6.6.2020

Unproduktive Kommunikation

 

Die Krux an der allgegenwärtig fehlgeleiteten Kommunikation, häufig auch im Privatbereich, mag nicht zuletzt in der gegenseitigen Bestätigung selbstkritischer Verweigerung begründet sein. Konkret: Die Pädagogik der Kommunikation zielt darauf ab, den Gesprächspartner in seiner mangelhaften Kompetenz an Selbstkritik zu bestätigen, indem man diese, voreilig resignativ, als unveränderbar hinnimmt und darauf aufbauend Überzeugungsstrategien entwickelt. Das Stangl-Lexikon für Psychologie und Pädagogik formuliert das unter Rückgriff auf den Philosophen Blaise Pascal (1623 – 1662) so: „Da niemand gerne zugibt, sich geirrt zu haben, empfiehlt Pascal, sein Gegenüber zunächst in den Punkten, in denen es richtig liegt, zu unterstützen, indem man ihm zustimmt. Um dann den anderen in einem zweiten Schritt vom eigenen Standpunkt zu überzeugen, sollte man vielmehr sein Gegenüber so lenken, dass dieser das Gegenargument aus eigenem Antrieb vertritt.“ Das Gegenüber wird also eher betüddelt als dazu herausgefordert sich anzueignen, Irrtümer oder Unzulänglichkeiten selbstbewusst zuzugeben und dies nicht als Schwäche, sondern als gereifte Stärke zu begreifen. Die kommunikativ übervorsichtige Rück-sichtnahme ist aber ein gesellschaftlich verankertes Manko mit größerer Tragweite, als man auf den ersten Gedanken hin vermuten mag. Der Fokus auf die Sache versus auf die intrapsychische Befindlichkeit reicht nämlich hin bis zur politischen Mündigkeit respektive Unmündigkeit. Schon in der Antike war es allerdings so, dass man unbequeme Zeitgeister, die falsche Gewissheiten erschütterten und Scheinwissen entlarvten, nicht gewähren lassen wollte. Sokrates (mehr zu ihm im Video) musste bekanntlich den Schierlingsbecher austrinken. Die befürchtete Scham vor der intellektuellen Bloßstellung durch die Fragerei des Philosophen war erneut wirkmächtiger als die „Liebe zur Weisheit“, die selbstkritische Eingeständnisse nicht mit Beschämung gleich setzt und daher mit Leichtigkeit aushalten könnte. Die Durchsetzung dieser Haltung in Politik und Gesellschaft würde einen enormen zivilisatorischen Fortschritt bedeuten. 


16.5.2020

Liberace: Ablenkung garantiert

 

Heute wäre er 101 Jahre alt geworden: Das „Wunderkind“ Władziu Valentino Liberace (Spitzname: Mr. Showmanship), begnadeter amerikanischer Pianist und seinerzeit bestbezahlter Entertainer der Welt; zumeist in extravaganten Kostümen. Das Kind einer Polin und eines Italieners spielte schon vor seiner Einschulung Werke aus der klassischen Musik. In den 1950ern heimste er siebenmal hintereinander den Preis für den schnellsten Klassikpianisten der USA ein. Liberace lebte wohl äußerst luxuriös und ausschweifend. 1987 starb er im Alter von nur 67 Jahren an den Folgen von AIDS. Er hat es stets verstanden, die volle Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich zu binden. In Aktion ist er zum Beispiel hier zu sehen. Eine famose Interpretation unter anderem von „Strangers in the night“ steht dort zum Anschauen (!). 


5.5.2020

Kierkegaards 207.

 

Heute zum 207. Geburtstag von Søren Kierkegaard ein Schatzkästchen aus dem Netz: „Lessing und die objective Wahrheit aus Sören Kierkegaards Schriften“ (zusammengestellt von Albert Bärthold) – veröffentlicht im Jahr 1877, daher in altdeutscher Schrift und so richtig schön zum Durchblättern. Die exquisite Sprache ist Zeugnis für eine geistig-reflektierte Hochkultur, die wieder einzuholen sich heute kaum jemand bemüht. Wer möchte, kann gerne auch den Beitrag „Kierkegaard: Selbstdenkende Subjektivitäten“ vom 5.5.2013 zu dessen 200. Geburtstag lesen. 


20.4.2020

Nicht alle Menschen sind einfältig

 

Seit etlichen Jahren wird die Bevölkerung über das öffentlich-rechtliche Fernsehen und diverse Medienerzeugnisse mit dem Begriff „Hass“ bombardiert. Es vergeht kaum ein Tag, an dem dieses hässliche Wort nicht irgendwo skandiert wird. Manche mögen sich noch an Zeiten erinnern, als das als unanständig galt. „Bitte sprechen Sie nicht von Hass“, war vielfach gängige Haltung. Merkwürdig, dass die Bevölkerung die 180-Grad-Drehung in diesem Kontext nie hinterfragt. Die Mehrheit springt halt auf den Zug auf, mit dem Politiker und Medien in Zielrichtung emotionale Tieffliegerei durch die Gegend rasen. Es ist nämlich keineswegs so, wie unredlich vorausgesetzt, dass jeder Mensch hasst; das Phänomen ist mindestens jenen fremd, die etwa anstatt in Wut vielmehr in die Traurigkeit gehen und zwar nicht aus unterdrückter Aggression heraus, sondern weil es nicht zum authentischen Verhaltensrepertoire passt.

 

„Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass“, war auch die Erfahrung des friedfertigen Menschenrechtlers Liu Xiaobo. Bemerkenswert, dass gerade Menschen, die mit Hass nichts anfangen können, von autoritären Machthabern  besonders gehasst werden. Die chinesische Partei verfolgte Xiaobo gnadenlos bis in den Tod hinein. Was an ihm hat die Machthaber so verärgert? Seine sympathische, weil hassbefreite Persönlichkeit, derer sie selbst entbehren? Ist es das, was Jakob Wassermann (1873 – 1934) zu seinem „Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens“ aufschrieb? „Die Idee des ‚Caspar Hauser‘ war, zu zeigen, wie Menschen aller Grade der Entwicklung des Gemüts und des Geistes, vom rohesten bis zum verfeinertsten Typus, der zwecksüchtige Streber wie der philosophische Kopf, der servile Augendiener wie der Apostel der Humanität, der bezahlte Scherge wie der besserungssüchtige Pädagoge, das sinnlich erglühte Weib wie der edle Repräsentant der irdischen Gerechtigkeit, wie sie alle vollkommen stumpf und vollkommen hilflos dem Phänomen der Unschuld gegenüberstehen, wie sie nicht zu fassen vermögen, dass etwas dergleichen überhaupt auf Erden wandelt, wie sie ihm ihre unreinen oder durch den Willen getrübten Absichten unterschieben, es zum Werkzeug ihrer Ränke und Prinzipien machen, dieses oder jenes Gesetz mit ihm erhärten, dies oder jenes Geschehnis an ihm darlegen wollen, aber nie es selbst gewahren, das einzige, einmalige, herrliche Bild der Gottheit, sondern das Holde, Zarte, Traumhafte seines Wesens besudeln, sich vordringlich und schänderisch an ihm vergreifen und schließlich morden.“ Wie dem auch sei: Die Farbpalette menschlicher Reaktionsmuster ist jedenfalls wesentlich bunter und vielseitiger, als es die platte Hasspropaganda vermuten lässt. Von analytischer Treffsicherheit ist man sowieso weit entfernt, wo unter Hass auch das subsumiert wird, was sich bei differenzierter, empathischer Betrachtung eher als Hochmut oder überzogene Kritik entpuppt. Aber man beliebt ja Ungenauigkeit zu pflegen; damit die Leute nicht auf die Idee kommen nachzufragen.

 

Zum Beispiel nach der Sinnhaftigkeit gemeinnütziger Initiativen wie die „Hate Aid“, die sich, da teilfinanziert durch öffentliche Förderung, schon wieder etliche Stellenbesetzungen leisten kann. Bei solchen Projekten sind Menschen, die tatsächlich hassen, regelmäßig ausgeschlossen; obwohl man gerade mit ihnen ins Gespräch kommen müsste. Stattdessen geht es immer nur um Wiederholungen der ewig selben Phrasen innerhalb von Filterblasen. Trotz der Millionen von Euro, die für diese Selbstbeschäftigungszeremonien verschleudert werden, fragt nie jemand nach konkreten Erfolgsbilanzen – die ja offenbar ausbleiben, sonst gäbe es schließlich keinen Anlass, fortlaufend nach Handlungsbedarf zu rufen. Weitere kontextbezogene Aktionen: Die Grünen wollen wieder einen Maßnahmenkatalog gegen „Hass und Hetze“, „Facebook verschärft Kampf gegen Corona-Fake-News“ und im Bundestag ist ein „Gesetz zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der Hasskriminalität“ in Arbeit: „Im Internet und insbesondere in den sogenannten sozialen Medien sei eine zunehmende Verrohung der Kommunikation zu beobachten.  Dies gefährde letztendlich die Meinungsfreiheit, die der Staat mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen habe.“ (Bundestagsnachrichten) So kann man die Sache auch hindrehen; es hinterfragt sowieso niemand, ebenso wenig, ob die Ergänzung der rechtswidrigen Inhalte „um das Delikt der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener“ ohne jede Einschränkung gilt, auch für Diktatoren? Da hätte die Justiz richtig viel zu tun. 

 

An der Spitze der psychologischen Fehlsteuerung steht die Mitteilung des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, António Guterres: „Eine gefährliche Epidemie der Fehlinformationen“ grassiere neben jener des Corona-Virus – von denen, wohlgemerkt, die große Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung gar nichts mitbekäme, wenn nicht ständig darauf hingewiesen würde. Guterres weiter: „Lügen füllen den Äther“, „wilde Verschwörungstheorien infizieren das Internet“, „Hass breitet sich aus“. Dies müsse aber eine Zeit der „Solidarität“ sein und die Welt sich deshalb „auch gegen diese Krankheit vereinen“. Erstens gelte: „Der Impfstoff ist Vertrauen.“ Der Generalsekretär zollt Journalisten seinen Respekt, „die den Berg von irreführenden Geschichten und Beiträgen in den sozialen Medien auf Fakten überprüfen“. Keinerlei Rede ist in seiner Mitteilung von den widersprüchlichen Ansichten von Virologen und Ärzten, deren Einschätzungen, sofern man sie in der Breite ernst nimmt und zur Diskussion stellt, einen Kampf gegen „irreführende“ Beiträge ad absurdum führen. Denn wer genau der tatsächlichen Faktenlage am nächsten liegt, bleibt erst noch zu eruieren. Guterres aber kündigt „eine neue Kommunikations-Initiative der UN an, um das Internet mit Fakten und Wissenschaft zu füllen und gleichzeitig der wachsenden Geißel der Fehlinformation entgegenzuwirken“. Solche Auftritte mit dem verbal-pädagogischen Gestus der Einschüchterung werden natürlich keinerlei vertrauensfördernde Effekte erzielen. Die herausgeschälte Aussage ist ganz im Gegenteil: Wenn ihr uns nicht gehorcht, dann bekämpfen wir euch. Gerade so, wie es die kommunistische Partei mit ihren Dissidenten zu tun pflegt. Die Peitsche steckt stets in der Hosentasche.    


18.4.2020

Natur genießen!

 

Die arroganten Kopfschüttler vom ultrabiederen Rand dürfen gerne rechts liegen bleiben. Man darf sich nämlich selbstverständlich darüber freuen, dass sich Tier und Natur im Zuge mensch-licher Quarantäne erholen! Man genieße gerne die Videoaufnahme von „Venezia Pulita“ oder dieses Kurzvideo zur Zwitscherkunde. Vogel des Jahres 2020 ist übrigens die Turteltaube. Wer am Wochenende nicht rausgehen kann, findet hier einen Spaziergang-Ersatz


22.2.2020

Die Stunde der Deterministen

 

Wie sie jetzt alle um die Ecke kommen mit ihren küchentischpsychologischen Weisheiten. Die derzeit auffälligste Gemeinsamkeit in beiden Formationen an den politischen Rändern ist die Stigmatisierungswütigkeit. Schublade auf, Menschen rein, Schublade wieder zu und abschließen. Auf der einen Seite setzt man willkürlich geschlossene Kausalitäten in die Welt und bemüht sich noch nicht mal mehr um logische Schlüssigkeit. Wer Merkel kritisiert ist rechts beispielsweise oder wer die Gender-Ideologie kritisiert ist Antifeminist – postulieren gerade jene, die sich bezüglich der Frauenunterdrückung im Iran auffallend zurückhalten. Inwiefern dieser Stigmati-sierungsfetischismus sämtliche Grundsätze der Antidiskriminierungspolitik über Bord wirft, wird bezeichnenderweise nie thematisiert. Wesentlich bestimmend wäre hier nämlich gerade die Abwehr der Versuchung, Menschen unter Missachtung ihrer individuellen Besonderheiten pauschal unter eine Gruppe zu subsumieren. Dass hierzulande die allerhöchsten Staatsspitzen genau diese Stigmatisierungspolitik rhetorisch immer wieder zum Besten geben – man denke an die (!) „Hetzer“ und „Spalter“ – ist einer zivilisierten Demokratie komplett unwürdig. 

  

Auf der anderen Seite mutieren zum Zweck der Verharmlosung des Rechtsextremismus Psychiater zu Superstars, auf deren Couch man sich als kreative, ressourcenorientierte Person auch im Notfall nicht wirklich legen möchte. Daran ändert auch der Griff in die Mottenkiste der Beeindruckbarkeit nichts. Etliche Sozialarbeiter könnten ein schlechtes Lied davon singen, wie „Halbgötter in Weiß“ ihrer Klientel nicht selten mit unzutreffenden Diagnosen, angefangen schon bei der fehlerhaften Dokumentation wesentlicher biografischer Details, das Leben zusätzlich erschweren; diese damit sogar in kafkaeske Situationen bringen können, wo sie sich denn mit ihrem Anspruch auf Berichtigung durchsetzen wollen und sich dafür das Stigma des Querulanten einfangen, das dann noch zur Untermauerung der gestellten Falschdiagnose herangezogen wird. Sicherlich ist es hie und da schon vorgekommen, dass solche stigmatisierenden Prozesse psychische Krisen wesentlich verschärfen.

 

Die Dogmengläubigkeit so mancher psychiatrisch ausgebildeter Fachkraft führt dort zu grober politischer Fahrlässigkeit, wo man vermittelt, im Fall des Attentäters von Hanau habe dessen rassistisches Wahnsystem rein gar nichts und wenn überhaupt, dann nur zufällig, mit seinen persönlichen Grundeinstellungen zu tun. Das mag auf manche wahnhafte Konstellationen unpolitischer Natur zutreffen. Wer aber mit rassistischen und rechtsextremen Einstellungen rein gar nichts am Hut hat, der wird auch kein entsprechendes Wahnsystem aufbauen. Beschreibungs-texte zu psychiatrischen Diagnosen helfen hier jedenfalls nicht weiter. Es sind Klassifikationen, die Krankenkassen eine Richtschnur für Abrechnungsprozesse an die Hand geben. Ansonsten ist jeder Mensch individuell und mehr als die Summe seiner Teile. Es gibt im Übrigen inzwischen fachliche Diskurse darüber, sich  von dem starren Diagnosesystem völlig zu lösen, um dann intensiver auf einzelne Symptome einzugehen. Das nur mal zur Hintergrundinformation. Inwiefern das in der Behandlung so umzusetzen wäre, dass eine schnelle medikamentöse zielgerichtete Therapie in schweren Notfällen nicht gefährdet ist, bliebe weiter zu untersuchen.

 

Begrüßenswert wäre der Verzicht auf eine stigmatisierende, individuelle Besonderheiten außer Acht lassenden Klassifikation in der Hinsicht, dass eigenkreative Resilienzen mehr Raum bekämen. Denn glücklicherweise hängt längst nicht alles nur von Naturgesetzen oder Kausalitä-ten ab, wie es die allgegenwärtigen Deterministen in Medien, Politik und Gesellschaft weis machen wollen. Eine Autorin beim „e-Journal Philosophie der Psychologie“ hat sich in Bezug auf die akademische Mainstream-Psychologie vorbildlich differenziert damit auseinandergesetzt: „Die Automatizitäts-Doktrin wird also benötigt, um die eigene deterministische Grundüberzeu-gung zu unterfüttern, die eingenommen wird, weil man glaubt, nur als Determinist ordentliche Wissenschaft betreiben zu können“, wird ein Fachmann zitiert. Was aber, „wenn die Grundan-nahmen der wissenschaftlichen Forschung falsch sind“? Das Thema ist übrigens verflochten mit dem polarisierten Diskurs über Willensfreiheit und zeitigt daher eine weitreichende juristische Brisanz, etwa bei der Diskussion um Sterbehilfe oder bei der Verurteilung von Straftätern.

 

Zurück zum gegenwärtigen Diskurs über die Lage nach Hanau: Das hinter der Rhetorik stehende Menschenbild weist auf allen noch so gegensätzlichen Seiten deterministische Prägung auf. Das ist bequem. Der Glaube an Veränderbarkeit durch individuelle Gestaltungsspielräume ist hingegen weder kompatibel mit der Vergabe von Stigmata noch mit der Zurückweisung von Verantwortung. In diesem Sinne hat man auf der einen Seite endlich eine geordnete Migrations-politik umzusetzen und auf der anderen Seite der offensichtlichen Unterwanderung durch sich radikalisierende AfD-Anhänger im Kommentarbereich bestimmter Plattformen im Netz Einhalt zu gebieten, anstatt diese noch zu füttern. Jetzt sofort. Erst danach gibt es was zu verteidigen.

 

Nachtrag: "Fragwürdige Diagnosen der Seelenärzte." Siehe auch: "Diagnosendämmerung - Inzwischen wachsen Zweifel an der Aussagekraft dieser Diagnosen. Experten fordern ein neues wissenschaftliches Fundament." Außerdem: "Der Einfluss von Gutachtern auf die Strafjustiz ist groß – oftmals mit verheerenden Folgen für die Betroffenen."

 

Nachtrag vom 24.2.: Projekt beim Addendum: "Behandlungsfehler sind schwer zu definieren und leicht zu vertuschen – Experten fordern ein Umdenken bei Spitälern und Ärzten, um das Problem in den Griff zu bekommen." Siehe auch: "Stellen Sie sich vor, Sie kommen ins Spital und erhalten eine Diagnose, von der Sie wissen, dass sie falsch ist. Aber niemand nimmt Sie ernst. Genau das ist Marija P. passiert, mit tragischen Folgen: Weil ihr eine Magersucht anstatt einer Autoimmunerkrankung diagnostiziert wurde, sitzt sie nun im Rollstuhl." 


1.2.2020

Charakter und Charisma

 

Was für ein Glück, diese Dame im Netz gefunden zu haben: Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz ist unter anderem christliche Philosophin und emeritierte Professorin für Vergleichende Religionswissenschaften. „Ein Leuchtfeuer im Nebel der postmodernen Landschaft“, wie die Tagespost sie beschreibt, „eine Meisterin, weise und wegweisend, großzügig und zugänglich, humorvoll und wohltuend bodenständig“. Einer ihrer Vorträge handelt von „Haltung und Gehaltensein oder: Vom Wechselspiel zwischen Charakter und Charisma“. Eine kurzweilige Dreiviertelstunde über Charakter als „Treue zum eigenen Wesen“, über Tugend als Lernfeld der eigenen Natur richtig zu folgen (Thomas von Aquin), über Charisma als „unverdienbares Gehaltensein“ und über „Ehrfurcht vor dem, was ist“ – das eigene Schicksal also nicht verbiegen, sondern als das mitgegebene Maß zur Vollendung bringen: „Das ist Kern der Charakterbildung.“ Vollendung will hier bedeuten: als Fülle gestalten.

 

Ein gewinnbringender Vortrag für alle, die bereit sind an ihrer Eigenverantwortlichkeit zu arbeiten und eigene Begrenzungen des Soseins zu respektieren bestrebt sind; positiv formuliert: „Grenze ist etwas, von woher etwas sein Wesen beginnt.“ Und: „Wirkliche Lebendigkeit hat Maß und zwar das Maß an sich selbst. Darum behält sie auch den langen Atem.“ Einen kurzen Schwenk zur „Gender-Ideologie“ als „Hybris“ und „willkürliche Überschreitung“ vollzieht die Professorin ab Minute 14:00. Dazu das Zitat von Hannah Arendt: „Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen … Alle Fakten können verändert, alle Lügen wahr gemacht werden … Man hat es hier nicht mit Indoktrinationen zu tun, sondern mit der Unfähigkeit und dem Widerwillen, überhaupt zwischen Tatsache und Meinung zu unterscheiden.“ Insgesamt gesehen darf man das Video sicherlich auch als Appell gegen den allerorten grassierenden Hochmut auffassen. Es wirkt wie ein wohlwollender Zurückpfiff. 


25.1.2020

Abstoßende Hybris

 

Eine Stimmung zum Davonlaufen, wo in religiös unmusikalischen Zirkeln, politisch wie beruflich und privat, Prahlerei und Personenkult hoffähig gemacht werden. Man soll zwar sein Licht nicht unter den Scheffel stellen – jenes der Anderen aber auch nicht. Ausschlaggebend sind das Motiv und die Maßhaltung. Die Grenze der Angemessenheit ist da überschritten, wo eine demütig-dankbare Haltung für in die Wiege gelegte Chancen zugunsten einer Hybris zurücktreten muss, wo man sich selbst zum Maßstab erhebt. Die narzisstisch ausgeprägte Variante überlebt nur durch ein applaudierendes Publikum; der Götzendienerschaft (heute: Fangemeinde), die sich schon damals um das Goldene Kalb herum versammelte und sich unreflektiert hinreißen ließ. Gruselig, dieses Ungehaltensein. Jedenfalls blieb ich bei einer Recherche zum Thema bei einer Zeichnung über den Hochmut von Pieter Bruegel dem Älteren hängen (vergrößern durch Mausklick). Der flämische Künstler (vermutlich 1525 – 1569) beeindruckt durch seine Detailliertheit. In diesem Video zu einem weiteren Werk von ihm kann man sich davon überzeugen. Mehr Bilder im Überblick finden sich dort. Auf die oben erwähnte Zeichnung ist auch die Erzdiözese Wien gestoßen, die sie zu einem Beitrag über „Hochmut oder Hybris“ eingestellt hat. Ansonsten ist mir keine spezielle Interpretation dazu im Netz begegnet. Dafür aber eine allgemeine Erklärung zu seiner Kunst sowie ein englischsprachiger Vortrag eines offenbar leidenschaftlichen Bruegel-Kenners. Wer sich für den Künstler aus der Perspektive der nachfolgenden Generation von Hieronymus Bosch interessiert: wird hier fündig.


11.1.2020

Wochenendweisheit… 

 

…von Kurt Tucholsky – aktuell treffend auch „An das Publikum“ aus dem Jahr 1931!

Über den Autoren und Journalisten gibt es eine mehrteilige kurzweilige Lyriksendung: 

Teil 1       -       Teil 2       -      Teil 3       -      Teil 4       -       Teil 5