22.2.2020

Die Stunde der Deterministen

 

Wie sie jetzt alle um die Ecke kommen mit ihren küchentischpsychologischen Weisheiten. Die derzeit auffälligste Gemeinsamkeit in beiden Formationen an den politischen Rändern ist die Stigmatisierungswütigkeit. Schublade auf, Menschen rein, Schublade wieder zu und abschließen. Auf der einen Seite setzt man willkürlich geschlossene Kausalitäten in die Welt und bemüht sich noch nicht mal mehr um logische Schlüssigkeit. Wer Merkel kritisiert ist rechts beispielsweise oder wer die Gender-Ideologie kritisiert ist Antifeminist – postulieren gerade jene, die sich bezüglich der Frauenunterdrückung im Iran auffallend zurückhalten. Inwiefern dieser Stigmati-sierungsfetischismus sämtliche Grundsätze der Antidiskriminierungspolitik über Bord wirft, wird bezeichnenderweise nie thematisiert. Wesentlich bestimmend wäre hier nämlich gerade die Abwehr der Versuchung, Menschen unter Missachtung ihrer individuellen Besonderheiten pauschal unter eine Gruppe zu subsumieren. Dass hierzulande die allerhöchsten Staatsspitzen genau diese Stigmatisierungspolitik rhetorisch immer wieder zum Besten geben – man denke an die (!) „Hetzer“ und „Spalter“ – ist einer zivilisierten Demokratie komplett unwürdig. 

  

Auf der anderen Seite mutieren zum Zweck der Verharmlosung des Rechtsextremismus Psychiater zu Superstars, auf deren Couch man sich als kreative, ressourcenorientierte Person auch im Notfall nicht wirklich legen möchte. Daran ändert auch der Griff in die Mottenkiste der Beeindruckbarkeit nichts. Etliche Sozialarbeiter könnten ein schlechtes Lied davon singen, wie „Halbgötter in Weiß“ ihrer Klientel nicht selten mit unzutreffenden Diagnosen, angefangen schon bei der fehlerhaften Dokumentation wesentlicher biografischer Details, das Leben zusätzlich erschweren; diese damit sogar in kafkaeske Situationen bringen können, wo sie sich denn mit ihrem Anspruch auf Berichtigung durchsetzen wollen und sich dafür das Stigma des Querulanten einfangen, das dann noch zur Untermauerung der gestellten Falschdiagnose herangezogen wird. Sicherlich ist es hie und da schon vorgekommen, dass solche stigmatisierenden Prozesse psychische Krisen wesentlich verschärfen.

 

Die Dogmengläubigkeit so mancher psychiatrisch ausgebildeter Fachkraft führt dort zu grober politischer Fahrlässigkeit, wo man vermittelt, im Fall des Attentäters von Hanau habe dessen rassistisches Wahnsystem rein gar nichts und wenn überhaupt, dann nur zufällig, mit seinen persönlichen Grundeinstellungen zu tun. Das mag auf manche wahnhafte Konstellationen unpolitischer Natur zutreffen. Wer aber mit rassistischen und rechtsextremen Einstellungen rein gar nichts am Hut hat, der wird auch kein entsprechendes Wahnsystem aufbauen. Beschreibungs-texte zu psychiatrischen Diagnosen helfen hier jedenfalls nicht weiter. Es sind Klassifikationen, die Krankenkassen eine Richtschnur für Abrechnungsprozesse an die Hand geben. Ansonsten ist jeder Mensch individuell und mehr als die Summe seiner Teile. Es gibt im Übrigen inzwischen fachliche Diskurse darüber, sich  von dem starren Diagnosesystem völlig zu lösen, um dann intensiver auf einzelne Symptome einzugehen. Das nur mal zur Hintergrundinformation. Inwiefern das in der Behandlung so umzusetzen wäre, dass eine schnelle medikamentöse zielgerichtete Therapie in schweren Notfällen nicht gefährdet ist, bliebe weiter zu untersuchen.

 

Begrüßenswert wäre der Verzicht auf eine stigmatisierende, individuelle Besonderheiten außer Acht lassenden Klassifikation in der Hinsicht, dass eigenkreative Resilienzen mehr Raum bekämen. Denn glücklicherweise hängt längst nicht alles nur von Naturgesetzen oder Kausalitä-ten ab, wie es die allgegenwärtigen Deterministen in Medien, Politik und Gesellschaft weis machen wollen. Eine Autorin beim „e-Journal Philosophie der Psychologie“ hat sich in Bezug auf die akademische Mainstream-Psychologie vorbildlich differenziert damit auseinandergesetzt: „Die Automatizitäts-Doktrin wird also benötigt, um die eigene deterministische Grundüberzeu-gung zu unterfüttern, die eingenommen wird, weil man glaubt, nur als Determinist ordentliche Wissenschaft betreiben zu können“, wird ein Fachmann zitiert. Was aber, „wenn die Grundan-nahmen der wissenschaftlichen Forschung falsch sind“? Das Thema ist übrigens verflochten mit dem polarisierten Diskurs über Willensfreiheit und zeitigt daher eine weitreichende juristische Brisanz, etwa bei der Diskussion um Sterbehilfe oder bei der Verurteilung von Straftätern.

 

Zurück zum gegenwärtigen Diskurs über die Lage nach Hanau: Das hinter der Rhetorik stehende Menschenbild weist auf allen noch so gegensätzlichen Seiten deterministische Prägung auf. Das ist bequem. Der Glaube an Veränderbarkeit durch individuelle Gestaltungsspielräume ist hingegen weder kompatibel mit der Vergabe von Stigmata noch mit der Zurückweisung von Verantwortung. In diesem Sinne hat man auf der einen Seite endlich eine geordnete Migrations-politik umzusetzen und auf der anderen Seite der offensichtlichen Unterwanderung durch sich radikalisierende AfD-Anhänger im Kommentarbereich bestimmter Plattformen im Netz Einhalt zu gebieten, anstatt diese noch zu füttern. Jetzt sofort. Erst danach gibt es was zu verteidigen.

 

Nachtrag: "Fragwürdige Diagnosen der Seelenärzte." Siehe auch: "Diagnosendämmerung - Inzwischen wachsen Zweifel an der Aussagekraft dieser Diagnosen. Experten fordern ein neues wissenschaftliches Fundament." Außerdem: "Der Einfluss von Gutachtern auf die Strafjustiz ist groß – oftmals mit verheerenden Folgen für die Betroffenen."

 

Nachtrag vom 24.2.: Projekt beim Addendum: "Behandlungsfehler sind schwer zu definieren und leicht zu vertuschen – Experten fordern ein Umdenken bei Spitälern und Ärzten, um das Problem in den Griff zu bekommen." Siehe auch: "Stellen Sie sich vor, Sie kommen ins Spital und erhalten eine Diagnose, von der Sie wissen, dass sie falsch ist. Aber niemand nimmt Sie ernst. Genau das ist Marija P. passiert, mit tragischen Folgen: Weil ihr eine Magersucht anstatt einer Autoimmunerkrankung diagnostiziert wurde, sitzt sie nun im Rollstuhl." 


1.2.2020

Charakter und Charisma

 

Was für ein Glück, diese Dame im Netz gefunden zu haben: Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz ist unter anderem christliche Philosophin und emeritierte Professorin für Vergleichende Religionswissenschaften. „Ein Leuchtfeuer im Nebel der postmodernen Landschaft“, wie die Tagespost sie beschreibt, „eine Meisterin, weise und wegweisend, großzügig und zugänglich, humorvoll und wohltuend bodenständig“. Einer ihrer Vorträge handelt von „Haltung und Gehaltensein oder: Vom Wechselspiel zwischen Charakter und Charisma“. Eine kurzweilige Dreiviertelstunde über Charakter als „Treue zum eigenen Wesen“, über Tugend als Lernfeld der eigenen Natur richtig zu folgen (Thomas von Aquin), über Charisma als „unverdienbares Gehaltensein“ und über „Ehrfurcht vor dem, was ist“ – das eigene Schicksal also nicht verbiegen, sondern als das mitgegebene Maß zur Vollendung bringen: „Das ist Kern der Charakterbildung.“ Vollendung will hier bedeuten: als Fülle gestalten.

 

Ein gewinnbringender Vortrag für alle, die bereit sind an ihrer Eigenverantwortlichkeit zu arbeiten und eigene Begrenzungen des Soseins zu respektieren bestrebt sind; positiv formuliert: „Grenze ist etwas, von woher etwas sein Wesen beginnt.“ Und: „Wirkliche Lebendigkeit hat Maß und zwar das Maß an sich selbst. Darum behält sie auch den langen Atem.“ Einen kurzen Schwenk zur „Gender-Ideologie“ als „Hybris“ und „willkürliche Überschreitung“ vollzieht die Professorin ab Minute 14:00. Dazu das Zitat von Hannah Arendt: „Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen … Alle Fakten können verändert, alle Lügen wahr gemacht werden … Man hat es hier nicht mit Indoktrinationen zu tun, sondern mit der Unfähigkeit und dem Widerwillen, überhaupt zwischen Tatsache und Meinung zu unterscheiden.“ Insgesamt gesehen darf man das Video sicherlich auch als Appell gegen den allerorten grassierenden Hochmut auffassen. Es wirkt wie ein wohlwollender Zurückpfiff. 


11.1.2020

Wochenendweisheit… 

 

…von Kurt Tucholsky – aktuell treffend auch „An das Publikum“ aus dem Jahr 1931!

Über den Autoren und Journalisten gibt es eine mehrteilige kurzweilige Lyriksendung: 

Teil 1       -       Teil 2       -      Teil 3       -      Teil 4       -       Teil 5