inhalte investieren. Das Geld fließt in Lizenzgebühren für große Verlage. Was an der Oberfläche nach einem Einlenken des Großkonzerns in Richtung der Medienhäuser aussieht, könnte" anderen Zwecken dienen...

   

Während den Allerkleinsten das Bild des gedrillten Menschen oktroyiert wird, scheuen linke Medienmacher keine Gelegenheit, politisch erfahrene und hinterfragende Erwachsene zu diskreditieren und in jede noch so hanebüchene Schublade zu stopfen. Inzwischen kursiert gar der Verschwörungsgedanke, jene „beunruhigenden anti-masques“, die man politisch nicht stigmatisieren kann, seien gebildete Frauen um die 50 – wenigstens bleibt noch, da nur grob definiert, „Populismus“ als Handhabe zum Draufhauen. Wie man im Journalismus solchem Krampf erliegen kann erklärt sich vielleicht auch aus dem in linksmarxistischen Kreisen gepflegten Hass auf intellektuelle Bürger, die sich nicht manipulieren lassen. Die seelisch-geistige Unabhängigkeit einer Person von anderen Menschen, die vermehrt auch christlich orientierten Widerstandskämpfern zu eigen war, scheint gerade wieder zum Feindbild Nummer eins zu avancieren. Derzeit besteht jedenfalls wenig Anlass zur Hoffnung, dass Reifungsprozesse dieser Art, aufgrund derer soziale Beziehungen auf partnerschaftlicher Augenhöhe erst möglich werden, ohne in Abhängigkeitsverhältnisse abzudriften, pädagogische Unterstützung erfahren. Sie werden vielmehr im Zuge der Moralisierung als Egoismus diskreditiert, anstatt den – zur Selbstbeschränkung fähigen – Individualismus als „Bedingung für eine ausgewogene Gesellschaft“ (s. den Beitrag vom 21.7.2016) zu entdecken. Der eigenständige, mündige Mensch – schon in Huxleys Dystopie der gesellschaftliche Außenseiter schlechthin. 

 

Eine schreckliche neue Welt, die sich da aus den Larven herausschält. Die entsprechenden Eier legte die linke Debattenkultur schon vor Jahren; zum Beispiel im Rahmen ihrer Hartz IV-Agitation, der zugrunde liegt, dass die Würde des Menschen vom Geldbeutel abhinge. Schon lange geht es in diesen Kreisen nicht mehr um den Wesensgehalt der Menschenrechtserklärung. Es wird vielmehr mit imaginären Angstsequenzen vor einem Ausschluss aus der Gesellschaft gearbeitet. Gestern gipfelte solche Machtdemonstration der imaginären Bilder im öffentlich-rechtlichen „heute journal“ mit dem bekloppten Auftritt eines Virus furchteinflößenden Schutzanzug-Maskenmanns, der angeblich „systemrelevante“ Menschen  sichtbar machen wollte – in einem Nachrichtenmagazin. Wer solche „Kunstaktionen“ lanciert und damit die Existenz systemirrelevanter Menschen denkbar macht, gehörte wohl vom Verfassungsschutz beobachtet. 

 

Erfahrungsgemäß wird das Gros der deutschen Bevölkerung in ihrer Verfasstheit alles geschehen lassen. Das erklärt auch das siegesgewisse Gebaren von Spitzen in Politik und Medien. Langfristig Bestand haben wird es nicht, was da auch kommen mag. Denn die Natur des Menschen mit ihrem Streben nach persönlicher und religiöser Entfaltung, ob man das nun gelten lässt oder leidenschaftlich verdrängt, wird ihren Weg ins Leben wieder zurückfinden. Den Wissenschaften muss nur 0,1 Prozent an Berechenbarkeit aller biologischen Phänomene entgehen, dann ist alles möglich. Und das wird es. Die offen gehaltene Lücke, mag sie auch noch so schmal sein, lässt sich symbolisch aus dieser Darstellung erahnen. 

 

Nachtrag vom 16.9.: Spiegel Online wirbt pauschal für Sterbehilfe via Drogen. Dass demnach Aldous Huxley "leidenschaftlicher Fürsprecher bewusstseinserweiternder Drogen - bis zu seinem Ende" war ist für die Sache unerheblich. Der Tabubruch in dieser Pauschalität ist abzulehnen.

Außerdem: "Das von der Grünen-Fraktion in dieser Legislatur erneut vorgelegte Cannabis-kontrollgesetz ist im Gesundheitsausschuss gescheitert. Union, SPD und AfD lehnten den Gesetz-entwurf (19/819) am Mittwoch ab, die FDP enthielt sich. Neben den Grünen votierte die Links-fraktion für den Entwurf ... Gesetzentwurf sieht vor, Cannabis aus den strafrechtlichen Rege-lungen des Betäubungsmittelgesetzes herauszunehmen. Statt dessen soll ein kontrollierter legaler Markt für Cannabis eröffnet werden ... Abgeordnete, die den Gesetzentwurf ablehnten, erklärten, die Droge Cannabis sei nicht harmlos, Legalisierung könne den Konsum zusätzlich befördern."

 

Nachtrag vom 24.9.: "Seit dem Inkrafttreten dieses Gesetzes hat die Menge des nach Deutsch-land importierten Medizinalcannabis stark zugenommen ... Gesundheitsgefahren des Cannabis-missbrauchs insbesondere bei Jugendlichen und Heranwachsenden sind medizinisch erwiesen..."

 

Nachtrag vom 6.10.: "Die Lieferung von Medizinalcannabis aus deutschem Anbau an die Cannabisagentur verzögert sich. Wegen der Corona-Pandemie seien die Betriebsbauvorhaben beeinträchtigt ... Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) habe dem International Narcotics Control Board (INCB) eine Produktion von 2.600 Kilogramm getrockneter Medizinal-Cannabisblüten für das Kalenderjahr 2021 angezeigt."

 

Nachtrag vom 9.11.: Bundesregierung lehnt Legalisierung nicht-medizinischem Cannabis ab.


5.9.2020

Der „Neue Mensch“ mal wieder

 

Unübersehbar etabliert sich im Zuge der Corona-Krise eine Verwissenschaftlichung von Politik und Gesellschaft. Das wird einfach so hingenommen und nicht weiter hinterfragt. Man sollte sich aber schon gewahr sein, dass dies komplexe gesellschaftspolitische und ethische Folgewirkungen nach sich zieht. Am Beispiel „Menschenbild“ lässt sich das verdeutlichen.   

 

Die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek, sagte im Februar 2019 zur Debatte der Strategie „Künstliche Intelligenz“: Auch im technologischen Fortschritt sind „individuelle Freiheit, Toleranz und demokratisches Miteinander“ die Grundpfeiler unseres Zusammenlebens: „Wir sind nicht in China. Totale Kontrolle durch den Staat werden wir niemals akzeptieren. Wir sind aber auch nicht in den USA. Wir gehen einen anderen, einen eigenen Weg. Wir lassen uns von unserem christlichen Menschenbild leiten. Jeder technologische Fortschritt hat sich dahinter einzureihen.“ Dass die Ministerin mit der letztzitierten Aussage zunehmend der Minderheit angehört, soll hier ebenfalls aufgezeigt werden.

 

Man sollte zuerst ansatzweise darüber informiert sein, wohin die medizinische Wissenschaft strebt. Vor vier Jahren erschien bei der Bundeszentrale für politische Bildung ein Beitrag mit dem Titel „Der Neue Mensch – ein (technik)utopisches Upgrade. Der Traum vom Human Enhancement“. Im Rückgriff auf frühere Sozialutopien heißt es: Der neue Menschentypus werde mithilfe von „Sozialtechnologien“ produziert sein: „politische Maßnahmen und erzieherische Methoden.“ Denn der Mensch sei eine „Tabula rasa“; erst durch die Gesellschaft werde er zum Subjekt. „Der Mensch ist dann das, was die gesellschaftliche Ordnung aus ihm macht … Diese utopische Idee war nicht zuletzt den großen revolutionären Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts eingeschrieben.“ Spätestens mit dem Untergang des real existierenden Sozialismus sei die Utopie vom „Neuen Menschen“ erst mal ausgeträumt gewesen, wird der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyamas zitiert: Wir müssen uns als die „letzten Menschen“ begreifen. Später räumte er ein: die sozialtechnologischen Werkzeuge waren wohl nur nicht ausgereift genug. Es könne sein, dass „uns die Biotechnologie innerhalb der nächsten Generationen Werkzeuge an die Hand geben wird, mit denen wir das erreichen werden, was die Gesellschaftstechniker der Vergangenheit nicht haben bewerkstelligen können“.

 

„Human Enhancement“ (= menschliche Verbesserung / Weiterentwicklung) sei das neue utopische Projekt – „die Verbesserung des Menschen durch den Einsatz technologischer Eingriffe in den Körper: durch Pharmaka, Implantate, Prothesen, Bio- und Nanotechnologie“. Nicht nur die Wiederherstellung des gesundheitlichen Normalzustands nach Identifikation eines pathologischen Problems sei das Ziel, sondern die Veränderung des Normalzustands durch Konstruktion von Verbesserungsoptionen, ohne dass eine zu behandelnde Krankheit vorliegt. Transhumanistische Zukunftsvisionen sind hier anschlussfähig. Ethische Debatten darüber verlaufen zwischen den Frontlinien von „Enhancement-Utopisten und Enhancement-Dystopisten“. Die radikalste Vision sei die vollständige Digitalisierung des menschlichen Bewusstseins; das „Uploading“. Das dahinter stehende Menschenbild postuliert das Gehirn „als austauschbare Hardware“ und strebt eine „allumfassende Entgrenzung“ an: „Von den Fesseln der Biologie befreit, soll der digitale Neue Mensch … sich beliebig umgestalten und erweitern können – er wird so zur sich selbst formenden künstlichen Intelligenz.“

 

Zu den Vordenkern solcher Visionen gehöre die „Technologieszene des Silicon Valley“. Tausende Technologieunternehmen befinden sich dort; unter anderen Facebook, die Deutsche Telekom, Daimler AG, Microsoft, Apple, WhatsApp, Sony, eBay und Google. Die ideologische Argumentation der Befürworter von Enhancement: „Die biologische Selbstermächtigung des Individuums wird in diesen Utopien auch durchaus explizit in die Traditionslinie der menschlichen Emanzipation eingeordnet und als logische Fortführung der Befreiung des Menschen gedeutet.“ Die gestaltbare Zukunft müsse nicht mehr „im Raum des Politischen gesucht und gefunden“ werden. „Vielmehr kann in einer Epoche des ‚rasenden Stillstands‘, in der die Gesellschaft eher Sachzwängen hinterher eilt, als sich kollektiv zu gestalten, auch der individuelle Körper als Objekt utopischer Hoffnungen in den Mittelpunkt rücken. Dann erscheinen nicht mehr Reformen oder Revolutionen als utopische Gestaltungsinstrumente, sondern Pharmaka und Implantate.“ So viel erst mal zum Hintergrundverständnis.

 

Vier Jahre später hat sich einiges getan. Im Januar dieses Jahres ist Deutschland der „1+Million Genomes Initiative“ (Genom = Gesamtheit der Erbinformation) der EU beigetreten. Forschungs-ministerin Anja Karliczek und Gesundheitsminister Jens Spahn unterzeichneten die Deklaration. Bis 2022 will man damit Zugang zu mindestens einer Million kompletter Genomsequenzen und weiterer Gesundheitsdaten ermöglichen und der Forschung zur Verfügung stellen. Erklärtes Ziel: „Erforschung und Behandlung von Krankheiten entscheidend voranbringen.“ Das Ärzteblatt titelte dann im Juli: „EU-Genomregister soll Informationen über COVID-19-Verläufe liefern“ und zitierte ein Mitglied im Gesundheitsausschuss: „Die Bundesregierung wolle zwar Daten sammeln, habe aber keinerlei Konzept was sie damit anstellen solle.“

 

Wie ernst es den Politikern tatsächlich ist, die enorme Datenmenge „unter der strengen Beachtung von Datenschutz und Datensicherheit“ zusammenzuführen, dokumentiert der Vorgang um die im Juni in Kraft getretene Datentransparenzverordnung – eine Konkretisierung des Digitale-Versorgung-Gesetzes aus 2019. Ziel: „Abrechnungsdaten der Gesetzlichen Kranken-kassen deutlich schneller und in einem größeren Umfang als bisher u.a. der Versorgungs-forschung zugänglich zu machen. Auf diese Weise sollen die Voraussetzungen der Datennutzung für die Gesundheitsforschung und für die Steuerung des Gesundheitswesens verbessert werden.“ Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat dazu im Mai eine höchst kritische Stellungnahme veröffentlicht. Die KBV konstatiert: Der Spitzenverband Bund der Krankenkassen erhält mit der Verordnung „umfangreiche Informationen zu sämtlichen in der GKV versicherten Personen“ sowie über Vertragsärzte und andere Leistungserbringer.

 

„Es ist daher zwingend notwendig, dass der Spitzenverband Bund der Krankenkassen hierfür ein hochgesichertes Rechenzentrum errichtet, das nach dem Stand der Technik so sicher ist, dass ein Zugriff durch Unbefugte ausgeschlossen ist. Es ist darüber hinaus zwingend, dass eine sanktionsbewehrte Regelung aufgenommen wird, mit dem es dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen untersagt wird, diese Daten für andere Zwecke zu verwenden … noch zwingend eine Regelung aufzunehmen, wonach die Kranken-kassen verpflichtet werden, die Leistungserbringerdaten zu pseudonymisieren, bevor sie an den Spitzenverband Bund der Krankenkassen übermittelt werden.“ Denn es bestünden Zweifel, „dass sie nicht doch einzelnen Personen zugeordnet werden können“, trotz Pseudonymisierung. In jedem Fall solle die Angabe des Diagnosedatums entfallen; dies sei für die Abrechnung der Leistungen nicht relevant. Zudem müssten die Sicherheitsmerkmale an das Lieferpseudonym spezifischer beschrieben sein. Nur eine Transportverschlüsselung reiche nicht aus. Auch die Anforderungen an sichere Übermittlungsverfahren seien nicht näher festgelegt. „Die KBV weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die im §87 Abs. 3f SGB V definierten Pseudonymi-sierungsanforderungen deutlich höher ausgestaltet wurden, als die hier zur Regelung in der Verordnung vorgesehenen Verfahren.“ Nachhilfe in Sachen Datenschutz also seitens der KBV. Man lese hierzu auch gerne das Interview von Heise mit dem Bundesdatenschutzbeauftragten.

 

Mit Transparenz kann sich die Bundesregierung ebenfalls nicht rühmen. Die KBV schlägt des Weiteren vor einen Hinweis aufzunehmen, „ob und zu welchem Zeitpunkt sie um Regelungen zur Verarbeitung gespendeter Daten ergänzt wird“. In Estland etwa ist die Sache nachvollziehbar für die Bürger eingeleitet worden: 500.000 Menschen können bis 2022 ihre elektronischen Gesundheitsakten mit den entsprechenden Genomdaten kombinieren. „Die Teilnahme am Projekt erfolgt freiwillig. Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen die Kontrolle über ihre Daten behalten, etwa indem sie überprüfen können, wer darin Einsicht genommen hat.“ Hierzulande entsteht, auch durch die Aufnahme von für den erklärten Zweck irrelevanten Angaben in die Datentransparenzverordnung, eher der Eindruck, man wolle die Forschung ohne Mitbestimmung der Bürger mit ihren höchstpersönlichen Daten füttern. Dass die Vertrauensstelle laut Verordnung beim Robert Koch-Institut errichtet ist, muss auch nicht wirklich beruhigen. Wie die Datentransparenzverordnung übrigens letztendlich erschien: siehe Bundesgesetzblatt.

 

Einigermaßen veräppelt fühlt man sich außerdem von dieser Spiegel-Meldung im August: „Ein Gremium der Human Genome Organisation hat beschlossen, mehr als zwei Dutzend menschlichen Genen neue Namen zu geben.“ Der Grund dafür sei die automatische Datenum-wandlung eingegebener Genombezeichnungen in Datumsangaben durch die Tabellenkalkulation Excel. Der komische Witz an der Sache: Ein lanciertes Video erklärt, wie man die automatische Umwandlung in Kalenderdaten ganz einfach abschalten kann. Aber stattdessen setzen sich die studierten Forscher hin und ändern die Namen der Genome, was sicherlich auch Folgewirkungen hat, etwa in der biomedizinischen Ontologie: „Gene Ontology (GO) ist eine internationale Bioinformatik-Initiative zur Vereinheitlichung eines Teils des Vokabulars der Biowissen-schaften.“ Nebenbei: Die Initiative unterstützt auch AstraZeneca. Bei Heise liest man noch: „Forscher mussten jeweils händisch korrigieren. Das sei aber sehr oft nicht geschehen … Laut einer Studie aus dem Jahr 2016 waren 20 Prozent der genetischen Daten, die … Wissenschafts-artikeln verfügbar gemacht wurden, diesbezüglich fehlerhaft.“ Man liegt selbst als Laie sicher nicht falsch anzunehmen, dass solche Schlamperei in der Genforschung zu gravierenden Folgefehlern führen kann – nicht gerade vertrauensfördernd. Ein Leserkommentar zum seltsamen Umbenennungsvorgang: „Ich lese nur: ‚Wissenschaftler zu blöd Excel zu bedienen‘.“ 

 

Zum Stand der Forschung bleibt vorerst noch die „Genschere“ erwähnt: „CRISPR-Cas9 ist eine Methode des Genome Editing, die gerade die Forschung revolutioniert – vor allem in der Medizin und in der Pflanzenzüchtung.“ Das Genome Editing ist ein „Bündel an Techniken, um gezielt Erbgut zu verändern“. Ziele sind unter anderen: Die Zerstörung eines Gens im Genom, um Teile des Erbguts zu entfernen, welche die Entstehung von Krankheiten beeinflussen; die gezielte Einfügung eines Gen ins Genom, letztlich um eine neue Eigenschaft zu erzeugen; die gezielte Veränderung eines Gens im Genom, um genetische Information und damit Eigenschaft zu verändern. N-tv fragte 2019: „Heilung durch Crispr/Cas9 - Sind Gentherapien die Zukunft der Medizin?“ Inzwischen seien „acht Gentherapien anerkannt, unter anderem gegen bestimmte Krebsarten und ererbte Blindheit“. Der „Beginn einer medizinischen Revolution“ sei damit eingeleitet, wird ein Wissenschaftler zitiert. „Ein Vorteil von Crispr/Cas9 ist die relative Einfachheit. Das birgt aber auch die Gefahr, dass die Methode missbraucht wird.“ Ein Genetikprofessor meint: „Die Technologie ist nicht sicher … Die Genschere treffe oft nicht nur das anvisierte Gen und führe so zu unerwünschten Mutationen. Die Methode ist nur dann einfach, wenn man sich nicht um die Konsequenzen schert.“

 

Die Biotechnologie im Einsatz gegen schlimme Erkrankungen ist selbstredend zu begrüßen – es wird wohl auch niemand gerne mit einer Zahnwurzelentzündung im Mittelalter gelebt haben wollen. Wenn sich politische Entscheider aber nicht um Konsequenzen scheren, dann könnte auch das von der Bundesforschungsministerin erklärte christliche Menschenbild letztlich vollends hintenüber fallen; obwohl wissenschaftlicher Fortschritt dort durchaus integriert werden kann. Es gibt einige Indizien, die darauf hinweisen: Nicht nur die Sicht auf „Human Enhancement“ als „logische Fortführung der Befreiung des Menschen“ dockt geradewegs an das Ideenkonstrukt der anvisierten Weltrevolution im Sinne Lenins an; inklusive der „radikalen Umgestaltungen auf wirtschaftlichem, sozialem, politischem und geistigem Gebiet im Verlauf der Phase des Sozialismus und Kommunismus und aus der Übertragung dieser Veränderungen auf alle übrigen Länder der Welt“. Auch ganz praktisch werden „die Wege zum Kommunismus“ ausprobiert, wozu die linke Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch ausdrücklich aufforderte.

 

Es war erst im Juni dieses Jahres, als vor der Zentrale der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands in Gelsenkirchen eine 2,15 Meter hohe Lenin-Statue enthüllt wurde – während die „Black Lives Matter“-Bewegung einen Denkmalsturz nach dem anderen zelebriert. Und noch im April feierten Kommunisten weltweit „150 Jahre Lenin“, wie das ZDF gänzlich unkritisch ebenfalls berichtete: „In Moskau legten Parlamentsabgeordnete der Kommunistischen Partei trotz einer strengen Ausgangssperre Blumen am Mausoleum mit dem einbalsamierten Leichnam Lenins nieder. Der nationale Wach- und Sicherheitsdienst erlaubte die Aktion trotz der Corona-Pandemie.“ (!) Im Rahmen dieser gepflegten Bewunderung ist Religion jedenfalls gänzlich unerwünscht, wie es aus dem Dokument von Wladimir I. Lenin „Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion (Mai 1909)“ unmissverständlich hervorgeht. 

 

Die Kombination von Ideologien aus der historischen Mottenkiste mit der aktuellen Verwissen-schaftlichung könnte durchaus dazu führen, dass die „Gesellschaftstechniker der Vergangenheit“, wie sie Fukuyamas nannte, ihr religionsbefreites Menschenbild nachhaltig durchsetzen. Eine Bewertung dessen obliegt jedem selbst. Aus Gründen der Objektivität sollte man dabei nicht nur dogmenorientiert vorgehen. So hält sich etwa hartnäckig das undifferenzierte Vorurteil über die rein christlich motivierte Hexenverfolgung (siehe auch das Video mit Manfred Lütz bei „phoenix persönlich“ ab Minute 6:10), wohingegen die kulturellen Höchstleistungen oder die wertvollen ressourcenorientierten Potenziale schon jetzt in der öffentlichen Wahrnehmung marginalisiert werden. Das Schlusswort gebührt deshalb Jörg Zink: „Ich habe erfahren, was aus einem Menschen werden kann, der in seinem Leid zu glauben beginnt oder zu glauben nicht aufhört … Etwas wie Wachstum sei in ihnen geschehen … Das Wunder eines neuen Anfangs.“   

 

Nachtrag: Noch passend zum Text ist ein Aufsatz, der sich mit den wichtigsten russischen Zukunftsprognosen über den Sozialismus/Kommunismus als Gesellschafts- und Machtsystem beschäftigt. Ein Artikel darüber - "Man kann es vorausahnen" - erschien am 18.8.2018 (runter scrollen). Auszug: "Das neue System treffe Vorkehrungen gegen jeden möglichen Verstoß: 'Jedes Mitglied der Gesellschaft beaufsichtigt jedes andere und ist zur Anzeige verpflichtet' ... Die Zerlegung der Menschheit in zwei ungleiche Teile sei unumgänglich. „Ein Zehntel erhält die Freiheit der Persönlichkeit und das unbeschränkte Recht über die übrigen neun Zehntel. Diese aber müssen ihre Persönlichkeit verlieren und sich in eine Art von Herde verwandeln." Die Umerziehung ganzer Generationen sei auf naturwissenschaftliche Tatsachen gegründet. "Für die Mehrheit sei Freiheit eine schwere Bürde ... 'Sie werden sich uns freudig und gern unterwerfen.' Krönung der teuflischen Utopie vom Neuen Menschen: 'Dann wird man die Geschichte in zwei Teile teilen: vom Gorilla zur Vernichtung Gottes [...] und von der Vernichtung Gottes zur  physischen Umgestaltung des Menschen'." Man bezog sich dabei auf Dostojewski. "Vorausgesehen habe er auch die frappierende Ungleichheit in der Gleichheit: die Machtlosigkeit der großen Masse, die unbeschränkte Macht einer neuen Klasse sowie die ideologische Recht-fertigung dieser Ungleichheit." Der Aufsatz steht noch im Cache. Der ursprüngliche Link: https://www.ku.de/forschung/forschungseinr/forschungseinrzimos/publikationen/forum/ideengeschichte/ignatow-vorahnungen-totalitarismus/

 

Hinweis: Der österreichisch-britische Philosoph Sir Karl Raimund Popper (1902 – 1994) begründete übrigens seine Abkehr vom Marxismus mit seinem Entsetzen über die kommunistische Formel: „Je mehr Unruhen und je ärger die Dinge werden, umso schneller wird der Sozialismus kommen, umso besser ist es für die Menschheit.“ Quelle: Video

Siehe außerdem: "Klaus Schwab: Die Vierte Industrielle Revolution."

 

Nachtrag vom 22.9.: Online-Gespräch: "Was Biosicherheit mit Corona zu tun hat."

 

Nachtrag vom 28.9.: "Enquete-Kommission 'Künstliche Intelligenz' haben ... Ergebnisse ihrer Arbeit präsentiert ... 'Ergebnispräsentation: Gesellschaft, Staat und Medien' wurden beispiels-weise der Einsatz von KI im Journalismus sowie das sogenannte Bias von KI-Systemen aufgegriffen ... Vertreter der Fraktionen warben ... für eine zügige Umsetzung der Ergebnisse."

 

Nachtrag vom 7.10.: "Der Lockdown 2020 beschleunigt den Übergang vom Industriezeitalter in ein neues, kybernetisches Zeitalter im Sinne einer Mensch-Maschine-Verbindung..." Siehe auch: "Der amerikanische Auslandsgeheimdienst will mit den 'CIA Labs' hochqualifizierte Forschungskräfte aus dem akademischen und wirtschaftlichen Bereich anwerben. Zu den angestrebten Forschungsgebieten zählen auch Virtual Reality und Robotik."

 

Nachtrag vom 8.10.: "Mit der Entwicklung von CRISPR/Cas, einer Methode zur Genom-Editierung, revolutionierten sie die Lebenswissenschaften. Jetzt haben die Französinnen Charpentier und die Amerikanerin Doudna den Chemie-Nobelpreis bekommen." Begründung: "Mit der CRISPR/Cas-Technologie, die landläufig auch 'Genschere' genannt wird, könnten ... Forscher mit hoher Präzision das Erbgut - also die DNA - von Tieren, Pflanzen und Mikroorga-nismen verändern. 'In diesem genetischen Werkzeug steckt eine enorme Kraft, die uns alle betrifft. Sie hat nicht nur die Grundlagenforschung revolutioniert, sie ... wird zu bahnbrechenden neuen medizinischen Behandlungen führen' ... Charpentier und Doudna konnten beweisen, dass die Genschere so kontrolliert werden kann, dass sie jedes DNA-Molekül an einer vorbestimmten Stelle schneiden kann. Und damit ist es möglich, den Code des Lebens neu zu schreiben. Die Forscherinnen können diese Genscheren in abgewandelter Form auch in Zellen anderer Lebewesen einschleusen ... auch einige ethische und medizinische Bedenken. So hatte im Herbst 2018 ein chinesischer Forscher bekannt gegeben, dass er die Gene von zwei ungeborenen Mädchen verändert hat - mithilfe von CRISPR/Cas." Nachtrag: "Ergebnis nach 5 Minuten: Nobelpreisträgerin arbeitet an Corona-Schnelltest auf Crispr-Basis."

 

Nachtrag vom 10.10.: "Es gehe nicht nur darum, das Vorkrisenniveau zu erreichen, 'sondern uns über langfristige Investitionen auch neue Wege zu erschließen', so die Kanzlerin. Merkel nannte insbes. 'Innovationen im digitalen Bereich, künstlicher Intelligenz und Quantentechnologie'."   

 

Nachtrag vom 18.10.: Zur elektronischen Patientenakte: Die Versicherten könten selbst entscheiden, welche Daten in der Akte gespeichert werden und welchem Arzt sie den Zugriff erteilen. Es stehe den Versicherten auch frei, "jederzeit alle Daten in der Akte zu löschen". Da darf man gespannt sein, ob respektive wann man dazu befragt wird.

 

Nachtrag vom 26.10.: Die Enquete-Kommission Künstliche Intelligenz (KI) hat ihren Abschlussbericht beschlossen... Nachtrag: Der knapp 800 Seiten starke Bericht steht hier.

 

Nachtrag vom 2.11.: "Neue Arzneimitteltherapien wie etwa hochpreisige Gentherapien werden ... voraussichtlich fester Bestandteil der Versorgung werden. In den nächsten Jahren würden vermehrt Zulassungen in diesem Bereich erwartet ... Dies basiere auf neuen Entwicklungen in der Gentechnik, beispielsweise durch den Einsatz von CRISPR/Cas-Verfahren." Außerdem: "Die elektronische Patientenakte (ePA) wird im kommenden Jahr stufenweise eingeführt..."

 

Nachtrag vom 6.11.: "Die Organisation ID2020 in New York arbeitet an einer transnationalen digitalen Identität für jeden Menschen, die möglichst alle Daten umfassen soll. ID2020 ist eine Allianz von Hightech-Konzernen wie Microsoft, Rockefeller-Stiftung, großer Hilfsorganisationen und der von Bill Gates finanzierten Impfallianz GAVI. Zu den Kooperationspartnern zählen die US-Regierung, die EU-Kommission und das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR ... Ein Beispiel ist das Projekt Known Traveller Digital Identity, kurz KTDI (Digitale Identität des bekannten Reisenden), das Reisen ohne Papiere ermöglichen soll. Anfang 2021 startet ein Pilotprojekt..." 

 

Nachtrag vom 9.11.: Silicon Valley nach Biden-Sieg - "Profiteure des Zwists ... Zum einen dürfte Biden im Handelsstreit mit China mildere Töne anschlagen ... Zum anderen könnte er es für Techkonzerne wieder einfacher machen, hoch qualifizierte Arbeitskräfte ... zu rekrutieren."

 

Nachtrag vom 18.11.: "Bundesdatenschützer: Offene Warnung zur elektronischen Patientenakte - Ulrich Kelber hat eine offene Warnung an die gesetzlichen Krankenkassen verschickt, dass Version 1.1. der elektronischen Patientenakte nicht DSGVO-konform ist..." Nachtrag: Antwort der Regierung. Außerdem: Bundestag diskutierte Chancen + Risiken Künstlicher Intelligenz.

 

Nachtrag vom 25.11.: "Die Forschung zu neuen genetischen Techniken (NGT) wird in den kommenden Jahren zunehmend neue Systeme nutzen, um gezielte Veränderungen am Genom vorzunehmen ... habe sich das Crispr-System gegenüber den anderen Systemen durchgesetzt..."