19.2.2021

Surreale Wissenschaftshörigkeit

 

So schnell kann sich die Sachlage ändern: „Einerseits sollte klar sein: Die Formulierung politischer Ziele ist die Sache demokratischer Politik. Wissenschaft hat dazu keine Legitimation. Andererseits sind wir weit von einer wirklichen Verwissenschaftlichung der Politik entfernt.“ Das konnte man Anfang Oktober 2019, also kurz vor dem offiziellen Einzug von Corona, im Tagesspiegel lesen. Inzwischen benutzt die Politik bekanntlich kaum noch was anderes als Zahlen und Statistiken für ihre „Regierungsarbeit“. Die „Evidenzbasiertheit“ erschöpft sich vielfach im Aufstellen von Befürchtungen und Horrorszenarien, in „politisch motivierter Zahlenschieberei“, willkürlicher Änderung der Inzidenzkriterien und im Schwingen der Parole „Verschwörungstheorie“ angesichts gerechtfertigter Kritik. Eigentlich gilt aber, so der Kommentar im Tagesspiegel weiter: „Zum Kern des wissenschaftlichen Verhaltens gehören der Zweifel, die Skepsis, die Selbstkritik. Als Produzent wissenschaftlicher Einsichten weiß und betont man, wie begrenzt ihre Aussagekraft häufig ist, wie bestreitbar und relativ, nämlich abhängig von den gewählten Begriffen und Untersuchungsmethoden.“

 

In Anbetracht des unumstößlich selbstgewissen Auftretens zumindest jener Berater aus dem Stab der Bundeskanzlerin darf man ergo schließen, dass es sich dabei nicht um Wissenschaftler im herkömmlichen Sinne handelt. Es sind Politaktivisten, etwa aus dem Umfeld der Helmholtz-Gemeinschaft, mit identifizierbarer Schlagseite: „Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen haben oft starke politische Überzeugungen, heute – anders als früher – meist eher links von der Mitte.“ Das ist auch der alternativlose Weg für solche, die zu jenem zweifelhaften Ruhm gelangen wollen, den die öffentlich-rechtliche Kultszene den Konformisten jeglicher geistigen Bandbreite angedeihen lässt. Das Interesse der Gesellschaft stört bei diesen Inszenierungen ebenso wie es die ethischen Tugenden der über Bord geworfenen Sachlichkeit tun: „Verteidigung der Prinzipien von Wissenschaftlichkeit in Absetzung von der Logik der Medien und des politischen Kampfs.“ Wissenschaftler haben sich eigentlich „vom heiß laufenden politischen Betrieb“ zu distanzieren, „zu differenzieren, Grautönen zwischen Schwarz und Weiß zu ihrem Recht zu verhelfen, mit Augenmaß und Sinn für Proportion abzuwägen, und zwar öffentlich“.

 

Auf internationaler Ebene ist die einstige Selbstverständlichkeit, dass Wissenschaft der politischen Zielformulierung nicht legitimiert ist, ebenfalls längst postfaktisch durchbrochen. Besonders gut zu beobachten im Rahmen der Agenda 2030 und ihrer Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs =  Sustainable Development Goals). Aus einem Briefing vom Dezember 2019: „Im März 2015 schuf die Statistikkommission der Vereinten Nationen (UN) eine Arbeitsgruppe (IAEG-SDGs), die mit der Entwicklung eines Sets von SDG-Indikatoren beauftragt wurde. Im März 2017 einigte sich die UN-Statistikkommission auf eine vorläufige Liste von 232 Nachhaltigkeitsindikatoren, die die IAEG-SDGs ausgearbeitet hatte; diese Liste wurde im Mai 2017 auch von der UN-Generalversammlung angenommen.“ Auf dieser Seite heißt es dazu: „Dabei ist die Indikatoren-Definition beileibe nicht von rein wissenschaftlichem Interesse. Zum einen drücken sich in der Wahl der Indikatoren auch politische Schwerpunktsetzungen aus, zum anderen kann es durch die Auswahl sogar zu einer Neuinterpretation von SDGs durch die Hintertür kommen.“ Dass es dabei „für viele der vereinbarten Zielvorgaben … bislang entweder keine aussagekräftigen Indikatoren oder keine regelmäßig erhobenen Daten“ gibt – trotz sicherlich hoch dotierter Posten (!) – und die Behörden „in ihrer Not darum mehr und mehr auf inoffiziell erhobene Daten“ zurückgreifen, bezeugt einmal mehr die tragische Lächerlichkeit dieser so wichtigtuerischen „Wissenschaftlichkeit“. 

 

Tragisch deshalb, weil „Zahlen sich gewissermaßen verselbständigen können und für die Wirklichkeit genommen werden, obwohl sie tatsächlich eine sehr geringe Aussagekraft haben“, wie aus der Ausarbeitung „Die Zahlen als Medium und Fetisch“ (2005) hervorgeht: Es handle sich vielmehr um „die Magie der Aufklärung und ihres Denkens“. In Wechselwirkung mit der Politik: „Umgekehrt schlagen in Gesetzen und Vorschriften die Zahlen, deren genaue Bedeutung niemand zu bestimmen vermag, als Normen auf die Wirklichkeit durch, indem sie ebenso magische wie reale Grenzen setzen: die drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts etwa, die die Neuverschuldung eines EU-Landes nicht überschreiten darf … Die Erhebung bzw. Festlegung dieser Zahlen ist in jedem Einzelfall mit erheblichen methodischen Problemen verbunden.“ Wenn eine Gesellschaft dieses ignoriert, dann folgt daraus: „In der letzten Konsequenz der Aufklärung, deren Pathos doch immer darin bestand und noch besteht, die irrigen Vorstellungen der Vormoderne hinter sich gelassen und überwunden zu haben, fällt der von ihr so betonte Gegensatz von Religion/Magie auf der einen und Wissenschaft auf der anderen Seite in sich zusammen.“ Die triviale Beeindruckbarkeit und Leichtgläubigkeit eines Gros der Bevölkerung, das sich bislang nie für Zahlen oder statistische Grafiken interessiert hat geschweige denn diese zu interpretieren bereit und in der Lage ist, bestätigt diesen letztlichen Rückfall in vormoderne Zeiten. Sehr ärgerlich. Ertragen kann man das wohl nur noch mit Humor.

 

Nachtrag: Siehe auch den Aufruf eines Physik-Professors: "Wissenschaft ist nicht politisch! - Der renommierte Physiker Tobias Unruh beklagt eine Vereinnahmung der Wissenschaft durch die Politik im Zuge der Corona-Pandemie. Seine Kolleginnen und Kollegen ruft er dazu auf, sich dem zu widersetzen. Anderenfalls drohe ein Verlust an Glaubwürdigkeit." Außerdem zum Hamburger Professor, der gerade von Tagesschau, ihrem Diffamierungs-Compagnon, dem Spiegel, und weiteren Erzeugnissen verrissen wird: Erstgenannte sieht sich bemüßigt zu erwähnen: "Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version haben wir die Dokumentation als 'Studie' bezeichnet. Da die Publikation formalen wissenschaftlichen Anforderungen aber nicht genügt, haben wir uns entschlossen, den Begriff zu ändern." Wie viele Corona-Studien, die den Namen verdienen, wohl übrig bleiben, wenn man das konsequent durchzöge? Betreffs Inhalt vergleiche man übrigens gerne: "Die WHO will die Laborthese doch weiterverfolgen."